Sie belieben wohl zu scherzen, Mr. Feynman! – Richard P. Feynman
Ein Nobelpreisträger erzählt Anekdoten
Richard Feynman, 1918 in New York geboren, 1988 gestorben, war einer der bedeutendsten Physiker des 20. Jahrhunderts. Er arbeitete als junger Mann am Bau der Atombombe in Los Alamos mit, entwickelte später eine neue Beschreibung der Wechselwirkung von Licht und Materie und erhielt dafür 1965 den Physiknobelpreis. Seine Vorlesungen am California Institute of Technology wurden zu einem der berühmtesten Lehrbücher der Physik. Und er war, was man bei Nobelpreisträgern selten sagt, ein Spaßvogel, ein Bongospieler, ein Tresorknacker und ein Mensch, der sich für fast alles interessierte, außer für Ehrungen.
Sie belieben wohl zu scherzen, Mr. Feynman! erschien 1985, auf Deutsch 1987. Es ist kein Physikbuch, sondern eine Sammlung von Geschichten aus seinem Leben, die Feynman über Jahre bei gemeinsamem Trommeln seinem Freund Ralph Leighton erzählte, der sie aufnahm und aufschrieb. Daher hat das Buch den Ton mündlicher Erzählung: lebendig, prahlerisch, komisch, manchmal zu glatt.
Der Titel stammt aus einer Szene in Princeton, wo Feynman als Doktorand zu einem förmlichen Tee eingeladen war. Die Gastgeberin fragte, ob er seinen Tee mit Milch oder Zitrone wolle. Der junge Feynman, der keine Ahnung von solchen Regeln hatte, antwortete: mit beidem. Und die Dame sagte, mit einem höflichen Lachen: Sie belieben wohl zu scherzen, Mr. Feynman! Für Feynman wurde der Satz zum Inbegriff einer Welt der Konventionen, in der er sich nie zu Hause fühlte.
Nach Bryson und Hawking ist dies das dritte naturwissenschaftliche Buch in kurzer Folge, aber ein ganz anderes: Es erklärt kaum Physik, sondern zeigt, wie ein großer Physiker denkt, lebt und die Welt anschaut.
Der Junge, der Radios durch Denken reparierte
Rockaway Beach
Die ersten Geschichten handeln von Feynmans Kindheit in einem Vorort von New York. Er baute sich ein Labor im Keller, bastelte Alarmanlagen und reparierte schon als Jugendlicher Radios für Nachbarn, in der Zeit der Weltwirtschaftskrise, als niemand Geld für einen Fachmann hatte. Die bekannteste Episode: Ein Mann bringt ein Radio, das beim Einschalten fürchterlich kreischt. Der junge Feynman geht im Zimmer auf und ab, denkt nach, überlegt, was in welcher Reihenfolge warm wird, und tauscht dann zwei Röhren aus. Das Kreischen ist weg. Der Mann erzählt überall herum, dieser Junge repariere Radios, indem er nachdenke.
Die Geschichte ist typisch für das ganze Buch: Feynman löst Probleme nicht mit Routine, sondern indem er versteht, wie die Sache funktioniert, und er hat Freude daran, gerade das zu tun.
MIT und Princeton
Als Student am Massachusetts Institute of Technology und als Doktorand in Princeton fiel Feynman durch seine Respektlosigkeit gegenüber Autoritäten und Konventionen auf. Er erzählt, wie er bei seinem ersten Vortrag vor berühmten Physikern, darunter Einstein, vor Aufregung kaum sprechen konnte, bis er merkte, dass er beim Erklären der Physik seine Nervosität vergaß. Er erzählt von kleinen Experimenten, etwa der Frage, ob Ameisen Wege lernen, die er mit Zuckerstücken und Stäbchen in seinem Zimmer untersuchte. Und er erzählt vom Tee mit Milch und Zitrone.
Durch diese Kapitel zieht sich ein Muster: Feynman will alles selbst herausfinden. Er glaubt nichts, was er nicht nachgeprüft hat, und er hat keine Scheu, dumme Fragen zu stellen. Das macht ihn manchmal unhöflich, aber es macht ihn auch zu einem außergewöhnlichen Forscher.
Los Alamos
Der Tresorknacker
Während des Zweiten Weltkriegs arbeitete Feynman in Los Alamos, dem geheimen Labor in der Wüste von New Mexico, in dem die Atombombe entwickelt wurde. Er war Anfang zwanzig und einer der jüngsten Physiker dort. Seine bekanntesten Geschichten aus dieser Zeit haben aber nichts mit Physik zu tun, sondern mit Tresoren.
Aus Langeweile und Neugier begann Feynman, sich mit den Schlössern der Aktenschränke und Tresore zu beschäftigen, in denen die geheimsten Unterlagen des Projekts lagen. Er fand heraus, dass viele Kollegen die werksseitig eingestellten Kombinationen nie geändert hatten oder Zahlen wählten, die man erraten konnte, etwa bekannte mathematische Konstanten. Und er lernte, die letzten Ziffern einer Kombination bei offenem Schrank abzulesen, ohne dass es auffiel. Bald konnte er fast jeden Tresor in Los Alamos öffnen. Er hinterließ in geöffneten Tresoren Zettel, die die Kollegen in Panik versetzten, und warnte die Sicherheitsverantwortlichen, die das Problem vor allem dadurch lösten, dass sie Feynman von den Tresoren fernhielten.
Die Geschichte ist komisch, aber sie enthält eine ernste Lehre: Sicherheit hängt selten an der Technik, sondern an menschlichen Gewohnheiten. Das wissen heute alle, die mit Passwörtern zu tun haben.
Die Zensoren
Feynmans Frau Arline lag in dieser Zeit mit Tuberkulose in einem Sanatorium in Albuquerque. Weil alle Briefe aus Los Alamos zensiert wurden, schickten die beiden sich zum Spaß verschlüsselte Botschaften und Puzzles, um die Zensoren zu ärgern, was zu einem absurden Hin und Her führte. Hinter dem Humor liegt eine traurige Geschichte, die Feynman in diesem Buch nur streift und in einem späteren Buch ausführlicher erzählt: Arline starb 1945, wenige Wochen vor dem ersten Atomtest.
Der Test und danach
Feynman beobachtete den ersten Atomtest im Juli 1945 durch die Windschutzscheibe eines Lastwagens, weil er überlegt hatte, dass das Glas die gefährliche ultraviolette Strahlung abhalten würde, und er war damit nach eigener Aussage einer der wenigen, die den Blitz mit bloßem Auge sahen. Nach dem Abwurf der Bomben auf Japan, erzählt er, sei er durch New York gegangen und habe Menschen beim Bau von Brücken und Häusern zugesehen und gedacht, sie verstünden nicht, dass das alles sinnlos sei, weil bald ohnehin alles zerstört werde. Diese Stimmung hielt eine Weile an. Es ist einer der wenigen Momente im Buch, in denen der Humor einer tiefen Beklemmung weicht.
Spielen, Lernen, Neues wagen
Der wackelnde Teller
Die vielleicht wichtigste Geschichte des Buches spielt nach dem Krieg in Cornell. Feynman war ausgebrannt. Er hatte das Gefühl, nichts Bedeutendes mehr zustande zu bringen, und alle erwarteten Großes von ihm. Dann beschloss er, Physik nur noch zum Spaß zu betreiben, ohne Rücksicht darauf, ob es wichtig sei. Kurz darauf sah er in der Mensa, wie jemand einen Teller in die Luft warf, der sich drehte und dabei wackelte. Feynman fiel auf, dass Drehung und Wackeln in einem bestimmten Verhältnis standen, und er begann, das nur aus Neugier auszurechnen. Daraus wurden Überlegungen über die Drehung von Elektronen, und von dort führte ein Weg zu der Arbeit, für die er später den Nobelpreis erhielt.
Feynman erzählt die Geschichte als Lehre: Die besten Ergebnisse kamen nicht, als er unbedingt etwas Wichtiges leisten wollte, sondern als er spielte. Druck lähmte ihn, Neugier befreite ihn.
Brasilien und das auswendig gelernte Wissen
Anfang der 1950er-Jahre unterrichtete Feynman eine Zeit lang in Rio de Janeiro. Er stellte fest, dass seine Studenten erstaunlich viel auswendig wussten, Definitionen, Formeln, Gesetze, aber nicht in der Lage waren, dieses Wissen auf die Wirklichkeit anzuwenden. Sie konnten erklären, wie Licht bei der Spiegelung auf einer Wasserfläche polarisiert wird, aber wenn man sie aufforderte, aufs Meer zu blicken und das zu beobachten, wussten sie nicht, was man damit anfangen sollte. Feynman hielt am Ende seines Aufenthalts einen öffentlichen Vortrag, in dem er das Bildungssystem scharf kritisierte: Man lerne dort nicht Wissenschaft, sondern Wörter über Wissenschaft. Die Kritik gilt längst nicht nur für Brasilien.
Nebenbei trat Feynman einer Sambaschule bei und spielte beim Karneval mit, auf einem Instrument, das aus einer Bratpfanne bestand.
Zeichnen mit über vierzig
In seinen Vierzigern beschloss Feynman, zeichnen zu lernen, obwohl er sich für völlig unbegabt hielt. Er machte mit einem befreundeten Künstler einen Tausch: Feynman brachte ihm Physik bei, der Künstler ihm Zeichnen. Nach einigen Jahren war er so gut, dass er unter einem Künstlernamen Bilder verkaufte. Er erzählt das mit kindlichem Stolz und mit der Einsicht, dass man auch spät noch etwas lernen kann, das einem völlig fremd ist, wenn man bereit ist, sich lächerlich zu machen.
Ehrungen und Etikette
Feynman hatte eine tiefe Abneigung gegen Ehrungen, Titel und Zeremonien. Den Nobelpreis hätte er am liebsten abgelehnt, weil er fürchtete, der Rummel werde ihn von der Arbeit abhalten, und nur weil eine Ablehnung noch mehr Aufsehen erregt hätte, nahm er ihn an. Er trat aus einer wissenschaftlichen Akademie aus, weil ihre Hauptbeschäftigung darin bestand, zu entscheiden, wer würdig sei, Mitglied zu werden. Für ihn zählte allein die Freude daran, etwas herauszufinden.
Cargo-Kult-Wissenschaft
Das Buch endet nicht mit einer Anekdote, sondern mit einer Rede, die Feynman 1974 vor Absolventen seiner Universität hielt. Sie ist das Ernsthafteste, was in diesem Buch steht, und vielleicht das Wichtigste.
Flugzeuge, die nicht landen
Feynman beschreibt ein Phänomen, das Ethnologen auf Inseln im Südpazifik beobachtet hatten. Im Zweiten Weltkrieg landeten dort amerikanische Flugzeuge mit Gütern aller Art. Nach dem Krieg blieben sie aus. Einige Inselbewohner bauten daraufhin Landebahnen, zündeten Feuer an ihren Rändern an, bauten Hütten wie Kontrolltürme und setzten einen Mann hinein, mit Kopfhörern aus Holz und Stäben als Antennen. Sie machten alles genau so, wie sie es gesehen hatten. Aber die Flugzeuge kamen nicht.
Feynman nennt das Cargo-Kult-Wissenschaft: Forschung, die alle äußeren Formen der Wissenschaft nachahmt, Versuche, Statistiken, Fachzeitschriften, Fachsprache, der aber etwas Wesentliches fehlt. Er dachte dabei an Teile der Psychologie, der Bildungsforschung und der Medizin seiner Zeit, an Studien, die nicht wiederholt wurden, an Ergebnisse, die nur deshalb bestätigt schienen, weil niemand gründlich genug prüfte.
Was fehlt
Was fehlt, ist nach Feynman eine besondere Art von Ehrlichkeit, die über das bloße Nicht-Lügen hinausgeht. Ein Wissenschaftler muss sich gewissermaßen nach hinten beugen, um alles zu berichten, was sein Ergebnis widerlegen könnte: alle Fakten, die nicht passen, alle anderen möglichen Erklärungen, alle Zweifel. Und Feynman formuliert dazu sinngemäß den Grundsatz, den man sich merken sollte: Das erste Prinzip ist, dass man sich nicht selbst täuschen darf, und man selbst ist der Mensch, den man am leichtesten täuschen kann.
Er illustriert das an einem berühmten Beispiel: Ein früher Physiker hatte die Ladung des Elektrons gemessen und dabei einen etwas zu kleinen Wert erhalten. In den folgenden Jahrzehnten näherten sich die Messungen anderer Forscher dem richtigen Wert nur langsam an, Schritt für Schritt. Der Grund, so Feynman: Wer einen Wert fand, der stark vom ersten abwich, suchte nach Fehlern in seiner Messung. Wer einen Wert in der Nähe fand, suchte nicht. Das ist genau der Denkfehler, den Kahneman und Duke beschreiben, mitten in der Physik.
Hellsichtig
Diese Rede ist 50 Jahre alt, und sie liest sich wie eine Vorwegnahme der Replikationskrise, über die ich im Kahneman-Essay geschrieben habe. Viele der Probleme, vor denen Feynman warnte, Studien mit zu kleinen Stichproben, Ergebnisse, die niemand wiederholt, die Neigung, nur zu berichten, was passt, haben sich genau so als Schwachstellen der Sozialwissenschaften erwiesen. Feynman hat das 1974 in einer Ansprache vor Studenten gesagt, in der Hoffnung, dass sie es besser machen.
Was es dir bringt
Feynmans Buch ist kein Ratgeber, aber kaum ein Buch auf deiner Liste vermittelt eine Lebenshaltung so ansteckend. Fünf Dinge halte ich für besonders wertvoll.
Spielen statt Leisten
Die Geschichte vom wackelnden Teller ist eine Botschaft für jeden, der unter Erwartungsdruck steht, auch für den eigenen. Feynman entdeckte Wichtiges erst, als er aufhörte, Wichtiges entdecken zu wollen. Für die Jahre nach dem Berufsleben, in denen kein Chef mehr Ergebnisse verlangt, ist das eine Einladung: Dinge tun, weil sie interessant sind, nicht weil sie nützlich sind. Das Ergebnis ist oft beides. Und es passt zu Newports Flow: Die tiefste Zufriedenheit liegt im versunkenen Tun, nicht im Ertrag.
Spät noch etwas ganz Neues lernen
Feynman lernte mit über vierzig zeichnen, spielte Trommeln, lernte Portugiesisch und ein wenig Japanisch, knackte Tresore und entzifferte Maya-Schriften. Er zeigt, dass man in jedem Alter etwas völlig Fremdes beginnen kann, wenn man bereit ist, Anfänger zu sein und sich dabei auch einmal zu blamieren. Mit 56 ist das eine gute Frage: Welche Sache, die du immer für dich ausgeschlossen hast, könntest du einfach ausprobieren? Talebs Optionalität und Graebers Freiheit, das eigene Leben neu zu ordnen, sind hier im Kleinen gelebt.
Verstehen statt Auswendiglernen
Die Brasilien-Geschichte enthält eine Prüffrage, die man an sich selbst stellen kann: Habe ich etwas wirklich verstanden, oder kenne ich nur die Wörter dafür? Ein guter Test ist, ob man es einem Kind oder einem Laien in einfachen Worten erklären könnte. Feynman hat das lebenslang getan, und es ist dieselbe Übung, die Harari im Kapitel über die Wissensillusion empfiehlt: Wer versucht, etwas Schritt für Schritt zu erklären, merkt schnell, wo sein Verständnis endet.
Sich nicht selbst täuschen
Der Grundsatz aus der Cargo-Kult-Rede gilt weit über die Wissenschaft hinaus. Bei Geldanlagen, bei der eigenen Gesundheit, bei der Einschätzung von Menschen, bei Lieblingsmeinungen: Wer bereit ist, aktiv nach dem zu suchen, was ihn widerlegen könnte, entscheidet besser. Das ist der Kern dessen, was Kahneman, Taleb, Duke und Popper aus verschiedenen Richtungen sagen, bei Feynman in einem einzigen Satz.
Respekt vor Sachen, nicht vor Titeln
Und schließlich Feynmans Haltung gegenüber Autoritäten: Er nahm Menschen ernst, wenn sie etwas wussten, und nicht, weil sie einen Titel trugen. Das ist eine gute Haltung gegenüber Experten aller Art, ob Ärzte, Berater oder Politiker: zuhören, nachfragen, die Begründung verlangen, und sich von Fachsprache nicht einschüchtern lassen. Bei Cialdini haben wir gesehen, wie leicht Titel und Uniformen das eigene Urteil ersetzen.
Meine Sicht
Sie belieben wohl zu scherzen, Mr. Feynman! ist eines der unterhaltsamsten Bücher, die je ein Wissenschaftler veröffentlicht hat, und eines, das man heute mit etwas mehr Abstand lesen sollte als bei seinem Erscheinen.
Was mich überzeugt
Die Neugier. Kein anderes Buch auf deiner Liste vermittelt so unmittelbar, wie es sich anfühlt, die Welt mit unstillbarer Neugier zu betrachten. Ob Ameisen, Tresore, Trommeln oder Elektronen: Feynman will wissen, wie Dinge funktionieren, und seine Freude daran springt über.
Die Respektlosigkeit vor Konventionen. Feynmans Weigerung, Titel, Ehrungen und Rituale ernst zu nehmen, ist erfrischend. Sie zeigt, dass Größe und Bescheidenheit vor dem Gegenstand zusammengehen können, auch wenn Feynman persönlich keineswegs bescheiden war.
Die Cargo-Kult-Rede. Allein die letzten Seiten machen das Buch lesenswert. Sie gehören zu den besten Texten über wissenschaftliche Redlichkeit, die je geschrieben wurden, und sie sind heute aktueller als damals.
Die Leichtigkeit. Das Buch liest sich in wenigen Abenden, und man lacht dabei oft laut. Nach den schweren Büchern über Diktaturen und Krankheiten ist das eine Wohltat.
Was mich stört
Das Verhältnis zu Frauen. Einige Kapitel haben nicht gut gealtert, vor allem eine Episode, in der Feynman beschreibt, wie er sich eine Strategie zurechtlegte, um in Bars Frauen herumzukriegen. Seine Haltung gegenüber Frauen ist darin herablassend und berechnend, und auch an anderen Stellen tauchen Frauen vor allem als Eroberungen oder Hindernisse auf. Man kann das als Zeugnis seiner Zeit lesen, aber es ist nicht bloß zeitbedingt, und es ist ein Teil des Buches, über den man nicht hinwegsehen sollte.
Die Selbststilisierung. Feynman erzählte diese Geschichten über Jahre immer wieder, und mit jedem Erzählen wurden sie runder, pointierter und schmeichelhafter für den Erzähler. Biografen haben gezeigt, dass manches komplizierter war und dass Feynman an seinem Bild als genialer Spaßvogel bewusst arbeitete. Nach dem, was wir im Sacks-Essay gelernt haben, sollte man diese Anekdoten als Erzählungen lesen, nicht als Protokolle.
Die Verachtung für andere Fächer. Feynmans Spott über Philosophen, Sozialwissenschaftler und Geisteswissenschaftler ist manchmal treffend, oft aber pauschal und selbstgefällig. Auch die Cargo-Kult-Rede trifft manche Fächer härter, als es fair ist.
Wenig Physik. Wer etwas über Physik lernen will, wird enttäuscht. Das ist nicht der Zweck des Buches, aber man sollte es wissen.
Mein Urteil
Als Gedankenbuch eine 6 von 10, als Lesevergnügen eine 9. Mein Lesetipp: Lies es als Unterhaltung mit Tiefgang, und lies das letzte Kapitel, die Cargo-Kult-Rede, zweimal. Wer danach den ernsteren Feynman kennenlernen will, findet im Nachfolgeband die Geschichte seiner ersten Frau und seine Untersuchung der Challenger-Katastrophe von 1986, bei der er vor laufenden Kameras zeigte, wie ein Dichtungsring in Eiswasser seine Elastizität verlor. Und wer den Menschen hinter der Legende sehen will, liest James Gleicks Biografie Genius.
Fazit
Sie belieben wohl zu scherzen, Mr. Feynman! zeigt einen der größten Physiker des 20. Jahrhunderts als neugierigen, respektlosen, verspielten Menschen, der Radios durch Nachdenken reparierte, Tresore knackte, Trommeln spielte, mit über vierzig zeichnen lernte und seinen Nobelpreis einem wackelnden Teller verdankte. Hinter den Anekdoten steht eine ernste Botschaft, die im letzten Kapitel ausgesprochen wird: Verstehen ist mehr als Auswendiglernen, und die wichtigste Regel des Denkens ist, sich nicht selbst zu täuschen. Manche Kapitel, vor allem über Frauen, haben schlecht gealtert, und vieles ist eher Legende als Bericht, aber der Geist des Buches bleibt ansteckend.
Für dich in einem Satz: Tu Dinge, weil sie dich interessieren, nicht weil sie nützlich sind, fang auch mit 56 noch etwas ganz Neues an, prüf dein Verständnis, indem du es einfach erklärst, und such vor allem nach dem, was deine Lieblingsmeinungen widerlegen könnte.
In der Reihe bildet dieses Buch mit Bryson und Hawking ein naturwissenschaftliches Dreieck: Bryson zeigt, was die Wissenschaft herausgefunden hat, Hawking, wo ihre Grenzen liegen, und Feynman, mit welcher Haltung man ihr begegnet. Und seine Cargo-Kult-Rede gehört neben Popper, Kuhn und Kahneman zu den besten Texten darüber, warum ehrliches Zweifeln die eigentliche Grundlage allen Wissens ist.