Siddhartha – Die schöne Feigheit
Ein Buch, das vor sich selbst zurückweicht
„Siddhartha“ ist ein schönes, kluges und am Ende feiges Buch. 1922 bei S. Fischer erschienen, zwölf kurze Kapitel, eine Prosa wie ein Gebet. In seiner Mitte findet es einen der wahrsten Konflikte, die es gibt: die Liebe eines Vaters, die zum Zwang wird. Es erzählt ihn mit einer Genauigkeit, die wehtut. Dann zaubert es ihn weg. Die Wunde blüht, das Leid hört auf, alles ist eins.
Das Buch behauptet, Weisheit lasse sich nicht lehren und jeder müsse seinen Weg allein gehen. Und dann serviert es dem Leser die Erleuchtung als Bild, das er nur noch genießen muss. Es verkauft genau das, was es vorgibt abzulehnen. Dass es seit hundert Jahren so geliebt wird, liegt nicht an seiner Tiefe, sondern an diesem Trost. Dumm ist es deshalb nicht. Es ist klüger, als seine Verehrer es lesen, und weiß über seine eigenen Schwächen erstaunlich viel. Es weicht trotzdem vor ihnen zurück.
Eine Prosa wie ein Gebet
Der Roman ist streng gebaut. Der erste Teil, Romain Rolland gewidmet, umfasst vier Kapitel: die Jugend als Brahmanensohn, die Jahre bei den Asketen, die Begegnung mit dem Buddha, das Erwachen. Der zweite Teil, Hesses Vetter Wilhelm Gundert in Japan gewidmet, hat acht: die Kurtisane Kamala, die Jahre als Kaufmann, der Absturz, der Fluss, der Fährmann, der Sohn, die Vollendung, das Wiedersehen mit dem Jugendfreund Govinda. Auf dem Papier ist das ein klassischer Entwicklungsroman, Station für Station.
Was daraus mehr macht, ist der Ton. Hesse schreibt in Wiederholungen, in Reihungen, in Sätzen, die wie Litaneien kreisen. Die schönste Szene dafür steht ganz am Anfang. Siddhartha bittet den Vater, zu den Asketen gehen zu dürfen, der Vater verweigert es, und der Sohn bleibt die ganze Nacht mit verschränkten Armen in der Kammer stehen. Stunde um Stunde kommt der Vater ans Fenster, und jedes Mal wird derselbe Satz ein wenig anders wiederholt, bis der Vater im Morgengrauen begreift, dass der Sohn ihn innerlich längst verlassen hat, und ihn gehen lässt. Das ist kein Schmuck, das ist Erzählen durch Rhythmus.
Das Zentrum des Buchs ist der Fluss. Er ist Ort, Lehrer und Bild zugleich, und Hesse muss ihn erstaunlich wenig erklären. Ihm zugeordnet ist Vasudeva, der Fährmann, die beste Figur des Romans. Er spricht kaum, er hört zu, und seine ganze Weisheit besteht darin, dass er den Fluss hat sprechen lassen. In ihm ist das Buch ganz bei sich: Er lehrt nicht, er ist.
Ein Europäer in indischer Kulisse
Das Buch trägt den Untertitel „Eine indische Dichtung“, und es ist auch eine, aber eine aus der Bibliothek. Hesses Mutter war in Indien geboren, sein Großvater Hermann Gundert war Missionar und Indologe; Indien war in diesem Haus ein Bücherland. Das merkt man. Der Fluss, die Salwälder, die Brahmanen sind schön gezeichnete Kulissen, keine erlebte Welt.
Wichtiger ist, was vor dieser Kulisse gespielt wird. Die Schlüsselszene des ersten Teils ist die Begegnung mit Gotama, dem Buddha. Siddhartha erkennt in ihm sofort einen Vollendeten und schließt sich ihm trotzdem nicht an. Seine Begründung: Erlösung lasse sich nicht durch Lehre weitergeben, jeder müsse sie allein finden. Das ist im Kern ein sehr europäischer, fast protestantischer Gedanke: der Einzelne, der keinem Mittler traut. Govinda, der Freund, bleibt beim Buddha, Siddhartha geht allein weiter.
Hier muss ich allerdings mein eigenes Vorurteil korrigieren. Hesse lässt diesen Individualismus nicht unwidersprochen. Gotama antwortet höflich und warnt den jungen Mann vor allzu großer Klugheit. Und viel später, als alter Fährmann, erinnert sich Siddhartha an seine damalige Rede und findet sie stolz und altklug. Der Roman korrigiert seinen Helden also selbst. Was bleibt, ist die Struktur: Auch die Korrektur führt nicht zurück zu einer Gemeinschaft oder einem Lehrer, sondern ans einsame Ufer. Das Buch zweifelt an seinem Individualismus, aber es verlässt ihn nicht.
Der Sohn: das Herz des Romans
Die beste Episode des Buchs steht spät, im zweiten Teil. Siddhartha ist inzwischen Fährmann bei Vasudeva, als Kamala, seine einstige Geliebte, auf dem Weg zum sterbenden Buddha am Fluss vorbeikommt, mit einem elfjährigen Jungen. Es ist sein Sohn, von dem er nichts wusste. Kamala stirbt, und Siddhartha behält das Kind.
Was dann folgt, ist von einer Genauigkeit, die man diesem sanften Buch kaum zutraut. Der Junge ist in einem reichen Haus aufgewachsen, verwöhnt, trotzig, und er verachtet die ärmliche Hütte. Siddhartha, der alles losgelassen hat, Elternhaus, Lehrer, Reichtum, Geliebte, kann dieses eine nicht loslassen. Er wirbt, er erträgt jede Bosheit, er antwortet auf Beschimpfungen mit Güte. Und der Junge durchschaut genau das als die raffinierteste Form von Zwang: Er wirft dem Vater vor, ihn mit seiner Sanftmut klein machen zu wollen, damit er so werde wie er, und er wolle lieber ein Räuber werden als das. Vasudeva rät, den Jungen gehen zu lassen. Siddhartha bringt es nicht fertig. Schließlich läuft der Sohn davon, und der Vater rennt ihm nach bis in die Stadt.
Das ist genau das, was ich in „Unterm Rad“ vermisst habe: der liebende Vater, der trotzdem Schaden anrichtet. Nur steht er hier nicht als Karikatur am Rand, er ist der Held selbst, und zwar der weise, der vollendete. Hesse lässt ausgerechnet den Erleuchteten in die älteste Falle laufen, die es gibt: das Kind nach dem eigenen Bild formen zu wollen, aus Liebe. Und er schließt den Kreis. Später sieht Siddhartha im Wasser sein Spiegelbild und erkennt darin das Gesicht seines eigenen Vaters, den er einst in einer Nacht des Trotzes zum Loslassen gezwungen hat und der gestorben ist, ohne ihn wiederzusehen. Der Sohn, der den Vater verlassen hat, wird zum Vater, der verlassen wird. Hier ist „Siddhartha“ kein Trostbuch, sondern ein wahres.
Kamala: eine eigene Geschichte, nur nicht erzählt
Bei der ersten Lektüre hatte ich Kamala vorschnell abgetan: die schöne Kurtisane, die dem Helden die Liebe beibringt, ihm einen Sohn hinterlässt und stirbt, sobald sie dramaturgisch nicht mehr gebraucht wird. Das ist nur halb richtig. Kamala hat im Roman durchaus einen eigenen Weg. Als Siddhartha sie verlässt, lässt sie ihren gefangenen Singvogel frei und empfängt keine Besucher mehr. Später zieht sie sich ganz aus ihrem früheren Leben zurück, schenkt ihren Lustgarten den Mönchen des Buddha und nimmt Zuflucht zu seiner Lehre. Sie ist, mit anderen Worten, den Weg gegangen, den Govinda gegangen ist, und den Siddhartha abgelehnt hat.
Das Problem ist nicht, dass Hesse ihr keine Entwicklung gibt. Das Problem ist, dass er sie nicht erzählt. Kamalas Wandlung, die ebenso bedeutsam ist wie die des Helden, wird in wenigen Sätzen nachgereicht, als Vorgeschichte ihres Todes. Und dieser Tod, der Biss einer kleinen schwarzen Schlange ausgerechnet wenige Schritte vor Siddharthas Hütte, ist reine Dramaturgie: Er liefert dem Helden den Sohn. Die Frau, die als Einzige im Buch den Weg über die Gemeinschaft und die Lehre geht, wird damit zur Fußnote im Weg des Mannes, der allein geht. Das sagt mehr über das Buch als jede Lehre, die darin verkündet wird.
Der Kuss auf die Stirn
Im letzten Kapitel kehrt Govinda zurück, inzwischen ein alter Mönch, der sein Leben lang dem Buddha gefolgt ist und den Frieden doch nicht gefunden hat. Er bittet den alten Fährmann um seine Lehre. Siddhartha erklärt ihm, „Weisheit ist nicht mitteilbar“, und spricht dann doch ausführlich über die Einheit aller Gegensätze, über Zeit, über einen Stein, den er aufhebt, und über die Liebe zur Welt.
Mein erster Einwand war, dass Hesse hier gegen sein eigenes Prinzip verstößt: Ein Buch, das behauptet, Weisheit lasse sich nicht lehren, endet mit einer Lehrrede. Beim genauen Lesen ist das zu einfach. Hesse hat den Widerspruch gesehen. Govinda findet die Worte des Freundes seltsam, ja närrisch, und denkt im Stillen, die Lehre des Buddha sei klarer gewesen. Was ihn bewegt, sind nicht die Sätze, sondern Siddharthas Hände, sein Blick, sein Lächeln. Erst als Siddhartha schweigt und ihn bittet, ihn auf die Stirn zu küssen, geschieht etwas: Govinda sieht im Gesicht des Freundes einen Strom von tausend Gesichtern, Tiere, Neugeborene, Mörder, Liebende, Sterbende, alle zugleich.
Das ist konsequent: Die Weisheit wird nicht gesagt, sie wird übertragen. Aber genau hier kippt das Buch für mich. Was sich nicht lehren lässt, wird nun als Wunder vorgeführt, und das Wunder wird auf mehr als einer Seite ausgemalt. Hesse verlässt sich am Ende nicht auf das Schweigen, sondern auf die Vision. Der Leser bekommt die Erleuchtung mitgeliefert, als Bild, das er nur noch genießen muss. Das ist schön. Aber es nimmt dem Leser im letzten Moment genau die Arbeit ab, die das Buch zuvor als unvermeidlich beschrieben hat: den eigenen Weg.
Das Trostbuch
Damit ist man beim Kern meines Einwands. „Siddhartha“ ist ein Buch über das Leiden, das am Ende das Leiden auflöst. Zweimal steht der Held an einem Abgrund. Am Ende seiner Jahre als reicher Kaufmann will er sich in den Fluss fallen lassen, und im letzten Moment rettet ihn die Silbe Om, die aus der Tiefe seines Gedächtnisses aufsteigt. Nach der Flucht des Sohnes ist er wund und verzweifelt, und am Ende führt ihn Vasudeva ans Ufer, lässt ihn dem Fluss zuhören, bis sein Ich in die Einheit fließt und, wie es sinngemäß heißt, seine Wunde blüht. In dieser Stunde, so der Erzähler, hört Siddhartha auf zu leiden.
Das ist der Satz, an dem sich das Buch messen lassen muss. Es ist ein schöner Satz, und er ist für viele Leser ein großer Trost gewesen. In den USA der Sechziger- und Siebzigerjahre wurde „Siddhartha“ zu einem Kultbuch einer ganzen Generation von Suchenden, und es wird bis heute gelesen wie ein Lebensratgeber in poetischer Form. Aber Trost und Erkenntnis sind zweierlei. Die Episode mit dem Sohn zeigt, wie Liebe zum Zwang wird, und sie zeigt es so genau, dass es wehtut. Die Erleuchtung, die darauf folgt, nimmt diesen Schmerz wieder weg. Was im Sohn-Kapitel eine Wunde war, wird im nächsten Kapitel zu einer Blüte. Hesse hat den Riss gesehen, und dann hat er ihn verklärt.
Urteil
„Siddhartha“ ist besser, als seine Verehrer es lesen, und schwächer, als sie glauben. Es lässt seinen Helden irren, korrigiert dessen Hochmut und lässt den Zweifel an Worten selbst zu Wort kommen. Mit dem Sohn hat es eine Episode, die zum Besten gehört, was Hesse geschrieben hat. Aber es hält nicht aus, was es gezeigt hat. Die Wunde muss blühen, das Leid muss aufhören, die Einheit muss sichtbar werden. Ein Buch, das von einem Weg erzählt, den jeder allein gehen muss, und dem Leser das Ziel dann frei Haus liefert, ist kein Weisheitsbuch. Es ist ein Trostbuch, und ein Trostbuch, das sich als Weisheit ausgibt, ist feige.
Neben „Unterm Rad“ gelesen zeigt sich, wie weit Hesse in sechzehn Jahren gekommen ist. Der Erzähler predigt nicht mehr, er singt. Die Figuren sind keine Karikaturen mehr. Und der Vater, der aus Liebe Schaden anrichtet, steht nicht mehr am Rand, sondern im Zentrum. Aber auch die Grenze ist dieselbe geblieben: Hesse traut der Wunde nicht ganz. In „Unterm Rad“ erklärt er sie, in „Siddhartha“ verklärt er sie.
Ich würde das Buch jedem empfehlen, der den Fluss, den Fährmann und vor allem den Sohn lesen will. Wer dagegen den Hesse sucht, der die Wunde offen lässt, sollte zum „Steppenwolf“ greifen.
Quellen
- Hermann Hesse: Siddhartha. Eine indische Dichtung, Text der Ausgabe von 1922 (Project Gutenberg): Grundlage für alle Aussagen zur Handlung, zu Aufbau und Widmungen
- Siddhartha (novel), Wikipedia: Erscheinen 1922 bei S. Fischer, langwierige Arbeit am zweiten Teil
- Hermann Hesse, Zeittafel (Suhrkamp): Hermann Gundert als Indologe und Missionar
- Historisches Lexikon der Schweiz: Marie Hesse: Geburt der Mutter in Indien
- EBSCO Research Starters: Sixties Culture in the United States Rediscovers the Works of Hesse: Rezeption in den USA