Texte zu Büchern

Serotonin – Chemie gegen Trauer

Lesestand

Das traurigste Buch

„Serotonin“ erschien am 4. Januar 2019 bei Flammarion, mit einer Erstauflage von 320.000 Exemplaren, und drei Tage später auf Deutsch bei DuMont in der Übersetzung von Stephan Kleiner. Es kam mitten in die Proteste der Gelbwesten, die im November 2018 begonnen hatten, und weil es von verzweifelten Bauern handelt, die sich gegen den Staat bewaffnen, nannten viele Houellebecq deren Propheten. Der Roman war allerdings fertig, bevor die Bewegung begann.

Mein Urteil vorweg: Es ist sein traurigstes Buch und eines seiner ehrlichsten, aber es ist auch eine Wiederholung. Der Erzähler ist wieder ein vereinsamter Mann um die fünfzig, die Frauen sind wieder Erinnerungen an verpasste Liebe, und die Welt ist wieder ein Ort, an dem nichts mehr zu retten ist. Was es über die anderen hebt, ist ein einziger Handlungsstrang: die Geschichte eines Freundes, der mit seinem Bauernhof untergeht. Dort ist Houellebecq so politisch und so menschlich wie nirgends sonst.

Ein Mann verschwindet

Der Erzähler Florent-Claude Labrouste ist sechsundvierzig, Agrarwissenschaftler mit einem befristeten Vertrag beim Landwirtschaftsministerium, und er lebt in einer teuren Pariser Hochhauswohnung mit Yuzu, einer viel jüngeren Japanerin, die er verachtet. Als er Videos entdeckt, die sie beim Sex mit anderen zeigen, beschließt er zu verschwinden. Er hat erfahren, dass in Frankreich jedes Jahr Tausende Menschen freiwillig untertauchen, und er tut es ihnen nach: Er kündigt Arbeit und Wohnung, verlegt sein Bankkonto und zieht in ein Pariser Hotel, in dem man noch rauchen darf.

Dazu nimmt er Captorix, ein erfundenes Antidepressivum, das die Ausschüttung von Serotonin anregt. Es dämpft die Verzweiflung, und es löscht die Libido aus. Das ist die Grundfigur des Romans, und sie ist genial in ihrer Einfachheit: Ein Mann kann sein Leiden nur ertragen, indem er auf das verzichtet, was ihn am Leben hielt. Der Titel sagt es. Glück ist bei Houellebecq inzwischen eine Frage der Chemie, und die Chemie hat ihren Preis.

Wer „Ausweitung der Kampfzone“ gelesen hat, erkennt den Erzähler sofort wieder, ein Vierteljahrhundert später und deutlich älter. Derselbe Rückzug, dieselbe Verachtung, dieselbe Unfähigkeit zu lieben. Aber etwas ist anders: Florent-Claude weiß, dass er schuld ist. Er hat die Liebe gehabt, und er hat sie verraten.

Die Frauen der Vergangenheit

Auf seiner Flucht sucht Florent-Claude die Frauen seines Lebens auf, oder er erinnert sich an sie. Kate, eine Dänin, die er geliebt und verraten hat, die er weinend auf einem Bahnsteig gehen ließ, ohne sie zurückzuhalten. Claire, eine Schauspielerin, die er betrunken und vom Leben zerschlagen wiedersieht. Und vor allem Camille, die er als junge Tiermedizinstudentin kennenlernte, mit der er etwa fünf Jahre zusammen war und die er durch einen dummen Seitensprung verlor. Heute ist sie Tierärztin in einer Kleinstadt und lebt allein mit ihrem kleinen Sohn.

Camille ist die verpasste Liebe seines Lebens, und der Roman macht kein Geheimnis daraus, wer schuld ist. Hier unterscheidet sich „Serotonin“ von den frühen Büchern: Der Erzähler ist kein Opfer des Sexualmarkts mehr, sondern ein Mann, der das Glück hatte und es aus Schwäche weggeworfen hat. Das ist eine bitterere, aber auch reifere Einsicht.

Die Frauen selbst bleiben dennoch, wie fast immer bei Houellebecq, Spiegel des Mannes. Yuzu ist eine Karikatur, so bösartig gezeichnet, dass man sich fragt, ob hier noch erzählt oder schon abgerechnet wird. Kate, Claire und Camille sind Stationen eines Bedauerns, nicht Menschen mit eigenem Leben. Dass der Roman die eigene Schuld einräumt, ändert nichts daran, dass er sie nur aus einer Perspektive betrachtet.

Aymeric und das sterbende Land

Das Beste an „Serotonin“ ist ein Mann, der nicht der Erzähler ist. Aymeric d’Harcourt-Olonde, ein alter Studienfreund von der Agrarhochschule, Spross eines Adelsgeschlechts, betreibt in der Normandie einen Milchviehbetrieb und geht daran zugrunde. Seine Frau hat ihn verlassen, er trinkt, er ist verschuldet, er muss Land an ausländische Investoren verkaufen. Florent-Claude zieht für eine Weile in einen Bungalow auf seinem Gut, lernt mit Aymerics Waffen schießen und sieht zu, wie ein Freund und mit ihm eine ganze Welt verschwindet.

Aymeric und andere Milchbauern errichten schließlich eine bewaffnete Blockade gegen Billigimporte und die europäische Agrarpolitik. Als die Bereitschaftspolizei anrückt, erschießt er sich vor den versammelten Journalisten. Die Polizisten glauben, beschossen zu werden, eröffnen das Feuer, und es gibt mehrere Tote.

Diese Kapitel sind das Politischste, was Houellebecq geschrieben hat, und zugleich das Menschlichste. Hier gibt es keine Thesen über Sex, keinen Zynismus, keine Pose. Es gibt einen Mann, der das Erbe seiner Familie verteidigt und dabei untergeht, weil die Logik des Weltmarkts keinen Platz mehr für ihn hat. Die Wirtschaftslogik, die Houellebecq in „Ausweitung der Kampfzone“ auf die Liebe übertragen hatte, kehrt hier zu ihrem Ursprung zurück, aufs Land, zu den Kühen, zu den Menschen, die mit ihren Händen arbeiten. Dass Kritiker darin eine Vorwegnahme der Gelbwesten sahen, ist verständlich. Aber man braucht diesen Bezug nicht, um zu sehen, dass hier eine echte Tragödie erzählt wird, eine der wenigen in Houellebecqs Werk, die nicht vom Erzähler selbst handelt.

Das Gewehr und der Schluss

Nach Aymerics Tod behält Florent-Claude eines seiner Gewehre. Er fährt zu Camille, nistet sich in einem leerstehenden Hotel über ihrem abgelegenen Haus ein und richtet dort eine Scharfschützenstellung ein. Er beobachtet sie und ihren kleinen Sohn, und er erwägt, das Kind zu erschießen, damit er wieder der einzige Mann in Camilles Leben wäre. Er tut es nicht.

Das ist die dunkelste Szene des Romans, und sie ist eine Wiederholung. Schon in „Ausweitung der Kampfzone“ stand ein Mann mit einer Waffe vor einem Paar und drückte nicht ab. Damals war es Tisserand mit einem Messer am Strand, angestachelt vom Erzähler. Jetzt ist es der Erzähler selbst, mit einem Gewehr, und das Ziel ist ein Kind. Fünfundzwanzig Jahre später ist die Gewalt näher gerückt, und die Begründung ist kälter geworden: Florent-Claude rechtfertigt den Gedanken mit dem Verhalten männlicher Säugetiere. Dass er nicht schießt, ist das Einzige, was ihn von dieser Logik trennt.

Am Ende ist er zurück in Paris, in einer gekauften Wohnung, weil die Hotels inzwischen das Rauchen verbieten, und er plant, sich aus dem Fenster zu stürzen. Auf den letzten Seiten geschieht etwas Unerwartetes. Er deutet die Momente von Liebe, die er erlebt hat, als Zeichen Gottes, die die meisten Menschen übersehen, und er denkt an Christus, der für die Menschen gestorben ist, und an dessen Ungeduld mit ihnen. Der Roman endet mit der Frage, ob man für solche Elenden sein Leben geben müsse, und der Antwort, dass es wohl so scheine. Ob er springt, bleibt offen.

Dieser Schluss ist das Mutigste am Buch. Ein Autor, der ein Vierteljahrhundert lang die Liebe als Markt beschrieben hat, spricht plötzlich von Gnade. Man kann das sentimental finden, und es ist schlecht vorbereitet. Aber es ist ein Riss im System, und durch ihn fällt zum ersten Mal Licht.

Urteil

„Serotonin“ ist ein müdes und zugleich ein ehrliches Buch. Müde, weil es so viel wiederholt: den vereinsamten Mann, die Frauen als Erinnerungsstücke, die Verachtung für die Gegenwart, die Waffe, die nicht abgefeuert wird. Ehrlich, weil der Erzähler zum ersten Mal nicht die Welt anklagt, sondern sich selbst. Er hatte die Liebe und hat sie verraten, und er weiß es.

Zwei Dinge heben es über eine Wiederholung hinaus. Die Geschichte von Aymeric, dem Bauern, der mit seinem Hof untergeht, ist die stärkste politische Erzählung in Houellebecqs Werk, weil sie nicht doziert, sondern trauert. Und der Schluss, mit seiner unerwarteten Wendung zu Christus, öffnet zum ersten Mal eine Tür, die Houellebecq vorher verschlossen gehalten hatte.

Mein Urteil: ein trauriges, solides Spätwerk, schwächer als „Karte und Gebiet“ und „Unterwerfung“, stärker als „Plattform“ und „Die Möglichkeit einer Insel“. Wer nur Zeit für die besten Houellebecqs hat, kann es auslassen. Wer ihn bis zum Ende begleiten will, sollte es lesen, um zu sehen, wie aus dem kalten Zyniker ein Mann wird, der auf der letzten Seite an Gnade denkt.

Quellen

Der Roman ist urheberrechtlich geschützt. Die Handlung ist gegen mehrere Sekundärquellen abgeglichen; die genaue Verteilung der letzten Sätze auf Christus und Erzähler wird in den Quellen unterschiedlich gelesen und bleibt hier bewusst offen.