Texte zu Büchern

Plattform – Die Liebe als Geschäftsmodell

Lesestand

Eine Liebesgeschichte in einer Provokationsmaschine

„Plattform“ erschien 2001 bei Flammarion, wenige Tage vor dem 11. September, und 2002 auf Deutsch bei DuMont in der Übersetzung von Uli Wittmann. Es ist das Buch, das Houellebecq einen Prozess einbrachte, weil er in einem Interview zum Erscheinen den Islam beleidigt hatte, und das nach dem Anschlag auf Bali 2002 als prophetisch galt. Die taz nannte es damals eine Provokationsmaschine, und das trifft einen Teil der Wahrheit.

Mein Urteil vorweg: Es ist das schwächste der drei frühen Bücher, aber nicht so schwach, wie sein Ruf als Skandalroman nahelegt. Mitten in einem Buch über Sextourismus, Reiseveranstalter und Islamhass steckt die glücklichste Liebesgeschichte, die Houellebecq je geschrieben hat. Dass sie in einem Anschlag endet, ist folgerichtig für dieses Werk. Dass der Roman sie dennoch erzählt, ist sein heimlicher Rang.

Ein toter Vater, eine Reise

Der Erzähler heißt Michel, ist vierzig, ledig, kinderlos und Beamter im Pariser Kulturministerium, wo er die Finanzierung von Ausstellungen vorbereitet. Der Roman beginnt mit dem Tod seines Vaters, eines Mannes über siebzig, der mit zerschmettertem Schädel in einem Heizungskeller gefunden wird. Getötet hat ihn der Bruder seiner jungen Putzfrau Aïcha, mit der der Vater eine sexuelle Beziehung hatte. Michel reagiert darauf fast gar nicht. Er erbt Geld, Haus und Auto und bucht eine Pauschalreise nach Thailand, wo er zu Prostituierten geht.

Dieser Anfang ist typisch Houellebecq und zugleich sein Problem. Der Tod des Vaters wird mit derselben Gleichgültigkeit erzählt wie eine Steuererklärung, und das ist Absicht: Der Erzähler ist ein Mann, den nichts mehr berührt. Aber schon hier legt der Roman eine Spur, die er später breit austritt. Der Täter stammt aus der nordafrikanischen Familie der Putzfrau, und der Islam wird im weiteren Verlauf immer wieder zur Zielscheibe von Spott und Abscheu. Das ist erzählerisch motiviert, aber es ist auch die erste Weiche zu einem Buch, das seine Thesen gern mit passenden Leichen beweist.

Valérie

In der Reisegruppe ist Valérie, eine junge Managerin in der Tourismusbranche. In Thailand kommen sie sich nicht näher, aber zurück in Paris werden sie ein Paar, und hier geschieht etwas, das es bei Houellebecq vorher nicht gab: Eine Liebe gelingt. Valérie ist klug, beruflich erfolgreich, sexuell freigiebig, und sie liebt Michel ohne Berechnung. Er, der Mann, den nichts berührt, wird von ihr berührt. Zum ersten Mal in diesem Werk gibt es eine Frau, die nicht nur Körper, Preis oder Opfer ist, sondern eine Partnerin mit eigenem Willen, eigenem Beruf und eigenem Glück.

Diese Kapitel sind das Beste am Buch. Houellebecq schreibt über Zärtlichkeit, über gemeinsame Abende, über eine Sexualität, die Freude macht statt Konkurrenz, und er schreibt darüber ohne Ironie. Man spürt, dass hier etwas auf dem Spiel steht, das in „Ausweitung der Kampfzone“ nur als Mangel und in „Elementarteilchen“ nur als kurze, zum Scheitern verurteilte Ausnahme existierte.

Aber Valérie bleibt dennoch eine Konstruktion. Sie ist, so wie Houellebecq sie zeichnet, die Antwort auf die Wünsche des Erzählers: schön, verfügbar, unkompliziert, ohne die Ansprüche, die der Roman den westlichen Frauen sonst vorwirft. Sie ist weniger ein Mensch als eine Utopie, und Utopien überleben bei Houellebecq nicht.

Das Geschäftsmodell

Valérie und ihr Chef Jean-Yves wechseln zu einem großen Freizeitkonzern, der eine Kette schwächelnder Ferienclubs sanieren will. Gemeinsam mit Michel reisen sie inkognito in einen der Clubs auf Kuba, und danach hat Michel die Idee, die den Roman trägt: Man solle die Clubs auf Sextourismus ausrichten. Die Rechnung ist einfach. Im Westen gibt es Menschen mit Geld, aber ohne Sex; im Süden Menschen, die Sex anbieten können, aber Geld brauchen. Warum also nicht einen Tausch organisieren? Das Konzept wird ein großer Erfolg.

Hier wird Houellebecqs alte These vom Sexualmarkt wörtlich genommen und in ein Geschäftsmodell gegossen. Das ist als Satire bösartig und konsequent: Wenn Liebe und Sex ohnehin Märkte sind, dann ist der Sextourismus nur ihre ehrlichste Form. Das Problem ist, dass der Roman diese Ehrlichkeit nicht befragt. Die Frauen und Männer im Süden, die in diesem Tausch ihren Körper verkaufen, bleiben Kulisse. Ausbeutung, Zuhälterei, Gewalt kommen kaum vor; mehrere Kritiker haben das dem Buch vorgeworfen, und zu Recht. Michel und Valérie sind glücklich, und ihr Glück wird mit Thailänderinnen bezahlt, deren Leben der Roman nicht interessiert.

Das ist die Grenze, an der Satire in Werbung umschlägt. Houellebecq beschreibt den Westen als egoistisch und selbstzerstörerisch, aber er erzählt so, dass der Leser auf der Seite der Kunden sitzt. Man kann sagen, genau das sei die Pointe. Ich halte es eher für den blinden Fleck.

Krabi, Pattaya und der Prozess

Michel kündigt seine Stelle, er und Valérie beschließen, ganz nach Thailand zu ziehen, wo sie einen Club in Krabi leiten soll. Bei der Eröffnung überfallen islamistische Terroristen das Resort, schießen um sich und zünden eine Bombe. Valérie stirbt, Michel bleibt unverletzt. Am Ende sitzt er allein in Pattaya, liegt die meiste Zeit im Bett, schreibt seine Geschichte auf und wartet auf den Tod.

Das Ende ist erschütternd, und es ist ein Muster. Wie in „Elementarteilchen“ stirbt die Frau, die liebt, und der Mann bleibt übrig, um zu schreiben. Liebe ist bei Houellebecq offenbar nur als etwas denkbar, das zerstört wird. Neu ist, dass die Zerstörung diesmal politisch daherkommt. Dass ausgerechnet Islamisten das einzige Glück dieses Werkes vernichten, macht den Roman zu einer Anklage, und der Roman lässt kaum Zweifel, gegen wen sie sich richtet.

Die Wirklichkeit hat das Buch eingeholt. Es erschien kurz vor dem 11. September 2001; ein Jahr später töteten Islamisten auf Bali in einem Touristengebiet über zweihundert Menschen, und viele nannten den Roman deshalb prophetisch. Zur selben Zeit stand Houellebecq vor Gericht. In einem Interview mit der Zeitschrift „Lire“ zum Erscheinen des Romans hatte er den Islam die dümmste aller Religionen genannt. Mehrere muslimische Verbände, darunter die Moscheen von Paris und Lyon, sowie die französische Menschenrechtsliga verklagten ihn wegen Aufstachelung zu religiösem Hass. Im Oktober 2002 wurde er freigesprochen; das Gericht befand, seine Kritik richte sich gegen eine Religion, nicht gegen Menschen.

Über das Urteil muss ich nicht urteilen; es ist gefällt. Für den Roman aber gilt: Seit diesem Prozess wird „Plattform“ vor allem als Islam-Buch gelesen, und das ist schade. Denn das, was es wirklich zu erzählen hat, ist nicht der Hass, sondern die Liebe, und die geht in diesem Lärm unter.

Urteil

„Plattform“ ist ein Buch, das sich selbst im Weg steht. Es enthält Houellebecqs schönste Liebesgeschichte und vergräbt sie unter einem Geschäftsmodell, einer Satire, die zu oft wie Zustimmung klingt, und einer Anklage, die zu bequem ihre Täter findet. Der Sextourismus wird aus der Sicht der Kunden erzählt, der Islam aus der Sicht des Hasses, und die Menschen in Thailand bleiben Statisten. Das ist das Gegenteil dessen, was Houellebecq in seinen besten Momenten kann: genau hinsehen.

Und trotzdem würde ich es nicht ganz streichen. Die Kapitel mit Valérie zeigen, dass dieser Autor zärtlich sein kann, wenn er sich traut, und das Ende in Pattaya, ein Mann, der allein im Bett liegt und auf den Tod wartet, ist von einer Trostlosigkeit, die bleibt.

Mein Urteil: das schwächste der drei frühen Bücher und insgesamt das vorletzte meiner Rangfolge, eher Provokation als Roman, mit einer Liebesgeschichte, die besser ist als das Buch, in dem sie steht. Wer nur wenig Zeit hat, kann es auslassen. Wer Houellebecq ganz verstehen will, sollte es lesen, um zu sehen, wie nah bei ihm Zärtlichkeit und Ressentiment beieinanderliegen.

Quellen

Der Roman ist urheberrechtlich geschützt. Die Handlung ist gegen mehrere Sekundärquellen abgeglichen; strittige Details wie die genaue Opferzahl des Anschlags im Roman bleiben bewusst ausgespart.