Narziß und Goldmund – Die schöne Formel
Das sinnlichste und das schlichteste Buch
„Narziß und Goldmund“, 1930 bei S. Fischer erschienen und von Hesse ausdrücklich als Erzählung bezeichnet, ist sein sinnlichstes Buch und gedanklich sein schlichtestes. Es lebt von einer einzigen Formel: hier der Denker, der Mönch, der Vater, der Geist, dort der Künstler, der Wanderer, die Mutter, die Sinne. Diese Formel trägt zwanzig Kapitel lang, und sie wird nie ernsthaft erschüttert. Das macht das Buch leicht lesbar, schön und populär. Es macht es auch vorhersehbar.
Das Erstaunliche ist, dass es trotzdem zwei Stellen hat, die zum Stärksten in Hesses Werk gehören: die Pest und den letzten Satz. Zwischen diesen beiden Höhepunkten liegt viel Schönes, viel Wiederholung und eine Gewalt, die der Roman erstaunlich gleichgültig erzählt. Mein Urteil vorweg: ein verführerisches Buch, das seinen Lesern schmeichelt, und das am Ende doch einen Gedanken hat, der größer ist als seine Formel.
Zurück im Kloster
Der Roman beginnt im Kloster Mariabronn, und schon der Name klingt nach Maulbronn, wo Hesse als Junge fast zerbrochen wäre. Ein Vater liefert seinen Sohn Goldmund dort ab; er soll Mönch werden und damit, so wird nach und nach klar, büßen, was die Mutter angerichtet hat. Diese Mutter war eine Tänzerin, schön, wild, von zweifelhafter Herkunft, die Mann und Kind verlassen hat. Der Vater hat ihr Andenken getilgt, und Goldmund hat sie vergessen. Wieder also ein Vater, der über das Leben seines Sohnes verfügt, und wieder ein Junge, der im Kloster ein fremdes Ziel für sein eigenes hält.
Diesmal aber wird er gerettet, und zwar von einem Lehrer. Narziß, kaum älter als Goldmund, ein brillanter, asketischer junger Mönch, erkennt, dass sein Freund nicht für das Kloster gemacht ist. Er bringt ihn dazu, sich an die verdrängte Mutter zu erinnern, und schickt ihn damit hinaus in die Welt. Das ist die schönste Wendung des ersten Teils: Der Lehrer hält den Schüler nicht fest, er lässt ihn gehen, weil er ihn sieht. Man kann darin eine Vorstufe des „Glasperlenspiels“ erkennen, wo der Meister am Ende selbst geht. Und man kann darin die Antwort auf „Unterm Rad“ sehen, eine Generation später: Hier gibt es endlich einen Lehrer, der nicht treibt, sondern freigibt.
Die Formel
Von diesem Moment an ist das Buch gebaut wie eine Tafel mit zwei Spalten. Narziß ist Geist, Vernunft, Askese, Ordnung, er ist der Sohn des Vaters und bleibt im Kloster. Goldmund ist Natur, Sinnlichkeit, Liebe, Bild, er ist der Sohn der Mutter und geht in die Welt. Narziß sagt das seinem Freund in einer großen Rede auch ausdrücklich: Du bist Künstler, ich bin Denker. Der Erzähler merkt zwar spöttisch an, dass Narziß sich dabei an seiner eigenen Beredsamkeit berauscht. Aber der Roman tut danach nichts anderes, als genau diese Unterscheidung zu bebildern. Goldmund wird Liebhaber, Vagabund, Bildschnitzer; Narziß wird Abt. Die beiden Lebenswege verlaufen so sauber getrennt, als hätte ein Lehrer sie an die Wandtafel gezeichnet.
Das ist mein Haupteinwand. Hesse hat in „Siddhartha“ gezeigt, dass er weiß, wie verschlungen solche Gegensätze im Inneren eines einzigen Menschen sind. In „Narziß und Goldmund“ verteilt er sie auf zwei Personen und lässt sie dort. Goldmund zweifelt nie wirklich am Leben der Sinne, Narziß, soweit wir ihn überhaupt von innen sehen, nie am Leben des Geistes. Die Formel wird nicht geprüft, sie wird ausgemalt. Dass sie dabei so wohltuend einfach ist, erklärt den Erfolg des Buchs: Jeder Leser weiß sofort, ob er ein Narziß oder ein Goldmund ist, und darf sich in seinem Typ bestätigt fühlen.
Eine schöne Einzelheit allerdings verrät, dass Hesse mehr im Kopf hatte als ein Schema. Goldmunds erste große Figur als Bildschnitzer ist ein Jünger Johannes, dem er die Züge des fernen Freundes gibt. Und als er Narziß Jahre später wiedersieht, erfährt er, dass dieser seit seiner Einkleidung als Mönch tatsächlich Johannes heißt. Der Künstler hat den Denker getroffen, ohne es zu wissen. In diesem Moment berühren sich die beiden Spalten, und man ahnt, welches Buch möglich gewesen wäre.
Die Frauen und die Gewalt
Goldmunds Wanderschaft ist eine Folge von Frauen. Lise, die heimatlose Fremde der ersten Nacht. Lydia und Julie, die Töchter des Ritters. Lisbeth, die Tochter des Meisters Niklaus. Lene, die er in den Pestjahren findet. Rebekka, die junge Jüdin, deren Vater mit vierzehn anderen Juden auf Befehl der Obrigkeit verbrannt wurde. Agnes, die Geliebte des Grafen. Hesse beschreibt diese Begegnungen mit großer Zärtlichkeit, und das unterscheidet ihn von vielen Autoren seiner Zeit: Die Frauen sind nicht bloß Beute, sie haben Witz, Stolz, eigenen Willen. Aber sie haben keine Geschichte. Sie tauchen auf, lehren Goldmund etwas über die Liebe und verschwinden. Lene verbrennt mit der Hütte, Rebekka, um die er wirbt, kaum dass sie die Knochen ihres Vaters begraben haben, weist ihn ab, Agnes am Ende ebenfalls, weil er ihr zu alt geworden ist. Was von ihnen bleibt, ist das, was Goldmund daraus schnitzen will: Gestalten ohne Namen, Sinnbilder des Lebens, wie er selbst es nennt.
Unangenehmer ist, wie der Roman mit Gewalt umgeht. Goldmund tötet zweimal. Den Landstreicher Viktor ersticht er in Notwehr, als der ihn ausrauben und erwürgen will, und er erschrickt darüber. Den Mann, der Lene vergewaltigen will, erwürgt er und zerschmettert ihm den Kopf an den Felsen, und der Text vermerkt ausdrücklich, dass er dabei Wonne empfindet und Lene strahlend zusieht. Später, im Kerker des Grafen, plant er, den Priester zu erschlagen, der ihm die Beichte abnehmen soll, um zu fliehen. Dass dieser Priester sich als Narziß herausstellt, ist der große Zufall des Romans. Hesse erzählt all das nicht ohne Bewusstsein, aber ohne Folgen. Goldmunds Gewalt wird zur Kraft der Natur, zum Ausdruck seiner Lebensfülle. Man muss das nicht moralisch verurteilen, um zu sehen, dass hier die Formel etwas verschluckt: Die Seite der Mutter, der Sinne, der Natur ist bei Hesse immer auch die Seite der Unschuld, selbst wenn sie tötet.
Die Pest
Und dann kommt die Pest, und für ein paar Kapitel wird aus der schönen Formel ein großer Roman. Goldmund zieht durch ein sterbendes Land, mit dem Gefährten Robert und später mit Lene. Er sieht Leichenkarren, verlassene Häuser, ein totes Kind auf der Schwelle seiner Eltern, Totentänze an Kirchenwänden, Menschen, die vor Angst verrückt werden, und Menschen, die vor Angst feiern. Er hilft Rebekka, die Knochen ihres Vaters aus der noch heißen Asche zu sammeln. Hesse erzählt das ohne Pathos, in einer Reihung von Bildern, die an mittelalterliche Holzschnitte erinnert, und gerade diese Kargheit macht es so stark.
Das Interessanteste an diesen Kapiteln ist, wie Goldmund den Tod erlebt. Er steht vor einem gemalten Totentanz und denkt, dass der Tod für ihn nicht der strenge Knochenmann ist, nicht Richter oder Henker, sondern eine Mutter und Geliebte, deren Ruf lockt. Das ist ein verstörender Gedanke, und Hesse lässt ihn stehen, ohne ihn zu entschärfen. Hier wird die Formel tief: Die Mutter, die Goldmund sein Leben lang sucht, ist auch der Tod. Wer ganz den Sinnen lebt, lebt dem Sterben entgegen und liebt es. Das ist kein Trost, wie in „Siddhartha“, es ist eine Erkenntnis, und sie bereitet den Schluss vor.
In diesen Kapiteln findet Goldmund auch zu seiner eigentlichen Kunst. Er zeichnet, was er gesehen hat: die Toten, die Leichenkarren, Lenes Gesicht, Rebekkas Schmerz, und immer wieder, nur angedeutet, eine große sitzende Frauengestalt, die Erdenmutter. Aus dem Grauen der Pest kommt sein Werk. Das ist die tiefste Einsicht des Buchs über Kunst, und sie stammt nicht aus einer Rede von Narziß, sondern aus der Erfahrung.
Wer keine Mutter hat
Nach seiner Rettung kehrt Goldmund mit Narziß nach Mariabronn zurück, richtet sich eine Werkstatt ein, nimmt einen Schüler und schnitzt jahrelang. Dann treibt es ihn noch einmal hinaus, zu Agnes, die ihn nicht mehr will. Er kommt alt, krank und zerschlagen zurück und stirbt unter den Augen des Freundes. Sein letztes großes Werk, die Gestalt der großen Eva-Mutter, hat er nicht gemacht. Er sagt, sie wolle nicht, dass er ihr Geheimnis sichtbar mache; sie habe ihn stattdessen selbst geformt, zum Sterben hin.
Und dann der letzte Satz, den Goldmund seinem Freund ins Ohr flüstert: „Aber wie willst denn du einmal sterben, Narziß, wenn du doch keine Mutter hast?“ Ohne Mutter, fügt er hinzu, könne man nicht lieben und nicht sterben. Narziß sitzt noch zwei Tage an seinem Bett, und die Worte brennen in ihm.
Dieser Satz dreht das ganze Buch um. Zwanzig Kapitel lang war Narziß der Überlegene, der Lehrer, der Abt, der Retter, der Mann, der verstand, während Goldmund lebte. Jetzt stellt der Sterbende die einzige Frage, auf die der Denker keine Antwort hat. Der Geist, so stellt sich heraus, kann alles begreifen außer dem eigenen Ende. Die Formel, die so lange eine Rangordnung schien, Geist oben, Sinne unten, kippt in einem einzigen Satz. Und Hesse verweigert jede Auflösung. Kein Fluss, keine Einheit, keine Vision. Narziß bleibt zurück mit einer Frage, die wie Feuer brennt, und der Roman endet. Das ist das Gegenteil des Schlusses von „Siddhartha“, und es ist viel mutiger. Das eigentliche Buch, das man danach lesen möchte, wäre das von Narziß: der Mann ohne Mutter, der sterben lernen muss. Hesse hat es nicht geschrieben, aber er hat es in einem Satz angedeutet.
Urteil
„Narziß und Goldmund“ ist ein Buch, das man gerne liest und schnell durchschaut. Seine Formel, Geist gegen Sinne, Vater gegen Mutter, Denker gegen Künstler, ist so klar, dass sie jeden Leser einlädt, sich auf eine Seite zu stellen, und so bequem, dass sie selten befragt wird. Die Frauen bleiben Stationen, die Gewalt bleibt Lebenskraft, und die Wanderschaft wiederholt sich über viele Kapitel, schön, aber ohne Steigerung.
Und doch ist es kein schwaches Buch. Die Pestkapitel gehören zum Stärksten, was Hesse geschrieben hat, und der letzte Satz ist mutiger als das ganze Ende von „Siddhartha“. Wo Siddhartha in die Einheit flieht, lässt Goldmund seinen Freund mit einer offenen Wunde zurück. Darin ist dieses Buch dem „Glasperlenspiel“ näher als seinem Ruf.
Mein Urteil: ein verführerisches, zu einfaches Buch mit einem großen Ende. Lesenswert für die Pest und den Schluss. Wer aber den Konflikt zwischen Geist und Leben wirklich ausgetragen sehen will, nicht auf zwei Freunde verteilt, sondern in einem einzigen zerrissenen Menschen, der sollte zum „Steppenwolf“ greifen, der drei Jahre zuvor erschienen ist.
Quellen
- Hermann Hesse: Narziß und Goldmund. Erzählung, Text der Ausgabe S. Fischer, Berlin 1930 (Project Gutenberg): Grundlage für alle Aussagen zur Handlung, einschließlich des einzigen Zitats
- Narcissus and Goldmund, Wikipedia: Überblick