Karte und Gebiet – Der Autor als Leiche
Das beste Buch
„Karte und Gebiet“, im September 2010 bei Flammarion erschienen und 2011 auf Deutsch bei DuMont, wieder übersetzt von Uli Wittmann, ist Houellebecqs bestes Buch. Es bekam im November 2010 im ersten Wahlgang den Prix Goncourt, nachdem er 1998 und 2005 leer ausgegangen war, und diesmal war das Urteil der Jury fast einhellig, sieben zu zwei Stimmen.
Mein Urteil vorweg: Hier ist Houellebecq zum ersten Mal mehr Schriftsteller als Thesenautor. Das Buch ist komisch, traurig, zärtlich und überraschend milde. Es erzählt von einem Künstler, von einem Vater, der sterben will, und von einem Schriftsteller namens Michel Houellebecq, der auf grausige Weise ermordet wird. Es ist das Buch, in dem Houellebecq über sich selbst lacht, und das macht es, wie Hesses „Steppenwolf“, zum besten seines Werks.
Jed Martin und die Karten
Wie schon in „Elementarteilchen“ erzählt Houellebecq hier nicht in der Ich-Form, sondern in der dritten Person, mit einem Erzähler, der wie aus einer künftigen Kunstgeschichte auf seinen Helden zurückblickt. Nur ist der Blick diesmal nicht kalt, sondern neugierig. Dieser Held ist Jed Martin, ein zurückgezogener Pariser Künstler, dessen Mutter sich das Leben nahm, als er ein kleiner Junge war. Sein Werk durchläuft Phasen: zuerst Fotografien von Industriegegenständen und Werkzeugen, dann fotografierte Ausschnitte aus Michelin-Straßenkarten, mit denen er berühmt wird. Die Ausstellung, die der Konzern unterstützt, steht unter dem Motto, die Karte sei interessanter als das Gebiet. Dann malt er realistische Ölbilder einfacher Berufe, von Handwerkern bis zu Wirtschaftsbossen, und wird damit sehr reich.
Jed ist eine Hauptfigur, wie es sie bei Houellebecq vorher nicht gab. Er ist kein Zyniker, kein Verlierer, kein Thesenträger. Er ist schüchtern, gewissenhaft, beinahe unschuldig, ein Mann, der die Welt anschauen will, nicht verurteilen. Seine Liebe zu Olga, einer Russin aus der Kommunikationsabteilung von Michelin, endet, weil der Konzern sie zurück nach Russland versetzt. Als sie sich zehn Jahre später wiedersehen, verbringen sie eine Nacht miteinander, und er geht.
In diesen Kapiteln entsteht etwas, das man bei Houellebecq sonst kaum findet: Humor ohne Bosheit. Die Satire auf den Kunstmarkt ist scharf, aber sie hasst nicht. Ein unvollendetes Bild zeigt Damien Hirst und Jeff Koons, wie sie den Kunstmarkt unter sich aufteilen, und das ist komischer als jede seiner Tiraden gegen den Westen. Der Titel selbst ist Programm: Die Karte ist nicht das Gebiet, das Bild ist nicht die Welt, und ein Roman ist nicht seine These.
Der Vater
Das Herz des Romans ist eine Vater-Sohn-Geschichte, und sie ist das Ergreifendste, was Houellebecq geschrieben hat. Jean-Pierre Martin ist Architekt. In seiner Jugend träumte er von utopischer Architektur, dann baute er Ferienanlagen. Vater und Sohn sehen sich etwa einmal im Jahr, an Weihnachten, zu einem wortkargen Essen. Sie haben sich nichts zu sagen und lieben sich trotzdem, auf eine hilflose, männliche Weise.
Der Vater erkrankt an Darmkrebs und reist in die Schweiz, um in einer Klinik in Zürich Sterbehilfe in Anspruch zu nehmen. Jed fährt ihm nach, um ihn umzustimmen, und kann ihn nicht aufhalten.
Was diese Episode so stark macht, ist die Zurückhaltung. Houellebecq predigt nicht über Sterbehilfe, er zeigt einen Sohn, der zu spät begreift, dass er seinen Vater nie gekannt hat. Es ist dasselbe Thema, das Hesse in „Siddhartha“ umkreist, der Vater, der den Sohn nicht halten kann, und der Sohn, der den Vater zu spät versteht. Nur dreht Houellebecq es um: Hier ist es der Vater, der geht, und der Sohn, der zurückbleibt. Wer selbst einen alten Vater hat oder hatte, wird diese Kapitel nicht vergessen.
Michel Houellebecq, ermordet
Für den Katalog seiner Ausstellung bittet Jed einen berühmten Schriftsteller um einen Text: Michel Houellebecq, der zurückgezogen in Irland lebt. Als Gegenleistung malt er sein Porträt, „Michel Houellebecq, Schriftsteller“. Die Romanfigur Houellebecq ist eine grandiose Selbstkarikatur: ein müder, einsamer, menschenscheuer Mann, komisch und zugleich rührend. Später kehrt er nach Frankreich zurück, kauft sein Elternhaus im Loiret und schafft sich einen Hund an.
Und dann wird er ermordet. Er und sein Hund werden enthauptet, die Körper zerstückelt und im Raum verteilt; Jed fühlt sich beim Anblick an ein Bild von Jackson Pollock erinnert. Der dritte Teil des Romans wird zum Kriminalroman, erzählt aus der Sicht des alternden Kommissars Jasselin, eines kinderlosen, gütigen Mannes, der mit seiner Frau und einem kleinen Hund lebt. Das Motiv, so stellt sich heraus, war das Porträt: Ein Schönheitschirurg und perverser Sammler hat den Mord begangen, um das Bild zu stehlen. Aufgeklärt wird der Fall erst Jahre später, durch Zufall.
Man muss sich klarmachen, was hier geschieht. Ein Autor, der seit fünfzehn Jahren als Provokateur, Frauenfeind und Zyniker beschimpft wird, schreibt sich selbst in seinen Roman und lässt sich auf die grausamste denkbare Weise umbringen. Er tut es nicht aus Selbstmitleid, sondern mit Witz. Die Kritiker, die ihn seit Jahren in der Luft zerreißen, bekommen ihn geliefert, in Stücken. Es ist dieselbe Geste wie in Hesses „Steppenwolf“, wo Harry Haller, H. H., die Initialen des Autors trägt und im Magischen Theater ausgelacht wird. Beide Autoren erreichen ihr Bestes in dem Moment, in dem sie sich selbst nicht mehr ernst nehmen.
Und es ist mehr als ein Gag. Das Porträt überlebt den Dargestellten, wird gestohlen, gesucht, gefunden und verkauft. Die Karte überlebt das Gebiet. Was von einem Schriftsteller bleibt, ist sein Bild, und der Mensch dahinter war, wie der Mord zeigt, nur Material.
Gras im Wind
Der Epilog ist das Schönste, was Houellebecq je geschrieben hat. Jed zieht sich für etwa dreißig Jahre auf das Grundstück seiner Großeltern in der Creuse zurück. Frankreich ist inzwischen ein Land von Landwirtschaft und Tourismus geworden, ein Museum seiner selbst. Jed dreht Videos, in denen Pflanzen langsam Industrieobjekte, Figuren und Fotografien von Menschen überwuchern. Er stirbt, und sein letztes Werk zeigt, wie alles, was Menschen gemacht haben, von der Natur zurückgenommen wird. Der Roman endet mit Gras, das sich im Wind bewegt, und mit dem vollständigen Sieg der Vegetation.
Vergleicht man diesen Schluss mit dem von „Elementarteilchen“, sieht man, wie weit Houellebecq gekommen ist. Dort wurde der Mensch durch Wissenschaft abgeschafft, in einem feierlichen, beinahe triumphierenden Ton. Hier verschwindet er einfach, ohne Triumph, ohne Programm, langsam überwachsen. Es ist kein Wunschbild und keine Drohung, sondern eine Feststellung, und sie ist von einer melancholischen Ruhe, die man bei diesem Autor nicht erwartet hätte.
Hier hat Houellebecq die Form gefunden, die seine Weltsicht verdient: nicht die Anklage, sondern die Elegie.
Schwächen und der Wikipedia-Streit
Perfekt ist auch dieses Buch nicht. Der Kriminalteil ist mechanisch; die Auflösung durch Zufall, Jahre später, wirkt wie ein Achselzucken über das eigene Genre, was gewollt sein mag, aber trotzdem Spannung kostet. Olga bleibt eine Projektionsfläche, schön, russisch, verloren, wie so viele Frauen bei Houellebecq. Und Jed ist als Hauptfigur fast zu passiv: Er schaut, er staunt, er geht, er handelt kaum.
Dazu kommt eine Eigenheit, die schon beim Erscheinen Aufsehen erregte. Der Roman enthält lange, sachliche Passagen über Orte, Gegenstände, Berufe, Tiere, die wie Lexikoneinträge klingen, und einige davon sind tatsächlich aus der französischen Wikipedia übernommen. Das Online-Magazin Slate wies drei solche Stellen nach, unter anderem über die Stubenfliege und die Stadt Beauvais. Houellebecq wies den Plagiatsvorwurf zurück und berief sich auf Autoren wie Perec und Borges, die fremdes Material collagiert haben. Der Verlag kündigte später an, in künftigen Ausgaben Wikipedia zu danken.
Ich halte den Streit für weniger interessant als die Methode. Die Lexikon-Passagen sind Teil des Programms: Der Roman zeigt eine Welt, die nur noch aus Beschreibungen besteht, aus Karten statt Gebieten. Dass ausgerechnet diese Beschreibungen aus Wikipedia stammen, ist beinahe zu passend. Lästig sind sie trotzdem; an manchen Stellen liest sich das Buch wie ein Reiseführer mit Mordfall.
Urteil
„Karte und Gebiet“ ist das Buch, in dem Houellebecq aufhört, recht haben zu wollen. Es gibt keine große These über Sex und Markt, keinen Skandal, keine Abschaffung der Menschheit. Es gibt einen schüchternen Künstler, einen sterbenden Vater, einen ermordeten Schriftsteller und am Ende Gras im Wind. Die Welt ist dieselbe kalte, kommerzielle Welt wie in allen seinen Büchern, aber der Blick auf sie ist milder geworden, neugieriger, komischer.
Die Schwächen, der mechanische Krimi, die blasse Olga, die Lexikon-Passagen, sind real. Aber sie wiegen leicht gegen das, was gelingt: die Vater-Sohn-Geschichte, die grandiose Selbstverspottung, der Epilog.
Mein Urteil: Houellebecqs bestes Buch, und das einzige, das ich jedem empfehlen würde, auch denen, die ihn nicht ausstehen können. Wer nur eines von ihm lesen will, sollte dieses lesen; wer ihn verstehen will, zuerst „Ausweitung der Kampfzone“ und dann dieses. Zwischen beiden liegen sechzehn Jahre, und man sieht, wie aus einem wütenden jungen Mann ein Schriftsteller geworden ist.
Quellen
Der Roman ist urheberrechtlich geschützt. Die Handlung ist gegen mehrere Sekundärquellen abgeglichen; die Einzelheiten der Krimi-Auflösung sind bewusst knapp gehalten, weil die Quellen sich dort nicht vollständig decken.
- The Map and the Territory, Wikipedia: Erscheinen, Goncourt, Handlung, Wikipedia-Streit
- Perlentaucher: Karte und Gebiet: deutsche Ausgabe, Rezensionen
- La Libre: Goncourt für Houellebecq (8.11.2010): Datum und Stimmen
- London Review of Books, Benjamin Kunkel: Werkphasen, Olga, Epilog
- Los Angeles Review of Books, Domenick Ammirati: Vater, Krankheit, Zürich, Jasselin
- The Spectator, David Sexton: Irland, Loiret, Mord, Creuse, Schluss
- Slate: Houellebecq et Wikipédia: die übernommenen Passagen
- Slate: Houellebecqs Antwort: Verweis auf Perec und Borges