Im Grunde gut – Rutger Bregman
Ein Optimist gegen die Furnier-Theorie
Rutger Bregman, 1988 in den Niederlanden geboren, ist Historiker und Journalist. Bekannt wurde er mit Utopien für Realisten, einem Plädoyer für ein bedingungsloses Grundeinkommen und kürzere Arbeitszeiten, und mit einem Auftritt beim Weltwirtschaftsforum in Davos 2019, wo er den versammelten Milliardären vorhielt, statt über Wohltätigkeit sollten sie lieber über Steuern reden. Das Video ging um die Welt.
Im Grunde gut erschien 2019 auf Niederländisch, 2020 auf Deutsch, mit dem Untertitel Eine neue Geschichte der Menschheit. Der niederländische Originaltitel heißt übersetzt etwa: Die meisten Menschen sind anständig. Das ist die These des Buches, und sie ist bewusst als Provokation gemeint.
Die Furnier-Theorie
Bregman richtet sich gegen eine Vorstellung, die der Primatenforscher Frans de Waal die Furnier-Theorie genannt hat: Zivilisation sei nur eine dünne Schicht über einer selbstsüchtigen, gewalttätigen Natur, und in Krisen breche diese Schicht sofort durch. Diese Vorstellung findet Bregman überall: bei Thomas Hobbes, in der Ökonomie, die den Menschen als Nutzenmaximierer beschreibt, in Romanen wie Herr der Fliegen, in Katastrophenfilmen, in der Berichterstattung über Krisen, und in einigen der berühmtesten psychologischen Experimente des 20. Jahrhunderts.
Bregman hält dagegen: Die meisten Menschen sind die meiste Zeit kooperativ, hilfsbereit und anständig, und gerade in Krisen zeigt sich das oft besonders deutlich. Das Bild vom bösen Menschen sei nicht nur falsch, sondern schädlich, weil es zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung werde: Wer anderen das Schlechteste unterstellt, baut Institutionen, die das Schlechteste hervorbringen.
Nach Arendt, Sapolsky, Cialdini und Dawkins ist dies ein passender Abschluss für die Liste, denn es widerspricht vielem, was dort stand, oder scheint es zumindest. Und es ist, wie Graeber und Wengrow, ein Buch, das man mit Vergnügen und mit wachem Misstrauen lesen sollte.
Gegenbeispiele
Der echte Herr der Fliegen
In William Goldings Roman Herr der Fliegen stranden englische Schuljungen auf einer Insel, und binnen kurzer Zeit verfallen sie in Barbarei und Mord. Der Roman galt Generationen als Lehrstück über die wahre Natur des Menschen. Bregman machte sich auf die Suche nach einem echten Fall und fand ihn: 1965 strandeten sechs Jungen aus Tonga nach einem Sturm auf einer unbewohnten Felseninsel im Pazifik. Als ein australischer Kapitän sie über ein Jahr später fand, hatten sie einen Garten angelegt, ein Feuer am Brennen gehalten, Streit mit festen Regeln geschlichtet, einem Jungen mit gebrochenem Bein eine Schiene gebaut und sich gegenseitig getröstet. Bregman reiste nach Australien, sprach mit dem Kapitän und einem der Jungen und erzählt die Geschichte als Gegenbild zum Roman.
Der Blitz
Im Zweiten Weltkrieg erwarteten britische Experten, dass die deutschen Luftangriffe auf London Panik, Plünderungen und Zusammenbruch auslösen würden. Das Gegenteil geschah: Die Menschen halfen einander, die Moral hielt. Die Briten zogen daraus allerdings nicht den Schluss, dass Bombardierungen die Moral der Bevölkerung nicht brechen, sondern bombardierten ihrerseits deutsche Städte in der Hoffnung, genau das zu erreichen. Auch dort blieb der erwartete Zusammenbruch aus.
Soldaten, die nicht schießen
Bregman zitiert Untersuchungen, nach denen viele Soldaten in Kriegen absichtlich nicht oder daneben schossen, und Funde von Schlachtfeldern, auf denen Gewehre mehrfach geladen, aber nie abgefeuert waren. Er räumt ein, dass einige dieser Zahlen umstritten sind, sieht darin aber einen Hinweis auf eine tiefe Hemmung, andere Menschen zu töten.
Homo puppy
Die überraschendste These des Buches stammt aus der Biologie. Bregman beschreibt ein Experiment, das in der Sowjetunion begann: Forscher züchteten Füchse über Jahrzehnte nur nach einem Kriterium, ihrer Freundlichkeit gegenüber Menschen. Nach einigen Generationen veränderten sich nicht nur die Tiere im Verhalten, sondern auch im Aussehen: Hängeohren, Ringelschwänze, geflecktes Fell, kindlichere Gesichter. Freundlichkeit und Aussehen hingen zusammen.
Bregman folgt dem Anthropologen Brian Hare und anderen in der Vermutung, dass der Mensch sich auf ähnliche Weise selbst domestiziert hat. Unsere Vorfahren hätten über Jahrtausende die Freundlichsten bevorzugt, die besten Kooperationspartner, und dadurch sei eine Art entstanden, die auf Zusammenarbeit spezialisiert ist. Er nennt das Homo puppy, den Menschen als Welpen. Hinweise darauf sieht er etwa im Weiß unserer Augen, das anderen zeigt, wohin wir schauen, oder in der Fähigkeit zu erröten, die verrät, wenn wir uns schämen. Beides ergibt nur Sinn bei einem Wesen, das darauf angewiesen ist, dass andere ihm vertrauen. Überleben, so Bregman, sicherten nicht die Stärksten, sondern die Freundlichsten.
Die entzauberten Experimente
Der stärkste Teil des Buches nimmt sich einige der berühmtesten Belege für die dunkle Seite des Menschen vor und zeigt, dass sie bei näherem Hinsehen wackeln.
Das Stanford-Gefängnis-Experiment
1971 teilte der Psychologe Philip Zimbardo Studenten zufällig in Wärter und Gefangene ein und richtete im Keller der Stanford University ein Scheingefängnis ein. Nach wenigen Tagen quälten die Wärter die Gefangenen so sehr, dass das Experiment abgebrochen werden musste. Jahrzehntelang galt es als Beweis, dass gewöhnliche Menschen in der richtigen Rolle zu Sadisten werden. Bregman stützt sich auf Recherchen, vor allem des französischen Forschers Thibault Le Texier, die zeigten, dass die Wärter angeleitet worden waren, hart aufzutreten, dass manche Teilnehmer später angaben, Rollen gespielt zu haben, und dass das Experiment wissenschaftlichen Standards kaum genügte. Die meisten Fachleute betrachten es heute nicht mehr als belastbaren Befund.
Milgram, noch einmal
Auch Milgrams Gehorsamsexperimente, die uns schon bei Arendt und Cialdini begegnet sind, deutet Bregman um. Gestützt auf die Arbeit der Psychologin Gina Perry, die Milgrams Archiv auswertete, zeigt er: Viele Teilnehmer zweifelten daran, dass die Stromstöße echt waren, in manchen Varianten verweigerten sich mehr Menschen, als die berühmte Zahl nahelegt, und die, die weitermachten, taten es oft, weil sie glaubten, der Wissenschaft und einem guten Zweck zu dienen. Bregmans Pointe: Die Menschen gehorchten nicht aus Bosheit, sondern weil sie etwas Gutes tun wollten, und das wurde ausgenutzt.
Kitty Genovese
Die Geschichte vom Mord an Kitty Genovese in New York 1964, bei dem angeblich 38 Nachbarn untätig zusahen, ist uns im Cialdini-Essay begegnet. Bregman erzählt, was spätere Recherchen ergaben: Die Zahl war stark übertrieben, mehrere Nachbarn riefen die Polizei, und eine Nachbarin lief hinaus und hielt die sterbende Frau in den Armen. Andere Studien zeigen, dass in echten Notfällen in der überwiegenden Zahl der Fälle jemand hilft.
Die Osterinsel
Und schließlich widerspricht Bregman Diamond, der in einem späteren Buch die Osterinsel als Beispiel für eine Gesellschaft beschrieben hatte, die ihre eigene Umwelt zerstörte und sich in Kriegen selbst vernichtete. Bregman folgt Archäologen, nach denen die Abholzung eher durch eingeschleppte Ratten mitverursacht wurde und der Zusammenbruch der Bevölkerung vor allem durch europäische Krankheiten und Sklavenjäger im 19. Jahrhundert. Diese Debatte ist in der Fachwelt nicht abgeschlossen, aber Bregmans Punkt ist berechtigt: Die Geschichte vom selbstverschuldeten Untergang ist nicht so eindeutig, wie sie oft erzählt wird.
Warum gute Menschen Böses tun
Bregman ist nicht naiv. Er weiß, dass es Kriege, Völkermorde, Grausamkeit gibt, und er widmet einen wichtigen Teil des Buches der Frage, wie sie entstehen, wenn Menschen im Grunde gut sind. Seine Antwort ist überraschend und, wie ich finde, der klügste Teil des Buches.
Die Freundlichsten werden zu Tätern
Gerade weil Menschen so sozial sind, so Bregman, können sie Schreckliches tun. Das Böse entsteht selten aus Hass oder Lust an Gewalt, sondern aus Loyalität zur eigenen Gruppe. Bregman verweist auf Untersuchungen über Soldaten, die zeigen, dass sie weniger für Ideologien kämpften als für ihre Kameraden, und dazu passen Brownings Polizisten aus dem Arendt-Essay, die schossen, um nicht als Feiglinge vor den anderen dazustehen und die Gruppe nicht im Stich zu lassen. Dieselbe Eigenschaft, die uns zur Kooperation befähigt, macht uns anfällig dafür, mit der Gruppe Unrecht zu tun. Homo puppy ist freundlich zu denen, die zu ihm gehören.
Empathie macht blind
Im Anschluss an den Psychologen Paul Bloom argumentiert Bregman, Empathie sei wie ein Scheinwerfer: Sie leuchtet einzelne Menschen hell aus, meistens die, die uns ähnlich sind, und lässt alle anderen im Dunkeln. Wer sich in das Leid eines Opfers einfühlt, kann umso leichter Hass auf die Täter oder auf deren ganze Gruppe entwickeln. Propaganda arbeitet genau damit. Bregman plädiert deshalb, ähnlich wie Sapolsky, für Mitgefühl statt Empathie: eine Zuwendung, die nicht auf Ähnlichkeit angewiesen ist.
Macht verdirbt
Schließlich verweist Bregman auf Forschung, die zeigt, dass Macht Menschen verändert: Wer Macht gewinnt, wird oft weniger einfühlsam, impulsiver und selbstbezogener. Gesellschaften, in denen die Gewissenlosesten am leichtesten aufsteigen, bringen deshalb systematisch Führer hervor, die das Menschenbild der Furnier-Theorie zu bestätigen scheinen. Nicht der Mensch ist schlecht, sondern die Auslese an der Spitze ist schief.
Der Zusammenhang
Das ist eine interessante Synthese aus vielem, was auf meiner Liste stand. Arendt und Browning zeigen, wie gewöhnliche Menschen zu Tätern werden. Sapolsky zeigt, dass Oxytocin die eigene Gruppe stärkt und Fremden gegenüber misstrauisch macht. Dawkins zeigt, dass Kooperation evolutionär erfolgreich ist. Bregman fügt das zusammen: Wir sind gut, aber unsere Güte ist parteiisch, und genau deshalb gefährlich.
Was funktioniert
Im letzten Teil zeigt Bregman, was geschieht, wenn Institutionen vom Gegenteil der Furnier-Theorie ausgehen, also davon, dass Menschen vertrauenswürdig sind, solange man ihnen vertraut.
Gefängnisse ohne Gitter
In Norwegen besuchte Bregman Gefängnisse, die eher wie Dörfer aussehen: Häftlinge leben in kleinen Häusern, kochen selbst, arbeiten, haben Kontakt zu Wärtern, die sie eher als Begleiter verstehen. Die Rückfallquote ehemaliger Häftlinge ist in Norwegen deutlich niedriger als in den meisten anderen Ländern. Bregmans Folgerung: Wer Menschen wie Monster behandelt, bekommt Monster. Wer sie wie Menschen behandelt, bekommt eher Menschen zurück.
Pflege ohne Chefs
In den Niederlanden gründete ein Pfleger eine Organisation für häusliche Pflege, in der kleine Teams von Pflegekräften ohne Vorgesetzte arbeiten, ihre Patienten selbst betreuen und ihre Arbeit selbst organisieren. Die Pflegekräfte sind zufriedener, die Patienten auch, und die Kosten sind nach Bregmans Darstellung nicht höher, sondern eher niedriger. Hier trifft sich Bregman mit Gawande: Gute Pflege entsteht, wenn man den Menschen vertraut, den Pflegenden wie den Gepflegten.
Versöhnung
Zwei Geschichten über Versöhnung gehören zu den berührendsten des Buches. Die eine ist der Weihnachtsfrieden von 1914, als deutsche und britische Soldaten an der Westfront ohne Befehl ihre Gräben verließen, gemeinsam feierten und Geschenke tauschten, die Geschichte, die wir im Dawkins-Essay als Beispiel für Kooperation kennengelernt haben. Die andere spielt in Südafrika 1994: Nelson Mandela gelang es, durch Gespräche mit einem früheren Armeechef, der eine bewaffnete Bewegung weißer Nationalisten anführte, diesen zur Teilnahme an den ersten freien Wahlen zu bewegen und so einen drohenden Bürgerkrieg abzuwenden. Vermittelt hatte den Kontakt dessen Zwillingsbruder, der den entgegengesetzten politischen Weg gegangen war.
Bregman stützt das mit der Kontakthypothese: Vorurteile schwinden, wenn Menschen verschiedener Gruppen einander unter guten Bedingungen begegnen, auf Augenhöhe, mit gemeinsamen Zielen, über längere Zeit.
Bregmans Regeln
Am Ende des Buches formuliert Bregman Regeln für ein Leben nach diesem Menschenbild. In meinen Worten zusammengefasst:
- Im Zweifel das Gute annehmen. Die meisten Menschen meinen es nicht böse, und wer vom Schlechtesten ausgeht, liegt öfter falsch.
- Nach Lösungen suchen, bei denen beide gewinnen.
- Mehr fragen, weniger behaupten.
- Mitgefühl üben statt Empathie.
- Den anderen verstehen wollen, auch wenn man ihm nicht zustimmt.
- Die Eigenen lieben, wie andere die Ihren lieben.
- Weniger Nachrichten konsumieren.
- Den Gegner nicht demütigen, auch nicht den, den man für gefährlich hält, weil Demütigung Feindschaft vertieft.
- Sich nicht schämen, Gutes zu tun, sondern es zeigen, weil gutes Verhalten ansteckend ist.
- Realistisch bleiben. Optimismus nicht als Wunschdenken, sondern als begründete Hoffnung.
Was es dir bringt
Bregmans Buch ist eher ein Plädoyer als eine Anleitung. Aber es enthält eine Haltung, die sich im Alltag erstaunlich konkret auswirkt, und es bildet ein wichtiges Gegengewicht zu manchen anderen Büchern auf der Liste.
Der Ausgangspunkt im Umgang mit Menschen
Wie du anderen begegnest, hängt stark davon ab, was du von ihnen erwartest: der neue Nachbar, der Kollege, der dir widerspricht, der Fremde, der dich auf der Straße anspricht. Bregmans erste Regel, im Zweifel das Gute anzunehmen, ist dasselbe, was Axelrods Turnier im Dawkins-Essay gezeigt hat: Freundlich anfangen ist die erfolgreichste Strategie. Wer misstrauisch beginnt, erzeugt oft das Misstrauen, das er befürchtet.
Gutgläubig, aber nicht leichtgläubig
Hier braucht es eine wichtige Ergänzung, und sie verbindet Bregman mit Cialdini. Dass die meisten Menschen anständig sind, heißt nicht, dass die Menschen, die dich am Telefon um Geld bitten oder dir ein Anlageprodukt aufdrängen, eine Zufallsauswahl der Menschheit sind. Betrüger suchen sich ihre Opfer gezielt, und sie nutzen gerade die Gutgläubigkeit, die Bregman lobt. Die richtige Haltung ist deshalb doppelt: im Alltag das Gute annehmen, bei Geld, Unterschriften und Zeitdruck die Regeln aus dem Cialdini-Essay anwenden. Beides zusammen ist realistisch, Bregmans zehnte Regel.
Weniger Nachrichten
Bregman und Rosling kommen unabhängig voneinander zum selben Rat: Nachrichten zeigen systematisch das Außergewöhnliche, das Gewalttätige, das Katastrophale, weil das Gewöhnliche keine Nachricht ist. Wer viel Nachrichten konsumiert, bekommt ein düstereres Menschenbild, als die Wirklichkeit rechtfertigt. Ein Wochenmagazin oder ein gutes Buch statt der stündlichen Eilmeldungen ist nicht weltfremd, sondern genauer.
Streit ohne Demütigung
In Familien, Freundeskreisen und der Politik gibt es Menschen, deren Ansichten man für falsch oder sogar gefährlich hält. Bregmans Rat, mehr zu fragen, den anderen verstehen zu wollen und ihn nicht zu demütigen, ist schwer zu befolgen und selten falsch. Die Geschichte von Mandela zeigt, was möglich ist, wenn man selbst mit einem Gegner spricht, den man fürchten muss.
Vertrauen als Führungsstil
Wer Verantwortung für andere trägt, als Vorgesetzter, im Verein, in der Familie, kann aus Bregmans Beispielen lernen: Kontrolle erzeugt oft das Verhalten, das sie verhindern soll. Wer Menschen Verantwortung überträgt und ihnen vertraut, bekommt häufiger, als man denkt, Verantwortung und Vertrauen zurück. Das ist kein Allheilmittel, aber ein besserer Ausgangspunkt als Misstrauen.
Gutes zeigen
Und schließlich eine Regel, die gerade in der zweiten Lebenshälfte Gewicht hat: Sich nicht zu schämen, Gutes zu tun, sondern es sichtbar zu machen, weil gutes Verhalten ansteckt. Ein Ehrenamt, eine Spende, ein Engagement in der Nachbarschaft wirken nicht nur direkt, sondern auch als Beispiel. Bregman hat diesen Gedanken in einem späteren Buch über moralischen Ehrgeiz weiterentwickelt, mit der Forderung, die eigenen Fähigkeiten gezielt für große Probleme einzusetzen. Für jemanden, der mit 56 über die nächsten Jahrzehnte nachdenkt, ist das eine Einladung, die zu Frankls schöpferischem Sinn passt.
Meine Sicht
In meiner Liste stand: das Gegenstück zu Hobbes, teils zu optimistisch, aber eine notwendige Korrektur. Dabei bleibe ich. Die Korrektur ist notwendig, und der Optimismus ist an mehreren Stellen größer, als die Belege tragen.
Was mich überzeugt
Die Entzauberung der Klassiker. Das Kapitel über das Stanford-Gefängnis-Experiment allein lohnt das Buch. Bregman hat einem breiten Publikum gezeigt, dass einige der berühmtesten Beweise für die Schlechtigkeit des Menschen auf wackeligen Füßen stehen. Das passt zu dem, was ich im Kahneman-Essay über die Replikationskrise geschrieben habe, und es ist eine wichtige Lektion: Auch Pessimismus kann auf schlechter Wissenschaft beruhen.
Die Erklärung des Bösen durch das Gute. Der Gedanke, dass Menschen gerade aus Loyalität und Zugehörigkeit Schreckliches tun, nicht aus Bosheit, ist für mich die tiefste Einsicht des Buches. Er ist unbequemer als die Furnier-Theorie, weil er bedeutet, dass auch gute Menschen nicht sicher sind, und er passt zu Arendt, Browning und Sapolsky besser als die Vorstellung vom inneren Monster.
Die Folgen für Institutionen. Norwegische Gefängnisse, niederländische Pflegeteams, Mandela: Bregman zeigt, dass das Menschenbild, von dem man ausgeht, die Institutionen prägt, und die Institutionen das Verhalten. Das ist eine wichtige Brücke zu Acemoglu und Robinson.
Der Stil. Bregman erzählt lebendig, mit Reportagen vor Ort, Witz und Leidenschaft. Das Buch liest sich schnell.
Was mich stört
Die Auswahl. Bregman tut, was er anderen vorwirft: Er wählt die Geschichten, die seine These stützen. Für jede Tonga-Insel gibt es auch Fälle, in denen Gestrandete oder Eingeschlossene einander Schreckliches angetan haben. Für jeden Weihnachtsfrieden gibt es Massaker. Die Frage ist nicht, ob es gute Beispiele gibt, sondern wie sie sich zu den schlechten verhalten, und darauf gibt das Buch keine systematische Antwort.
Ein Strohmann. Kaum ein ernsthafter Forscher vertritt die Furnier-Theorie in der reinen Form, gegen die Bregman anschreibt. Die meisten Psychologen und Biologen sehen den Menschen als zu beidem fähig, Kooperation und Gewalt, je nach Lage. Bregman macht aus einem gemischten Bild einen Gegensatz, damit sein Optimismus als Revolution erscheint.
Die umstrittenen Belege. Einige seiner Gegenbeispiele sind selbst umstritten: die Zahlen über Soldaten, die nicht schießen, die Deutung der Osterinsel, die Selbstdomestizierungsthese, die in der Biologie interessant, aber keineswegs gesichert ist. Bregman nennt die Zweifel manchmal, gewichtet sie aber leichter als die Zweifel an den Befunden, die er widerlegen will.
Zu wenig über das Abgründige. Genozide, Folter, häusliche Gewalt, Sadismus: Das Buch erklärt viel davon mit Gruppenloyalität und Macht, aber es gibt Formen des Bösen, die sich so nicht vollständig erklären lassen. Sie kommen zu kurz.
Die Nähe zu Graeber und Wengrow. Beide Bücher erzählen eine neue Geschichte der Menschheit mit einer klaren Botschaft, und beide neigen dazu, die Belege dieser Botschaft unterzuordnen. Das macht sie anregend, aber man sollte sie nicht als neutrale Bestandsaufnahme lesen.
Mein Urteil
Als Gedankenbuch eine 6 von 10, als Lesevergnügen eine 9. Es ist ein wichtiges Buch zur richtigen Zeit, weil es gegen einen verbreiteten Zynismus anschreibt, und es ist ein Buch, dem man nicht alles glauben sollte. Mein Lesetipp: Lies die Kapitel über die entzauberten Experimente, über Homo puppy und über die Frage, warum gute Menschen Böses tun, gründlich. Den Rest zügig. Und lies es im Wechsel mit Arendt: Wer beide gelesen hat, weiß mehr als jeder, der nur einen von beiden kennt.
Die Liste im Rückblick
Mit Bregman ist die Liste durch, bis auf Pinker, den wir übersprungen haben. Zeit für einen Blick auf das Ganze. Die Bewertungen sind die aus den einzelnen Essays: Gedanken für den Wert der Ideen, Lesen für das Vergnügen und die Zugänglichkeit.
| Buch | Die Lehre in einem Satz | Gedanken | Lesen |
|---|---|---|---|
| Taleb: Narren des Zufalls | Ein gutes Ergebnis beweist keine gute Entscheidung | 8 | 6 |
| Taleb: Der Schwarze Schwan | Die Welt wird von seltenen Extremen geprägt, nicht von Durchschnitten | 9 | 7 |
| Taleb: Antifragilität | Manches wird durch Erschütterung stärker; streichen wirkt mehr als hinzufügen | 9 | 5 |
| Taleb: Das Risiko und sein Preis | Vermeide Ruin, vertraue denen, die selbst haften | 7 | 7 |
| Kahneman: Schnelles Denken, langsames Denken | Unser Urteil ist systematisch verzerrt, und Sicherheit beweist nichts | 10 | 6 |
| Frankl: … trotzdem Ja zum Leben sagen | Auch im Leid bleibt die Freiheit der Haltung | 9 | 9 |
| Marc Aurel: Selbstbetrachtungen | Nicht die Dinge beunruhigen uns, sondern unsere Urteile | 9 | 5, als Begleiter 10 |
| Diamond: Arm und Reich | Geografie, nicht Begabung, verteilte das Startkapital der Völker | 8 | 7 |
| Harari: Eine kurze Geschichte der Menschheit | Gemeinsame Fiktionen ermöglichen Zusammenarbeit unter Fremden | 7 | 9 |
| Rosling: Factfulness | Die Welt ist schlecht und wird besser, beides zugleich | 8 | 9 |
| Dawkins: Das egoistische Gen | Egoistische Gene bauen kooperative Wesen | 9 | 8 |
| Sapolsky: Gewalt und Mitgefühl | Jede Tat hat Ursachen auf allen Zeitskalen zugleich | 9 | 7 |
| Arendt: Eichmann in Jerusalem | Das Ungeheure braucht keine Ungeheuer, nur Menschen, die nicht mehr selbst urteilen | 9 | 6 |
| Popper: Die offene Gesellschaft | Gute Ordnungen erlauben, Fehler und Herrscher ohne Blutvergießen loszuwerden | 9 | 4 |
| Kuhn: Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen | Wissen wächst in Zyklen und Brüchen, nicht in gerader Linie | 8 | 7 |
| Acemoglu, Robinson: Warum Nationen scheitern | Armut ist oft das Geschäftsmodell der Mächtigen | 8 | 7 |
| Cialdini: Die Psychologie des Überzeugens | Unsere Abkürzungen sind die Einfallstore der Manipulation | 8 | 8 |
| Gawande: Sterblich sein | Am Ende zählt, was dem Menschen wichtig ist, nicht nur, wie lange er lebt | 9 | 9 |
| Graeber, Wengrow: Anfänge | Was unvermeidlich scheint, war oft eine Wahl | 7 | 6 |
| Sacks: Der Mann, der seine Frau … | Das Gehirn leistet Erstaunliches, und schöne Geschichten sind nicht immer wahr | 7 | 8 |
| Newport: Konzentriert arbeiten | Aufmerksamkeit ist die knappste Ressource und braucht Schutz | 6 | 8 |
| Bregman: Im Grunde gut | Die meisten Menschen sind anständig, und ihre Güte ist parteiisch | 6 | 9 |
Fünf Fäden, die sich durch die Liste ziehen
Wer die Essays hintereinander liest, merkt, dass die Bücher miteinander sprechen. Fünf Fäden halte ich für die wichtigsten.
Demut gegenüber dem Zufall und dem eigenen Urteil. Taleb, Kahneman, Rosling, Kuhn und Popper zeigen aus verschiedenen Richtungen dasselbe: Wir wissen weniger, als wir glauben, wir sehen Muster, wo Zufall ist, und wir sollten unsere Gewissheiten so behandeln, als könnten sie falsch sein. Daraus folgt kein Nihilismus, sondern Vorsicht: Ruin vermeiden, umkehrbare Schritte gehen, Kritik suchen.
Sinn, Haltung und Endlichkeit. Frankl, Marc Aurel und Gawande sprechen über das, was bleibt, wenn man vieles nicht mehr ändern kann: die Haltung, die Beziehungen, das, was einem wichtig ist. Kahnemans erinnerndes Selbst und Carstensens Forschung bei Gawande zeigen, dass diese Fragen mit dem Alter nicht kleiner, sondern drängender werden.
Die Doppelnatur des Menschen. Dawkins, Sapolsky, Arendt, Cialdini und Bregman beschreiben dasselbe Wesen von verschiedenen Seiten: kooperativ und parteiisch, hilfsbereit und verführbar, fähig zu großer Güte und zu großem Unrecht, oft aus denselben Gründen. Keines dieser Bücher allein hat recht. Zusammen ergeben sie ein ehrliches Bild.
Institutionen und Macht. Popper, Acemoglu und Robinson, Graeber und Wengrow, und auf ihre Weise Taleb mit seiner Forderung nach Haftung, zeigen, dass die Regeln, nach denen Gesellschaften Macht verteilen, über Wohlstand, Freiheit und Gerechtigkeit entscheiden, und dass diese Regeln gemacht sind und deshalb verändert werden können.
Geschichten gegen Wahrheit. Und schließlich ein Faden, der sich erst beim Lesen ergab: Harari, Graeber und Wengrow, Bregman, Sacks und auf seine Weise auch Arendt erzählen große, berührende Geschichten, und an mehreren Stellen erwiesen sich die schönsten Teile als zugespitzt, einseitig oder sogar erfunden. Kahnemans Warnung, dass sich eine gute Geschichte wahr anfühlt, gilt auch für Sachbücher. Wer diese Liste gelesen hat, hat nicht nur Wissen gesammelt, sondern auch gelernt, ihm mit freundlichem Misstrauen zu begegnen.
Wenn es nur drei sein dürften
Am Anfang habe ich gesagt: Kahneman, Frankl, Gawande. Nach allen Essays bleibe ich dabei. Kahneman, weil er dauerhaft verändert, wie man denkt. Frankl, weil er fragt, wofür. Gawande, weil er die Fragen stellt, vor denen jeder steht, und weil sie mit 56 näher sind als mit 36. Wenn ein viertes erlaubt wäre, dann Marc Aurel, als Begleiter für den Nachttisch.