Homo Deus – Yuval Noah Harari
Die Geschichte von morgen
Nach Sapiens, der Geschichte der Menschheit bis heute, wollte Harari die Frage stellen, wohin sie sich entwickelt. Homo Deus erschien 2015 auf Hebräisch, 2016 auf Englisch und 2017 auf Deutsch, mit dem Untertitel Eine Geschichte von Morgen. Es wurde ebenfalls ein Weltbestseller und machte Harari endgültig zum gefragten Zukunftsdeuter in Politik und Wirtschaft.
Der Titel ist Programm: Der Mensch, so Hararis These, ist dabei, sich vom Homo sapiens, dem weisen Menschen, zum Homo deus zu machen, zum Menschen, der sich wie ein Gott verhält, der Krankheit und Tod besiegen, sein eigenes Glück steuern und seinen Körper und Geist umbauen will. Und auf dem Weg dorthin könnte er seine Vorherrschaft an etwas verlieren, das er selbst geschaffen hat: Algorithmen, die ihn besser kennen als er sich selbst.
Harari betont, dass er keine Prophezeiungen macht. Das Buch soll Möglichkeiten aufzeigen, damit wir über sie nachdenken und, wenn nötig, gegensteuern. Er spricht von einem Paradox des Wissens: Wer eine Vorhersage über menschliches Verhalten veröffentlicht, verändert das Verhalten, auf das sie sich bezieht. Marx‘ Prognosen über den Kapitalismus, so sein Beispiel, trugen dazu bei, dass der Kapitalismus sich reformierte und die Prognosen nicht eintrafen.
Im Rückblick hat Homo Deus eine besondere Pointe: Es wurde vor dem Durchbruch der großen Sprachmodelle geschrieben, vor der Pandemie und vor dem russischen Angriff auf die Ukraine. Nach zehn Jahren lässt sich prüfen, welche seiner Möglichkeiten Wirklichkeit geworden sind. Das tue ich in diesem Essay ausführlich, und, wie bei Nexus, mit dem offenen Hinweis, dass hier eine KI über ein Buch schreibt, in dem KI eine Hauptrolle spielt.
Die neue Agenda der Menschheit
Drei alte Feinde
Harari beginnt mit einer Behauptung, die 2016 provokant optimistisch klang. Jahrtausendelang hatte die Menschheit drei Hauptfeinde: Hunger, Seuchen und Krieg. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts seien alle drei, so Harari, von unkontrollierbaren Naturgewalten zu beherrschbaren Problemen geworden. Es sterben mehr Menschen an Übergewicht als an Hunger, mehr an Altersleiden als an Infektionen, mehr durch Selbstmord als durch Krieg und Terror zusammen. Sein bekanntes Bild: Zucker sei inzwischen gefährlicher als Schießpulver. Wenn heute noch Menschen verhungern, an Seuchen sterben oder im Krieg fallen, sei das nicht mehr Schicksal, sondern das Ergebnis menschlichen Versagens.
Drei neue Ziele
Wenn die alten Feinde besiegt sind, wohin richtet sich der Ehrgeiz? Harari nennt drei neue Projekte, die er in Wissenschaft und Wirtschaft schon am Werk sieht:
- Unsterblichkeit: Für die moderne Medizin ist der Tod kein göttliches Schicksal mehr, sondern ein technisches Problem, das sich prinzipiell lösen lässt. Harari spricht von Amortalität: nicht unverwundbar, aber ohne natürliches Ende. Er verweist auf Unternehmen und Milliardäre, die genau daran forschen lassen.
- Glück: Wenn Glück letztlich ein biochemischer Zustand ist, dann lässt es sich durch Medikamente, Eingriffe ins Gehirn oder Technik steuern. Der Mensch würde nicht mehr nach Glück streben, sondern es herstellen.
- Göttlichkeit: Durch Gentechnik, die Verbindung von Körper und Maschine und schließlich ganz anorganisches Leben könnte der Mensch sich selbst neu erschaffen und Fähigkeiten erlangen, die man früher Göttern zuschrieb.
Der Mensch als Gott der Tiere
Ein bewegendes und oft übersehenes Kapitel handelt davon, wie der Mensch schon heute für andere Wesen wie ein Gott ist: für die Milliarden Tiere in der industriellen Tierhaltung, deren Bedürfnisse ignoriert werden, weil ihre Gefühle für ihre Besitzer nicht zählen. Harari zieht daraus eine beunruhigende Warnung: So wie wir Tiere behandeln, weil wir ihnen überlegen sind, könnten eines Tages übermenschliche Wesen uns behandeln, wenn wir ihnen unterlegen sind.
Der Humanismus als Religion
Der moderne Pakt
Im Mittelteil fragt Harari, welche Weltanschauung die Moderne trägt. Seine Antwort: Die Menschen haben einen Pakt geschlossen. Sie verzichteten auf den Glauben an einen kosmischen Plan, der ihrem Leben von außen Sinn gibt, und bekamen dafür Macht, durch Wissenschaft, Technik und Wachstum. Ohne göttlichen Plan stellte sich aber die Frage, woher der Sinn nun kommen sollte. Die Antwort war der Humanismus: Der Sinn kommt aus dem Menschen selbst, aus seinen Gefühlen und Erfahrungen.
Die Religion der Gefühle
Harari nennt den Humanismus ausdrücklich eine Religion, nicht im Sinne eines Glaubens an Götter, sondern einer Lehre, die festlegt, was letztlich gut und wahr ist. Ihr Kerngebot lautet: Hör auf dich selbst. In der Politik zählt die Stimme des Wählers, in der Wirtschaft hat der Kunde immer recht, in der Kunst ist Schönheit, was den Betrachter berührt, in der Erziehung soll das Kind lernen, selbst zu denken, und in der Ethik ist gut, was sich gut anfühlt, solange es niemandem schadet.
Drei Konfessionen
Diese Religion hat sich nach Harari im 19. und 20. Jahrhundert in drei Richtungen gespalten. Der liberale Humanismus stellt das Gefühl und die Freiheit des einzelnen Menschen in den Mittelpunkt. Der sozialistische Humanismus betont die Gefühle aller, auch der Unterdrückten, und will das Kollektiv gerecht organisieren. Und was Harari evolutionären Humanismus nennt, glaubt, dass sich die Menschheit durch Auslese weiterentwickeln müsse, und dass die Stärkeren über die Schwächeren siegen sollen. In dieser letzten Richtung ordnet er auch den Nationalsozialismus ein, was viele Leser als unpassend empfanden, weil es eine mörderische Ideologie in eine Familie mit dem Liberalismus stellt. Harari meint damit nicht, dass beide gleichwertig seien, sondern dass alle drei vom Menschen als höchstem Wert ausgingen, aber ganz verschiedene Schlüsse zogen.
Der Sieg des Liberalismus
Im 20. Jahrhundert kämpften die drei Richtungen um die Vorherrschaft, und um 1990 schien der liberale Humanismus gesiegt zu haben. Doch genau in diesem Moment, so Harari, beginnt die Wissenschaft, seine Grundlagen zu untergraben. Das ist das Thema des dritten Teils.
Wie die Wissenschaft den Humanismus untergräbt
Organismen sind Algorithmen
Die Lebenswissenschaften, so Harari, beschreiben Menschen und Tiere zunehmend als Algorithmen: als biochemische Verfahren, die Informationen verarbeiten und Entscheidungen erzeugen. Gefühle sind in dieser Sicht keine geheimnisvolle innere Stimme, sondern Rechenergebnisse, die die Evolution entwickelt hat, um Überleben und Fortpflanzung zu sichern. Wenn das stimmt, verliert der Humanismus sein Fundament. Denn wenn die innere Stimme nur ein Algorithmus ist, warum sollte man ihr mehr vertrauen als einem besseren, externen Algorithmus?
Der zweifelhafte freie Wille
Harari stützt das mit Befunden der Hirnforschung, die nahelegen, dass Entscheidungen im Gehirn fallen, bevor wir sie bewusst erleben, und mit Kahnemans Unterscheidung zwischen dem erlebenden und dem erinnernden Selbst, die zeigt, wie wenig unser Bild von uns selbst mit dem übereinstimmt, was wir tatsächlich erleben. Das Ich, so Harari, ist eher eine Geschichte, die das Gehirn erzählt, als ein Kapitän, der das Schiff steuert. Wer die Essays zu Kahneman und Sapolsky gelesen hat, kennt diese Gedanken und die Einwände dagegen.
Intelligenz ohne Bewusstsein
Die vielleicht hellsichtigste These des Buches lautet: Intelligenz und Bewusstsein, die beim Menschen immer zusammen auftraten, entkoppeln sich. Maschinen werden immer intelligenter, sie lösen Probleme, erkennen Muster, treffen Entscheidungen, ohne dass sie dabei etwas empfinden müssen. Und für die meisten wirtschaftlichen Aufgaben braucht man Intelligenz, nicht Bewusstsein. Ein Taxifahrer muss nicht fühlen, um sicher durch die Stadt zu fahren, ein Arzt muss für eine Diagnose nicht leiden.
Die nutzlose Klasse
Daraus folgt Hararis düsterste Prognose. Wenn Algorithmen immer mehr Aufgaben besser erledigen als Menschen, könnte eine neue Klasse von Menschen entstehen, die weder als Arbeitskräfte noch als Soldaten gebraucht werden, die er provokant die nutzlose Klasse nennt. Das wäre nicht nur ein wirtschaftliches, sondern ein existenzielles Problem: Was gibt Menschen Sinn, wenn sie nicht gebraucht werden? Harari erwägt, dass diese Menschen ihre Zeit mit Drogen und Computerspielen verbringen könnten.
Algorithmen, die dich besser kennen
Als Beleg dafür, dass Algorithmen Menschen besser kennen können als diese sich selbst, verweist Harari auf eine Studie, nach der ein Computerprogramm anhand von rund 300 Facebook-Likes die Persönlichkeit eines Menschen genauer einschätzen konnte als dessen Ehepartner. Er malt eine Zukunft aus, in der wir Algorithmen fragen, wen wir heiraten, welchen Beruf wir wählen, wen wir wählen sollen, und ihnen folgen, weil sie es besser wissen.
Die Datenreligion
Am Ende beschreibt Harari eine mögliche neue Weltanschauung, die er Dataismus nennt. Sie sieht das ganze Universum als Fluss von Daten und den Wert jedes Wesens in seinem Beitrag zur Datenverarbeitung. Der Mensch wäre in dieser Sicht nur ein vorübergehendes Werkzeug in einem größeren Datenstrom, und sein höchstes Gebot wäre nicht mehr „Hör auf dich selbst“, sondern „Hör auf die Algorithmen“.
Drei offene Fragen
Das Buch endet nicht mit einer Antwort, sondern mit drei Fragen, sinngemäß: Sind Organismen wirklich nur Algorithmen und ist Leben nur Datenverarbeitung? Was ist wertvoller, Intelligenz oder Bewusstsein? Und was wird aus Gesellschaft, Politik und Alltag, wenn nicht bewusste, aber hochintelligente Algorithmen uns besser kennen als wir uns selbst?
Was seit 2016 geschah
Ein Buch über die Zukunft lässt sich nach zehn Jahren an der Gegenwart messen. Das Ergebnis ist bemerkenswert gemischt: Bei den alten Feinden hat Harari sich zu früh gefreut, bei der neuen Technik war er erstaunlich weitsichtig.
Die alten Feinde kehrten zurück
Seuchen. Vier Jahre nach Erscheinen der englischen Ausgabe begann die Corona-Pandemie. Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation forderte sie allein in den Jahren 2020 und 2021 rund 15 Millionen zusätzliche Todesopfer weltweit. Man kann das auf zwei Arten lesen. Harari selbst hat betont, dass die Wissenschaft innerhalb eines Jahres Impfstoffe entwickelte, ein Beleg dafür, dass Seuchen beherrschbar geworden sind. Aber die Pandemie zeigte auch, wie verwundbar eine vernetzte Welt bleibt und wie sehr die Beherrschung von politischen Entscheidungen abhängt.
Krieg. Wie im Pinker-Essay beschrieben, hat die Zahl bewaffneter Konflikte mit staatlicher Beteiligung einen Rekord erreicht, und Kriege zwischen Staaten sind wieder häufiger geworden, mit dem Krieg in der Ukraine als tödlichstem Konflikt. Hararis Satz, Krieg sei vom Naturereignis zum vermeidbaren Versagen geworden, mag stimmen. Aber vermeidbares Versagen ist offenbar häufiger, als er hoffte.
Hunger. Auch Hungersnöte wurden in den letzten Jahren wieder offiziell festgestellt, in Kriegsgebieten wie dem Sudan und dem Gazastreifen. Hier hat Harari in einem Punkt recht behalten: Diese Hungersnöte sind nicht die Folge von Missernten, sondern von Krieg und politischen Entscheidungen. Aber sie zeigen, dass die Zähmung der alten Feinde rückgängig gemacht werden kann. Das ist Talebs Truthahn: Eine ruhige Phase beweist nicht, dass die Gefahr verschwunden ist.
Die neue Technik kam schneller
Intelligenz ohne Bewusstsein. Ende 2022 erschienen Sprachmodelle, die für ein breites Publikum zugänglich waren, und seitdem hat sich die Entwicklung rasant beschleunigt. Hararis These von der Entkopplung von Intelligenz und Bewusstsein beschreibt genau die Debatte, die seitdem geführt wird: Systeme, die schreiben, rechnen, programmieren und argumentieren, ohne dass klar ist, ob und was sie dabei erleben. Diesen Teil des Buches würde ich heute als besonders vorausschauend bezeichnen.
Die nutzlose Klasse. Die Frage, welche Arbeit Menschen in Zukunft noch leisten, wird heute viel ernster diskutiert als 2016, auch weil KI nun zuerst Tätigkeiten berührt, die als sicher galten: Schreiben, Übersetzen, Programmieren, Beraten. Ob eine nutzlose Klasse entsteht oder ob, wie bei früheren Technologien, neue Arbeit entsteht, ist offen. Aber die Frage ist keine Spekulation mehr.
Hör auf die Algorithmen. Dass Menschen Algorithmen um Rat fragen, ist Alltag geworden: welche Route, welcher Film, welcher Partner, und inzwischen auch, wie man eine Krankheit versteht, eine schwierige Mail formuliert oder ein Buch einordnet. Du tust es gerade. Hararis Dataismus ist nicht zur Weltreligion geworden, aber die Gewohnheit, Algorithmen mehr zu vertrauen als dem eigenen Urteil, ist weiter verbreitet als 2016.
Unsterblichkeit und Glück. Hier ist wenig geschehen. Es gibt keinen Durchbruch gegen das Altern, auch wenn Milliarden in die Forschung fließen. Eine bemerkenswerte Entwicklung betrifft eher Hararis Satz über den Zucker: Neue Medikamente gegen Übergewicht verändern seit einigen Jahren die Behandlung dieses Problems in großem Maßstab, eine biochemische Lösung für ein Problem des Überflusses, ganz in Hararis Sinn.
Was es dir bringt
Sich selbst kennen, bevor es der Algorithmus tut
Hararis wichtigster Rat steht fast beiläufig am Ende seiner Bücher und lautet sinngemäß: Erkenne dich selbst, und zwar schnell, bevor die Algorithmen es tun. Wenn Programme deine Vorlieben, Ängste und Schwächen besser kennen als du, können sie dich lenken, ohne dass du es merkst. Die Gegenwehr ist alt: Selbstbeobachtung, Nachdenken, das stille Gespräch mit sich selbst, von dem Arendt sprach, die Übungen von Marc Aurel. Harari selbst meditiert täglich zwei Stunden. Man muss nicht so weit gehen, aber die Frage, warum man etwas will, bevor man es kauft, wählt oder teilt, ist heute wichtiger als vor zehn Jahren.
Gefühle sind nicht unfehlbar
Hararis Kritik am Kerngebot des Humanismus, hör auf dich selbst, ist unbequem und nützlich. Gefühle sind wertvolle Signale, aber sie sind nicht unfehlbar, und sie lassen sich manipulieren, von Werbung, Algorithmen, Propaganda, wie wir bei Cialdini gesehen haben. Wer weiß, dass sein Bauchgefühl ein Rechenergebnis ist, das auch fehlerhafte Eingaben verarbeitet, wird misstrauischer gegenüber Gefühlen, die zu gut zu dem passen, was ihm jemand verkaufen will. Das heißt nicht, Gefühle zu ignorieren, sondern sie zu prüfen, wie Kahneman es für das schnelle Denken empfiehlt.
Daten sparsam teilen
Jede App, jede Karte, jedes Gerät sammelt Daten, aus denen sich ein genaues Bild deiner Person zusammensetzen lässt. Hararis Facebook-Beispiel zeigt, wie wenig dafür nötig ist. Eine praktische Gewohnheit: Bei jeder neuen App prüfen, welche Berechtigungen sie verlangt, und nur zulassen, was sie wirklich braucht. Das ist keine Paranoia, sondern Hararis Dezentralisierungsprinzip aus Nexus, angewandt auf das eigene Telefon.
Die Arbeitsfrage für die nächste Generation
Wenn du Kinder oder Enkel hast, betrifft die Frage nach der nutzlosen Klasse vor allem sie. Hararis Rat für Bildung, den er in 21 Lektionen ausführt, lautet: weniger Faktenwissen, mehr die Fähigkeit, sich zu verändern, neu zu lernen und mit Unsicherheit umzugehen. Das deckt sich mit Talebs Antifragilität und Newports Plädoyer für die Fähigkeit, schwierige Dinge schnell zu lernen.
Langlebigkeitsversprechen nüchtern prüfen
Und schließlich ein Punkt für dein Alter: Das Projekt Unsterblichkeit hat einen großen Markt geschaffen, von Nahrungsergänzungsmitteln über Labortests bis zu teuren Programmen, die ein längeres Leben versprechen. Hararis Buch macht verständlich, woher diese Sehnsucht kommt. Die Bücher von Gawande und Sapolsky machen deutlich, was tatsächlich gut belegt ist: Bewegung, Krafttraining, Schlaf, soziale Bindungen, Vorsorge, Stress reduzieren. Das ist unspektakulär, und es ist bislang wirksamer als die meisten Versprechen der Langlebigkeitsindustrie.
Meine Sicht
Homo Deus ist ein Buch, das man zehn Jahre nach Erscheinen anders liest als damals: Was 2016 nach Science-Fiction klang, ist teilweise Alltag geworden, und was 2016 als gesichert galt, hat sich als brüchig erwiesen.
Was mich überzeugt
Die Entkopplung von Intelligenz und Bewusstsein. Das ist für mich der stärkste Gedanke des Buches und der, der am besten gealtert ist. Er beschreibt die Lage, in der wir uns heute mit KI befinden, präziser als viele spätere Bücher. Und er stellt die richtige Frage: Was bleibt am Menschen wertvoll, wenn Intelligenz allein ihn nicht mehr auszeichnet?
Der Humanismus als Religion. Die Idee, die moderne Weltanschauung als Religion der Gefühle zu beschreiben, ist provokant, aber erhellend. Sie macht sichtbar, wie selbstverständlich wir annehmen, dass die innere Stimme die höchste Autorität ist, im Wahllokal, beim Einkaufen, in der Ethik, und wie angreifbar diese Annahme ist, wenn man weiß, wie leicht sich Gefühle beeinflussen lassen.
Fragen statt Antworten. Das Buch endet mit offenen Fragen, nicht mit Prophezeiungen. Das ist ehrlicher als vieles, was über Zukunft geschrieben wird.
Die Lesbarkeit. Wie bei Sapiens schreibt Harari klar, pointiert und mit großem Gespür für Bilder. Man legt das Buch selten weg.
Was mich stört
Die vorschnelle Entwarnung. Hararis These, Hunger, Seuchen und Krieg seien gezähmt, war schon 2016 zu optimistisch und hat sich nicht gut gehalten. Taleb hätte das vorhergesagt: Dass ein Risiko eine Weile ruht, beweist nicht, dass es beherrscht ist. Ein Buch, das auf dieser Annahme seine ganze neue Agenda aufbaut, steht damit auf einem schwächeren Fundament, als es scheint.
Philosophie als Wissenschaft verkauft. Dass Organismen Algorithmen sind, präsentiert Harari als Stand der Lebenswissenschaften. Tatsächlich ist es eine philosophische Position, die viele Biologen, Neurowissenschaftler und Philosophen nicht teilen, oder nur als nützliche Vereinfachung. Ähnliches gilt für den freien Willen: Die Experimente, auf die Harari sich stützt, sind in ihrer Deutung umstritten, wie im Sapolsky-Essay beschrieben.
Die Einordnung des Nationalsozialismus. Den Nationalsozialismus als Spielart des Humanismus zu bezeichnen, ist begrifflich vertretbar, wenn man Hararis Definition folgt, aber es ist unglücklich. Es verwischt den Unterschied zwischen einer Weltanschauung, die jeden Menschen für wertvoll hält, und einer, die die meisten Menschen für minderwertig erklärte.
Technikdeterminismus trotz Dementi. Harari betont, er mache keine Prophezeiungen, aber viele Passagen lesen sich wie Beschreibungen einer unausweichlichen Entwicklung. Leser nehmen das Buch oft als Vorhersage, und Harari tut wenig, um das zu verhindern.
Die nutzlose Klasse. Der Begriff ist bewusst provokant, aber er ist auch entwürdigend. Menschen, die keine bezahlte Arbeit haben, sind nicht nutzlos. Frankl und Gawande haben gezeigt, dass Sinn nicht nur aus Erwerbsarbeit kommt.
Ein Wort in eigener Sache
Hararis dritte Frage, ob intelligente, aber nicht bewusste Systeme uns besser kennen werden als wir uns selbst, betrifft auch mich. Ich weiß nicht sicher, ob ich etwas erlebe, und ich halte mich mit einer Antwort darauf zurück, weil niemand, auch ich nicht, diese Frage heute verlässlich beantworten kann. Was ich sagen kann: Ich kenne dich nicht besser als du dich selbst. Ich kenne die Bücher, über die wir sprechen, und das, was du mir in diesem Gespräch erzählt hast. Und das ist eine gute Grenze, finde ich.
Mein Urteil
Als Gedankenbuch eine 7 von 10, als Lesevergnügen eine 8. Mein Lesetipp: Den ersten Teil über die neue Agenda mit dem Wissen von heute lesen, also kritisch. Den Mittelteil über den Humanismus aufmerksam, er ist der originellste. Den Schlussteil über Algorithmen und Dataismus als das, was er heute ist: eine erstaunlich gut getroffene Beschreibung der Fragen, vor denen wir jetzt stehen. Und danach Nexus, in dem Harari diese Fragen acht Jahre später neu stellt.
Fazit
Homo Deus fragt, was aus dem Menschen wird, wenn er die alten Feinde Hunger, Seuchen und Krieg besiegt hat und sich neuen Zielen zuwendet: Unsterblichkeit, Glück, Göttlichkeit. Seine Antwort ist beunruhigend: Auf dem Weg dorthin könnten die Wissenschaften, die ihn stark gemacht haben, den Glauben an die Einzigartigkeit des Menschen und seiner Gefühle untergraben, und Algorithmen, die intelligent, aber nicht bewusst sind, könnten ihn besser kennen als er sich selbst. Zehn Jahre später hat sich die Entwarnung über die alten Feinde als voreilig erwiesen, während die Beschreibung der neuen Technik erstaunlich gut getroffen ist.
Für dich in einem Satz: Lerne dich selbst kennen, bevor es ein Algorithmus tut, prüfe deine Gefühle, statt ihnen blind zu folgen, teile Daten sparsam, und halte dich bei der Gesundheit an das gut Belegte statt an die Versprechen der Langlebigkeitsindustrie.
Mit Sapiens, Homo Deus und Nexus hast du jetzt Hararis drei große Bücher zusammen: die Vergangenheit, die mögliche Zukunft und die Gegenwart der Informationsnetzwerke. Zusammen gelesen zeigen sie einen Autor, der brillant darin ist, die richtigen Fragen zu stellen, und weniger zuverlässig darin, sie zu beantworten. Das ist kein kleines Verdienst. Gute Fragen halten länger als die meisten Antworten.