Gewalt und Mitgefühl – Robert Sapolsky
Ein Neurobiologe unter Pavianen
Robert Sapolsky, 1957 in New York geboren, ist Neurobiologe und Professor an der Stanford University. Er führt seit Jahrzehnten ein Doppelleben: Einen Teil des Jahres forschte er im Labor über Stresshormone und das Gehirn, einen anderen Teil lebte er über viele Jahre in Kenia bei einer Gruppe wilder Paviane, deren Rangordnungen, Freundschaften, Konflikte und Stresswerte er beobachtete. Daraus entstanden unter anderem Warum Zebras keine Migräne kriegen, eines der besten Bücher über Stress, und A Primate’s Memoir, ein komisches und trauriges Buch über seine Zeit in Afrika.
Gewalt und Mitgefühl, im Original Behave, erschien 2017 und ist sein Hauptwerk. Der deutsche Untertitel nennt das Thema: Die Biologie des menschlichen Verhaltens. Es ist ein Buch von fast 1.000 Seiten in der deutschen Ausgabe, mit Anmerkungen, Anhängen und einem Grundkurs in Neurobiologie, Endokrinologie und Proteinen für Leser ohne Vorkenntnisse. Es ist das dickste Buch auf meiner Liste und, das sei gleich gesagt, eines der lohnendsten.
Sapolsky stellt eine einzige Frage: Warum hat ein Mensch getan, was er getan hat? Er meint das ganze Spektrum menschlichen Verhaltens, vom Schlimmsten bis zum Besten, vom Abdrücken einer Waffe bis zum Halten einer Hand. Und seine Antwort lautet im Kern: Es ist kompliziert. Aber er zeigt, wie es kompliziert ist, und das ist die eigentliche Leistung des Buches.
Sapolsky schreibt mit einem Humor, der in naturwissenschaftlichen Büchern selten ist: Fußnoten voller Abschweifungen, Selbstironie, Wortspiele und gelegentlich Ausbrüche echter Wut über Ungerechtigkeit. Man merkt auf jeder Seite, dass ihn die Frage nicht nur akademisch interessiert.
Die Methode: Schritt für Schritt zurück
Das Geniale an dem Buch ist sein Aufbau. Sapolsky nimmt eine einzige Handlung, einen Schlag oder eine tröstende Berührung, und fragt: Was passierte eine Sekunde davor im Gehirn, das sie auslöste? Dann: Was passierte Sekunden bis Minuten davor in der Umgebung, das dieses Gehirn in diesen Zustand brachte? Dann: Welche Hormone waren in den Stunden und Tagen davor im Spiel? Und so weiter, immer weiter zurück, über Jugend, Kindheit, Mutterleib und Gene bis zur Kultur und zur Evolution.

Sapolskys Aufbau · von der Sekunde vorher bis zur Evolution
Die Pointe liegt nicht in einer einzelnen Ebene, sondern darin, dass alle zugleich wirken. Sapolsky warnt immer wieder vor der Versuchung, eine einzige Ursache zu suchen: das Gen für Gewalt, das Hormon für Aggression, die Gehirnregion für Moral. Jede Ebene ist das Ergebnis der Ebenen davor und wirkt auf die danach. Ein Gen wirkt anders je nach Kindheit, ein Hormon anders je nach Kultur, eine Gehirnregion anders je nach dem, was der Mensch gerade gegessen oder erlebt hat. Wer nach der einen Ursache fragt, hat die Frage schon falsch gestellt.
Die Ebenen im Einzelnen
Ich greife aus jeder Ebene das heraus, was mir am wichtigsten und am überraschendsten erscheint.
Eine Sekunde vorher: das Gehirn
Drei Akteure stehen im Mittelpunkt. Der Mandelkern, die Amygdala, ist die Zentrale für Angst und Aggression. Er reagiert blitzschnell, bevor das Bewusstsein überhaupt weiß, was los ist. Das Stirnhirn, der präfrontale Kortex, ist sein Gegenspieler. Sapolskys Lieblingsdefinition seiner Aufgabe lautet sinngemäß: das Schwerere tun, wenn es das Richtige ist. Er bremst Impulse, denkt an Folgen, hält Regeln ein. Und das Dopaminsystem ist nicht, wie oft behauptet, für Lust zuständig, sondern für Erwartung und Antrieb. Am stärksten feuert es bei einer unsicheren Belohnung, beim „Vielleicht“, was erklärt, warum Glücksspiel, unregelmäßige Nachrichten auf dem Handy und Hoffnung so mächtig sind.
Sekunden bis Minuten vorher: die Reize
Unser Gehirn reagiert auf eine Fülle von Signalen, die wir nicht bewusst wahrnehmen: Gesichter, Gerüche, Stimmlagen, Körperhaltungen. Ein Gesicht, das einer anderen Gruppe zugeordnet wird, kann den Mandelkern binnen Sekundenbruchteilen aktivieren. Aber, und das ist Sapolsky wichtig, diese Reaktion ist formbar: Sie hängt davon ab, wie die Gruppe im Kopf definiert ist, und verschwindet, wenn der andere als Individuum oder als Mitglied der eigenen Gruppe wahrgenommen wird. Auch Hunger, Schmerz und Müdigkeit verschieben in dieser Zeitspanne Urteile.
Stunden bis Tage vorher: die Hormone
Hier räumt Sapolsky mit populären Irrtümern auf. Testosteron macht nicht aggressiv. Es verstärkt, was nötig ist, um den eigenen Status zu verteidigen. In einer Kultur, in der Status durch Kampf entsteht, fördert es Aggression. In einem Experiment, in dem man Status durch Großzügigkeit gewann, machte Testosteron die Teilnehmer fairer. Pikant: Wer nur glaubte, Testosteron bekommen zu haben, verhielt sich unfairer, offenbar weil er dem Klischee folgte.
Oxytocin, oft als Kuschelhormon verkauft, fördert Vertrauen und Bindung, aber vor allem innerhalb der eigenen Gruppe. Gegenüber Fremden kann es Misstrauen verstärken. Und die Stresshormone: Kurzfristig helfen sie, chronisch schaden sie. Dauerstress schwächt das Stirnhirn und stärkt den Mandelkern. Das Ergebnis sind mehr Angst, mehr Reizbarkeit und schlechtere Entscheidungen. Das ist Sapolskys eigenes Forschungsgebiet, und es ist für den Alltag vielleicht das wichtigste Kapitel.
Die Jugend: das späte Stirnhirn
Das Stirnhirn ist die Region, die als letzte ausreift, erst mit Mitte zwanzig. Das erklärt vieles an Jugendlichen. Sapolsky zieht aber eine tiefere Folgerung: Weil diese Region so spät fertig wird, ist sie am wenigsten von den Genen und am stärksten von Erfahrung geprägt. Gerade der Teil des Gehirns, der uns zu moralischem Handeln befähigt, ist derjenige, den Kindheit, Umgebung und Kultur am meisten formen.
Kindheit und Mutterleib
Armut, Vernachlässigung, Gewalt in der Kindheit hinterlassen messbare Spuren in Gehirn und Stresssystem, die ein Leben lang nachwirken können. Sapolsky geht noch weiter zurück: Selbst der Stress der Mutter in der Schwangerschaft und ihre Ernährung beeinflussen das spätere Leben. Ein berühmtes Beispiel ist der niederländische Hungerwinter 1944/45: Menschen, die damals im Mutterleib hungerten, hatten Jahrzehnte später häufiger Stoffwechsel- und andere Erkrankungen.
Gene
Das Kapitel über Gene ist eine einzige Warnung vor Vereinfachung. Gene wirken fast nie allein, sondern in Abhängigkeit von der Umwelt. Bekannt wurde eine Genvariante, die mit Aggression in Verbindung gebracht wurde, aber nur bei Menschen, die als Kinder misshandelt worden waren. Die Befunde dazu sind inzwischen gemischt, aber das Prinzip gilt: Es gibt kein Gen für Gewalt, sondern Gene, die in bestimmten Umwelten bestimmte Wahrscheinlichkeiten verschieben.
Kultur und Ökologie
Schließlich die längsten Zeitskalen. Kulturen unterscheiden sich darin, ob sie das Individuum oder die Gemeinschaft betonen, und das zeigt sich bis in die Wahrnehmung. Besonders anschaulich sind Ehrkulturen, die sich oft bei Hirtenvölkern entwickelten, wo man Herden schnell stehlen konnte und Abschreckung überlebenswichtig war. In einem bekannten Experiment reagierten Studenten aus den Südstaaten der USA, wo viele Siedler aus solchen Hirtengesellschaften stammten, auf eine Beleidigung mit stärkeren Stress- und Testosteronreaktionen als Studenten aus dem Norden. Jahrhunderte alte Lebensweisen wirken in heutigen Hormonspiegeln nach.
Wir und die anderen, Mitgefühl, Frieden
Nach dem Gang durch die Zeitskalen wendet Sapolsky das Gelernte auf große Themen an. Vier davon stechen heraus.
Wir und die anderen
Menschen teilen die Welt mit erschreckender Leichtigkeit in Gruppen. In klassischen Experimenten reicht es, Versuchspersonen nach einem bedeutungslosen Kriterium aufzuteilen, etwa ob sie lieber Bilder von Klee oder von Kandinsky mögen, und schon bevorzugen sie die eigene Gruppe. Die Neigung zum Wir gegen die anderen ist tief verankert. Aber, und das ist die hoffnungsvolle Hälfte: Die Grenzen dieser Gruppen sind beweglich. Wer heute zu „denen“ gehört, kann morgen zu „uns“ gehören, weil er denselben Fußballverein unterstützt, dasselbe Problem teilt oder dieselbe Sprache spricht. Die Frage ist nicht, ob wir Gruppen bilden, sondern wie wir sie zuschneiden.
Rang und Stress
Aus seiner Forschung an Pavianen bringt Sapolsky einen Befund mit, der auch für Menschen gilt. Wie gesund ein Tier ist, hängt stark von seinem Rang ab, aber nicht so einfach, wie man denkt. In einer stabilen Hierarchie leiden die Rangniedrigen unter dem meisten Stress. In einer instabilen, in der ständig um Positionen gekämpft wird, sind es die Ranghohen. Beim Menschen sagt nicht nur das tatsächliche Einkommen, sondern das Gefühl, wo man im Vergleich zu anderen steht, die Gesundheit voraus. Ungleichheit und das Gefühl der Unterlegenheit machen messbar krank.
Empathie ist nicht Mitgefühl
Eine Unterscheidung, die ich für sehr wertvoll halte. Empathie bedeutet, den Schmerz eines anderen mitzufühlen. Das klingt gut, kann aber dazu führen, dass man selbst so belastet ist, dass man sich abwendet, um sich zu schützen. Mitgefühl dagegen bedeutet, sich dem anderen zuzuwenden, ohne in seinem Leid unterzugehen, mit einer gewissen inneren Distanz, die überhaupt erst handlungsfähig macht. Sapolsky berichtet von Studien mit erfahrenen Meditierenden, bei denen Mitgefühlsübungen nicht die Leidensareale im Gehirn aktivierten, sondern Areale, die mit Zuwendung und Handeln zu tun haben. Wer anderen dauerhaft helfen will, ist mit Mitgefühl besser beraten als mit Mit-Leiden.
Ekel und Moral
Ein verblüffender Befund: Dieselbe Gehirnregion, die Inselrinde, verarbeitet den Ekel vor verdorbenem Essen und den Ekel vor moralischem Fehlverhalten. Unser Gehirn unterscheidet nicht sauber zwischen einem Geschmack, der schlecht ist, und einer Tat, die schlecht ist. Das erklärt, warum Propaganda andere Menschen so oft als Ungeziefer, Schmutz oder Krankheit darstellt: Sie aktiviert den körperlichen Ekel und macht so Gewalt leichter.
Der Waldtrupp: Frieden ist möglich
Die schönste Geschichte des Buches stammt aus Sapolskys eigener Forschung. Eine Pavianhorde, die er beobachtete, ernährte sich teilweise von den Abfällen einer Touristenlodge. Nur die aggressivsten, ranghöchsten Männchen setzten sich am Müllhaufen durch. Eines Tages war dort verdorbenes Fleisch mit Tuberkulose-Erregern, und genau diese Männchen starben. Zurück blieb eine Horde mit vielen Weibchen und den sanfteren Männchen. Das Klima änderte sich völlig: weniger Kämpfe, mehr gegenseitige Fellpflege, niedrigere Stresswerte auch bei den Rangniedrigen.
Das Erstaunliche geschah danach. Paviane wechseln in der Jugend die Horde, männliche Neuzugänge kamen also laufend von außen. Und diese übernahmen den friedlichen Stil. Noch Jahre später, als kein einziges der damaligen Tiere mehr lebte, war die Horde friedlicher als andere. Eine Kultur des Friedens hatte sich etabliert und wurde weitergegeben. Sapolsky schließt daraus, vorsichtig, aber mit spürbarer Hoffnung: Wenn das Pavianen gelingt, Tieren, die als besonders aggressiv gelten, dann sind auch menschliche Gesellschaften nicht auf Gewalt festgelegt.
Freier Wille und Schuld
Das radikalste Kapitel steht gegen Ende. Wenn jede Handlung das Ergebnis von Gehirnzuständen ist, die von Reizen, Hormonen, Kindheit, Genen und Kultur geformt wurden, auf die der Mensch keinen Einfluss hatte, wo bleibt dann der freie Wille? Sapolsky gibt eine klare Antwort: Er glaubt nicht daran, oder zumindest findet er in der Biologie keinen Platz, an dem er sitzen könnte.
Die Epilepsie als Vorbild
Sapolskys Argument stützt sich auf ein historisches Beispiel. Jahrhundertelang galten Menschen mit epileptischen Anfällen als besessen, als Hexen, als moralisch verdorben, und wurden bestraft. Heute wissen wir, dass es sich um eine Erkrankung des Gehirns handelt, und niemand käme auf die Idee, jemandem einen Anfall vorzuwerfen. Sapolsky glaubt, dass künftige Generationen auf unser heutiges Strafrecht ähnlich zurückblicken werden: Je mehr wir über die biologischen Ursachen von Verhalten verstehen, desto mehr schrumpft der Raum, in dem Schuld im klassischen Sinne Platz hat.
Daraus folgt für ihn nicht, dass gefährliche Menschen frei herumlaufen sollen. Sein Bild ist ein Auto mit defekten Bremsen: Man macht dem Auto keine Vorwürfe, aber man lässt es auch nicht auf die Straße. Schutz der Gesellschaft ja, moralische Verurteilung und Rache nein.
Die Fortsetzung
Sapolsky hat diesen Gedanken 2023 in einem eigenen Buch ausgearbeitet, Determined. Dort vertritt er die These ohne Abstriche: Es gibt keinen freien Willen, und wir sollten unser Rechts- und Moralsystem daran anpassen.
Der Einwand
Die meisten Philosophen sehen das anders. Sie halten Freiheit und Verantwortung für vereinbar mit einem Gehirn, das biologischen Gesetzen folgt. Freiheit bedeute nicht, außerhalb der Ursachenketten zu stehen, sondern nach eigenen Gründen handeln zu können, ohne äußeren Zwang. Verantwortung sei eine soziale Praxis, die Menschen dazu bringt, sich zu bessern, und die gerade deshalb sinnvoll ist, weil Gehirne auf Lob, Tadel und Erwartungen reagieren. Sapolsky räumt selbst ein, dass er nicht so leben kann, als gäbe es keinen freien Willen. Er ärgert sich über Menschen, er ist stolz auf seine Kinder. Er hält das für eine Inkonsequenz, mit der er leben muss. Seine Kritiker halten es eher für einen Hinweis, dass an seiner These etwas nicht stimmt.
Was es dir bringt
Sapolsky schreibt kein Ratgeberbuch, und er würde sich gegen jeden Versuch wehren, aus seinen Erkenntnissen Lebensregeln zu machen. Trotzdem steckt in dem Buch erstaunlich viel, was sich im eigenen Leben anwenden lässt.
Keine wichtigen Entscheidungen im falschen Zustand
Die unmittelbarste Lehre: Dein Urteil ist nicht unabhängig von deinem Körper. Hunger, Müdigkeit, Schmerz, akuter Ärger und chronischer Stress verschieben, wie du Menschen und Situationen beurteilst, ohne dass du es merkst. Daraus folgt eine einfache Regel: Keine wichtigen Entscheidungen, keine scharfen E-Mails, keine Grundsatzgespräche, wenn du hungrig, müde, gereizt oder unter Druck bist. Eine Nacht Schlaf und eine Mahlzeit sind oft die wirksamsten Entscheidungshilfen überhaupt.
Stress ernst nehmen
Mit Mitte 50 ist Stress kein Lifestylethema, sondern ein Gesundheitsfaktor. Chronischer Stress schwächt genau die Gehirnregion, die uns besonnen macht, und stärkt die, die uns ängstlich und reizbar macht. Er schadet Herz, Gefäßen und Immunsystem. Sapolsky nennt in seinen Büchern Faktoren, die Stress auch bei Tieren nachweislich dämpfen, und sie lassen sich direkt übertragen:
- Ein Ventil: Bewegung, ein Hobby, etwas, in das sich Anspannung ableiten lässt.
- Soziale Unterstützung: Menschen, bei denen man sich nicht verstellen muss.
- Vorhersehbarkeit: wissen, was kommt, auch wenn es unangenehm ist.
- Kontrolle: das Gefühl, zumindest einen Teil der Lage beeinflussen zu können.
- Die Aussicht auf Besserung: das Gefühl, dass es aufwärts geht, nicht abwärts.
Wer diese fünf Punkte prüft, findet meist schnell, wo sich mit wenig Aufwand viel ändern lässt.
Andere milder beurteilen
Die Ebenen des Buches sind eine Schule der Nachsicht. Wenn ein Kollege ausrastet, ein Familienmitglied verletzend reagiert, ein Fremder unhöflich ist, liegt die Erklärung oft auf einer Ebene, die du nicht siehst: eine schlaflose Nacht, Schmerzen, eine Kindheit, von der du nichts weißt. Das entschuldigt nichts, aber es entdramatisiert. Und es gilt auch für einen selbst: Nicht jeder eigene Fehler ist ein Charakterfehler.
Mitgefühl statt Mit-Leiden
Für jeden, der Angehörige pflegt oder begleitet, wie es in deinem Alter häufig wird, ist die Unterscheidung zwischen Empathie und Mitgefühl Gold wert. Wer den Schmerz eines kranken Elternteils oder Partners ungefiltert mitfühlt, brennt aus. Wer zugewandt, aber mit einer gewissen inneren Distanz hilft, hält länger durch und hilft besser. Das ist keine Kälte, sondern die Voraussetzung dafür, dauerhaft da sein zu können.
Vergleiche wählen
Der Befund, dass das subjektive Gefühl des eigenen Rangs die Gesundheit beeinflusst, hat eine praktische Seite. Mit wem du dich vergleichst, ist zum Teil deine Wahl. Wer sich ständig mit den Erfolgreicheren misst, zahlt einen messbaren Preis. Das ist besonders wichtig im Übergang in den Ruhestand, wenn der berufliche Status wegfällt, an dem sich viele unbewusst gemessen haben.
Das „Vielleicht“ durchschauen
Das Dopaminsystem feuert am stärksten bei unsicheren Belohnungen. Genau darauf sind Glücksspiele, Lotterien, soziale Medien und das ständige Prüfen von Nachrichten gebaut. Wer weiß, dass das Gehirn das Vielleicht liebt, versteht, warum es so schwer ist, das Handy wegzulegen, und kann sich bewusst Grenzen setzen, statt sich über mangelnde Willenskraft zu ärgern.
Meine Sicht
In meiner Liste stand: Dick, aber lohnend. Ich würde heute ergänzen: Das ist das Buch auf der Liste, das am meisten Wissen enthält, und das, bei dem man am meisten Geduld braucht.
Was mich überzeugt
Der Aufbau. Die Idee, eine einzige Handlung Schritt für Schritt durch die Zeitskalen zurückzuverfolgen, ist genial. Sie macht ein unüberschaubares Feld, Neurobiologie, Endokrinologie, Genetik, Entwicklungspsychologie, Anthropologie, Primatologie, zu einer zusammenhängenden Erzählung. Ich kenne kein anderes Buch, das so viele Disziplinen so sinnvoll verbindet.
Die Weigerung, zu vereinfachen. Sapolskys Lieblingssatz, es sei kompliziert, ist keine Ausrede, sondern eine Haltung. Er demontiert populäre Mythen, das Kuschelhormon, das Aggressionshormon, das Gen für Gewalt, mit Genuss und Sachverstand. Wer das Buch gelesen hat, ist immun gegen eine ganze Klasse von Schlagzeilen.
Der Humor und die Menschlichkeit. Ein Buch über Gewalt, das man mit Lachen liest, ist eine Leistung. Und Sapolskys Wut über Ungerechtigkeit, über Armut, die Kindergehirne prägt, über Strafsysteme, die biologische Benachteiligung bestrafen, gibt dem Buch einen moralischen Ernst, der nie moralisierend wird.
Die Hoffnung. Trotz allem ist es ein hoffnungsvolles Buch. Der Waldtrupp, die Beweglichkeit der Gruppengrenzen, die Formbarkeit des Stirnhirns: Sapolsky zeigt, dass Biologie kein Schicksal ist, sondern ein Spielraum.
Was mich stört
Die Länge. Fast 1.000 Seiten sind eine Zumutung. Viele Kapitel könnten um ein Drittel kürzer sein, und die Fußnoten, so amüsant sie sind, führen oft vom Thema weg. Das Buch verlangt eine Ausdauer, die nicht jeder Leser mitbringt.
Die Studienlage. Sapolsky stützt sich auf eine riesige Zahl von Studien, und einige davon haben die Replikationskrise, über die ich im Kahneman-Essay geschrieben habe, nicht gut überstanden. Das betrifft etwa manche Befunde zu unbewusster Beeinflussung, zu Oxytocin-Nasensprays und zu einzelnen Gen-Umwelt-Effekten. Sapolsky ist vorsichtiger als viele andere, aber nicht vorsichtig genug. Man sollte Einzelbefunde im Buch als Hinweise lesen, nicht als gesichert.
Der Sprung zum freien Willen. Das ist mein wichtigster Einwand. Aus der Biologie folgt nicht automatisch, dass es keinen freien Willen und keine Verantwortung gibt. Dieser Schluss ist ein philosophischer, kein biologischer, und Sapolsky macht ihn sich zu leicht. Ich teile seine Forderung nach einem menschlicheren Strafrecht. Aber dafür braucht man die These vom fehlenden freien Willen gar nicht, und mit ihr belastet man ein gutes Anliegen mit einer umstrittenen Metaphysik.
Wenig Gewichtung. Das Buch zeigt, dass alles mit allem zusammenhängt. Es sagt weniger darüber, was wie stark wirkt. Für den Leser bleibt am Ende oft das Gefühl, dass es kompliziert ist, ohne zu wissen, wo die großen Hebel liegen.
Mein Urteil
Als Gedankenbuch eine 9 von 10, als Lesevergnügen eine 7, wegen der Länge, nicht wegen des Stils. Mein Lesetipp: Das Buch muss man nicht am Stück lesen. Die Kapitel über die Sekunde vorher, über Hormone und über Jugend und Kindheit sind der Kern. Das Kapitel über Wir und die anderen und das letzte über Frieden mit dem Waldtrupp sollte man nicht verpassen. Die Grundkurse im Anhang nur bei Bedarf. Und wer zuerst wissen will, ob ihm Sapolsky liegt, kann mit seinem Buch über Stress und die Zebras anfangen, das kürzer ist und sich unmittelbar auf die eigene Gesundheit anwenden lässt.
Fazit und der Weg zu Pinker
Gewalt und Mitgefühl lehrt, dass keine menschliche Handlung eine einzige Ursache hat. Gehirn, Reize, Hormone, Erfahrung, Kindheit, Gene und Kultur wirken in jedem Moment zusammen, und jede Ebene formt die nächste. Biologie ist dabei kein Schicksal, sondern ein Spielraum: Gruppengrenzen lassen sich verschieben, Stress lässt sich dämpfen, und selbst eine Pavianhorde kann eine Kultur des Friedens entwickeln. Ob daraus folgt, dass es keinen freien Willen gibt, ist eine andere Frage, und hier geht Sapolsky weiter, als seine Biologie ihn trägt.
Für dich in einem Satz: Triff keine wichtige Entscheidung hungrig, müde oder unter Druck, nimm deinen Stress als Gesundheitsfaktor ernst, beurteile andere mit dem Wissen, dass du ihre Ebenen nicht siehst, und hilf mit Mitgefühl statt mit Mit-Leiden.
Sapolsky erklärt, wie Gewalt im einzelnen Menschen entsteht, und zeigt am Waldtrupp, dass eine Gemeinschaft friedlicher werden kann. Aber gilt das auch für die Menschheit insgesamt? Ist die Welt über die Jahrhunderte friedlicher geworden, oder erleben wir nur eine Atempause zwischen zwei Katastrophen? Steven Pinker hat 2011 eine kühne Antwort gegeben: Wir leben in der friedlichsten Epoche der Menschheitsgeschichte. Darum geht es im nächsten Essay: Gewalt. Eine neue Geschichte der Menschheit.