Gewalt – Steven Pinker
Eine kühne These
Steven Pinker, 1954 in Montreal geboren, ist Psychologe in Harvard, ursprünglich Sprachforscher, und einer der bekanntesten Wissenschaftsautoren unserer Zeit. 2011 veröffentlichte er The Better Angels of Our Nature, auf Deutsch im selben Jahr als Gewalt. Eine neue Geschichte der Menschheit. Das Buch hat in der deutschen Ausgabe weit über 1.000 Seiten, ist voller Diagramme und vertritt eine These, die vielen Lesern auf den ersten Blick absurd erscheint: Die Gewalt ist im Lauf der Menschheitsgeschichte dramatisch zurückgegangen, und wir leben vielleicht in der friedlichsten Epoche, die unsere Art je erlebt hat.
Das widerspricht der Intuition fast aller Menschen, die nach den Weltkriegen, dem Holocaust, den Völkermorden in Kambodscha und Ruanda und dem täglichen Strom von Gewaltnachrichten aufgewachsen sind. Pinker hält dagegen, dass wir Gewalt nicht nach absoluten Zahlen, sondern im Verhältnis zur Bevölkerung messen müssen, und nicht nach dem, was in den Nachrichten steht, sondern nach langen Zeitreihen. Dann ergebe sich ein anderes Bild: Die Wahrscheinlichkeit, eines gewaltsamen Todes zu sterben, sei heute für einen durchschnittlichen Menschen weit geringer als in jeder früheren Epoche.
Dieses Buch hatten wir in der Reihe zunächst übersprungen, und es passt gut, dass es jetzt am Ende steht. Viele Bücher der Liste haben mit ihm zu tun: Rosling teilt seinen datengestützten Optimismus, Bregman seinen Glauben an die besseren Seiten des Menschen, Sapolsky seine Biologie der Gewalt, Arendt die Frage, wie Menschen zu Tätern werden. Und Taleb, wie im Essay zu Das Risiko und sein Preis erwähnt, ist sein schärfster Kritiker.
Dazu kommt: Das Buch erschien 2011, im Jahr, in dem der syrische Bürgerkrieg begann. Seitdem hat sich die Welt in einer Weise entwickelt, die man an Pinkers These messen muss. Das tue ich weiter unten mit den neuesten verfügbaren Zahlen.
Sechs Trends
Pinker ordnet den Rückgang der Gewalt in sechs große Entwicklungen, jede auf einer anderen Zeitskala.
| Trend | Zeitraum | Was sich änderte |
|---|---|---|
| Befriedung | vor rund 5.000 Jahren, mit den ersten Staaten | Der Anteil gewaltsamer Tode sinkt nach Pinkers Schätzungen von den hohen Werten staatenloser Gesellschaften auf einen Bruchteil |
| Zivilisierung | vom späten Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert | Die Mordraten in Europa fallen um ein Vielfaches, mit Staat, Handel und Selbstbeherrschung |
| Humanitäre Revolution | 17. und 18. Jahrhundert | Folter, Hexenverbrennung, grausame Strafen und schließlich Sklaverei werden geächtet und abgeschafft |
| Langer Frieden | seit 1945 | Kein Krieg mehr zwischen den Großmächten |
| Neuer Frieden | seit dem Ende des Kalten Krieges | Weniger Bürgerkriege, weniger Völkermorde, weniger Kriegstote |
| Rechte-Revolutionen | seit den 1950er-Jahren | Gewalt gegen Minderheiten, Frauen, Kinder, Homosexuelle und Tiere wird zunehmend geächtet |
Die Befriedung
Der erste Trend ist der umstrittenste. Pinker trägt archäologische Funde und ethnografische Berichte zusammen und folgert, dass in vielen staatenlosen Gesellschaften ein erheblicher Teil der Menschen gewaltsam starb, in Fehden, Überfällen und Kriegen zwischen Gruppen. Mit dem Aufkommen von Staaten, die ein Gewaltmonopol beanspruchten, sei dieser Anteil stark gesunken. Hier steht Pinker klar auf der Seite von Hobbes, und hier widersprechen ihm Bregman, Graeber und Wengrow am heftigsten.
Die Zivilisierung
Der zweite Trend ist der am besten belegte. Gerichtsakten und Kirchenbücher erlauben es, Mordraten in Europa über Jahrhunderte zu verfolgen, und sie sind zwischen dem 14. und dem 20. Jahrhundert drastisch gefallen. Pinker stützt sich auf den Soziologen Norbert Elias und dessen Theorie des Zivilisationsprozesses: Mit dem Aufstieg zentraler Staaten und des Handels lernten Menschen, ihre Impulse zu beherrschen, Tischmanieren, Höflichkeit, Selbstkontrolle wurden zur Norm, und mit ihnen sank die alltägliche Gewalt.
Die humanitäre Revolution
Im Zeitalter der Aufklärung wurden Praktiken, die jahrtausendelang selbstverständlich waren, in wenigen Generationen geächtet: öffentliche Folter, Verbrennungen, Tierquälerei als Volksbelustigung, Sklaverei. Pinker führt das auf den Buchdruck, die Ausbreitung des Lesens und vor allem auf Romane zurück, die Lesern erlaubten, sich in Menschen anderer Stände und Völker hineinzuversetzen.
Langer und Neuer Frieden
Seit 1945 haben die Großmächte keinen direkten Krieg mehr gegeneinander geführt, eine historisch einmalige Phase. Und nach 1990 sank auch die Zahl der Bürgerkriege und der Kriegstoten deutlich. Diese beiden Trends sind die, an denen sich die Debatte seitdem am heftigsten entzündet.
Dämonen, Engel und die Kräfte der Geschichte
Im zweiten Teil des Buches fragt Pinker als Psychologe: Was in uns treibt zur Gewalt, und was hält uns davon ab?
Fünf innere Dämonen
Pinker unterscheidet fünf Quellen der Gewalt in der menschlichen Natur. Die zweckgerichtete Gewalt ist Mittel zum Zweck, wie Raub oder Eroberung. Die Dominanz ist das Streben nach Rang und Ansehen, bei Einzelnen wie bei Nationen. Die Rache ist der Drang, Unrecht zu vergelten, der Fehden über Generationen am Leben hält. Der Sadismus ist die Lust am Leid anderer, selten, aber real. Und die Ideologie ist der Glaube an ein höheres Ziel, das jedes Mittel rechtfertigt, für Pinker die gefährlichste Quelle, weil sie die größten Massenmorde der Geschichte hervorgebracht hat. Hier trifft er sich mit Popper und dessen Warnung vor Utopien.
Vier bessere Engel
Dem stellt er vier Kräfte gegenüber, die der Gewalt entgegenwirken: Empathie, die Fähigkeit, das Leid anderer mitzufühlen, die er allerdings, wie später Bregman, für begrenzt hält. Selbstkontrolle, die Fähigkeit, Impulse zu zügeln. Der moralische Sinn, der allerdings in beide Richtungen wirken kann, weil Menschen auch Gewalt für moralisch geboten halten. Und die Vernunft, für Pinker der wichtigste Engel, weil sie es erlaubt, die eigene Perspektive zu verlassen und Gewalt als Problem zu begreifen, das man lösen kann.
Der Titel des Buches spielt auf eine Rede Abraham Lincolns an, der von den besseren Engeln unserer Natur sprach. Pinkers Pointe: Die Natur des Menschen hat sich nicht geändert. Dämonen und Engel waren immer da. Geändert haben sich die Umstände, die mal die einen, mal die anderen stärken.
Fünf historische Kräfte
Welche Umstände sind das? Pinker nennt fünf:
- Der Leviathan: ein Staat mit Gewaltmonopol und Justiz, der Rache überflüssig macht und Raub bestraft.
- Der sanfte Handel: Wer mit anderen Handel treibt, hat mehr davon, sie lebendig zu halten, als sie auszurauben.
- Die Feminisierung: Je mehr Einfluss Frauen in Gesellschaften haben, desto weniger kriegerisch werden sie, so Pinkers These.
- Der Kosmopolitismus: Lesen, Reisen, Bildung und Medien erweitern den Kreis derer, deren Leid man ernst nimmt.
- Die Rolltreppe der Vernunft: Bildung und abstraktes Denken lassen Menschen erkennen, dass Gewalt meistens ein Nullsummenspiel oder schlimmer ist.
Das ist eine Synthese, die viele Fäden der Liste verbindet: Acemoglu und Robinsons Institutionen, Dawkins‘ Kooperation durch wiederholte Spiele, Kahnemans langsames Denken, Hararis gemeinsame Geschichten, die immer größere Gruppen verbinden.
Der Streit mit Taleb
Die gewichtigste Kritik an Pinker kam nicht von Historikern, sondern von Statistikern, und ihr bekanntester Vertreter ist Nassim Taleb. Wer die Taleb-Essays gelesen hat, ahnt, worum es geht.
Kriege leben in Extremistan
Zusammen mit dem Statistiker Pasquale Cirillo untersuchte Taleb die Verteilung von Kriegstoten über zwei Jahrtausende. Ihr Ergebnis: Kriege folgen einer Verteilung mit extrem fetten Rändern. Die meisten Konflikte sind vergleichsweise klein, einige wenige aber gewaltig, und sie bestimmen die Gesamtzahl der Toten. Das ist Extremistan im reinsten Sinn, die Welt aus dem Schwarzen Schwan, in der ein einziges Ereignis alle bisherigen in den Schatten stellen kann.
In einer solchen Welt sagen ruhige Zeiträume wenig. Zwischen großen Kriegen lagen in der Geschichte oft lange Abstände. Dass seit 1945 kein Krieg zwischen Großmächten stattgefunden hat, ist nach Taleb und Cirillo statistisch nicht ungewöhnlich genug, um daraus auf einen echten Trend zu schließen. Der Lange Frieden könnte eine Pause sein, kein Wandel. Wir wären, mit Talebs Bild, der Truthahn am 1.000. Tag.
Andere Stimmen
Taleb ist nicht allein. Der Informatiker Aaron Clauset kam in einer eigenen Untersuchung zu dem Ergebnis, dass der Lange Frieden noch sehr viel länger andauern müsste, um sich statistisch klar von der historischen Schwankung abzuheben. Und der Politikwissenschaftler Bear Braumoeller zeigte in seinem Buch Only the Dead, dass die Häufigkeit, mit der Staaten Konflikte beginnen, und die Tödlichkeit von Kriegen über die letzten 200 Jahre nicht eindeutig gesunken sind.
Pinkers Antwort
Pinker hat geantwortet, er habe nie behauptet, dass es keine großen Kriege mehr geben könne. Er beschreibe, was geschehen ist, nicht, was geschehen wird. Und viele seiner Trends, etwa die sinkenden Mordraten, die Abschaffung von Folter und Sklaverei, die Ächtung von Gewalt gegen Kinder, hätten mit der Statistik seltener Kriege nichts zu tun. Diese Unterscheidung ist berechtigt, aber sie schwächt den populärsten Teil seiner These: dass wir in einer Zeit des Friedens leben, die durch tiefe Kräfte gesichert ist.
Wer hat recht?
Ich halte die Debatte für eine der lehrreichsten der letzten Jahrzehnte, weil beide Seiten etwas Wichtiges sehen. Pinker hat recht, dass sich die alltägliche Gewalt, Mord, Folter, grausame Strafen, Gewalt in Familien, in vielen Teilen der Welt über Jahrhunderte massiv verringert hat. Das sind Daten aus Mediokristan, in denen Trends tragen. Taleb hat recht, dass die großen Kriege einer anderen Logik folgen, in der man aus einigen ruhigen Jahrzehnten wenig schließen kann. Die Frage ist nicht, wer recht hat, sondern für welchen Teil der Gewalt.
Was seit 2011 geschah
Pinkers Buch erschien im Jahr, in dem der Krieg in Syrien begann. Seitdem sind 15 Jahre vergangen, genug, um seine Trends an der Wirklichkeit zu prüfen. Die verlässlichste Quelle dafür ist das Uppsala Conflict Data Program an der Universität Uppsala, das seit Jahrzehnten bewaffnete Konflikte weltweit erfasst. Seine neuesten Zahlen für das Jahr 2025 wurden im Juni 2026 veröffentlicht.
Mehr Konflikte als je zuvor
2025 verzeichnete das Programm 65 Konflikte, an denen mindestens ein Staat beteiligt war, so viele wie nie seit Beginn der Statistik 1946 (Oxford Academic). Die Zahl der Konflikte zwischen Staaten hat sich das zweite Jahr in Folge verdoppelt, von zwei im Jahr 2023 auf acht im Jahr 2025 (Mynewsdesk). Dreizehn dieser Konflikte erreichten die Schwelle eines Krieges mit mindestens 1.000 Toten im Jahr, die höchste Zahl seit 1992 (Mynewsdesk).
Mehr Tote
Auch die Zahl der Toten ist gestiegen. Die Zahl der Konflikte mit staatlicher Beteiligung hat sich seit 2010 von 31 auf 65 mehr als verdoppelt, und die Zahl der Toten in diesen Konflikten stieg von rund 21.700 auf rund 153.600 (Oxford Academic). Die letzten fünf Jahre forderten mehr Kriegstote als die gesamten zwanzig Jahre vor 2021 (Transcend). Der Krieg zwischen Russland und der Ukraine war auch 2025 der tödlichste Konflikt der Welt, mit mindestens 94.700 Toten, etwa 62 Prozent aller Kriegstoten weltweit (Mynewsdesk).
Und die Gegenbewegung
Nicht alles weist in dieselbe Richtung. Konflikte zwischen nichtstaatlichen Gruppen, etwa zwischen Drogenkartellen in Mexiko, forderten 2025 rund 14.500 Tote, die niedrigste Zahl seit 2013 (Mynewsdesk). Und im Verhältnis zur Weltbevölkerung, die heute weit größer ist als 1945, bleiben die Opferzahlen trotz des Anstiegs weit unter denen der Weltkriege.
Was das für Pinker bedeutet
Die Zahlen sind kein Beweis, dass Pinker unrecht hatte, aber sie zeigen, dass sein Langer und Neuer Frieden keine gesicherten Errungenschaften sind. Der Neue Frieden nach 1990 hat sich weitgehend aufgelöst, und die wachsende Zahl von Kriegen zwischen Staaten rührt an das Herzstück seiner These, den Langen Frieden. Genau das hätte Taleb vorhergesagt: Ruhige Jahrzehnte sind in Extremistan keine Garantie. Die anderen Trends, sinkende Mordraten in vielen Ländern, die Ächtung von Folter und Sklaverei, die Rechte-Revolutionen, sind davon weniger berührt. Aber auch sie sind, wie Rosling über die Armut gesagt hätte, keine Naturgesetze, sondern Errungenschaften, die verteidigt werden müssen.
Was es dir bringt
Ein Buch über die Geschichte der Gewalt über Jahrtausende hat erstaunlich viele Anwendungen im eigenen Denken.
Dankbarkeit für das Unspektakuläre
Man vergisst leicht, wie unwahrscheinlich das eigene Leben in historischer Perspektive ist. Wer heute in Deutschland mit 56 Jahren lebt, ist nie in einen Krieg gezogen, musste nie eine Hinrichtung als Volksfest erleben, hatte als Kind eine weit geringere Wahrscheinlichkeit, geschlagen zu werden, als jede Generation vor ihm, und lebt in einer Gesellschaft, in der die Mordrate einen Bruchteil dessen beträgt, was sie im Mittelalter war. Das ist nicht selbstverständlich, sondern das Ergebnis von Institutionen, Werten und Kämpfen, die Pinker beschreibt. Diese Einsicht ist, ähnlich wie bei Rosling, eine Art historischer Dankbarkeit.
Fortschritt verteidigen statt voraussetzen
Zugleich zeigen die Zahlen seit 2011 eindringlich, dass dieser Fortschritt umkehrbar ist. Wer mit Pinker glaubt, die Geschichte laufe von selbst in Richtung Frieden, hat Poppers Warnung vor dem Historizismus vergessen. Die Lehre aus Pinker und seinen Kritikern zusammen lautet: Die Kräfte, die Gewalt verringern, ein funktionierender Rechtsstaat, Handel, Bildung, die Achtung von Rechten, sind real, aber sie müssen gepflegt werden. Sie sind keine Naturgesetze, sondern Einrichtungen, die Menschen schaffen und zerstören können.
Die eigenen Dämonen kennen
Pinkers fünf Dämonen sind kein Thema nur für Kriege. Dominanz, Rache und Ideologie zeigen sich auch im Alltag: im Streit um Recht behalten, in alten Kränkungen, die man nicht loslässt, in der Überzeugung, für eine gute Sache dürfe man auch hart gegen Andersdenkende vorgehen. Besonders der letzte Dämon, die Ideologie, verdient Aufmerksamkeit, weil er sich gut anfühlt. Wer glaubt, auf der richtigen Seite zu stehen, ist am anfälligsten dafür, die Grenzen des Anstands zu überschreiten. Das verbindet Pinker mit Arendt und Bregman.
Zahlen richtig lesen
Und schließlich ein Werkzeug, das Pinker mit Rosling teilt: Gewalt im Verhältnis zur Bevölkerung messen, nicht in absoluten Zahlen. Eine Nachricht über steigende Opferzahlen kann bedeuten, dass die Welt gefährlicher wird, oder dass mehr Menschen leben. Beides zu unterscheiden, und dabei Talebs Warnung im Kopf zu behalten, dass ruhige Zeiten in Extremistan nichts garantieren, ist eine der wichtigsten Fähigkeiten beim Lesen der Nachrichten.
Meine Sicht
In meiner Liste stand: die These, dass die Welt friedlicher wurde, streitbar, gut belegt. Fünfzehn Jahre nach Erscheinen würde ich das teilen: gut belegt für manche Formen der Gewalt, streitbar und inzwischen durch die Wirklichkeit angefochten für andere.
Was mich überzeugt
Die Datenarbeit. Kein anderes Buch auf meiner Liste hat so viele Zeitreihen zusammengetragen, über Mordraten, Hinrichtungen, Kriegstote, Folter, Gewalt gegen Kinder. Selbst wer Pinkers Schlüsse ablehnt, findet hier Material, das jede Debatte über Gewalt bereichert.
Die Zivilisierung. Der Rückgang der alltäglichen Gewalt in Europa über Jahrhunderte ist einer der am besten belegten Befunde der Geschichtswissenschaft, und Pinker erklärt ihn überzeugend mit Staat, Handel und Selbstkontrolle.
Die humanitäre Revolution. Dass Folter, Sklaverei und grausame Strafen in wenigen Generationen von Selbstverständlichkeiten zu Tabus wurden, ist eine der großen moralischen Leistungen der Menschheit, und Pinker hat sie eindrucksvoll beschrieben.
Die Psychologie. Die Unterscheidung von Dämonen und Engeln, und die Einsicht, dass die menschliche Natur gleich bleibt, während sich die Umstände ändern, ist eine kluge Mittelposition zwischen Hobbes und Rousseau, zwischen Furnier-Theorie und Bregmans Optimismus.
Was mich stört
Die Kriege. Talebs statistischer Einwand ist ernst und, wie die Zahlen seit 2011 zeigen, mehr als akademisch. Pinker hat den Langen Frieden zu sehr als Ergebnis tiefer Kräfte und zu wenig als möglicherweise glückliche Pause dargestellt.
Die Vorgeschichte. Die Schätzungen über Gewalt in staatenlosen Gesellschaften stützen sich auf eine Auswahl archäologischer Fundorte und ethnografischer Berichte, die Kritiker für nicht repräsentativ halten. Hier stehen Pinker und Graeber und Wengrow sich in ihrer Voreingenommenheit spiegelbildlich gegenüber.
Der blinde Fleck des Westens. Das Buch erzählt den Rückgang der Gewalt weitgehend als europäische Erfolgsgeschichte von Aufklärung und Vernunft. Die Gewalt, die dieselben Gesellschaften in ihren Kolonien ausübten, kommt vor, wird aber weniger gewichtet. Wer aus Sicht des Kongo oder Indiens auf das 19. Jahrhundert blickt, sieht ein anderes Bild.
Die Länge. Über 1.000 Seiten sind auch für ein wichtiges Buch zu viel. Viele Kapitel wiederholen das Muster: ein Trend, eine Kurve, eine Erklärung.
Mein Urteil
Als Gedankenbuch eine 8 von 10, als Lesevergnügen eine 5. Es ist ein Buch, das man gelesen haben sollte, um mitreden zu können, und das man nicht ohne seine Kritiker lesen sollte. Mein Lesetipp: Die Kapitel über die Zivilisierung und die humanitäre Revolution gründlich, die über Dämonen und Engel mit Interesse, die über den Langen und Neuen Frieden zusammen mit dem Taleb-Abschnitt dieses Essays und den Zahlen von heute.
Fazit
Gewalt lehrt, dass die alltägliche Gewalt über Jahrhunderte massiv zurückgegangen ist, durch Staaten, Handel, Bildung und eine wachsende Achtung vor dem Leid anderer, und dass die menschliche Natur dabei gleich geblieben ist: Was sich geändert hat, sind die Umstände, die mal unsere Dämonen, mal unsere besseren Engel stärken. Für die großen Kriege dagegen hat Pinker die Ruhe nach 1945 zu sehr als Trend gelesen. Die Zahlen seit 2011, mit einem Rekord an Konflikten und so vielen Kriegen zwischen Staaten wie seit Jahrzehnten nicht, geben eher Taleb recht: In Extremistan ist Frieden kein Zustand, sondern eine Pause, die man verlängern muss.
Für dich in einem Satz: Sei dankbar für den Frieden, in dem du aufgewachsen bist, nimm ihn nicht als selbstverständlich, miss Gewalt im Verhältnis und nicht in Schlagzeilen, und achte bei dir selbst auf den gefährlichsten Dämon, die Überzeugung, für eine gute Sache sei fast alles erlaubt.
Mit diesem Essay ist die Liste vollständig. Pinker gehört in der Gesamtschau zwischen Rosling und Taleb: Er teilt Roslings Vertrauen in langfristige Daten, und er braucht Talebs Skepsis gegenüber ruhigen Zeiten als Gegengewicht. Wer beide zusammen liest, hat ein Bild der Welt, das weder naiv optimistisch noch zynisch pessimistisch ist, sondern das, was Bregman realistisch nennen würde.