Geschichte Europas von 1945 bis zur Gegenwart – Tony Judt
Ein Buch über die Welt, in der du gelebt hast
Tony Judt, 1948 in London geboren, war Historiker an der New York University und einer der großen Erklärer Europas für ein angelsächsisches Publikum. Er stammte aus einer jüdischen Familie mit Wurzeln in Osteuropa, hatte als junger Mann in einem israelischen Kibbuz gelebt, in Cambridge und Paris studiert, sich als Spezialist für die französische Linke einen Namen gemacht und dann, in den 1980er-Jahren, Tschechisch gelernt, um die Dissidenten Mitteleuropas zu verstehen. Diese doppelte Perspektive, West und Ost, prägt das Buch.
Postwar erschien 2005, auf Deutsch 2006 als Geschichte Europas von 1945 bis zur Gegenwart. Es ist mit rund 1.000 Seiten ein gewaltiges Werk, das die Geschichte des ganzen Kontinents nach dem Zweiten Weltkrieg erzählt, Ost und West zusammen, von den Trümmern 1945 bis zur Erweiterung der Europäischen Union 2004. Es wurde sofort als Standardwerk gefeiert und war für den Pulitzerpreis nominiert.
Judt erkrankte 2008 an der Nervenkrankheit ALS und starb 2010. In seinen letzten beiden Jahren, fast vollständig gelähmt, diktierte er noch mehrere Bücher, darunter eine leidenschaftliche Verteidigung der sozialen Demokratie und, im Gespräch mit Timothy Snyder, einen langen Rückblick auf das 20. Jahrhundert. Wer den Bloodlands-Essay gelesen hat, findet hier also eine Verbindung.
Für dich hat dieses Buch eine besondere Bedeutung: Es erzählt die Geschichte der Welt, in der du gelebt hast, und die deiner Eltern. Wer um 1970 in Deutschland geboren wurde, hat die zweite Hälfte dieses Buches selbst erlebt, die Ölkrise, den Kalten Krieg, den Fall der Mauer, die Wiedervereinigung, den Euro. Judt zu lesen heißt, die eigene Biografie in einen größeren Zusammenhang zu stellen.
Nachkrieg, 1945 bis 1953
Ein Kontinent in Trümmern
Judt beginnt mit einem Bild, das man nach Snyder besser versteht: Europa im Jahr 1945 war nicht nur zerstört, es war entwurzelt. Millionen Menschen waren unterwegs, Überlebende der Lager, Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene, Flüchtlinge, Vertriebene. Ganze Städte lagen in Trümmern, die Versorgung war zusammengebrochen, und in vielen Ländern herrschte noch jahrelang Hunger.
Hitlers bittere Hinterlassenschaft
Eine der unbequemsten Einsichten des Buches betrifft die Landkarte. Vor dem Krieg waren viele Länder Mittel- und Osteuropas vielsprachige Gesellschaften mit großen Minderheiten. Nach dem Krieg waren sie weitgehend ethnisch homogen. Das war das Ergebnis des Holocaust, der Vertreibung von rund zwölf Millionen Deutschen aus Osteuropa, der Umsiedlung von Polen, Ukrainern und anderen. Judt schreibt sinngemäß, dass die Stabilität der Nachkriegsordnung zu einem Teil auf dem beruhte, was Hitler und Stalin mit Mord und Vertreibung angerichtet hatten. Das ist ein schwer erträglicher Gedanke, und Judt formuliert ihn bewusst ohne Beschönigung.
Das große Schweigen
Ein zweiter zentraler Gedanke: Der Neuanfang nach 1945 beruhte auf Vergessen. In Frankreich, Italien, den Niederlanden und anderswo wurde die Erzählung gepflegt, das ganze Volk habe Widerstand geleistet, und die Zusammenarbeit mit den Besatzern geriet aus dem Blick. In Österreich verstand man sich als erstes Opfer Hitlers. In der Bundesrepublik wurden viele ehemalige Nationalsozialisten in Verwaltung, Justiz und Wirtschaft wieder eingegliedert, und über die Verbrechen wurde in den Familien meist geschwiegen. Im Osten erklärte die neue Ordnung den Faschismus für überwunden und sich selbst für unschuldig. Judt urteilt nicht nur moralisch: Er hält dieses Schweigen für einen Preis, der vielleicht nötig war, um die Gesellschaften überhaupt wieder funktionsfähig zu machen. Aber er zeigt, dass die Rechnung später kam.
Marshallplan und Teilung
Die Wende kam mit den Vereinigten Staaten. Der Marshallplan ab 1948 brachte nicht nur Geld, sondern zwang die westeuropäischen Länder, zusammenzuarbeiten, Handel zu öffnen und gemeinsam zu planen. Daraus entstanden Anfänge der europäischen Einigung, die Montanunion für Kohle und Stahl und später die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft. Judt betont, dass diese Einigung nicht aus Idealismus entstand, sondern aus praktischer Not und aus Angst: Angst vor einem wiedererstarkten Deutschland und Angst vor der Sowjetunion. Im Osten setzte Moskau in denselben Jahren kommunistische Regime durch, mit Schauprozessen, Säuberungen und Lagern. Der Eiserne Vorhang wurde für über vier Jahrzehnte zur Wirklichkeit.
Wohlstand und Unbehagen, 1953 bis 1971
Das goldene Zeitalter
Die 1950er- und 1960er-Jahre waren in Westeuropa eine Zeit beispiellosen Wachstums: das Wirtschaftswunder in der Bundesrepublik, die drei glorreichen Jahrzehnte in Frankreich, der Aufschwung in Italien. Zum ersten Mal in der Geschichte konnten breite Bevölkerungsschichten sich Autos, Kühlschränke, Fernseher, Urlaubsreisen leisten. Judt beschreibt das mit Sinn für den Alltag: Die Ausbreitung der Waschmaschine, des Supermarkts und der Pauschalreise erscheint bei ihm ebenso als historisches Ereignis wie ein Gipfeltreffen.
Der Sozialstaat
Für Judt ist die eigentliche Errungenschaft dieser Jahre der Sozialstaat: Krankenversicherung, Rente, Arbeitslosenversicherung, kostenlose Bildung, sozialer Wohnungsbau. Er sieht darin keinen Selbstzweck, sondern eine Antwort auf die Katastrophen der Zwischenkriegszeit, als Massenarbeitslosigkeit und Elend den Extremisten die Menschen in die Arme trieben. Der Sozialstaat sollte verhindern, dass sich das wiederholt, und er war ein Kompromiss zwischen Christdemokraten und Sozialdemokraten, die beide aus der Erfahrung der 1930er-Jahre gelernt hatten. Judt bewundert diese Ordnung, und er hat sie in seinen letzten Jahren leidenschaftlich verteidigt.
Abschied von den Kolonien
In denselben Jahren verloren Großbritannien, Frankreich, Belgien, die Niederlande und Portugal ihre Kolonialreiche, teils friedlich, teils in blutigen Kriegen wie in Algerien. Judt zeigt, wie dieser Rückzug Europa veränderte: Es wurde kleiner, weniger mächtig, aber auch stärker auf sich selbst bezogen, und die europäische Einigung bekam zusätzliche Bedeutung als Ersatz für verlorene Weltgeltung.
1968
Gegen Ende dieser Phase kam der Aufstand der Jugend: Studentenproteste in Paris, Berlin, Rom und anderswo. Judt sieht 1968 im Westen kritischer als viele andere Historiker. Er hält die Bewegung für kulturell folgenreich, für Freiheiten im Alltag, in der Sexualität, in der Erziehung, aber politisch für weitgehend folgenlos und in ihren theoretischen Ansprüchen oft für selbstverliebt. Ganz anders bewertet er 1968 im Osten: Der Prager Frühling, der Versuch, einen Sozialismus mit menschlichem Antlitz zu schaffen, wurde von sowjetischen Panzern niedergewalzt, und damit, so Judt, starb im Osten der Glaube, dass der Kommunismus reformierbar sei. Das sollte sich zwanzig Jahre später als entscheidend erweisen.
Abschied von Illusionen, 1971 bis 1989
Das Ende des Booms
Anfang der 1970er-Jahre endete das goldene Zeitalter. Das Währungssystem der Nachkriegszeit brach zusammen, die Ölkrise von 1973 ließ die Preise explodieren, und in vielen Ländern kamen Inflation und Arbeitslosigkeit gleichzeitig. Wer um 1970 geboren ist, kennt die Sonntage ohne Autos vielleicht aus Erzählungen der Eltern. Judt zeigt, wie diese Krise die Gewissheiten der Nachkriegszeit erschütterte: Der Staat schien die Wirtschaft nicht mehr steuern zu können, und der Sozialstaat geriet in die Kritik, er sei zu teuer und lähme die Leistungsbereitschaft.
Neue Realisten
Aus dieser Krise gingen in den 1980er-Jahren neue politische Antworten hervor. In Großbritannien setzte Margaret Thatcher auf Privatisierung, Deregulierung und die Schwächung der Gewerkschaften. In Frankreich versuchte François Mitterrand zunächst einen sozialistischen Kurs und schwenkte nach zwei Jahren um. In der Bundesrepublik regierte Helmut Kohl mit einer gemäßigteren Variante. Judt beschreibt diese Phase als Abschied von großen Entwürfen und als Beginn einer nüchterneren, marktorientierten Politik, die er mit erkennbarer Skepsis betrachtet. Er sieht in ihr den Anfang einer Entwicklung, die den gesellschaftlichen Zusammenhalt schwächte, eine Sicht, die nicht alle Historiker teilen.
Die Macht der Machtlosen
Der bewegendste Teil dieser Jahre spielt im Osten. Judt beschreibt die Dissidenten Mitteleuropas mit großer Sympathie, die er sich durch eigenes Studium erarbeitet hatte: Václav Havel in der Tschechoslowakei, der in seinem Essay über die Macht der Machtlosen beschrieb, wie ein Gemüsehändler ein Parteiplakat ins Schaufenster hängt, ohne daran zu glauben, und wie das System genau von dieser stillen Beteiligung lebt. Wer aufhört, das Plakat aufzuhängen, beginnt, in der Wahrheit zu leben. Das ist Arendts Frage nach dem eigenen Urteil, unter den Bedingungen einer Diktatur. In Polen entstand mit der Gewerkschaft Solidarność eine Massenbewegung, die das Regime trotz Kriegsrecht nicht mehr vollständig unterdrücken konnte.
Gorbatschow und der Fall
Die entscheidende Wende kam aus Moskau. Michail Gorbatschow wollte die Sowjetunion reformieren, nicht abschaffen, aber seine Weigerung, wie 1953, 1956 und 1968 Panzer gegen Aufstände in Osteuropa zu schicken, entzog den dortigen Regimen ihr Fundament. 1989 fielen sie, eines nach dem anderen, und zum größten Teil friedlich: in Polen durch Verhandlungen, in Ungarn durch eine Grenzöffnung, in der DDR durch Massendemonstrationen und den Fall der Mauer, in der Tschechoslowakei in einer samtenen Revolution. Nur in Rumänien floss Blut. Judt erzählt diese Monate mit spürbarer Bewegung, aber auch mit dem nüchternen Hinweis, dass kaum jemand, weder im Westen noch im Osten, sie vorhergesehen hatte. Taleb hätte gesagt: ein schwarzer Schwan.
Nach dem Fall, 1989 bis 2005
Die Wiedervereinigung
Die deutsche Einheit erzählt Judt aus europäischer Sicht, und das ist für deutsche Leser lehrreich. In London und Paris löste die Aussicht auf ein großes, vereinigtes Deutschland 1989 erhebliche Sorgen aus. Judt beschreibt, wie diese Sorgen auch durch die stärkere Einbindung Deutschlands in Europa beantwortet wurden, und wie die gemeinsame Währung, der Euro, in diesem Zusammenhang an politischer Bedeutung gewann. Die Einheit selbst kam schneller, als irgendjemand erwartet hatte, und ihre wirtschaftlichen und seelischen Kosten im Osten unterschätzten fast alle.
Der Krieg in Jugoslawien
Das dunkle Gegenstück zum friedlichen Jahr 1989 war der Zerfall Jugoslawiens. In den 1990er-Jahren kehrten Krieg, Vertreibung und Massenmord nach Europa zurück, mit dem Höhepunkt in Srebrenica 1995, wo bosnisch-serbische Truppen rund 8.000 muslimische Männer und Jungen ermordeten, unter den Augen machtloser UN-Soldaten. Judt beschreibt das Versagen Europas, das sich lange als unfähig erwies, auf seinem eigenen Kontinent einen Völkermord zu verhindern, und erst durch das Eingreifen der USA ein Ende fand.
Die Rückkehr nach Europa
In Mittel- und Osteuropa folgten auf die Revolutionen Jahre schwieriger Umstellung: Arbeitslosigkeit, Unsicherheit, Korruption, aber auch neue Freiheiten und schließlich wachsender Wohlstand. Das große Ziel vieler dieser Länder war die Rückkehr nach Europa, und 2004 traten zehn Staaten der Europäischen Union bei, die meisten aus dem früheren Ostblock. Für Judt ist das einer der großen Erfolge der europäischen Geschichte, und er beschreibt die EU als eine Art europäische Lebensform: Sozialstaat, Rechtsstaat, Verzicht auf Krieg untereinander, ein Modell, das er am Ende des Buches mit vorsichtigem Stolz gegen das amerikanische abgrenzt.
Aus dem Haus der Toten
Das Buch endet mit einem Epilog, der vielleicht sein wichtigster Teil ist. Er handelt von der europäischen Erinnerung. Judt zeigt, wie der Holocaust, über den nach 1945 jahrzehntelang kaum gesprochen wurde, ab den 1960er- und vor allem ab den 1980er-Jahren ins Zentrum des europäischen Selbstverständnisses rückte, mit Prozessen, Gedenkstätten, Museen, Schulunterricht. Am Ende seines Buches steht die Beobachtung, dass die Anerkennung des Holocaust zu einer Art Eintrittskarte in das heutige Europa geworden ist: Wer dazugehören will, muss sich zu dieser Vergangenheit bekennen.
Zugleich warnt Judt vor zwei Gefahren. Die erste ist, dass Erinnerung zum Ritual erstarrt, das man pflegt, ohne die Geschichte dahinter zu kennen. Er plädiert deshalb für Geschichte statt bloßer Erinnerung: für Wissen darüber, wie es zu den Verbrechen kam, nicht nur für Gedenken an sie. Die zweite ist, dass die Erinnerung in Ost und West verschieden bleibt: Im Westen steht der Holocaust im Mittelpunkt, im Osten oft die Erfahrung der kommunistischen Herrschaft. Diese Spannung, die Snyder in Bloodlands aufgreift, ist bis heute nicht aufgelöst.
Was seit 2005 geschah
Judts Buch endet 2005, in einem Moment vorsichtigen Optimismus: Die EU war gerade um zehn Staaten gewachsen, der Euro schien gefestigt, der Kontinent war so friedlich und wohlhabend wie nie. Judt starb 2010 und erlebte nur noch den Anfang der Krisen, die folgten. Liest man sein Buch heute, wirkt das Ende wie eine Momentaufnahme vor einem Umbruch.
Die Eurokrise. Ab 2010 gerieten Griechenland und andere Länder in eine Schuldenkrise, die die gemeinsame Währung an den Rand des Zerfalls brachte. Sie zeigte, dass eine Währungsunion ohne gemeinsame Finanzpolitik verwundbar ist, und sie hinterließ tiefe Gräben zwischen Nord und Süd, die Judt in seinem Buch nur andeuten konnte.
Die Fluchtbewegung 2015. Die Ankunft von über einer Million Menschen, vor allem aus Syrien, Afghanistan und dem Irak, stellte die europäische Solidarität auf die Probe und veränderte die politische Landschaft vieler Länder nachhaltig. Die Frage, wie Europa mit Migration umgeht, gehört seitdem zu den umstrittensten Themen des Kontinents.
Der Brexit. 2016 stimmte eine Mehrheit der Briten für den Austritt aus der EU, der 2020 vollzogen wurde. Für Judt, der aus Großbritannien stammte, wäre das wohl ein schmerzhafter Einschnitt gewesen: Zum ersten Mal schrumpfte die Union, statt zu wachsen.
Russlands Kriege. 2014 annektierte Russland die Krim, 2022 begann es den großen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Damit endete die Ordnung, die mit dem friedlichen Jahr 1989 begonnen hatte, und Krieg zwischen Staaten kehrte nach Europa zurück. Die Ukraine, die bei Judt eher am Rand vorkommt, ist seitdem ins Zentrum der europäischen Geschichte gerückt, ein Grund mehr, Snyder neben Judt zu lesen.
Neue Gemeinsamkeiten. Zugleich hat die EU in diesen Krisen auch neue Formen der Zusammenarbeit entwickelt, etwa in der Pandemie, als die Mitgliedstaaten erstmals in großem Umfang gemeinsame Schulden aufnahmen, um den Wiederaufbau zu finanzieren. Judts Beobachtung, dass europäische Einigung meist aus Not und nicht aus Idealismus entsteht, hat sich auch hier bestätigt.
Was Judt in seinen letzten Jahren am meisten beschäftigte, steht nicht in diesem Buch, sondern in seinem Vermächtnis Dem Land geht es schlecht: die Sorge, dass wachsende Ungleichheit und der Rückzug des Staates das Vertrauen zerstören, auf dem die Nachkriegsdemokratien ruhten. Viele der Entwicklungen seit 2010 lassen sich als Bestätigung dieser Sorge lesen, auch wenn darüber, welche Lehren daraus zu ziehen sind, lebhaft gestritten wird.
Was es dir bringt
Die eigene Biografie einordnen
Das Besondere an diesem Buch ist für jemanden deiner Generation, dass es die Geschichte des eigenen Lebens erzählt, nur aus größerer Höhe. Die Ölkrise, der Kalte Krieg und die Angst vor einem Atomkrieg in den frühen 1980er-Jahren, der Fall der Mauer, die Wiedervereinigung, die Einführung des Euro: Du hast all das erlebt, aber meist aus der Perspektive des eigenen Alltags, der eigenen Familie, der eigenen Stadt. Judt zeigt, wie diese Ereignisse zusammenhängen und wie sie in anderen Ländern erlebt wurden. Das ist eine Art Blick von oben, wie Marc Aurel ihn empfiehlt, auf das eigene Leben.
Die Elterngeneration verstehen
Die ersten Kapitel handeln von der Welt, in der deine Eltern aufwuchsen: Trümmer, Hunger, Flucht, Schweigen, Wirtschaftswunder. Wer verstehen will, warum die Generation, die um 1940 geboren wurde, sparsam, sicherheitsbedürftig, oft verschwiegen über die eigene Familiengeschichte war, findet hier viele Antworten. Das kann Gespräche mit den Eltern, solange sie möglich sind, verändern, und es verbindet sich mit dem, was ich im Arendt- und im Snyder-Essay über die Familiengeschichte geschrieben habe.
Europa aus der Sicht der anderen
Judt schreibt nicht aus deutscher Sicht, und das ist ein Gewinn. Man sieht Deutschland mit den Augen von Franzosen, Briten, Polen und Tschechen, und versteht besser, warum die Nachbarn manche deutsche Entscheidungen anders bewerten als die Deutschen selbst, bei der Wiedervereinigung, in der Eurokrise, in der Energiepolitik, im Umgang mit Russland. Wer über europäische Politik mitreden will, gewinnt durch diese Perspektive erheblich.
Nichts ist selbstverständlich
Die wichtigste Lehre des Buches ist vielleicht die einfachste: Der Frieden, der Wohlstand, der Sozialstaat und die offenen Grenzen, die Westeuropa seit Jahrzehnten prägen, waren nicht selbstverständlich. Sie wurden nach einer Katastrophe mühsam aufgebaut, aus Angst und Not mehr als aus Idealismus, und sie können wieder verloren gehen. Die Entwicklungen seit 2005 haben das gezeigt. Das ist dieselbe Lehre, die wir bei Popper, Pinker und Rosling gezogen haben: Fortschritt ist eine Errungenschaft, keine Naturgesetzlichkeit.
Erinnern und Wissen
Und schließlich Judts Plädoyer im Epilog: Erinnerung braucht Geschichte. Gedenktage und Gedenkstätten sind wichtig, aber sie verlieren ihre Kraft, wenn man nicht weiß, was eigentlich geschah und wie es dazu kam. Für Großeltern heißt das: Den Enkeln nicht nur sagen, dass man sich erinnern soll, sondern erzählen, was man weiß, aus der eigenen Familie, aus der eigenen Lebenszeit.
Meine Sicht
Judts Geschichte Europas ist für mich das beste Buch über das Europa nach 1945, das es gibt, und eines der wenigen Geschichtswerke dieser Länge, das man mit Vergnügen liest.
Was mich überzeugt
Ost und West zusammen. Judt erzählt die Geschichte beider Hälften Europas in einem Atemzug, und er kennt den Osten nicht nur aus zweiter Hand. Das war 2005 keineswegs selbstverständlich, und es macht das Buch bis heute zu einem Gegenmittel gegen die westeuropäische Neigung, den Osten als Randgebiet zu behandeln.
Die unbequemen Wahrheiten. Die Einsicht, dass die stabile Nachkriegsordnung auch auf Mord, Vertreibung und Schweigen beruhte, gehört zum Wichtigsten, was das Buch zu sagen hat. Judt formuliert sie ohne Moralisieren, aber auch ohne Beschönigung.
Der Stil. Judt schreibt elegant, pointiert, oft ironisch, mit einem Gespür für das sprechende Detail. Statistiken über Kühlschränke und Autos stehen neben Analysen von Gipfeltreffen, und beides ist interessant.
Der Epilog über die Erinnerung. Die Gedanken über das Verhältnis von Erinnerung und Geschichte gehören zu den klügsten, die ich zu diesem Thema kenne, und sie sind durch die Debatten seit 2005 eher wichtiger geworden.
Was mich stört
Die Länge. Rund 1.000 Seiten sind auch für ein großes Buch viel. Manche Kapitel, etwa über die Wirtschaftspolitik einzelner Länder, verlangen Geduld.
Die Meinungsstärke. Judt war ein Historiker mit klaren Überzeugungen: Bewunderung für den Sozialstaat, Skepsis gegenüber der Marktorientierung der 1980er-Jahre, Spott über manche intellektuelle Moden, etwa die westliche 68er-Theorie. Das macht das Buch lebendig, aber man sollte wissen, dass es nicht neutral ist. Historiker, die die Reformen der 1980er-Jahre positiver sehen, oder solche, die die kulturellen Folgen von 1968 höher bewerten, würden manche Gewichte anders setzen.
Lücken. Südeuropa, Skandinavien und die Geschichte von Frauen, Migranten und Alltagskultur kommen im Verhältnis zur großen Politik und zu Frankreich, Großbritannien und Mitteleuropa etwas kurz. Und die Ukraine, die heute im Zentrum steht, ist bei Judt noch eine Nebenfigur.
Das Ende. Weil das Buch 2005 endet, wirkt sein vorsichtiger Optimismus über Europas Zukunft heute teilweise überholt. Das ist nicht Judts Fehler, aber es bedeutet, dass man die letzten zwanzig Jahre selbst ergänzen muss.
Mein Urteil
Als Gedankenbuch eine 8 von 10, als Lesevergnügen eine 8. Mein Lesetipp: Das Buch muss man nicht am Stück lesen, aber man sollte die Teile chronologisch lesen. Unbedingt die Kapitel über die Nachkriegszeit, die Dissidenten und 1989, und den Epilog über die Erinnerung. Wer die Zeit nach 2005 ergänzen will, kann Snyders Bloodlands und sein späteres Buch Der Weg in die Unfreiheit daneben legen, oder, für die Wurzeln der Katastrophen, Clarks Schlafwandler.
Fazit
Geschichte Europas von 1945 bis zur Gegenwart erzählt, wie ein zerstörter, entwurzelter Kontinent sich in sechzig Jahren zu einem der friedlichsten und wohlhabendsten Orte der Welt entwickelte, und zu welchem Preis: Mord und Vertreibung, Schweigen und Vergessen, ein Eiserner Vorhang und vier Jahrzehnte Diktatur im Osten. Judt zeigt, dass diese Ordnung aus Not und Angst entstand, nicht aus Idealismus, und dass sie auf Voraussetzungen ruht, die man pflegen muss. Die Jahre seit 2005 haben das bestätigt.
Für dich in einem Satz: Lies dieses Buch als Geschichte deines eigenen Lebens und des Lebens deiner Eltern, sieh Deutschland einmal mit den Augen seiner Nachbarn, und nimm Frieden und Wohlstand in Europa nicht als selbstverständlich hin, sondern als etwas, das Menschen gebaut haben und verteidigen müssen.
In der Reihe bildet dieses Buch den Abschluss eines europäischen Dreiklangs: Clark erzählt, wie Europa 1914 in die Katastrophe glitt, Snyder, wie es zwischen 1933 und 1945 zum Ort des Massenmords wurde, und Judt, wie es danach, mühsam und unvollkommen, einen neuen Anfang fand.