Elementarteilchen – Das Ende des Menschen als Pointe
Ein Buch, das man nicht mögen muss
„Elementarteilchen“, 1998 bei Flammarion erschienen und 1999 auf Deutsch bei DuMont, ist das Buch, das Houellebecq weltberühmt gemacht hat. Es war der Skandal des französischen Bücherherbsts, galt als Favorit für den Goncourt und bekam ihn nicht, verkaufte sich Hunderttausende Male und wurde 2002, zusammen mit seinem englischen Übersetzer Frank Wynne, mit dem International IMPAC Dublin Literary Award ausgezeichnet. Es wurde als zynisch, sexistisch, eugenisch, sogar faschistisch beschimpft, und es wurde als Meisterwerk gefeiert.
Mein Urteil vorweg: Beides stimmt ein bisschen, und deshalb ist es sein wichtigstes Buch, aber nicht sein bestes. Es ist der ehrgeizigste Versuch der Neunzigerjahre, einen Roman über die ganze westliche Zivilisation zu schreiben, und es endet mit der kühnsten Pointe, die man sich vorstellen kann: Die Menschheit schafft sich ab, und das wird als Erlösung erzählt. Man muss dieses Buch nicht mögen. Aber man kommt an ihm nicht vorbei.
Zwei Brüder, eine Mutter
Der Roman erzählt von zwei Halbbrüdern, geboren Ende der Fünfzigerjahre, die dieselbe Mutter haben und von ihr verlassen werden. Janine ist eine schöne, freiheitshungrige Frau, die die Kinder bei Großmüttern ablädt und in die kalifornische New-Age-Szene geht. Bruno, der Ältere, wächst bei einer Großmutter auf, kommt nach deren Tod in ein Internat und wird dort schwer gequält. Er wird ein von Sex besessener Mann, der bei Frauen kaum Erfolg hat, Lehrer wird, in einer lieblosen Ehe lebt und nach einem Annäherungsversuch an eine Schülerin zusammenbricht. Michel, der Jüngere, wächst bei der Großmutter väterlicherseits auf und wird Molekularbiologe, introvertiert, an Sex kaum interessiert, ein Mann reiner Erkenntnis.
Wer gerade Hesse gelesen hat, reibt sich die Augen. Das ist „Narziß und Goldmund“ in der Gegenwart, und zwar mit vertauschten Vorzeichen. Wieder ein Paar, aufgeteilt in Geist und Trieb. Wieder eine Mutter, die geht und eine Leerstelle hinterlässt. Nur dass bei Houellebecq beide Seiten scheitern: Der Triebmensch Bruno wird nicht zum Künstler, sondern zum Kranken, und der Geistmensch Michel findet nicht zu Gott, sondern zu einer Formel, die den Menschen abschafft. Wo Hesse die Mutter verklärt, klagt Houellebecq sie an. Janine steht für die Generation, die ihre eigene Freiheit über die Kinder gestellt hat.
Bruno ist dabei die lebendigere Figur, und das ist bezeichnend. Seine Kapitel sind lächerlich, schmerzhaft, voller Selbstmitleid, aber sie sind menschlich. In ihnen steckt mehr Wahrheit über männliche Einsamkeit als in allen Thesen des Buchs. Michel dagegen bleibt eine Funktion, der Mann, der die Lösung findet. Houellebecq beschreibt den, der leidet, besser als den, der denkt.
Die These von den Mutationen
Der Roman stellt sich in einen gewaltigen Rahmen. Er spricht von „metaphysischen Mutationen“, Umbrüchen, die das Weltbild ganzer Zivilisationen verändern. Zwei hat es gegeben, das Christentum und den Übergang zur modernen Wissenschaft und zum Individualismus. Die dritte, so wird angekündigt, steht bevor, und Michel wird sie auslösen.
Dazwischen entfaltet Houellebecq seine Zeitdiagnose, die er schon in „Ausweitung der Kampfzone“ entworfen hatte, jetzt im großen Format. Die Generation von 1968 und die sexuelle Befreiung erscheinen nicht als Emanzipation, sondern als Zerfall aller Bindungen. Die Freiheit des Einzelnen hat den Einzelnen nicht glücklich, sondern einsam gemacht. Der Wettbewerb um Sexualpartner ist so gnadenlos wie der um Geld, und wer alt oder hässlich ist, verliert. Brunos Besuche in Swingerclubs und am Nudistenstrand von Cap d’Agde sind die bittere Illustration: eine Welt, in der alles erlaubt ist und niemand glücklich wird.
Die These hat eine verführerische Wucht, und sie ist nicht dumm. Aber sie ist einseitig, und der Roman tut wenig, um sie zu prüfen. Es gibt keine Figur, die die Freiheit nach 1968 als Gewinn erlebt hat. Es gibt keine Liebe, die gelingt. Die These erzeugt die Figuren, nicht umgekehrt. Das ist dasselbe Problem wie bei „Narziß und Goldmund“: eine Formel, die bebildert statt geprüft wird. Nur ist Houellebecqs Formel düsterer und, weil sie sich wissenschaftlich gibt, gefährlicher.
Die Frauen zahlen
Es gibt in „Elementarteilchen“ zwei Frauen, die die Brüder wirklich lieben, und beide sind das Zärtlichste am Buch. Annabelle ist Michels Jugendliebe aus der Schulzeit, der er als Junge nicht nahekommen konnte. Sie sehen sich nach fast fünfundzwanzig Jahren wieder, und zum ersten Mal versucht Michel so etwas wie ein gemeinsames Leben. Christiane ist eine Lehrerin um die vierzig, die Bruno auf einem New-Age-Campingplatz kennenlernt. Mit ihr findet er, mitten in Swingerclubs und Nudistencamps, etwas, das man Liebe nennen kann.
Und beide Frauen sterben. Christiane wird durch eine Nekrose dauerhaft gelähmt und nimmt sich das Leben. Annabelle wird schwanger, dann wird Krebs festgestellt, und auch sie nimmt sich das Leben. Die Männer überleben: Bruno weist sich selbst für immer in eine psychiatrische Klinik ein, Michel geht nach Irland und arbeitet an seiner Formel.
Man kann das als Konsequenz der These lesen: In dieser Welt ist Liebe nur als Ausnahme möglich, und die Ausnahme wird vom Körper zerstört, von Krankheit, Alter, Verfall. Aber es fällt auf, dass es die Frauen sind, die den Preis zahlen, und dass ihr Tod vor allem dazu dient, die Männer in ihre Endstation zu befördern. Das ist dasselbe Muster wie bei Hesse, wo Kamala am Schlangenbiss stirbt, damit Siddhartha seinen Sohn bekommt. Nur dass Houellebecq es noch kälter erzählt. Die einzigen Figuren, die in diesem Roman lieben können, sind die, die er nicht überleben lässt.
Die Menschheit abschaffen
Michel geht nach Irland, an ein Forschungszentrum in Galway. Dort entwickelt er die Grundlagen für eine neue Art von Wesen: geschlechtslos, unsterblich, ohne Individualität, erzeugt durch Klonen. Seine Überzeugung ist, dass alle Arten mit geschlechtlicher Fortpflanzung zum Tod verurteilt sind, und dass mit der Sexualität auch das Leiden abgeschafft werden könnte. Er schickt seine Ergebnisse ab, sein Auto wird an der äußersten Westküste Irlands gefunden, und er verschwindet spurlos.
Erst im Epilog versteht man, wer die ganze Zeit erzählt hat. Es ist kein Mensch. Es ist ein Wesen der neuen Art, das aus einer Zukunft zurückblickt, in der Michels Ideen verwirklicht sind und die Menschheit friedlich ausgestorben ist. Der Roman, den wir gelesen haben, ist ein Nachruf auf uns.
Das ist die kühnste Pointe, die Houellebecq je gefunden hat, und sie ist zweischneidig. Man kann sie als Satire lesen, als bitteren Kommentar zu einer Zivilisation, die das Leiden so sehr fürchtet, dass sie lieber das Leben abschafft. Man kann sie aber auch als Wunschbild lesen, und der Roman macht es einem nicht leicht, zu entscheiden. Der Ton des Epilogs ist ruhig, fast feierlich, und das Ende der Menschheit erscheint nicht als Katastrophe, sondern als Erlösung. Genau hier kamen die Vorwürfe her, das Buch sei eugenisch. Ich halte das für zu einfach. Aber man muss zugeben: Houellebecq lässt offen, ob er die Abschaffung des Menschen beklagt oder herbeisehnt. Diese Unentschiedenheit ist das Verstörendste am Buch, und vielleicht seine Wahrheit.
Auffällig ist der Vergleich mit „Siddhartha“. Auch dort wird das Leiden am Ende aufgelöst, in eine Einheit, in der das Ich verschwindet. Hesse nennt das Erleuchtung, Houellebecq nennt es Biotechnik. Beide fliehen am Ende vor dem Schmerz. Nur sagt Houellebecq ehrlicher, was das kostet: den Menschen selbst.
Urteil
„Elementarteilchen“ ist ein großer, ungleichmäßiger, oft abstoßender Roman, der mehr will als jedes andere Buch seiner Zeit. Er will erklären, warum der Westen unglücklich ist, und er bietet eine Lösung an, die so radikal ist, dass man nicht weiß, ob man lachen oder erschrecken soll. Seine Schwächen sind dieselben wie in „Ausweitung der Kampfzone“, nur größer: Die These frisst die Figuren, die Frauen sterben für die Dramaturgie, und der Erzähler erklärt zu viel.
Seine Stärken sind ebenfalls größer. Bruno ist eine der traurigsten und genauesten Figuren der französischen Literatur der Neunzigerjahre, ein Mann, der an seinem Begehren zugrunde geht. Die Szenen mit Christiane haben eine Zärtlichkeit, die man Houellebecq nicht zutraut. Und der Epilog ist eine literarische Kühnheit, die man nicht vergisst, auch wenn man sie nicht mag.
Mein Urteil: Houellebecqs wichtigstes Buch, das, ohne das man ihn nicht versteht. Nicht sein bestes, dazu ist es zu thesenhaft und zu sehr im Recht. Lesen sollte man es trotzdem, am besten direkt nach „Ausweitung der Kampfzone“: Man sieht dann, wie aus einer Diagnose eine ganze Weltanschauung wird, und man kann sich fragen, ob man ihr glauben will.
Quellen
Der Roman ist urheberrechtlich geschützt. Die Handlung ist gegen mehrere Sekundärquellen abgeglichen; wo sie sich widersprechen, etwa bei Daten im Epilog, bleibt der Essay allgemein.
- Atomised, Wikipedia: Erscheinen 1998, IMPAC-Preis, Rahmenerzählung, Handlung, Verfilmung
- Elementarteilchen (Roman), Spiegel der deutschen Wikipedia: Handlung, Schicksale der Frauen, Thesen, Rezeption
- Perlentaucher: Elementarteilchen: deutsche Ausgabe, Rezensionen
- London Review of Books, John Sturrock: Irland, Cap d’Agde, These der Fortpflanzung
- Freitag, Mechtild Gilzmer: kritische Lesart
- Michel Houellebecq, Wikipedia: Goncourt-Favorit, Kontroversen