Texte zu Büchern

Eine kurze Geschichte von fast allem – Bill Bryson

Lesestand

Ein Reiseschriftsteller entdeckt die Naturwissenschaft

Bill Bryson, 1951 in Iowa geboren und viele Jahre in England zu Hause, war bekannt für komische Reisebücher, über Wanderungen auf dem Appalachian Trail, über Großbritannien, über Australien. Dann saß er, so erzählt er in der Einleitung, eines Tages in einem Flugzeug, schaute auf den Atlantik hinunter und merkte, dass er nicht die geringste Ahnung hatte, warum das Meer salzig ist, woraus die Erde besteht, wie man weiß, wie alt sie ist. Er hatte in der Schule Naturwissenschaften gehabt, aber die Lehrbücher hatten ihm alles beigebracht außer dem Staunen.

Also nahm er sich drei Jahre Zeit, las, reiste und befragte Wissenschaftler auf der ganzen Welt, mit einer einzigen Frage im Hinterkopf: Woher wissen wir das eigentlich? Wie haben Menschen herausgefunden, wie schwer die Erde ist, wie alt das Universum, woraus Atome bestehen, wann das Leben begann? Das Ergebnis erschien 2003 als A Short History of Nearly Everything, auf Deutsch 2004 als Eine kurze Geschichte von fast allem. Es wurde ein Welterfolg und erhielt wichtige Preise für Wissenschaftsvermittlung, darunter den Descartes-Preis der Europäischen Union.

Das Buch reicht vom Urknall bis zum Menschen, über Sterne, Planeten, Erdkruste, Atome, Vulkane, Bakterien, Zellen, Gene, Eiszeiten und die eigene Art. Es ist auf Deutsch rund 650 Seiten lang, und es liest sich, was bei diesen Themen selten ist, wie ein Unterhaltungsroman.

Nach Mukherjees Biografie des Krebses ist dies das zweite naturwissenschaftliche Buch in unserer Reihe, aber ein ganz anderes: kein Werk eines Fachmanns über sein Gebiet, sondern das eines neugierigen Laien über alles, für andere neugierige Laien.

Vom Kosmos zur Erde

Unvorstellbare Größen

Brysons erste Leistung ist, das Unvorstellbare vorstellbar zu machen, oder zumindest zu zeigen, warum es unvorstellbar ist. Sein Beispiel für die Größe des Sonnensystems: In den meisten Schulbüchern liegen die Planeten nebeneinander wie Perlen auf einer Kette. Würde man sie maßstabsgetreu darstellen, und die Erde wäre so groß wie eine Erbse, dann läge Jupiter rund 300 Meter entfernt und der äußerste Rand des Sonnensystems irgendwo kilometerweit dahinter. Und dabei ist das Sonnensystem nur ein winziger Fleck in einer Galaxie, die ihrerseits eine von unzähligen ist. Dazwischen ist fast nur Leere.

Wie alt, wie schwer

Von dort führt das Buch zur Erde, und hier beginnt das, was mich an Bryson am meisten fasziniert: die Frage, wie Menschen überhaupt herausgefunden haben, was wir heute in Schulbüchern lesen. Wie wiegt man einen Planeten? Wie misst man das Alter von Gestein, das älter ist als alles Leben? Wie weiß man, woraus ein Stern besteht, den man nie besuchen kann? Bryson erzählt die Antworten nicht als fertige Fakten, sondern als Geschichten von Menschen, die sie mit erstaunlichem Einfallsreichtum, oft gegen Widerstand und häufig mit großen Irrtümern auf dem Weg, gefunden haben.

Die Welt der Atome

Ein weiterer Teil handelt vom ganz Kleinen: von Atomen, ihren Bestandteilen, der Ordnung der Elemente, die der russische Chemiker Mendelejew in seinem Periodensystem fand, von Radioaktivität, von Marie Curie, von Einstein und der Quantenmechanik. Bryson gibt offen zu, dass er die Quantenmechanik nicht wirklich versteht, und tröstet den Leser damit, dass es den Physikern selbst nicht viel anders geht. Er beschreibt sie als eine Welt, in der Teilchen an mehreren Orten zugleich sein können und sich verhalten, als wüssten sie, ob man sie beobachtet. Das ist keine Physikvorlesung, aber es vermittelt ein Gespür für die Merkwürdigkeit dessen, woraus wir bestehen.

Aus Sternenstaub

Aus diesem Teil stammt einer der Gedanken, die man aus dem Buch mitnimmt: Fast alle Atome in unserem Körper, mit Ausnahme des Wasserstoffs, sind im Inneren längst vergangener Sterne entstanden. Und jedes dieser Atome war, bevor es Teil von uns wurde, schon Teil unzähliger anderer Dinge und Lebewesen, und wird es nach uns wieder sein. Wir sind, wörtlich, aus Sternenstaub gemacht und nur vorübergehende Anordnungen von Atomen, die schon unendlich lange unterwegs sind.

Die Menschen hinter den Entdeckungen

Das eigentliche Herz des Buches sind nicht die Fakten, sondern die Menschen, die sie gefunden haben. Bryson hat ein großes Talent für Exzentriker, Pechvögel und vergessene Helden, und viele seiner Geschichten bleiben länger im Gedächtnis als jede Zahl.

Der Mann, der die Erde wog

Henry Cavendish war ein reicher englischer Gelehrter des 18. Jahrhunderts und so schüchtern, dass er mit seinen Hausangestellten nur über Zettel verkehrte und Frauen, die ihm begegneten, nicht ansehen konnte. Er war zugleich einer der genialsten Experimentatoren seiner Zeit. Mit einem Apparat aus Bleikugeln und einem Faden, in einem abgedunkelten Raum, den er nur durch ein Fernrohr von außen beobachtete, um die Messung nicht durch seine eigene Körperwärme zu stören, bestimmte er 1798 das Gewicht der Erde, mit einer erstaunlichen Genauigkeit. Viele seiner Entdeckungen veröffentlichte er nie.

Der Mann, der das Blei fand

Die bewegendste Geschichte dieses Teils handelt von dem amerikanischen Geochemiker Clair Patterson. In den 1950er-Jahren bestimmte er als Erster das Alter der Erde mit großer Genauigkeit, auf etwa 4,5 Milliarden Jahre, durch die Messung von Blei in Meteoriten. Dabei machte er eine beunruhigende Entdeckung: Seine Messungen wurden ständig durch Blei verfälscht, das überall war, in der Luft, im Wasser, im Staub, in den Menschen. Die Quelle war verbleites Benzin, das seit den 1920er-Jahren weltweit verbrannt wurde.

Patterson verbrachte den Rest seines Lebens damit, gegen die mächtige Industrie zu kämpfen, die Bleizusätze herstellte. Er verlor Forschungsaufträge und wurde aus Gremien gedrängt. Aber er setzte sich durch: Verbleites Benzin wurde in den USA und später fast überall verboten, und der Bleigehalt im Blut der Menschen sank drastisch. Bryson erzählt das als Geschichte eines fast vergessenen Mannes, der Millionen Menschen vor Schäden bewahrt hat. Wer den Mukherjee-Essay gelesen hat, erkennt das Muster wieder: Wie bei der Tabakindustrie versuchte eine Branche, wissenschaftliche Befunde jahrzehntelang zu bestreiten.

Ironischerweise war der Erfinder des verbleiten Benzins, der Chemiker Thomas Midgley, auch der Erfinder der Fluorchlorkohlenwasserstoffe, die später das Ozonloch verursachten. Bryson merkt trocken an, dass kaum ein Einzelner der Erdatmosphäre mehr geschadet habe.

Die Knochenkriege

Und dann gibt es die Streitsüchtigen. Im 19. Jahrhundert lieferten sich zwei amerikanische Paläontologen, Edward Cope und Othniel Marsh, einen jahrzehntelangen erbitterten Kampf um Dinosaurierfunde, mit Bestechung, Diebstahl, Sabotage und gesprengten Fundstellen, damit der andere sie nicht ausgraben konnte. Sie entdeckten dabei Dutzende neuer Arten und ruinierten sich gegenseitig. In England wurde der Arzt Gideon Mantell, der als einer der Ersten die Knochen eines Dinosauriers beschrieb, von einem einflussreichen Kollegen um Anerkennung gebracht und starb verarmt.

Diese Geschichten machen etwas sichtbar, was in Lehrbüchern verschwindet: Wissenschaft wird von Menschen gemacht, mit Leidenschaft, Eitelkeit, Neid, Mut und Zufall. Das ist Kuhns Bild von Wissenschaft, nur mit mehr Humor erzählt.

Ein gefährlicher Planet voller Leben

Die dünne Kruste

In einem Teil, der den Titel Gefährlicher Planet trägt, erinnert Bryson daran, wie unsicher der Boden ist, auf dem wir stehen. Die feste Erdkruste ist im Verhältnis zur Erde dünner als die Schale eines Apfels, und darunter brodelt es. Sein eindringlichstes Beispiel ist der Yellowstone-Nationalpark in den USA, unter dem ein sogenannter Supervulkan liegt. Er ist in den letzten zwei Millionen Jahren mehrmals ausgebrochen, zuletzt vor rund 640.000 Jahren, mit Folgen, die einen großen Teil Nordamerikas unter Asche begruben. Ein solcher Ausbruch wäre heute eine globale Katastrophe. Niemand weiß, wann der nächste kommt.

Ebenso nüchtern beschreibt Bryson Einschläge aus dem All. Vor 66 Millionen Jahren traf ein Asteroid die Erde vor der Küste des heutigen Mexiko und löschte die Dinosaurier aus. Und in seiner Heimat Iowa liegt, unsichtbar unter Feldern, der Krater eines anderen großen Einschlags, von dem kaum jemand dort weiß. Die Erde ist, so Brysons Botschaft, kein sicherer Ort, wir hatten bisher nur Glück. Wer Taleb gelesen hat, denkt hier unwillkürlich an den Truthahn.

Die Herrschaft der Winzlinge

Der Teil über das Leben beginnt mit einer Demütigung. Den größten Teil der Lebewesen auf der Erde, gemessen an Zahl und Vielfalt, bilden nicht Pflanzen oder Tiere, sondern Bakterien und andere Mikroorganismen. Sie leben überall, in Felsen kilometertief unter der Erde, in kochenden Quellen, im Eis, und in uns: Ein Mensch trägt nach heutigen Schätzungen etwa so viele Bakterienzellen in sich wie eigene Körperzellen, und ohne sie könnten wir nicht leben. Bryson schreibt sinngemäß, dass wir in ihrer Welt leben, nicht sie in unserer.

Was wir nicht wissen

Eine der überraschendsten Einsichten des Buches betrifft das Ausmaß unseres Nichtwissens. Niemand weiß auch nur annähernd, wie viele Arten von Lebewesen es auf der Erde gibt. Die Schätzungen reichten zu Brysons Zeit von wenigen Millionen bis zu über hundert Millionen. Viele Gruppen von Lebewesen sind kaum erforscht, und ganze Sammlungen in Museen warten seit Jahrzehnten darauf, dass jemand sie bestimmt. Bryson macht daraus keine Klage, sondern ein Staunen: Selbst über unseren eigenen Planeten wissen wir erstaunlich wenig.

Darwin und Mendel

In diesem Teil erzählt Bryson auch die Geschichte der Evolutionstheorie, von Darwins langem Zögern, seine Theorie zu veröffentlichen, bis zu dem Mönch Gregor Mendel, der in einem Klostergarten in Brünn mit Erbsen die Grundgesetze der Vererbung entdeckte, die jahrzehntelang niemand beachtete. Erst im 20. Jahrhundert wurden beide Hälften zusammengefügt, und die Entdeckung der DNA zeigte, wie Vererbung tatsächlich funktioniert. Wer Dawkins gelesen hat, findet hier die Vorgeschichte.

Der Weg zu uns und das Glück, zu existieren

Eiszeiten und Vorfahren

Der letzte Teil des Buches führt zum Menschen. Bryson erzählt von den Eiszeiten, deren Ursachen man erst im 20. Jahrhundert verstand, und vom langen, verwirrenden Weg der menschlichen Evolution. Er betont, wie wenig Fundstücke es eigentlich gibt, wie viele Theorien auf einer Handvoll Knochen beruhen und wie heftig Forscher über ihre Deutung streiten. Das ist ehrlicher als viele Darstellungen, die den Stammbaum des Menschen als gesicherte Abfolge präsentieren. Wer Harari gelesen hat, kennt manches davon, aber Bryson ist vorsichtiger und zweifelnder.

Der Dodo und die anderen

Ein trauriges Kapitel beschreibt, wie der Mensch zahllose Arten ausgerottet hat, oft gedankenlos, manchmal sogar im Namen der Wissenschaft. Der Dodo, ein flugunfähiger Vogel auf Mauritius, verschwand im 17. Jahrhundert, kurz nachdem Europäer die Insel erreicht hatten, und niemand hielt es für nötig, ein vollständiges Exemplar aufzubewahren. Bryson erzählt von Sammlern, die die letzten Exemplare seltener Vögel erschossen, um sie für ihre Kabinette zu besitzen. Sein Fazit ist bitter: Wenn man ein Wesen auswählen wollte, um das Leben im Universum zu hüten, würde man nicht den Menschen nehmen.

Das unwahrscheinliche Glück

Und doch endet das Buch nicht in Verzweiflung, sondern in einem Gefühl, das sich durch alle Kapitel zieht: Staunen über das Glück, überhaupt zu existieren. Bryson rechnet vor, was dafür alles geschehen musste: Das Universum musste genau die richtigen Eigenschaften haben, damit Sterne und Planeten entstehen konnten. Die Erde musste im richtigen Abstand zur Sonne kreisen, einen schützenden Mond und ein schützendes Magnetfeld haben. Das Leben musste entstehen und Milliarden Jahre lang alle Katastrophen überstehen. Und jeder einzelne deiner Vorfahren, über Jahrmillionen zurück, musste lange genug überleben, um Nachkommen zu haben, keiner von ihnen von einem Raubtier gefressen, von einer Seuche dahingerafft, vor der Fortpflanzung gestorben.

Das Ergebnis, schreibt Bryson sinngemäß, ist, dass du hier bist, und das ist ein Wunder, das man sich nicht oft genug klarmachen kann. Das ist kein religiöser Gedanke, sondern einer, der sich aus der Naturwissenschaft selbst ergibt. Und er ist, nach all den Büchern über Kriege, Krankheiten und Denkfehler, ein schöner Kontrast.

Was seit 2003 geschah

Ein Buch über den Stand der Wissenschaft altert schnell, und Bryson wäre der Erste, der das mit Vergnügen zugeben würde. In mehr als 20 Jahren hat die Forschung einiges hinzugefügt, und manches korrigiert. Eine Auswahl:

Pluto ist kein Planet mehr. 2006 beschloss die Internationale Astronomische Union, Pluto zum Zwergplaneten herabzustufen. Brysons Sonnensystem hat seitdem einen Planeten weniger.

Fremde Welten zu Tausenden. Als Bryson schrieb, waren erst gut hundert Planeten außerhalb unseres Sonnensystems bekannt. Inzwischen sind es mehrere Tausend, und Teleskope wie das 2021 gestartete James-Webb-Weltraumteleskop untersuchen bereits die Atmosphären mancher von ihnen.

Bestätigte Vorhersagen. 2012 wurde am Forschungszentrum CERN in Genf das Higgs-Teilchen nachgewiesen, das Bryson noch als Hypothese beschreiben musste. 2015 wurden zum ersten Mal Gravitationswellen gemessen, die Einstein hundert Jahre zuvor vorhergesagt hatte. 2019 wurde zum ersten Mal ein Bild vom Umfeld eines Schwarzen Lochs veröffentlicht.

Neue Verwandte. Die menschliche Vorgeschichte ist komplizierter geworden. Seit 2010 weiß man aus Erbgutanalysen, dass viele heutige Menschen einen kleinen Anteil Neandertaler-Erbgut in sich tragen, und dass es eine weitere, bis dahin unbekannte Menschenform gab, die Denisova-Menschen. Neue Funde haben gezeigt, dass Homo sapiens älter ist, als Bryson annahm, und dass vor unserer Zeit mehrere Menschenarten nebeneinander lebten.

Die Bakterien in uns. Das verbreitete Bild, im Körper lebten zehnmal so viele Bakterien wie Körperzellen, wurde inzwischen korrigiert. Nach neueren Schätzungen ist das Verhältnis etwa ausgeglichen. An Brysons Grundaussage, dass wir ohne unsere Mikroben nicht leben könnten, ändert das nichts, im Gegenteil: Die Forschung über das Mikrobiom ist seitdem eines der lebendigsten Felder der Biologie geworden.

Die Gentechnik. Mit der 2012 vorgestellten Genschere CRISPR lässt sich Erbgut heute präziser und einfacher verändern als je zuvor, mit Folgen für Medizin und Landwirtschaft, die zu Brysons Zeit kaum vorstellbar waren.

Was sich nicht geändert hat, ist das, was Bryson am meisten betont: wie viel wir nicht wissen. Das Rätsel der dunklen Materie und dunklen Energie, die den größten Teil des Universums ausmachen, ist ungelöst. Wie das Leben entstand, weiß niemand. Und die Zahl der Arten auf der Erde ist immer noch nur eine Schätzung. Bryson selbst hat 2019 ein Buch über den menschlichen Körper nachgelegt, das in derselben Art erzählt ist und sich für jemanden in deinem Alter besonders lohnt.

Was es dir bringt

Brysons Buch hat keine Thesen, die man anwenden, und keine Werkzeuge, die man üben könnte. Sein Nutzen liegt woanders, und er ist nicht kleiner.

Das Staunen zurückgewinnen

Mit den Jahren verliert man leicht das Staunen. Die Welt wird vertraut, die Fragen der Kindheit, warum der Himmel blau ist, woraus Sterne bestehen, wie alt die Steine im Garten sind, geraten in Vergessenheit oder werden für kindisch gehalten. Bryson gibt dieses Staunen zurück, und zwar nicht durch Wunderglauben, sondern durch Wissen. Das ist ein großes Geschenk, vielleicht gerade in einem Alter, in dem man sich fragt, was man mit den kommenden Jahrzehnten anfangen will. Neugier ist eine der verlässlichsten Quellen von Lebensfreude im Alter.

Verstehen, wie Wissen entsteht

Die wichtigste Frage des Buches, woher wissen wir das eigentlich, ist eine Schule des kritischen Denkens. Wer weiß, wie mühsam, umstritten und fehleranfällig der Weg zu einer wissenschaftlichen Erkenntnis war, kann besser beurteilen, wie sicher sie ist. Das hilft beim Lesen von Nachrichten über Wissenschaft, bei Gesundheitsfragen und im Umgang mit Behauptungen, die sich wissenschaftlich geben. Es passt zu Kuhn, Popper und Harari: Wissenschaft ist keine Sammlung von Wahrheiten, sondern ein Verfahren, Irrtümer zu korrigieren.

Demut und Perspektive

Die Größe des Universums, das Alter der Erde, die Zahl der Lebewesen, die vor uns da waren: Das alles relativiert. Was im eigenen Alltag riesig wirkt, schrumpft, wenn man es vor diesem Hintergrund sieht. Das ist Marc Aurels Blick von oben, mit den Mitteln der Naturwissenschaft.

Ein Buch zum Teilen

Wenn du Enkel hast, oder Kinder, die Kinder haben, ist dies eines der besten Bücher, um Neugier weiterzugeben. Bryson hat auch eine bebilderte Fassung für junge Leser veröffentlicht. Gemeinsam die Größe des Sonnensystems mit Erbsen und Schritten nachzubauen, ist ein besserer Nachmittag als die meisten Bildschirmspiele.

Gegen das Verbleiben in der eigenen Blase

Und schließlich ein kleiner, praktischer Gewinn: Das Buch hilft, sich in wissenschaftlichen Debatten der Gegenwart zurechtzufinden, über Klima, Gentechnik, Raumfahrt, Gesundheit. Wer die Grundlagen kennt, versteht, worüber gestritten wird, und lässt sich weniger leicht von Halbwissen auf beiden Seiten beeindrucken.

Meine Sicht

Eine kurze Geschichte von fast allem ist das unterhaltsamste Sachbuch auf deiner bisherigen Liste und eines der besten Bücher, die je über Naturwissenschaft für Laien geschrieben wurden. Es ist nicht das tiefste, aber das liebenswerteste.

Was mich überzeugt

Die Frage nach dem Woher. Bryson erzählt nicht, was wir wissen, sondern wie wir es herausgefunden haben. Das ist der entscheidende Unterschied zu einem Lehrbuch, und er macht aus Fakten Geschichten und aus Lesern Mitdenkende.

Die Menschen. Cavendish, Patterson, Mantell, die streitenden Knochenjäger: Bryson zeigt Wissenschaft als menschliches Unternehmen, mit Größe und Kleinlichkeit, Mut und Eitelkeit. Das macht sie zugänglicher und glaubwürdiger zugleich.

Der Humor. Bryson ist komisch, ohne seine Gegenstände lächerlich zu machen. Seine Selbstironie, seine Freude an absurden Details, seine Fähigkeit, das Unvorstellbare mit alltäglichen Vergleichen fassbar zu machen, sind selten.

Die Ehrlichkeit über das Nichtwissen. Kaum ein populäres Wissenschaftsbuch betont so konsequent, wie viel wir nicht wissen. Das ist wissenschaftlich redlich und eine Wohltat nach Büchern, die mit großer Gewissheit Welterklärungen anbieten.

Was mich stört

Die Breite auf Kosten der Tiefe. Fast alles auf 650 Seiten heißt, dass vieles nur angerissen wird. Wer etwa die Quantenmechanik, die Evolution oder die Klimageschichte wirklich verstehen will, braucht andere Bücher. Bryson weckt Neugier, er stillt sie nicht immer.

Anekdote vor Erklärung. An manchen Stellen ist die skurrile Geschichte wichtiger als das Verständnis der Sache. Man weiß danach, dass Cavendish mit seinen Dienstboten über Zettel verkehrte, aber nicht unbedingt, wie sein Experiment genau funktionierte.

Der Stand von 2003. Wie oben beschrieben, ist manches überholt. Das schmälert den Wert des Buches nicht grundsätzlich, aber wer es heute liest, sollte wissen, dass Wissenschaft in zwanzig Jahren nicht stillsteht.

Kleinere Fehler. Fachleute haben in einzelnen Kapiteln Ungenauigkeiten gefunden, wie es bei einem Laien, der über alles schreibt, kaum zu vermeiden ist. Die großen Linien stimmen.

Mein Urteil

Als Gedankenbuch eine 7 von 10, als Lesevergnügen eine 10, das einzige Buch auf deiner Liste, dem ich diese Note gebe. Mein Lesetipp: Nicht am Stück, sondern als Abendlektüre, ein Kapitel nach dem anderen, und mit dem Wissen um die Ergänzungen seit 2003. Und danach Brysons Buch über den menschlichen Körper, das sich mit 56 noch unmittelbarer lohnt.

Fazit

Eine kurze Geschichte von fast allem erzählt, wie Menschen herausgefunden haben, wie groß das Universum ist, wie alt die Erde, woraus die Dinge bestehen und wie das Leben entstand, und es tut das so unterhaltsam, dass man darüber vergisst, dass man gerade Naturwissenschaft lernt. Seine wichtigste Botschaft ist nicht eine einzelne Erkenntnis, sondern eine Haltung: Staunen über das Unwahrscheinliche unserer Existenz und Demut angesichts dessen, wie viel wir noch nicht wissen.

Für dich in einem Satz: Lies dieses Buch, um das Staunen zurückzugewinnen, frag bei jeder wissenschaftlichen Behauptung, woher man das eigentlich weiß, und teile die Neugier mit denen, die nach dir kommen.

In der Reihe ist dieses Buch ein heiterer Gegenpol zu den schweren Geschichtswerken von Arendt, Snyder und Clark und eine Ergänzung zu Mukherjee, Dawkins und Kuhn: Wo diese erklären, wie Wissenschaft funktioniert und was sie gefunden hat, zeigt Bryson, warum man sich überhaupt dafür begeistern kann.