Texte zu Büchern

Eine kurze Geschichte der Menschheit – Yuval Noah Harari

Lesestand

Der Historiker als Welterklärer

Yuval Noah Harari, 1976 in Israel geboren, war ein eher unauffälliger Militärhistoriker an der Hebräischen Universität Jerusalem, promoviert in Oxford mit einer Arbeit über Kriegserfahrungen im Mittelalter. Weil die jüngeren Kollegen keine Lust darauf hatten, übernahm er eine Einführungsvorlesung in Weltgeschichte für Studienanfänger. Aus dieser Vorlesung wurde ein Buch, 2011 auf Hebräisch, 2013 auf Deutsch, 2014 auf Englisch unter dem Titel Sapiens. Es wurde eines der erfolgreichsten Sachbücher des 21. Jahrhunderts, in Dutzende Sprachen übersetzt, millionenfach verkauft, empfohlen von Barack Obama, Bill Gates und Mark Zuckerberg.

Harari wurde damit vom Fachhistoriker zum globalen Denker, der in Davos spricht, Regierungschefs berät und zu fast jedem Thema der Gegenwart befragt wird. Es folgten Homo Deus über die Zukunft, 21 Lektionen für das 21. Jahrhundert über die Gegenwart und 2024 Nexus über Informationsnetzwerke und künstliche Intelligenz.

Das Buch umspannt in rund 500 Seiten die gesamte Geschichte unserer Art, von den ersten Menschen in Afrika bis zur Gentechnik. Diamond fragte, warum manche Völker andere eroberten. Harari fragt grundsätzlicher: Wie hat es eine unbedeutende Affenart geschafft, den Planeten zu beherrschen? Und hat es uns glücklicher gemacht?

Wer Harari liest, merkt schnell, warum das Buch so erfolgreich ist. Er schreibt mit einer Klarheit und Pointenlust, wie sie in Geschichtsbüchern selten ist, und er scheut sich nicht vor Sätzen, die bewusst provozieren. Das ist zugleich seine größte Stärke und, wie wir sehen werden, sein größtes Problem.

Vier Etappen

Harari gliedert die Geschichte nicht nach Reichen oder Epochen, sondern nach drei Revolutionen und einem langen Prozess dazwischen. Die Gliederung ist eingängig und trägt das Buch.

Hararis Gliederung der Menschheitsgeschichte · vier Etappen

Hararis Gliederung der Menschheitsgeschichte · vier Etappen

Die Proportionen sind der eigentliche Witz. Homo sapiens gibt es seit rund 300.000 Jahren, andere Menschenarten seit über zwei Millionen. Fast die gesamte Geschichte unserer Art haben wir als Jäger und Sammler verbracht. Alles, was wir Zivilisation nennen, ist ein winziger Ausschnitt am Ende, und die moderne Welt mit Wissenschaft, Industrie und Wachstum ist ein Wimpernschlag. Wer das einmal verinnerlicht hat, sieht die eigene Gegenwart mit anderen Augen: als eine sehr ungewöhnliche, sehr junge und keineswegs selbstverständliche Lebensform.

Die kognitive Revolution: Die Macht der Fiktion

Wir waren nicht allein

Harari beginnt mit einer Tatsache, die viele Leser überrascht: Noch vor 50.000 Jahren lebten mindestens sechs Menschenarten gleichzeitig auf der Erde, darunter der Neandertaler in Europa, der Denisova-Mensch in Asien und der zwergwüchsige Homo floresiensis auf einer indonesischen Insel. Heute gibt es nur noch uns. Was ist mit den anderen passiert? Harari erwägt Vermischung und Verdrängung und neigt zu einer unbequemen Antwort: Wo Sapiens auftauchte, verschwanden die anderen, und mit ihnen ein großer Teil der großen Tiere. In Australien, Amerika und auf vielen Inseln starben Riesenbeuteltiere, Mammuts und Riesenfaultiere bald nach Ankunft des Menschen aus. Harari nennt unsere Art den gefährlichsten Serienmörder der Biologie.

Warum gerade wir?

Sapiens war weder stärker noch hatte er ein größeres Gehirn als der Neandertaler. Hararis Antwort: Vor etwa 70.000 Jahren entwickelte Sapiens eine neue Art zu denken und zu sprechen. Viele Tiere können warnen, „Vorsicht, Löwe!“. Sapiens konnte zweierlei mehr.

Erstens konnte er über andere Menschen reden, also klatschen. Wer ist zuverlässig, wer betrügt, wer schläft mit wem? Klatsch ermöglicht Vertrauen in Gruppen, die zu groß sind, als dass jeder jeden aus eigener Erfahrung kennt. Aber auch das stößt an eine Grenze: Gruppen, die nur durch persönliche Bekanntschaft zusammenhalten, zerfallen ab etwa 150 Menschen. Diese Zahl, nach dem Anthropologen Robin Dunbar benannt, taucht bis heute in Armeekompanien und Firmenabteilungen auf.

Zweitens, und das ist der entscheidende Punkt, konnte Sapiens über Dinge sprechen, die es nicht gibt: Geister, Götter, Ahnen, Stammesgründer. Er konnte nicht nur sagen „Da ist ein Löwe“, sondern „Der Löwe ist der Schutzgeist unseres Stammes“. Und wenn viele Menschen an dieselbe Geschichte glauben, können sie zusammenarbeiten, ohne einander zu kennen.

Die Firma, die es nicht gibt

Hararis berühmtestes Beispiel ist der Autokonzern Peugeot, dessen Logo ein Löwe ist. Was ist Peugeot eigentlich? Nicht die Fabriken, denn würden alle abbrennen, gäbe es die Firma weiter. Nicht die Mitarbeiter, denn die wechseln. Nicht das Geld, denn das kann man leihen. Peugeot existiert als juristische Person, eine Erfindung von Juristen, an die Gerichte, Banken, Kunden und Mitarbeiter gemeinsam glauben. Würde ein Gericht die Firma auflösen, wäre sie weg, auch wenn jedes Werk noch stünde.

Daraus entwickelt Harari die Unterscheidung, die ich für den wertvollsten Gedanken des Buches halte. Es gibt drei Arten von Wirklichkeit:

ArtWas sie istBeispiele
objektivexistiert unabhängig davon, was Menschen glaubenSchwerkraft, Viren, Radioaktivität
subjektivexistiert nur im Bewusstsein eines Einzelnenmein Kopfschmerz, meine Angst
intersubjektivexistiert, weil viele daran glauben, und verschwindet, wenn sie aufhörenGeld, Nationen, Firmen, Gesetze, Menschenrechte, Götter

Die dritte Kategorie ist das Fundament jeder Zivilisation. Sie ist nicht eingebildet im Sinn von „unwirklich“: Ein Euro kann einen Menschen ernähren, ein Gesetz ihn ins Gefängnis bringen. Aber ihre Kraft hängt vollständig am gemeinsamen Glauben. Deshalb können sie sich auch ändern, schnell und ohne genetische Evolution. Ein Schimpanse kann seine Gesellschaft nicht umbauen. Menschen können über Nacht eine Monarchie in eine Republik verwandeln, indem sie anfangen, eine neue Geschichte zu glauben.

Die Agrarrevolution: Der größte Betrug der Geschichte

Das ist das Kapitel, das die meisten Leser in Erinnerung behalten, weil es eine Erzählung umdreht, die man in der Schule gelernt hat. Dort hieß es: Die Menschen entdeckten den Ackerbau, wurden sesshaft, und damit begann der Fortschritt. Harari nennt die Agrarrevolution dagegen den größten Betrug der Geschichte.

Wer hat hier wen domestiziert?

Der durchschnittliche Bauer, so Harari, arbeitete härter als der durchschnittliche Jäger und Sammler, ernährte sich einseitiger, war kleiner, hatte mehr Rückenleiden, Zahnprobleme und Infektionskrankheiten, und war Dürren, Missernten und Plünderern stärker ausgeliefert. Jäger und Sammler kannten Hunderte Pflanzen und Tiere, wanderten, aßen abwechslungsreich und arbeiteten nach manchen Schätzungen weniger Stunden pro Tag.

Daraus folgt die berühmte Umkehrung: Nicht der Mensch hat den Weizen domestiziert, sondern der Weizen den Menschen. Vor 10.000 Jahren war Weizen ein unscheinbares Gras in einem kleinen Gebiet des Nahen Ostens. Heute bedeckt er Millionen Quadratkilometer, weil Menschen ihr Leben damit verbringen, ihn zu pflanzen, zu jäten, zu bewässern und vor Schädlingen zu schützen. Aus Sicht des Weizens ein gewaltiger Erfolg.

Erfolg ist nicht Glück

Warum haben die Menschen dann nicht einfach aufgehört? Weil die Landwirtschaft mehr Menschen ernähren konnte, wenn auch schlechter. Evolutionär ist das ein Erfolg: Es gibt mehr Kopien der eigenen Gene. Für das einzelne Leben ist es kein Gewinn. Und als die Bevölkerung gewachsen war, gab es kein Zurück, denn das Land hätte die vielen Menschen als Jäger und Sammler nicht mehr ernährt.

Harari nennt das die Luxusfalle, und er sieht sie bis heute am Werk. Jede neue Erleichterung, die Waschmaschine, die E-Mail, das Smartphone, sollte uns Zeit verschaffen. Tatsächlich sind wir beschäftigter als je zuvor, weil sich die Erwartungen anpassen. Luxus wird zur Notwendigkeit, und Notwendigkeiten erzeugen neue Pflichten.

Harari dehnt den Gedanken auf die Tiere aus. Rinder, Schweine und Hühner gehören zu den erfolgreichsten Arten der Erde, gemessen an ihrer Zahl. Gemessen am Leben des einzelnen Tieres in der industriellen Haltung sind sie die elendesten Geschöpfe, die je gelebt haben. Harari lebt selbst vegan, und dieses Kapitel ist eines der wenigen, in denen er offen moralisch wird.

Vereinigung und Wissenschaft

Erfundene Ordnungen

Große Gesellschaften brauchen Regeln, die alle anerkennen. Harari stellt zwei berühmte Texte nebeneinander: den Codex Hammurabi, nach dem Menschen von Natur aus in Ränge geordnet sind und ein Adliger mehr wert ist als ein Sklave, und die amerikanische Unabhängigkeitserklärung, nach der alle Menschen gleich geschaffen sind. Wir halten den einen für ungerecht und den anderen für wahr. Harari provoziert: Beide sind erfundene Ordnungen. Biologisch sind Menschen weder in Kasten geteilt noch gleich, sie sind verschieden. Gleichheit ist eine Idee, an die wir glauben, und gerade deshalb so mächtig. Diese Unterscheidung macht Harari nicht zum Zyniker. Er sagt nicht, Menschenrechte seien wertlos. Er sagt, sie sind etwas, das wir gemeinsam aufrechterhalten müssen, weil die Natur es nicht für uns tut.

Geld: das universellste Vertrauenssystem

Der Prozess, den Harari die Vereinigung der Menschheit nennt, läuft über drei universelle Ordnungen: Geld, Imperien und Religionen. Von den dreien hält er das Geld für die erfolgreichste. Es ist das einzige Vertrauenssystem, das fast alle kulturellen und religiösen Gräben überbrückt. Christen und Muslime, die sich über Gott nicht einigen konnten, einigten sich über den Wert von Goldmünzen. Geld funktioniert nicht, weil Papier oder Metall etwas wert wäre, sondern weil jeder glaubt, dass alle anderen daran glauben. Es ist die intersubjektive Wirklichkeit in Reinform.

Imperien und Religionen

Harari verteidigt die Imperien gegen ihren schlechten Ruf, ohne ihre Gewalt zu verschweigen: Sie waren die häufigste politische Form der letzten 2.500 Jahre, und viele Bestandteile heutiger Kulturen, Sprachen, Rechtssysteme, Religionen, verdanken sich ihnen. Auch Religionen sieht er als Vereinigungsmaschinen. Dazu zählt er ausdrücklich die modernen Weltanschauungen: Liberalismus, Sozialismus, Nationalismus. Sie haben keine Götter, aber sie funktionieren wie Religionen, weil sie eine Ordnung behaupten, an die Millionen glauben.

Die Entdeckung des Nichtwissens

Die wissenschaftliche Revolution beginnt bei Harari nicht mit einer Erfindung, sondern mit einem Eingeständnis. Ältere Weltkarten füllten unbekannte Gebiete mit Fabelwesen und Fantasielandschaften. Im 16. Jahrhundert tauchen Karten auf, die leere Flächen zeigen. Diese weißen Flecken sind für Harari das Symbol der Moderne: Wir wissen nicht alles, also müssen wir suchen. Wer zugibt, nicht zu wissen, kann Neues entdecken.

Wissenschaft, Imperium und Kapital

Die Wissenschaft hatte aber Geldgeber, und die wollten etwas dafür. Harari zeigt, wie eng Forschung mit Eroberung verbunden war: Naturforscher reisten auf Kriegsschiffen, Sprachwissenschaftler halfen beim Verwalten von Kolonien. Und er zeigt, wie der Kapitalismus auf einer neuen Art von Glauben beruht, dem Glauben an Wachstum. Kredit bedeutet, Geld aus der Zukunft zu leihen, im Vertrauen darauf, dass morgen mehr da ist als heute. Solange die Wissenschaft immer neue Erfindungen liefert, erfüllt sich dieser Glaube von selbst. Die moderne Wirtschaft ist für Harari eine Art Religion mit zwei Geboten: Die Reichen sollen investieren, alle anderen sollen kaufen.

Sind wir glücklicher geworden?

Gegen Ende stellt Harari eine Frage, die Historiker fast nie stellen: Hat all das, Landwirtschaft, Reiche, Geld, Wissenschaft, Industrie, die Menschen glücklicher gemacht? Er hält es für das größte Versäumnis seines Fachs, dass niemand darauf eine ernsthafte Antwort versucht hat. Das Kapitel ist kurz und eines der besten des Buches, weil es unterschiedliche Antworten nebeneinanderstellt, statt eine zu behaupten.

Materiell ist die Antwort klar: Wir leben länger, hungern seltener, sterben seltener an Gewalt und Seuchen. Psychologisch ist sie unklar. Glück hängt stark von Erwartungen ab, und die passen sich an. Lottogewinner und Menschen nach einem Unfall kehren nach einiger Zeit in die Nähe ihres früheren Glücksniveaus zurück. Wer mehr hat, erwartet mehr. Biochemisch ist die Antwort ernüchternd: Unser Wohlbefinden wird durch Hormone und Botenstoffe in einem gewissen Korridor gehalten, der sich durch äußere Umstände nur begrenzt verschieben lässt. Und dann bringt Harari den Sinn ins Spiel, mit Bezug auf Kahneman: Kinder großzuziehen ist in vielen Einzelmomenten anstrengend und wenig angenehm, und trotzdem sagen Eltern, es sei das Wichtigste in ihrem Leben. Glück könnte weniger in angenehmen Momenten liegen als darin, dem eigenen Leben einen Sinn zu geben, auch wenn dieser Sinn selbst eine Geschichte ist, die wir uns erzählen. Hier trifft Harari unerwartet auf Frankl.

Am Ende landet Harari beim Buddhismus, den er selbst praktiziert: Er meditiert täglich zwei Stunden. Nach buddhistischer Sicht entsteht Leid nicht aus schlechten Gefühlen, sondern aus dem ständigen Jagen nach guten. Glück wäre dann nicht, mehr angenehme Gefühle zu haben, sondern aufzuhören, ihnen nachzulaufen.

Das Ende des Sapiens

Das letzte Kapitel blickt nach vorn. Mit Gentechnik, Biotechnologie und künstlicher Intelligenz beginnt der Mensch, nicht mehr nur seine Umwelt, sondern sich selbst umzubauen. Harari hält es für möglich, dass Homo sapiens in einigen Jahrhunderten oder schon früher durch etwas anderes abgelöst wird. Sein Schlusssatz ist berühmt und lautet sinngemäß: Wir sind dabei, Götter zu werden, und es gibt kaum etwas Gefährlicheres als unzufriedene, verantwortungslose Götter, die nicht wissen, was sie wollen. Aus diesem Ausblick wurden die Folgebücher, und mit Nexus über künstliche Intelligenz ist Harari 2024 ganz in der Gegenwart angekommen.

Was es dir bringt

Harari liefert weniger Handlungsanweisungen als Kahneman oder Marc Aurel. Was er liefert, sind Brillen: Sichtweisen, durch die vertraute Dinge plötzlich fremd und dadurch verständlicher werden. Drei davon halte ich für dauerhaft nützlich.

Die intersubjektive Brille

Wer die Unterscheidung zwischen objektiver und intersubjektiver Wirklichkeit einmal verinnerlicht hat, sieht die Welt anders. Ein paar Beispiele, die dich mit Mitte 50 direkt betreffen:

  • Deine Rente. Die gesetzliche Rente in Deutschland ist ein Versprechen zwischen Generationen: Die heute Arbeitenden zahlen für die heute Alten, im Vertrauen darauf, dass die Nächsten für sie zahlen. Das ist keine Sparbüchse, sondern ein gemeinsamer Glaube, der so lange trägt, wie genug Menschen ihn teilen. Das erklärt, warum Rentendebatten so emotional sind und warum es klug ist, sich nicht allein darauf zu verlassen.
  • Dein Geld. Ein Kontostand ist eine Zahl in einer Datenbank, die Wert hat, weil alle daran glauben. Bankenkrisen und Inflation sind Momente, in denen dieser Glaube wackelt. Wer das versteht, versteht, warum Vertrauen das wichtigste Gut einer Währung ist.
  • Dein Arbeitgeber. Die Firma, der man vielleicht jahrzehntelang loyal war, ist eine juristische Fiktion. Das ist nicht abwertend gemeint, aber es hilft beim Abschied: Was dich mit der Arbeit verbunden hat, waren Menschen, Aufgaben und Können. Die Firma selbst war eine gemeinsame Geschichte, und du bist mehr als deine Rolle darin. Das passt zu Marc Aurels Warnung, nicht „verkaisert“ zu werden.

Die Luxusfalle prüfen

Der Gedanke, dass Erleichterungen zu Verpflichtungen werden, eignet sich hervorragend für eine persönliche Bestandsaufnahme. Welche Anschaffungen der letzten Jahrzehnte haben dein Leben tatsächlich leichter gemacht, und welche haben vor allem neue Arbeit, neue Kosten und neue Sorgen erzeugt? Das Haus, das größer ist, als man es braucht, das zweite Auto, die Abonnements, die Geräte, die gewartet werden wollen. Das ist Talebs Via negativa aus einer anderen Richtung: Mit Mitte 50 lohnt es sich oft mehr, Ballast abzuwerfen, als neuen anzuschaffen.

Erwartungen statt Umstände

Das Glückskapitel bestätigt aus historischer Sicht, was Kahneman psychologisch zeigt: Unsere Zufriedenheit hängt stärker von Erwartungen ab als von Umständen. Daraus folgt eine unbequeme, aber befreiende Einsicht: Wer seine Erwartungen im Blick behält, gewinnt mehr Zufriedenheit als durch die nächste Gehaltserhöhung. Und Hararis eigene Praxis, die Meditation, ist zumindest einen Versuch wert. Die Forschung findet für regelmäßige Achtsamkeitsübungen moderate, aber reale Wirkungen auf Stress und Wohlbefinden.

Gelassenheit durch Tiefenzeit

Wer gelesen hat, dass unsere Art über 95 Prozent ihrer Geschichte als Jäger und Sammler lebte und dass die moderne Welt erst ein paar Jahrhunderte alt ist, sieht Nachrichten anders. Die Aufregungen der Woche schrumpfen, und zugleich wird deutlich, wie ungewöhnlich und wie zerbrechlich unser Wohlstand ist. Das ist eine Haltung irgendwo zwischen Marc Aurels Blick von oben und Talebs Truthahn.

Große Erzählungen kritisch lesen

Ein letzter, paradoxer Nutzen: Das Buch ist ein hervorragendes Trainingsgelände für das kritische Lesen großer Erzählungen, gerade weil es selbst eine ist. Wer Harari liest und sich bei jeder glänzenden These fragt „Woher weiß er das? Stimmt das so?“, übt genau die Skepsis, die er selbst predigt. Dazu mehr im nächsten Abschnitt.

Meine Sicht

In meiner Liste stand: glänzend erzählt, manchmal zu glatt. Nach dem genaueren Blick würde ich sagen, das „manchmal“ war großzügig. Eine kurze Geschichte der Menschheit ist das unterhaltsamste Sachbuch auf meiner Liste und zugleich das, dem ich im Detail am wenigsten traue.

Was mich überzeugt

Die intersubjektive Wirklichkeit. Dass Geld, Nationen, Firmen und Gesetze weder objektiv noch bloß eingebildet sind, sondern durch gemeinsamen Glauben existieren, ist kein neuer Gedanke, Philosophen wie John Searle haben ihn ausgearbeitet. Aber niemand hat ihn so klar und anschaulich für ein breites Publikum formuliert. Das allein rechtfertigt das Buch.

Die Sprache. Harari kann erzählen wie kaum ein Historiker. Komplexe Zusammenhänge werden in Bildern greifbar, Pointen sitzen, man liest 500 Seiten wie einen Roman. Das hat Millionen Menschen zur Geschichte gebracht, die sonst nie ein Geschichtsbuch angefasst hätten, und das ist ein echtes Verdienst.

Die Frage nach dem Glück. Dass ein Historiker fragt, ob all der Fortschritt Menschen glücklicher gemacht hat, ist ungewöhnlich und richtig. Das Kapitel ist nachdenklicher und vorsichtiger als der Rest des Buches.

Die Provokation. Auch wo Harari übertreibt, zwingt er zum Nachdenken. Wer sich einmal gefragt hat, ob der Weizen den Menschen domestiziert hat, denkt anders über Fortschritt.

Was mich stört

Zu viel Gewissheit, zu wenig Belege. Harari formuliert Hypothesen als Tatsachen. Das Buch hat kaum Quellenangaben im Text, und strittige Thesen werden im selben souveränen Ton vorgetragen wie gesicherte. Der Anthropologe Christopher Hallpike hat dem Buch in einer viel beachteten Besprechung vorgeworfen, es sei eher Unterhaltung als Wissenschaft, und eine Reihe von Fehlern und Verkürzungen nachgewiesen. Auch Biologen haben später auf Ungenauigkeiten hingewiesen. Wer das Buch als Lehrbuch liest, wird in die Irre geführt.

Die kognitive Revolution ist zu dramatisch. Die Idee eines plötzlichen geistigen Sprungs vor etwa 70.000 Jahren ist in der Archäologie umstritten. Viele Fachleute sehen eher eine allmähliche Entwicklung über einen längeren Zeitraum, mit symbolischen Funden, die deutlich älter sind. Und auch Neandertaler bestatteten ihre Toten, trugen Schmuck und hinterließen Höhlenmarkierungen. Ob die Fähigkeit zu Fiktion wirklich Sapiens allein auszeichnete, ist offen.

Die Agrarrevolution ist zu düster. Der Gedanke, dass Fortschritt für den Einzelnen kein Gewinn sein muss, ist wertvoll. Aber Harari idealisiert das Leben der Jäger und Sammler, mit seiner hohen Kindersterblichkeit und häufigen Gewalt, und behandelt Landwirtschaft als eine einzige Falle, in die die Menschheit tappte. Graeber und Wengrow zeigen in Anfänge, dass Menschen über Jahrtausende mit sehr unterschiedlichen Lebensformen experimentierten, Landwirtschaft annahmen und wieder ablegten. Die Geschichte war weniger zwangsläufig.

„Alles ist Fiktion“ ist zu grob. Das ist mein gewichtigster Einwand. Harari wirft Götter, Firmen, Geld und Menschenrechte in dieselbe Kategorie. Aber es ist ein Unterschied, ob eine Geschichte etwas über die Welt behauptet, das falsch sein könnte, wie die Existenz eines Gottes, oder ob sie eine Vereinbarung ist, die niemand für eine Naturtatsache hält, wie eine Firma oder ein Gesetz. Menschenrechte sind keine Fiktion wie ein Märchen, sondern eine Verpflichtung, die Menschen eingehen. Harari meint das vermutlich ähnlich, aber seine Formulierungen laden zu einem bequemen Zynismus ein: Ist doch alles nur eine Geschichte.

Das Gefühl, etwas verstanden zu haben. Hararis Stärke ist auch eine Gefahr. Man klappt das Buch zu und hat das Gefühl, die Menschheitsgeschichte begriffen zu haben. Das ist ein angenehmes Gefühl und meistens eine Täuschung. Kahneman hätte es kognitive Leichtigkeit genannt: Was sich mühelos liest, halten wir für wahr.

Mein Urteil

Als Gedankenbuch eine 7 von 10, als Lesevergnügen eine 9. Das Buch ist ein großartiger Einstieg und ein schlechter Endpunkt. Mein Lesetipp: Lies es ganz, es ist zu gut geschrieben, um es abzubrechen. Aber lies jede große These als Hypothese, nicht als Ergebnis. Und lies danach Anfänge von Graeber und Wengrow, das gezielt gegen diese Art von Erzählung angeschrieben ist.

Fazit und der Weg zu Rosling

Eine kurze Geschichte der Menschheit lehrt, dass unsere Art die Welt nicht durch Kraft oder Intelligenz erobert hat, sondern durch die Fähigkeit, gemeinsam an Dinge zu glauben, die es nur in unseren Köpfen gibt: Götter, Geld, Nationen, Firmen, Rechte. Es lehrt, dass Fortschritt und Glück zwei verschiedene Dinge sind. Und es lehrt, vielleicht unfreiwillig, wie verführerisch eine glänzend erzählte große Geschichte sein kann, auch wenn sie im Detail wackelt.

Für dich in einem Satz: Unterscheide, was objektiv ist und was nur gilt, weil alle daran glauben, prüfe, welche Bequemlichkeiten zu Verpflichtungen geworden sind, und lies Harari mit Vergnügen, aber mit Bleistift.

In einem Punkt ist sich Harari sicher: Materiell geht es der Menschheit heute besser als je zuvor. Weniger Hunger, weniger Seuchen, weniger Gewalt, längere Leben. Interessant ist, dass die meisten Menschen in Umfragen das Gegenteil glauben. Sie halten die Welt für ärmer, gefährlicher und hoffnungsloser, als sie ist, und zwar gerade die Gebildeten. Der schwedische Arzt und Statistiker Hans Rosling hat dieses Missverhältnis jahrzehntelang mit Daten vermessen und am Ende seines Lebens erklärt, woher es kommt. Darum geht es im nächsten Essay: Factfulness.