Texte zu Büchern

Eichmann in Jerusalem – Hannah Arendt

Lesestand

Eine Philosophin im Gerichtssaal

Hannah Arendt, 1906 bei Hannover geboren und in Königsberg aufgewachsen, studierte Philosophie bei Martin Heidegger und Karl Jaspers. 1933 wurde sie als Jüdin kurz von der Gestapo verhaftet, floh nach Paris, wurde 1940 in Frankreich im Lager Gurs interniert, entkam und erreichte 1941 New York. Dort wurde sie mit Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft zu einer der bekanntesten politischen Denkerinnen ihrer Zeit.

Im Mai 1960 entführte der israelische Geheimdienst Adolf Eichmann aus Buenos Aires, wo er seit Jahren unter falschem Namen lebte. Eichmann hatte im Reichssicherheitshauptamt das Referat für „Judenangelegenheiten“ geleitet und die Deportation von Millionen Juden in die Vernichtungslager organisiert. Im April 1961 begann in Jerusalem der Prozess gegen ihn, der erste große Holocaust-Prozess in Israel und ein weltweites Medienereignis. Eichmann saß während der Verhandlung in einem Kasten aus Panzerglas. Im Dezember 1961 wurde er zum Tode verurteilt und im Mai 1962 hingerichtet.

Arendt bot der Zeitschrift The New Yorker an, als Berichterstatterin nach Jerusalem zu reisen. Sie wollte, so schrieb sie, einen der Täter einmal mit eigenen Augen sehen. Ihre Berichte erschienen Anfang 1963 in fünf Folgen und kurz darauf als Buch, 1964 auf Deutsch, unter dem Titel Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen.

Was folgte, war einer der heftigsten intellektuellen Skandale des 20. Jahrhunderts. Arendt verlor Freunde, wurde in Israel und in jüdischen Gemeinden in den USA scharf angegriffen und sah sich mit dem Vorwurf konfrontiert, die Täter zu verharmlosen und die Opfer zu beschuldigen. Zugleich wurde ihr Untertitel, die „Banalität des Bösen“, zu einer der meistzitierten Formeln über das 20. Jahrhundert.

Ein Hinweis vorab: Dies ist das schwierigste Buch auf meiner Liste, nicht nur wegen des Themas. Es ist kein Lehrbuch über den Holocaust und keine Philosophie im engen Sinn, sondern ein Prozessbericht, voller Details, ironisch im Ton, oft schneidend. Man muss es langsam lesen, und man muss den Streit kennen, der darum geführt wurde.

Der Mann im Glaskasten

Erwartet wurde ein Ungeheuer

Die Anklage, vertreten vom Generalstaatsanwalt Gideon Hausner, präsentierte Eichmann als Architekten der Vernichtung, als dämonischen Judenhasser, als eines der größten Ungeheuer der Geschichte. Arendt sah im Glaskasten etwas anderes: einen unscheinbaren, eher lächerlichen Mann, der sich ständig verhaspelte, sich in Behördendeutsch verstrickte und von seiner Karriere erzählte wie ein Angestellter, der sich bei der Beförderung übergangen fühlte.

Sie zeichnet seinen Lebenslauf nach: in Solingen geboren, in Linz aufgewachsen, ein mäßiger Schüler, gescheiterter Handelsvertreter, der 1932 in die SS eintrat, eher aus Mangel an Perspektiven als aus Überzeugung, wie Arendt meinte. Er stieg auf, weil er gut organisieren konnte: 1938 die erzwungene Auswanderung und Ausplünderung der Wiener Juden, später die Deportationen aus ganz Europa, 1944 die Verschleppung von über 400.000 ungarischen Juden nach Auschwitz in wenigen Wochen.

Die Sprache der Klischees

Was Arendt am meisten auffiel, war Eichmanns Sprache. Er sprach fast ausschließlich in Floskeln, Amtsformeln und Phrasen. Er selbst sagte vor Gericht, Amtssprache sei seine einzige Sprache. Arendt sah darin nicht nur eine Eigenheit, sondern einen Schlüssel: Seine Unfähigkeit zu sprechen hing eng zusammen mit einer Unfähigkeit zu denken, nämlich vom Standpunkt eines anderen aus. Die Klischees schützten ihn vor der Wirklichkeit, vor dem, was seine Fahrpläne für die Menschen in den Zügen bedeuteten.

Gespenstisch war für Arendt eine Szene unter dem Galgen. Eichmann hielt eine kurze Rede, in der er Deutschland, Argentinien und Österreich hochleben ließ und versicherte, er werde sie nicht vergessen. Arendt kommentiert sinngemäß: Selbst im Angesicht des eigenen Todes fielen ihm nur die Phrasen von Grabreden ein, und er vergaß darüber, dass es sein eigenes Begräbnis war.

Kant und der Pilatus-Moment

Zwei weitere Szenen zeigen, was Arendt meinte. Im Verhör erklärte Eichmann, er habe sein Leben lang nach Kants kategorischem Imperativ gelebt, und konnte ihn sogar annähernd richtig wiedergeben. Allerdings hatte er ihn umgedeutet: Handle so, dass der Führer dein Handeln billigen würde. Pflichterfüllung ohne eigenes Urteil, das Moralgesetz ersetzt durch den Willen eines Mannes.

Und über die Wannsee-Konferenz von 1942, bei der er das Protokoll führte, sagte Eichmann, er habe sich danach gefühlt wie Pontius Pilatus, frei von Schuld. Denn dort hatten die Spitzen der Ministerien, Staatssekretäre und Juristen, die Vernichtung nicht nur hingenommen, sondern mit Eifer unterstützt. Wenn die Elite dafür war, wer war er, sich ein eigenes Urteil zu erlauben?

Die Banalität des Bösen

Die berühmte Formel steht im Untertitel und kommt im Buch selbst fast nur am Ende vor. Sie ist bis heute eines der am häufigsten missverstandenen Schlagworte der Geistesgeschichte.

Was sie nicht bedeutet

Arendt behauptet nicht, der Holocaust sei banal gewesen. Sie behauptet nicht, Eichmann sei unschuldig oder nur ein kleines Rädchen gewesen. Sie hielt das Todesurteil für richtig. Und sie behauptet nicht, jeder Mensch sei ein potenzieller Eichmann. Banal ist bei ihr nicht die Tat, sondern der Täter: Das Ungeheuerliche wurde nicht von Ungeheuern begangen.

Was sie bedeutet

Eichmann war nach Arendts Eindruck weder dumm noch dämonisch, weder von tiefem Hass noch von einer Ideologie getrieben, die er verstanden hätte. Was ihm fehlte, nennt sie Gedankenlosigkeit: die Unfähigkeit, innezuhalten und sich zu fragen, was man eigentlich tut. Er tat, was von ihm erwartet wurde, mit großem Eifer, aber ohne je die Perspektive der Menschen einzunehmen, deren Deportation er organisierte. Gerade das machte ihn so gefährlich: Er brauchte keine bösen Motive, um ungeheures Böses zu tun.

In einem Brief an den Religionshistoriker Gershom Scholem hat Arendt den Gedanken später zugespitzt. Sinngemäß schrieb sie: Das Böse sei niemals radikal, sondern nur extrem. Es habe keine Tiefe, es könne sich wie ein Pilz an der Oberfläche ausbreiten und die ganze Welt verwüsten, gerade weil es keine Wurzeln habe. Tief und radikal könne nur das Gute sein.

Denken als Gespräch mit sich selbst

Was wäre das Gegenmittel? Arendt hat diese Frage in ihren letzten Lebensjahren in ihrem Werk über das Denken weiterverfolgt. Denken ist für sie, im Anschluss an Sokrates, ein stilles Gespräch mit sich selbst. Wer so denkt, muss mit sich selbst zusammenleben, und kann deshalb nicht tun, was er vor sich selbst nicht verantworten könnte. Sokrates sagte, es sei besser, Unrecht zu erleiden, als Unrecht zu tun, weil man mit einem Mörder in sich selbst nicht leben könne. Eichmann führte dieses Gespräch nie.

Urteilen, wenn alle anderen anders urteilen

Daraus folgt die vielleicht unbequemste Forderung des Buches. Im Dritten Reich, schreibt Arendt sinngemäß, war das Gebot „Du sollst nicht töten“ in sein Gegenteil verkehrt worden, und die Versuchung bestand für viele darin, nicht zu töten. Wer da noch recht urteilen wollte, konnte sich auf keine Autorität stützen, keine Mehrheit, kein Gesetz, keine öffentliche Meinung. Er musste allein, aus eigener Urteilskraft, unterscheiden. Arendt verlangt genau das: dass jeder Mensch fähig bleibt, selbst zu urteilen, auch wenn alle um ihn herum anders urteilen. Das ist die eigentliche Lehre des Buches, und sie gilt weit über den Holocaust hinaus.

Der Skandal

Die Empörung über das Buch entzündete sich weniger an der Banalität des Bösen als an drei anderen Punkten.

Die Judenräte

Der schwerste Vorwurf betraf wenige Seiten über die Judenräte, die von den Nationalsozialisten eingesetzten jüdischen Gemeindevertretungen. Diese mussten Listen erstellen, Vermögen erfassen, Deportationen organisieren, in der Hoffnung, durch Kooperation das Schlimmste abzuwenden. Arendt nannte ihre Rolle das dunkelste Kapitel der ganzen Geschichte und behauptete sinngemäß: Wäre das jüdische Volk unorganisiert und führerlos gewesen, hätte es Chaos und viel Elend gegeben, aber die Zahl der Opfer wäre wohl nicht so hoch gewesen.

Für viele Überlebende war das unerträglich. Es klang, als würden die Opfer für ihre Ermordung mitverantwortlich gemacht. Kritiker wandten ein, Arendt urteile im Rückblick und aus der Sicherheit New Yorks über Menschen, die unter Todesdrohung und ohne Wissen um das Ende Entscheidungen treffen mussten, und sie unterschätze, wie wenig Spielraum die Judenräte tatsächlich hatten. Arendt stützte sich dabei stark auf das kurz zuvor erschienene Werk des Historikers Raul Hilberg, dessen These zur Rolle der jüdischen Führung ebenfalls umstritten war.

Der Ton

Der zweite Punkt war der Ton. Arendt schreibt über den Staatsanwalt, über Ben-Gurion, der den Prozess als nationale Selbstvergewisserung inszenieren wollte, über manche Zeugen und über Eichmann selbst mit beißender Ironie. Für sie war das eine Form der Distanz, ohne die man über so etwas gar nicht schreiben könne. Für viele Leser war es Kälte, ja Arroganz gegenüber dem Leid. Gershom Scholem warf ihr in einem berühmten Brief vor, es fehle ihr an Herzenstakt und an Liebe zum jüdischen Volk. Arendt antwortete, sie habe nie ein Volk oder ein Kollektiv geliebt, sondern immer nur Menschen, ihre Freunde.

Der Prozess als Schauspiel

Der dritte Punkt war ihre Kritik am Prozess selbst. Arendt hielt das Gericht für legitim und das Urteil für gerecht, aber sie warf der Anklage vor, aus einem Strafprozess eine Geschichtsstunde gemacht zu haben, mit Zeugen, deren erschütternde Aussagen nichts mit Eichmanns persönlicher Schuld zu tun hatten. Ein Gericht habe über die Taten eines Angeklagten zu urteilen, nicht über die Geschichte.

Die Folgen

Arendt verlor Freunde, manche für immer. Sie wurde in Israel boykottiert, in amerikanischen Zeitungen angegriffen, auf Podien niedergeschrien. Zugleich wurde das Buch in Deutschland teils auf eine Weise aufgenommen, die sie nicht wollte: als Entlastung, als Beleg, dass die Täter eigentlich nur Bürokraten gewesen seien. Arendt wehrte sich gegen beides. Der Film Hannah Arendt von Margarethe von Trotta aus dem Jahr 2012 hat diese Monate eindrucksvoll erzählt.

Weigerung war möglich

Ein großer Teil des Buches, der in der Debatte meist untergeht, ist ein Gang durch Europa: Arendt beschreibt Land für Land, wie die Deportationen abliefen, wo sie gelangen und wo sie scheiterten. Diese Kapitel sind trocken und voller Zahlen, aber sie enthalten eine der wichtigsten Botschaften des Buches.

Dänemark

Als die deutschen Besatzer im Herbst 1943 die Juden Dänemarks deportieren wollten, stießen sie auf etwas, das sie nirgends sonst in diesem Ausmaß erlebten: offenen, breiten Widerstand der ganzen Gesellschaft. Die Regierung, die Kirche, die Bevölkerung weigerten sich mitzumachen. Die Juden wurden gewarnt, versteckt und in einer beispiellosen Aktion mit Fischerbooten über den Sund nach Schweden gebracht. Nur ein kleiner Teil wurde gefasst.

Arendt macht daraus eine Beobachtung, die ich für eine der tiefsten des Buches halte: Unter dem Druck dieses Widerstands begannen auch die deutschen Beamten vor Ort zu zögern, zu verschleppen, ihre Befehle zu unterlaufen. Ihre Härte, schreibt sie sinngemäß, schmolz wie Butter in der Sonne, sobald sie auf echten Widerstand traf. Die Ideologie, die so unerschütterlich schien, hing in Wahrheit davon ab, dass alle mitspielten.

Ähnliches beschreibt sie, mit Abstrichen, für Bulgarien und Italien. Und sie erzählt die Geschichte von Anton Schmid, einem Feldwebel der Wehrmacht, der in Wilna Juden mit falschen Papieren und Lastwagen half, entdeckt und 1942 hingerichtet wurde. Als im Gerichtssaal von ihm berichtet wurde, schreibt Arendt, sei für einige Minuten völlige Stille eingetreten, und man habe gedacht, wie anders alles hätte sein können, wenn es mehr solcher Geschichten gäbe.

Die Lehre

Arendts Schluss aus diesen Kapiteln ist nüchtern und zugleich eine moralische Grundlage: Unter Bedingungen des Terrors fügen sich die meisten Menschen, aber nicht alle. Dass es geschehen konnte, bedeutet nicht, dass es überall geschehen musste. Mehr, sinngemäß, könne man vernünftigerweise nicht verlangen, und mehr sei auch nicht nötig, damit die Erde ein bewohnbarer Ort bleibt. Die Ausrede „Wir konnten nichts tun“ wird durch Dänemark und durch Anton Schmid widerlegt.

Arendts eigenes Urteil

Am Ende des Buches formuliert Arendt, wie das Gericht ihrer Meinung nach hätte urteilen sollen. Nicht die Gräuel als solche, nicht die Leiden der Zeugen, sondern ein einziger Gedanke solle das Urteil tragen: Eichmann habe eine Politik unterstützt und ausgeführt, nach der bestimmte Völker kein Recht hätten, die Erde mit anderen zu teilen. Sinngemäß: Wer nicht bereit war, die Welt mit dem jüdischen Volk und anderen zu teilen, von dem könne niemand erwarten, die Welt mit ihm zu teilen. Das Verbrechen war für Arendt ein Verbrechen gegen die Menschheit selbst, gegen die Vielfalt der Menschen, die zur Erde gehört.

Was wir heute wissen

Sechzig Jahre Forschung haben Arendts Buch an einer zentralen Stelle widerlegt und an einer anderen bestätigt. Beides muss man wissen, wenn man es heute liest.

Eichmann war kein Bürokrat

In seinen Jahren in Argentinien führte Eichmann, lange vor seiner Entführung, ausführliche Gespräche mit einem niederländischen Nationalsozialisten, dem Journalisten Willem Sassen, der sie auf Tonband aufnahm. Arendt kannte nur Bruchstücke daraus. Die Philosophin Bettina Stangneth hat das gesamte Material ausgewertet und 2011 in Eichmann vor Jerusalem veröffentlicht. Das Bild, das daraus entsteht, ist ein ganz anderes als das des gedankenlosen Schreibtischtäters: Eichmann war ein überzeugter Nationalsozialist und Antisemit, der stolz auf seine Rolle war, sich im Kreis Gleichgesinnter mit seinen Taten brüstete und bedauerte, dass die Vernichtung nicht vollständig gelungen war.

Im Glaskasten in Jerusalem spielte er eine Rolle: den kleinen Beamten, der nur Befehle befolgt hatte. Es war eine Verteidigungsstrategie, und Arendt ist ihr, wie Stangneth und vor ihr der Historiker David Cesarani zeigten, zu einem guten Teil aufgesessen. Ausgerechnet die Denkerin, die dem Täter Gedankenlosigkeit attestierte, hat sich von seiner Inszenierung täuschen lassen.

Die vielen Gewöhnlichen

Andererseits hat die Forschung Arendts allgemeinere Einsicht eindrucksvoll bestätigt, nur an anderen Menschen als Eichmann. Wenige Monate nach Prozessbeginn startete der Psychologe Stanley Milgram in Yale seine berühmten Gehorsamsexperimente, ausdrücklich angeregt durch die Frage, wie Eichmanns Untergebene funktioniert hatten. Ein großer Teil der Versuchspersonen war bereit, einem Fremden auf Anweisung eines Wissenschaftlers vermeintlich lebensgefährliche Stromstöße zu geben.

Noch beklemmender ist die Studie des Historikers Christopher Browning über das Reserve-Polizeibataillon 101, Ganz normale Männer. Es bestand großteils aus Hamburgern mittleren Alters, Familienvätern, Handwerkern, Angestellten, die zu alt für die Wehrmacht waren. 1942 erhielten sie in Polen den Befehl, Juden zu erschießen. Ihr Kommandeur stellte es ihnen frei, sich zu verweigern, ohne ernste Folgen. Nur eine kleine Minderheit tat es. Die meisten machten mit, aus Gruppendruck, aus dem Wunsch, nicht als Schwächling zu gelten, aus Gewöhnung.

Was daraus folgt

Die heutige Forschung zeichnet ein Bild, das zwischen Arendt und ihren Kritikern liegt. An der Spitze der Vernichtung standen überzeugte Ideologen, Eichmann eingeschlossen. Aber ohne die Hunderttausende, die ohne tiefen Hass mitmachten, organisierten, verwalteten, wegsahen und schossen, wäre sie nicht möglich gewesen. Auch die neuere Deutung der Milgram-Experimente weist in diese Richtung: Menschen gehorchen weniger aus bloßer Gedankenlosigkeit als deshalb, weil sie sich mit der Sache oder der Autorität identifizieren, der sie dienen. Das macht Arendts Frage nicht kleiner, sondern drängender: Woran beteilige ich mich, weil alle mitmachen und weil die Sache gut erscheint?

Was es dir bringt

Ein Buch über einen der größten Verbrecher des 20. Jahrhunderts als Lebenshilfe zu lesen, wäre geschmacklos. Aber Arendt selbst hat ihr Buch nicht nur als historischen Bericht verstanden, sondern als Frage an jeden, der in Organisationen, Gemeinschaften und Gesellschaften lebt. Und diese Frage hat mit dem eigenen Alltag mehr zu tun, als einem lieb ist.

Auf die eigene Sprache hören

Eichmanns Amtssprache war kein Zufall, sondern ein Schutzschild gegen die Wirklichkeit. Eine abgemilderte Form davon begegnet uns täglich: Kündigungen heißen Freisetzungen, Entlassungen Restrukturierung, getötete Zivilisten Kollateralschäden, Menschen werden zu Ressourcen, Fällen, Vorgängen. Solche Sprache ist nicht böse, aber sie macht es leichter, nicht hinzusehen. Eine einfache Übung: Wenn du merkst, dass du über Menschen in Formeln sprichst, übersetze den Satz einmal in Klartext. Wenn er dann unangenehm klingt, ist das ein Hinweis.

Der Test des Selbstgesprächs

Arendts Gedanke, Denken sei ein Gespräch mit sich selbst, liefert eine erstaunlich praktische Prüffrage für schwierige Entscheidungen: Kann ich danach mit mir selbst zusammenleben? Nicht: Ist es erlaubt? Nicht: Machen es alle so? Nicht: Was sagt der Chef? Sondern: Würde ich das vor mir selbst rechtfertigen können, wenn niemand sonst zuhört? Marc Aurel hätte die Frage verstanden.

Kleine Weigerungen

Brownings Polizisten konnten sich verweigern, ohne ernste Folgen, und die meisten taten es nicht. Das ist die beunruhigendste Lehre aus der Forschung nach Arendt, und sie gilt in viel kleinerem Maßstab überall: im Büro, im Verein, in der Nachbarschaft, in der Familie. Wenn ein Kollege gemobbt, eine Regel zum Nachteil Schwächerer gebogen, eine Unwahrheit gedeckt wird, ist die Weigerung oft billiger, als man glaubt. Und Dänemark zeigt: Wenn mehrere zugleich nicht mitmachen, verliert selbst eine scheinbar übermächtige Ordnung ihre Kraft. Mit Mitte 50, wenn man im Beruf meist mehr Gewicht und weniger zu verlieren hat als mit 30, ist man oft in einer besseren Lage, Nein zu sagen, als man denkt.

Selbst urteilen

Arendts Forderung, auch dann selbst zu urteilen, wenn alle anderen anders urteilen, klingt heroisch. Im Alltag ist sie bescheidener und anspruchsvoller zugleich: nicht die Meinung der eigenen Gruppe zu übernehmen, nur weil sie die eigene Gruppe ist, und nicht die Gegenposition abzulehnen, nur weil sie von den anderen kommt. Das ist eine Haltung, die in polarisierten Zeiten selten geworden ist.

Die eigene Familiengeschichte

Wer in Deutschland oder Österreich aufgewachsen ist und Mitte 50 ist, dessen Großeltern waren in der NS-Zeit meist erwachsen. In vielen Familien wurde darüber geschwiegen oder eine entlastende Geschichte erzählt. Sozialforscher haben gezeigt, wie häufig Familien ihre Angehörigen im Nachhinein zu Unbeteiligten oder sogar zu stillen Helfern machen. Arendt und Browning laden dazu ein, diese Geschichte nüchtern anzuschauen, ohne Anklage und ohne Verklärung, weil gewöhnliche Menschen damals mitgemacht haben, und gewöhnliche Menschen damals sich auch geweigert haben. Archive, Briefe, Fotos und die Fragen, die man den Eltern noch stellen kann, solange sie leben, sind ein Weg dazu.

Streiten lernen

Und schließlich zeigt der Briefwechsel zwischen Arendt und Scholem, wie man über das Schwerste streitet: scharf, ehrlich, verletzt, aber ohne den anderen zu entmenschlichen. Beide verloren dabei eine Freundschaft, aber beide blieben bei ihrer Wahrheit. Es gibt schlechtere Vorbilder für Debatten.

Meine Sicht

In meiner Liste stand: unbequem bis heute. Das gilt, und zwar in beide Richtungen. Das Buch ist unbequem für den, der in den Tätern Ungeheuer sehen will, um sich selbst sicher zu fühlen. Und es ist unbequem für den, der Arendt bewundert, weil sie sich in ihrem wichtigsten Fallbeispiel geirrt hat.

Was mich überzeugt

Die Grundfrage. Arendt hat eine Frage gestellt, die man seitdem nicht mehr loswird: Wie können gewöhnliche Menschen an ungeheuren Verbrechen mitwirken? Ihre Antwort, dass es dazu keine teuflischen Motive braucht, sondern das Fehlen eigenen Denkens und Urteilens, ist durch Milgram, Browning und viele andere in ihrer allgemeinen Form bestätigt worden. Das ist mehr, als die meisten Thesen über das 20. Jahrhundert von sich sagen können.

Die Forderung nach Urteilskraft. Dass jeder Einzelne, auch ohne Rückendeckung durch Gesetz, Mehrheit oder Autorität, die Pflicht hat, selbst zwischen Recht und Unrecht zu unterscheiden, ist eine der wichtigsten moralischen Einsichten der Moderne. Sie ist nach Diktaturen geschrieben, aber sie gilt in Demokratien genauso.

Die Kapitel über die Länder. Sie werden kaum gelesen, und sie sind vielleicht das Hoffnungsvollste am Buch. Dänemark und Anton Schmid nehmen allen Ausreden die Grundlage.

Der Mut. Arendt wusste, dass ihr Buch Freundschaften kosten würde, und schrieb es trotzdem. Man muss ihr nicht in allem recht geben, um zu respektieren, dass sie lieber unbeliebt als unaufrichtig war.

Was mich stört

Sie hat sich in Eichmann geirrt. Das ist nach Stangneth nicht mehr ernsthaft zu bestreiten. Eichmann war ein Überzeugungstäter, der den Bürokraten nur spielte. Arendt hat ihre Theorie an einem Menschen entwickelt, der nicht zu ihr passte. Das entwertet die Theorie nicht, aber es ist ein schwerer Makel an einem Buch, das sich als Bericht versteht. Arendt war zudem nur bei Teilen des Prozesses anwesend und stützte sich für vieles auf Protokolle.

Die Judenräte. Ich halte die betreffenden Passagen für das schwächste und das ungerechteste am Buch. Man kann über das Verhalten einzelner Judenräte historisch streiten. Aber die zugespitzte These, ohne jüdische Organisation hätte es weniger Opfer gegeben, ist kaum belegbar, und sie ist mit einer Härte formuliert, die gegenüber Menschen in einer ausweglosen Lage unangemessen ist. Dass Arendt diese Härte für Sachlichkeit hielt, ist ein blinder Fleck.

Der Ton. Ironie kann eine Form von Distanz sein, die Erkenntnis ermöglicht. Bei Arendt kippt sie oft in Herablassung, gegenüber Zeugen, gegenüber dem Staatsanwalt, gegenüber einem Staat, der wenige Jahre nach dem Massenmord seine Opfer zu Wort kommen lassen wollte. Ich verstehe, warum viele Leser das als kalt empfanden.

Missbrauchbarkeit. Die Formel von der Banalität des Bösen wird bis heute so verwendet, als hätten die Täter eigentlich nichts gewollt, nur funktioniert. Das hat Arendt nicht gemeint, aber ihr eingängiger Untertitel lädt zu dieser Verkürzung ein.

Mein Urteil

Als Gedankenbuch eine 9 von 10, als Lesevergnügen, wenn das Wort hier erlaubt ist, eine 6. Es ist kein Buch, das man gern liest, sondern eines, das man gelesen haben sollte. Mein Lesetipp: Lies die Kapitel über Eichmanns Person, die Kapitel über Dänemark und die anderen Länder, das Nachwort und den Epilog besonders genau. Lies danach den Briefwechsel mit Scholem, der in vielen Ausgaben enthalten oder leicht zu finden ist. Und lies, wenn du kannst, Stangneths Eichmann vor Jerusalem und Brownings Ganz normale Männer als notwendige Ergänzungen. Zusammen ergeben die drei Bücher ein Bild, das keines allein liefert.

Fazit und der Weg zu Popper

Eichmann in Jerusalem lehrt, dass ungeheures Unrecht keine ungeheuren Menschen braucht, sondern Menschen, die aufhören, selbst zu denken und zu urteilen, und dass dagegen nur die Fähigkeit hilft, mit sich selbst im Gespräch zu bleiben und Nein zu sagen, auch wenn alle anderen Ja sagen. Arendt hat diese Einsicht an einem Mann entwickelt, der, wie wir heute wissen, nicht zu ihr passte. Für die vielen anderen, ohne die er nichts hätte tun können, gilt sie umso mehr.

Für dich in einem Satz: Hör auf die Floskeln, mit denen du und andere über Menschen reden, frag vor schwierigen Entscheidungen, ob du danach mit dir selbst leben kannst, und unterschätze nie, wie viel eine kleine Weigerung bewirkt, wenn andere sich anschließen.

Arendt fragt, wie Menschen in einem totalitären System zu Tätern werden. Eine andere Frage bleibt offen: Wie entstehen solche Systeme überhaupt, und welche Ideen haben ihnen den Boden bereitet? Ein österreichischer Philosoph, der wie Arendt vor den Nationalsozialisten geflohen war, schrieb während des Krieges am anderen Ende der Welt, in Neuseeland, ein Buch, das genau diese Frage stellt und zugleich die Gesellschaft verteidigt, die solche Systeme verhindert. Darum geht es im nächsten Essay: Karl Poppers Die offene Gesellschaft und ihre Feinde.