Die Straße – Das Feuer tragen
Ein Meisterwerk mit einem Riss
„Die Straße“ erschien im September 2006 bei Knopf in New York, McCarthy widmete es seinem Sohn John Francis. Es bekam 2007 den Pulitzerpreis, Oprah Winfrey nahm es in ihren Buchclub auf und führte mit dem öffentlichkeitsscheuen Autor sein erstes Fernsehinterview. Die deutsche Ausgabe erschien im selben Jahr bei Rowohlt, übersetzt von Nikolaus Stingl. 2009 wurde der Roman mit Viggo Mortensen verfilmt. Die Idee, so erzählte McCarthy, kam ihm 2003 in einem Hotel in El Paso, wo er mit seinem kleinen Sohn war und sich vorstellte, wie die Stadt in einigen Jahrzehnten aussehen könnte, mit Feuern auf den Hügeln.
Mein Urteil vorweg: Es ist ein Meisterwerk, und es ist das Buch, das am besten zu diesem Abend passt. Nach Hesse und Houellebecq, nach so vielen Vätern, die ihre Söhne verfehlen, und Söhnen, die ihre Väter zu spät verstehen, kommt hier ein Vater, der nichts anderes tut, als seinen Sohn am Leben zu halten. Das Buch hat einen Riss, und der liegt am Ende. Aber zuerst muss man sagen, wie gut es ist.
Asche, ohne Erklärung
Ein Mann und ein Junge, beide ohne Namen, ziehen zu Fuß durch ein verbranntes Amerika. Es schneit Asche, die Sonne dringt kaum durch, Pflanzen und Tiere sind fast ausgestorben. Sie schieben einen Einkaufswagen mit ihren Habseligkeiten vor sich her und wollen nach Süden, ans Meer, weil sie im Norden den Winter nicht überleben würden. Der Mann hat einen Revolver mit zwei Patronen, und er hat dem Jungen beigebracht, sich im Notfall selbst zu erschießen, damit er den Kannibalen nicht lebend in die Hände fällt.
Was die Welt zerstört hat, erfährt man nie. Krieg, Einschlag, Vulkan, McCarthy sagt es nicht, und das ist die erste große Entscheidung des Buchs. Jede Erklärung hätte den Roman kleiner gemacht, zu einer Warnung vor etwas Bestimmtem. So aber geht es nicht um die Ursache, sondern nur um das, was danach bleibt: zwei Menschen und die Frage, ob es sich lohnt, weiterzuleben.
Die Form passt dazu. Der Text besteht aus kurzen Absätzen, getrennt durch Leerräume, wie Atemzüge. Die Dialoge haben keine Anführungszeichen und bestehen oft nur aus wenigen Worten, die sich wiederholen: Okay. Okay. McCarthys Sprache ist karg, aber nicht arm, immer wieder bricht sie in alte, fast biblische Wörter aus, als wolle sie die Dinge einer untergehenden Welt noch einmal benennen, bevor es sie nicht mehr gibt. Das ist das Gegenteil von Hesses singender Prosa und von Houellebecqs protokollarischer Flachheit. Es ist eine Sprache, die mit der Welt zusammen zu verschwinden scheint.
Das Feuer tragen
Der Vater erklärt dem Jungen immer wieder, sie seien die Guten, und sie trügen das Feuer. Was dieses Feuer ist, wird nie gesagt, und gerade deshalb ist es das stärkste Bild des Buchs: Menschlichkeit, Hoffnung, das, was einen Menschen von den Kannibalen unterscheidet. Die beiden Sätze werden wie Beschwörungen wiederholt, besonders nach den schlimmsten Begegnungen.
Und die Begegnungen sind schlimm. Ein Herumtreiber packt den Jungen, und der Vater erschießt ihn. In einem Herrenhaus finden sie einen verschlossenen Keller, in dem Menschen gefangen gehalten werden, um nach und nach gegessen zu werden. Später stoßen sie auf ein verlassenes Lager, an dem ein Neugeborenes über dem Feuer gebraten wurde. Dazwischen gibt es Momente fast unerträglicher Gnade: einen verborgenen Bunker voller Vorräte, in dem sie zum ersten Mal seit langem satt werden, und einen alten Mann, der sich Ely nennt, mit dem sie auf Drängen des Jungen ihr Essen teilen.
Das eigentliche Drama aber spielt sich zwischen Vater und Sohn ab, und es ist ein moralisches. Der Vater ist bereit, alles zu tun, um den Jungen zu schützen, und er wird darin hart. Als ein Dieb ihnen den Wagen stiehlt, zwingt der Vater ihn mit vorgehaltener Waffe, sich nackt auszuziehen, und lässt ihn frierend auf der Straße zurück. Der Junge ist entsetzt; für ihn haben sie den Mann getötet. Hier kehrt sich die Rolle um. Der Sohn wird zum Gewissen des Vaters. Er ist es, der das Feuer trägt, während der Vater nur noch das Überleben trägt.
Das ist die Beziehung, die ich an diesem Abend in so vielen Büchern gesucht habe. Bei Hesse verfehlen die Väter ihre Söhne, bei Houellebecq sind sie abwesend oder gleichgültig. Bei McCarthy gibt ein Vater alles, und gerade darin liegt seine Gefahr: Seine Liebe ist so total, dass sie andere Menschen nur noch als Bedrohung sieht. Der Junge muss ihn daran erinnern, wofür er überhaupt kämpft.
Die Mutter, die geht
Die Mutter des Jungen kommt nur in Rückblenden vor. Sie war schwanger, als die Katastrophe kam, und hat den Jungen in der neuen Welt geboren. Irgendwann später hat sie sich das Leben genommen, nachts, mit einer Scherbe aus Obsidian, nachdem sie dem Mann gesagt hatte, früher oder später würden die Banden sie finden, sie und den Jungen vergewaltigen und alle töten. Vom Jungen hat sie sich nicht verabschiedet.
Diese Rückblenden gehören zum Härtesten im Buch, und sie sind wichtig, weil sie die Gegenposition formulieren. Die Mutter hat gerechnet und ist zu dem Schluss gekommen, dass sich das Weiterleben nicht lohnt. Der Vater hat dieselbe Rechnung gemacht und sich anders entschieden, um des Jungen willen. Der ganze Roman ist die Probe auf diese Entscheidung: Hatte die Mutter recht?
Man kann McCarthy vorwerfen, dass die einzige Frau, die eine Rolle spielt, diejenige ist, die aufgibt. Das ist nicht falsch, und es passt zu einer Literatur, in der Frauen selten handeln dürfen. Aber ihre Position wird ernst genommen, nicht verachtet. Sie ist nicht schwach, sondern hellsichtig, und das macht die Entscheidung des Vaters erst zu einer Entscheidung.
Das Ende und die Bachforellen
Am Meer finden sie kein Paradies, nur graues Wasser und ein treibendes Boot, aus dem der Vater Vorräte und eine Leuchtpistole holt. Der Vater hustet seit Beginn des Buchs Blut, und sein Zustand wird schlimmer. In einer Stadt im Landesinneren schießt ihm ein Mann aus einem Fenster einen Pfeil ins Bein, und der Vater tötet ihn mit der Leuchtpistole. Er begreift, dass er sterben wird, und sagt dem Jungen, er müsse ohne ihn weitergehen und das Feuer weitertragen. Am nächsten Morgen ist er tot.
Der Junge bleibt drei Tage bei der Leiche. Dann kommt ein Mann mit einer Schrotflinte über die Straße. Er sagt, er habe eine Frau, einen kleinen Jungen und ein kleines Mädchen, und sie seien die Guten. Der Junge fragt ihn aus, ob er das Feuer trage, ob er Menschen esse, und geht dann mit ihm. Die Frau spricht mit ihm über Gott; der Junge sagt, er spreche lieber mit seinem Vater, und sie findet das in Ordnung.
Und dann folgt ein letzter Absatz, der mit der Handlung nichts mehr zu tun hat. McCarthy erinnert an Bachforellen in den Bergbächen, die es einmal gab, an ihre Farben und Muster, an eine Welt, die vor dem Untergang lebendig war. Das ist eine der schönsten Passagen der amerikanischen Literatur, und sie ist doppelt lesbar: als Elegie auf eine verlorene Welt und als Andeutung, dass das Leben, das einmal so wunderbar war, vielleicht auch wiederkommen könnte.
Der Riss
Und hier liegt der Riss, von dem ich am Anfang sprach. Das Ende ist zu gnädig. Nach einem ganzen Roman, in dem jeder Fremde eine Bedrohung war, in dem Menschen im Keller gehalten und ein Neugeborenes gebraten wurde, erscheint ausgerechnet im richtigen Moment ein guter Mann mit einer guten Familie, und sie haben sogar zwei Kinder im Alter des Jungen. Es ist die Rettung, die das Buch vorher für unmöglich erklärt hatte.
Ich bin mit diesem Einwand nicht allein. In Deutschland nannte Angela Schader in der NZZ das Ende erzwungen, Alex Rühle in der Süddeutschen fand es nah an einem Hollywoodfilm. Man kann McCarthy verteidigen: Der Junge prüft den Fremden gründlich, und ob die Familie wirklich gut ist, bleibt am Ende eine Frage des Vertrauens. Der Vater hat ihn gelehrt, niemandem zu trauen, und der Junge entscheidet sich trotzdem für das Vertrauen. Darin könnte die Pointe liegen.
Aber es bleibt ein Unbehagen, und es ist dasselbe, das ich bei Hesses „Siddhartha“ hatte. Ein Buch, das die Wunde mit großer Kraft offen hielt, schließt sie im letzten Moment. Der Unterschied ist, dass McCarthy es kurz und schmucklos tut und danach mit den Forellen ein Bild setzt, das den Trost wieder in Frage stellt. Die Welt, die dort beschrieben wird, ist vergangen. Ob der Junge in einer neuen leben wird, weiß niemand.
Dazu kommen kleinere Einwände. Die Wiederholungen, die das Buch so eindringlich machen, ermüden auf die Länge. Und die Gräuel, so sparsam sie erzählt werden, haben manchmal etwas Effekthaftes, das man aus Horrorfilmen kennt. Die Zeit fragte damals, ob das nicht bloß sensationell sei, und gab sich am Ende doch der Kraft der Sprache geschlagen. So geht es mir auch.
Urteil
„Die Straße“ ist das stärkste Buch, über das wir an diesem Abend gesprochen haben, stärker als der „Steppenwolf“ und stärker als „Karte und Gebiet“. Es braucht keine These, keine Ironie, keine Erklärung. Es braucht einen Vater, einen Sohn, eine Straße und die Frage, ob man in einer zerstörten Welt noch gut sein kann. McCarthy beantwortet sie nicht mit einer Lehre, sondern mit einem Kind, das dem Vater das Gewissen zurückgibt, das dieser beim Überleben zu verlieren droht.
Das Ende ist zu gnädig, und ich halte es für eine Schwäche. Aber es ist eine Schwäche, die man einem Buch verzeiht, das bis dahin so wenig Trost erlaubt hat und das mit den Bachforellen einen Schluss setzt, der jede Gewissheit wieder auflöst.
Mein Urteil: ein Meisterwerk mit einem Riss. Wer es noch nicht gelesen hat, sollte es lesen, am besten an einem Abend, in einem Zug. Es dauert nicht lange, und man vergisst es nicht. Und wer einen Sohn hat, liest es anders als alle anderen.
Quellen
Der Roman ist urheberrechtlich geschützt. Die Handlung ist gegen mehrere Sekundärquellen abgeglichen; den Wortlaut des Schlussabsatzes gebe ich bewusst nur sinngemäß und allgemein wieder.
- The Road, Wikipedia-Spiegel (episteme): Erscheinen, Widmung, Preise, Oprah, Handlung, Film, El Paso
- Perlentaucher: Die Straße: deutsche Ausgabe, Übersetzer, Rezensionen (NZZ, SZ, Zeit, FR, taz, FAZ)
- EBSCO Research Starters: The Road: Bunker, Ely, Tod des Vaters, das Feuer, Forellen
- LitCharts: The Road, Zusammenfassung: Keller, Dieb, Familie am Ende
- Shmoop: Abschnitte 91–100: Tod der Mutter
- Shmoop: Abschnitte 381–390: Ende, Gespräch mit der Frau