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Die Schlafwandler – Christopher Clark

Lesestand

Ein Australier erklärt den Deutschen ihren Krieg

Christopher Clark, 1960 in Sydney geboren, ist Historiker in Cambridge und einer der besten Kenner der preußisch-deutschen Geschichte. Bekannt wurde er mit einer großen Geschichte Preußens. 2012 veröffentlichte er The Sleepwalkers, ein Jahr später auf Deutsch Die Schlafwandler. Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog, rechtzeitig vor dem hundertsten Jahrestag des Kriegsbeginns.

In Deutschland wurde das Buch zu einem Ereignis. Ein dickes, detailreiches Werk über Diplomatie vor 100 Jahren stand monatelang auf den Bestsellerlisten, Clark füllte Säle und war in Talkshows zu Gast. Der Grund lag weniger im Thema als in der These: Clark bestritt, dass Deutschland die Hauptschuld am Ausbruch des Ersten Weltkriegs trug. Für viele Leser war das eine Befreiung von einer Last, die seit Jahrzehnten als gesichert galt. Für viele Historiker war es ein Ärgernis.

Das Buch hat in der deutschen Ausgabe rund 900 Seiten. Es beginnt nicht mit den Schüssen von Sarajevo, sondern mit einem anderen Mord, elf Jahre früher, in Belgrad. Und es endet mit einem Satz, der zu einem der meistzitierten der neueren Geschichtsschreibung geworden ist.

Nach Pinkers Buch über den Rückgang der Gewalt passt diese Lektüre auf unbequeme Weise an diese Stelle: Sie zeigt, wie eine Welt, die sich für zivilisiert, vernetzt und vernünftig hielt, in wenigen Wochen in eine Katastrophe stürzte, die niemand in diesem Ausmaß gewollt hatte. Pinkers Langer Frieden hatte 1914 einen Vorgänger: den Frieden zwischen den europäischen Großmächten seit 1871, über vier Jahrzehnte lang.

Die Wege nach Sarajevo

Der erste Teil des Buches erklärt, wie die Mächte Europas in die Lage gerieten, in der ein Attentat einen Weltkrieg auslösen konnte. Clark beginnt dort, wo die meisten Darstellungen nur kurz verweilen: in Serbien.

Serbien

Im Juni 1903 drangen serbische Offiziere in den Königspalast in Belgrad ein, ermordeten König Alexander und Königin Draga auf grausame Weise und warfen die Leichen aus dem Fenster. Unter den Verschwörern war ein junger Offizier, Dragutin Dimitrijević, genannt Apis, der später den Geheimbund Schwarze Hand leitete. Clark zeigt ein Serbien, in dem Teile des Militärs und der Geheimdienste einen eigenen, nationalistischen Kurs verfolgten, der auf die Vereinigung aller Serben, auch derer in Bosnien unter österreichischer Herrschaft, zielte, und in dem die Regierung diese Kräfte nur teilweise kontrollierte. Aus diesem Milieu kamen die Attentäter von Sarajevo und ihre Waffen.

Österreich-Ungarn

Das Habsburgerreich zeichnet Clark freundlicher als viele vor ihm: nicht als morsches, zum Untergang verurteiltes Gebilde, sondern als funktionierenden, wenn auch komplizierten Vielvölkerstaat, der sich durch den serbischen Nationalismus in seiner Existenz bedroht sah. Aus Wiener Sicht war Serbien ein Staat, der Terror gegen die Monarchie duldete oder förderte.

Die Spaltung Europas in Blöcke

Dann beschreibt Clark, wie sich Europa in zwei Lager teilte. Frankreich und Russland verbündeten sich in den 1890er-Jahren gegen Deutschland. Großbritannien, lange auf Abstand bedacht, verständigte sich 1904 mit Frankreich und 1907 mit Russland. Deutschland trug durch eine sprunghafte, großsprecherische Außenpolitik, Flottenbau und die Marokkokrisen erheblich dazu bei, sich selbst zu isolieren. Ein Bündnissystem, das ursprünglich der Abschreckung dienen sollte, verwandelte regionale Konflikte in mögliche Großkonflikte.

Viele Stimmen

Ein besonders aufschlussreiches Kapitel fragt: Wer traf eigentlich die Entscheidungen? Clarks Antwort: In fast allen Hauptstädten war das unklar. Monarchen, Minister, Militärs, Botschafter und Zeitungen verfolgten verschiedene Linien, oft gegeneinander. Was ein Außenminister einem Botschafter sagte, wurde vom Kriegsminister widerrufen, was der Kaiser im Gespräch andeutete, galt am nächsten Tag nicht mehr. Für die anderen Mächte war kaum zu erkennen, welche Stimme zählte. Das machte Signale mehrdeutig und Missverständnisse wahrscheinlich.

Die Balkankriege

In den Jahren 1911 bis 1913 verschoben ein italienischer Krieg gegen das Osmanische Reich und zwei Balkankriege das Gleichgewicht in Südosteuropa. Serbien ging gestärkt und verdoppelt aus ihnen hervor, Österreich-Ungarn fühlte sich zunehmend eingekreist, und in Paris und Sankt Petersburg setzte sich eine Strategie durch, die einen Konflikt auf dem Balkan als möglichen Auslöser eines großen Krieges in Kauf nahm. Clark nennt das die Balkaninisierung des französisch-russischen Bündnisses.

Die Julikrise

Der dritte Teil des Buches erzählt die fünf Wochen zwischen dem Attentat und dem Kriegseintritt Großbritanniens, fast Tag für Tag, aus der Sicht aller Hauptstädte zugleich.

Die Julikrise 1914 · die wichtigsten Stationen

Die Julikrise 1914 · die wichtigsten Stationen

Sarajevo

Am 28. Juni 1914 besuchten der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand und seine Frau Sophie Sarajevo. Ein erster Bombenanschlag scheiterte. Auf der Fahrt zum Krankenhaus, wo der Erzherzog Verletzte besuchen wollte, bog sein Fahrer falsch ab und hielt genau vor dem jungen Attentäter Gavrilo Princip, der zufällig dort stand. Zwei Schüsse, beide tot. Clark zeigt, wie viel Zufall und Pfusch in diesem Moment lag, und wie wenig er zunächst nach einem Weltkrieg aussah.

Der Blankoscheck und das Ultimatum

Wien beschloss, Serbien zur Rechenschaft zu ziehen, und versicherte sich Anfang Juli der Unterstützung Berlins. Die deutsche Führung sagte bedingungslosen Beistand zu, in der Annahme, Russland werde nicht eingreifen oder der Konflikt bleibe lokal. Wien ließ sich Zeit und stellte sein Ultimatum an Serbien erst am 23. Juli, bewusst nachdem der französische Präsident Poincaré seinen Staatsbesuch in Sankt Petersburg beendet hatte. Das Ultimatum war so formuliert, dass Serbien es kaum vollständig annehmen konnte.

Die Kaskade

Serbien antwortete entgegenkommend, aber nicht vollständig. Russland hatte schon vorher, am 25. und 26. Juli, verdeckte Kriegsvorbereitungen eingeleitet, ein Punkt, den Clark besonders betont. Am 28. Juli erklärte Österreich-Ungarn Serbien den Krieg. Am 30. Juli ordnete Russland die Generalmobilmachung an. Weil der deutsche Kriegsplan darauf beruhte, zuerst Frankreich im Westen zu schlagen, bevor Russland voll mobilisiert war, setzte die russische Mobilmachung einen Mechanismus in Gang, der kaum noch zu stoppen war. Deutschland erklärte Russland und Frankreich den Krieg und marschierte in Belgien ein, und das brachte Großbritannien in den Krieg.

Die These

Wie, nicht warum

Clark macht gleich zu Beginn eine methodische Entscheidung, die das ganze Buch prägt. Er will nicht in erster Linie fragen, warum der Krieg ausbrach, sondern wie es dazu kam. Die Frage nach dem Warum, schreibt er sinngemäß, verleite dazu, nach tiefen, unausweichlichen Ursachen zu suchen, nach Imperialismus, Nationalismus, Wettrüsten, und dabei die konkreten Entscheidungen der Menschen aus dem Blick zu verlieren. Die Frage nach dem Wie zwinge dazu, genau hinzusehen: Wer wusste was, wann, und wie entschied er sich?

Diese Entscheidung hat eine Folge: Die Frage nach Schuld tritt zurück. Clark schreibt, der Kriegsausbruch sei kein Kriminalroman, in dem man am Ende den Täter mit dem rauchenden Revolver über der Leiche findet. In dieser Geschichte gebe es keine einzelne Waffe in der Hand eines einzigen Schuldigen, sondern eine in der Hand jedes Hauptakteurs.

Keine Hauptschuld

Daraus folgt Clarks Kernthese: Der Erste Weltkrieg war nicht das Ergebnis eines deutschen Plans oder einer deutschen Hauptschuld, sondern einer gemeinsamen Verantwortung aller Großmächte. Serbien duldete und förderte einen gewaltbereiten Nationalismus. Österreich-Ungarn suchte die Abrechnung mit Serbien und nahm das Risiko eines großen Krieges in Kauf. Deutschland gab Wien freie Hand. Russland mobilisierte früh und deckte Serbien. Frankreich bestärkte Russland in einer harten Haltung. Großbritannien sandte widersprüchliche Signale über seine Absichten. Jeder Akteur trug einen Teil bei, und jeder hielt seine eigenen Schritte für defensiv und die der anderen für aggressiv.

Die Schlafwandler

Der Titel des Buches stammt aus seinem letzten Satz, sinngemäß: Die Protagonisten von 1914 waren Schlafwandler, wachsam, aber blind, von Albträumen geplagt, aber unfähig, die Wirklichkeit des Grauens zu erkennen, das sie über die Welt bringen sollten. Das Bild ist präzise gewählt. Clark beschreibt keine Dummköpfe und keine Verbrecher, sondern intelligente, gut informierte, oft besorgte Männer, die in einem System gefangen waren, das sie nur halb durchschauten, und die jeweils einen vernünftig erscheinenden Schritt nach dem anderen taten, bis der Abgrund erreicht war.

Das Sicherheitsdilemma

Clarks Darstellung illustriert, was Politikwissenschaftler ein Sicherheitsdilemma nennen: Jeder Schritt, den ein Staat zu seiner eigenen Sicherheit unternimmt, Rüstung, Bündnisse, Mobilmachung, erscheint den anderen als Bedrohung und veranlasst sie zu Gegenschritten. Am Ende fühlen sich alle unsicherer, obwohl jeder nur sicherer werden wollte. Dazu kamen Militärpläne, die Zeitdruck erzeugten: Wer zu spät mobilisierte, so die Logik, verlor den Krieg, bevor er begann. Das ließ der Diplomatie kaum Raum.

Der Streit

Um zu verstehen, warum dieses Buch in Deutschland so einschlug, muss man wissen, wogegen es geschrieben war.

Fischer und die deutsche Schuld

1961 veröffentlichte der Hamburger Historiker Fritz Fischer Griff nach der Weltmacht. Gestützt auf Akten wies er nach, dass die deutsche Führung schon vor und während des Krieges weitreichende Eroberungsziele verfolgte, und folgerte, Deutschland habe in der Julikrise bewusst auf einen großen Krieg hingearbeitet oder ihn zumindest in Kauf genommen. Das löste in der Bundesrepublik eine heftige Debatte aus, die Fischer-Kontroverse, aber am Ende setzte sich seine These im Kern durch: Deutschland trage die Hauptverantwortung für den Ersten Weltkrieg. Für die deutsche Erinnerungskultur hatte das Gewicht, weil es eine Linie von 1914 nach 1939 nahelegte.

Clarks Kritiker

Clarks Buch stellte diese Deutung in Frage, und viele Fachleute reagierten scharf. Die Haupteinwände:

  • Deutschland kommt zu gut weg. Kritiker wie die britischen Historiker John Röhl und Annika Mombauer und in Deutschland etwa Gerd Krumeich warfen Clark vor, die Rolle der deutschen Führung in der Julikrise zu unterschätzen, vor allem die bedingungslose Unterstützung für Wien Anfang Juli, die Österreich-Ungarn den Weg zu einem harten Kurs öffnete und das Risiko eines großen Krieges bewusst einging.
  • Serbien und Russland kommen zu schlecht weg. Clark verteile die Gewichte so, dass Serbiens Nationalismus und Russlands frühe Mobilmachung schwerer wirken als die Entscheidungen in Wien und Berlin. Serbische Historiker beanstandeten zudem, Clark stütze sich bei Serbien zu sehr auf ältere und einseitige Quellen.
  • Das Wie verdrängt das Warum. Wer nur fragt, wie es geschah, kann der Frage nach Verantwortung ausweichen. Kritiker sahen darin eine Entscheidung mit politischen Folgen, auch wenn Clark sie methodisch begründete.

Die deutsche Rezeption

Clark selbst hat mehrfach betont, sein Buch sei keine Entlastung Deutschlands, und er habe nie bestritten, dass Deutschland erheblich zum Krieg beitrug. Dennoch wurde es in Deutschland von manchen Lesern genau so gelesen, als Befreiung von einer Schuld, die man lange als gegeben hingenommen hatte. Diese Rezeption ist selbst ein interessantes Stück Zeitgeschichte: Ein Jahrhundert nach dem Krieg war offenbar das Bedürfnis groß, die eigene Geschichte nicht nur als Geschichte der Schuld zu lesen. Das ist verständlich, birgt aber die Gefahr, das Buch für etwas zu nutzen, was es nicht sagt.

Wo die Debatte heute steht

Die meisten Historiker würden heute wohl sagen: Clark hat zu Recht gezeigt, dass der Kriegsausbruch ein vielseitiger Prozess war, an dem alle Großmächte beteiligt waren, und dass die Fischer-These in ihrer zugespitzten Form zu einseitig war. Aber die Entscheidungen in Wien und Berlin im Juli 1914 bleiben nach Ansicht vieler Fachleute die entscheidenden Schritte, ohne die die Krise nicht eskaliert wäre. Das ist weder Fischers Hauptschuld noch Clarks gleichmäßig verteilte Verantwortung, sondern etwas dazwischen.

Was es dir bringt

Ein Buch über die Diplomatie von 1914 scheint weit weg vom eigenen Leben. Tatsächlich ist es eine der besten Fallstudien darüber, wie Katastrophen entstehen, die niemand wollte, und das Muster kehrt im Kleinen ständig wieder.

Eskalation ohne Bösewicht

Viele Konflikte, in Firmen, Vereinen, Familien, folgen Clarks Muster: Niemand will den großen Bruch, jeder macht nur einen vernünftig erscheinenden Schritt, und am Ende steht etwas, das alle bereuen. Eine Abteilung, die sich abschottet, weil sie sich von einer anderen bedroht fühlt, die sich daraufhin ebenfalls abschottet. Geschwister, die über ein Erbe in einen Streit geraten, den keiner wollte. Wer Clark gelesen hat, fragt in solchen Lagen nicht mehr zuerst, wer schuld ist, sondern welche Schritte die Lage verschärfen, und welchen eigenen Schritt der andere als Angriff deuten könnte.

Was sich defensiv anfühlt, wirkt aggressiv

Das Sicherheitsdilemma ist vielleicht die nützlichste Einsicht des Buches für den Alltag. Was du selbst als Vorsicht, als Selbstschutz, als berechtigte Reaktion erlebst, kann für den anderen wie eine Drohung aussehen. Ein Anwaltsschreiben im Nachbarschaftsstreit, eine Abmahnung im Betrieb, ein kühler Rückzug in der Familie: Jeder dieser Schritte mag aus eigener Sicht defensiv sein und löst beim Gegenüber doch eine Gegenreaktion aus. Die Frage, die 1914 kaum jemand stellte, lautet: Wie sieht mein nächster Schritt aus der Sicht des anderen aus?

Keine Pläne ohne Notausgang

Der deutsche Kriegsplan ließ nach der russischen Mobilmachung kaum noch Spielraum. Wer einen einzigen Plan hat, der unter Zeitdruck ausgeführt werden muss, hat keine Wahl mehr, wenn sich die Lage ändert. Das verbindet Clark mit Talebs Optionalität und Roslings Warnung vor dem Dringlichkeitsinstinkt: Wer sich Wege offenhält, kann besser reagieren als jemand, dessen Plan ihn zum Handeln zwingt. Im Beruf wie im Privaten lohnt es sich zu prüfen, ob Entscheidungen noch umkehrbar sind, und Zeitdruck zu misstrauen, besonders wenn er selbst erzeugt ist.

Klare Stimmen

Clarks Kapitel über die vielen Stimmen in jeder Hauptstadt ist eine Lehre über Kommunikation. Wenn unklar ist, wer für eine Organisation spricht, wenn Signale sich widersprechen, deutet das Gegenüber oft das Bedrohlichste heraus. Das gilt für Unternehmen in Verhandlungen, für Vereine in Konflikten und für Familien, in denen jeder etwas anderes sagt.

Die Gegenwart lesen

Clark selbst hat darauf hingewiesen, dass die Welt von 1914 der heutigen in manchem ähnelt: mehrere rivalisierende Großmächte statt zweier Blöcke, nationalistische Bewegungen, Terror, rasche technische Veränderungen, viel Vertrauen darauf, dass Verflechtung einen großen Krieg unmöglich macht. Wie im Pinker-Essay beschrieben, ist die Zahl der Konflikte zwischen Staaten zuletzt deutlich gestiegen. Das Buch macht nicht prophetisch, und es erlaubt keine einfachen Gleichsetzungen. Aber es schult den Blick für Eskalationsmechanismen und für die gefährliche Sicherheit, ein großer Krieg sei heute undenkbar. Das dachten 1914 viele auch.

Die eigene Familiengeschichte

Und schließlich: Die Urgroßeltern der meisten Menschen in deinem Alter haben den Ersten Weltkrieg erlebt, als Soldaten, als Witwen, als Kinder. In vielen Familien ist davon kaum etwas überliefert, weil der Zweite Weltkrieg alles überlagerte. Clarks Buch kann ein Anlass sein, nach Feldpostbriefen, Fotos und Erzählungen zu suchen, solange es noch Menschen gibt, die sich an die Erzählungen ihrer Eltern erinnern.

Meine Sicht

Die Schlafwandler ist eines der besten Geschichtsbücher der letzten Jahrzehnte, und eines, dessen Wirkung man von seinem Inhalt trennen sollte.

Was mich überzeugt

Die Vielstimmigkeit. Clark erzählt die Krise nicht aus der Sicht einer Hauptstadt, sondern aus der aller, und zeigt, wie jede Regierung die Lage anders wahrnahm, aus ihrer Geschichte, ihren Ängsten und ihren Informationen heraus. Das ist erzählerisch eine Meisterleistung und historisch ein Gewinn gegenüber Darstellungen, die alles auf Berlin zulaufen lassen.

Die Menschen hinter den Entscheidungen. Clark macht aus Ministern, Botschaftern und Generälen Figuren mit Eitelkeiten, Ängsten, Rivalitäten und Fehlwahrnehmungen. Man versteht, dass hier keine Maschinen am Werk waren, sondern Menschen, die unter Druck, mit unvollständigem Wissen und in Konkurrenz zueinander entschieden.

Die Fallstudie über Eskalation. Unabhängig von der Schuldfrage ist das Buch eine der genauesten Beschreibungen, wie ein System aus Bündnissen, Plänen, Misstrauen und Zeitdruck in eine Katastrophe läuft. Das ist eine Lehre, die über 1914 weit hinausreicht, und die zu Taleb, Kahneman und Popper passt.

Die Erzählkunst. Für ein Buch dieser Länge und Dichte liest es sich erstaunlich gut. Clark hat Sinn für Szenen, Charaktere und Pointen, ohne die Sachlichkeit zu verlieren.

Was mich stört

Die Gewichtung. Ich halte die Kritik an der Verteilung der Verantwortung für weitgehend berechtigt. Clark erklärt das Handeln Serbiens und Russlands ausführlich und kritisch, das Handeln Berlins und Wiens im Juli 1914 dagegen verständnisvoller. Die Entscheidung, Österreich-Ungarn freie Hand für einen Krieg gegen Serbien zu geben, im Wissen, dass Russland eingreifen könnte, war ein bewusst eingegangenes Risiko, und kein Schlafwandeln.

Die Metapher. Schlafwandler sind nicht verantwortlich für das, was sie tun. Das Bild ist poetisch stark, aber es entschuldigt mehr, als Clark wohl wollte. Die Männer von 1914 waren nicht im Schlaf. Viele wussten, dass ein großer Krieg drohte, manche hielten ihn für unvermeidlich oder sogar für wünschenswert, solange er früh genug kam. Wer bewusst ein solches Risiko eingeht, schlafwandelt nicht, er spielt.

Das Wie als Ausweg. Die Entscheidung, nach dem Wie statt nach dem Warum zu fragen, ist methodisch legitim, aber sie hat eine Schlagseite: Sie macht es leichter, Verantwortung zu verteilen, bis sie verschwindet. Das widerspricht ausgerechnet dem, was wir bei Arendt gelernt haben: dass Menschen auch in komplexen Systemen für ihr Urteil verantwortlich bleiben.

Die Länge. Wer sich nicht für diplomatische Details interessiert, wird sich durch die ersten beiden Teile kämpfen müssen. Die Kapitel über die Balkankrisen vor 1914 verlangen Geduld.

Mein Urteil

Als Gedankenbuch eine 8 von 10, als Lesevergnügen eine 7. Es ist das beste Buch, um die Komplexität des Kriegsausbruchs zu verstehen, und es sollte nicht das einzige bleiben, das man darüber liest. Mein Lesetipp: Den ersten Teil über Serbien und Österreich-Ungarn gründlich, den zweiten über die Bündnisse zügig, die Julikrise im dritten Teil langsam und mit Genuss. Und als Gegenstimme lohnt eine Darstellung, die die deutsche Rolle stärker betont, etwa die Arbeiten von Gerd Krumeich oder Annika Mombauer, oder, breiter angelegt, Herfried Münklers Der Große Krieg, das im selben Jahr erschien und Clark in vielem nahesteht, aber eigene Akzente setzt.

Fazit

Die Schlafwandler zeigt, wie Europa 1914 in einen Krieg glitt, den in diesem Ausmaß niemand gewollt hatte: durch ein System aus Bündnissen, Misstrauen, widersprüchlichen Signalen und Militärplänen, die keinen Raum für Umkehr ließen, und durch Entscheidungen von Menschen, die jeweils ihren eigenen Schritt für defensiv und den der anderen für aggressiv hielten. Clark verteilt die Verantwortung breiter als die Forschung vor ihm, und das ist ein Gewinn. Er verteilt sie aber so gleichmäßig, dass die bewusst eingegangenen Risiken in Berlin und Wien zu sehr im Nebel verschwinden, und seine Metapher entlastet mehr, als die Fakten erlauben.

Für dich in einem Satz: Frag in jedem Konflikt, wie dein nächster Schritt aus Sicht des anderen aussieht, halte deine Pläne umkehrbar, misstraue selbst erzeugtem Zeitdruck, und lass dich von der Komplexität einer Lage nicht dazu verleiten, Verantwortung so lange zu verteilen, bis niemand mehr verantwortlich ist.

Im Zusammenhang der bisherigen Liste steht dieses Buch zwischen Pinker und Arendt. Mit Pinker teilt es die Frage, wie fest ein langer Frieden wirklich ist, und gibt eine ernüchternde Antwort: Über 40 Jahre ohne Krieg zwischen den europäischen Großmächten endeten 1914 in wenigen Wochen. Mit Arendt teilt es die Frage nach Verantwortung in komplexen Systemen, und hier würde ich mich eher auf Arendts Seite stellen: Auch wer in einem System gefangen ist, das er nicht ganz durchschaut, bleibt für sein Urteil verantwortlich.