Die offene Gesellschaft und ihre Feinde – Karl Popper
Ein Buch vom anderen Ende der Welt
Karl Popper, 1902 in Wien geboren, stammte aus einer assimilierten Familie jüdischer Herkunft. In den 1920er-Jahren war er kurz Kommunist, wandte sich nach einem prägenden Erlebnis ab, wurde Lehrer und schrieb nebenher ein Buch, das die Wissenschaftstheorie verändern sollte: Logik der Forschung von 1934, mit der These, dass sich wissenschaftliche Theorien nie beweisen, sondern nur widerlegen lassen. Wir sind ihr in den Taleb-Essays begegnet, beim schwarzen Schwan.
1937, als sich die Lage in Österreich zuspitzte, nahm Popper eine Stelle in Christchurch an, in Neuseeland, so weit weg von Europa, wie es nur ging. Ein Jahr später marschierte Hitler in Österreich ein. Viele Angehörige Poppers wurden später im Holocaust ermordet. In Neuseeland, isoliert, mit wenig Büchern und kaum Gesprächspartnern, schrieb er zwischen 1938 und 1943 Die offene Gesellschaft und ihre Feinde. Er nannte es seinen Kriegsbeitrag: Während andere mit Waffen kämpften, wollte er die Ideen bekämpfen, aus denen der Totalitarismus seine Kraft bezog.
Das Manuskript fand lange keinen Verlag. Freunde, vor allem der Ökonom Friedrich August von Hayek, setzten sich dafür ein. 1945 erschien es in London in zwei Bänden. Der erste heißt Der Zauber Platons, der zweite Falsche Propheten, mit dem Untertitel Hegel, Marx und die Folgen. Das Buch machte Popper berühmt und brachte ihm eine Professur an der London School of Economics.
Es ist das anspruchsvollste Buch auf meiner Liste, rund 800 Seiten, davon ein großer Teil Anmerkungen, in denen sich manche der besten Gedanken verstecken. Man muss es nicht ganz lesen, um seine Grundideen zu verstehen. Aber man sollte wissen, dass hinter den Formeln, die heute überall zitiert werden, ein leidenschaftlicher, zorniger und sehr persönlicher Text steht.
Offene und geschlossene Gesellschaft
Der Titel enthält die zentrale Unterscheidung des Buches. Popper beschreibt zwei Grundformen menschlichen Zusammenlebens.
| Geschlossene Gesellschaft | Offene Gesellschaft | |
|---|---|---|
| Vorbild | der Stamm, die Horde | die Athener Demokratie in ihrer besten Zeit, die moderne liberale Demokratie |
| Regeln | gelten als natürlich oder göttlich, unveränderlich | gelten als menschengemacht, können kritisiert und geändert werden |
| Der Einzelne | hat seinen festen Platz, entscheidet wenig selbst | muss selbst entscheiden und Verantwortung tragen |
| Wahrheit | wird von Autoritäten verkündet | wird in freier Kritik gesucht |
| Gefühl | Geborgenheit, Zugehörigkeit | Freiheit, aber auch Unsicherheit und Einsamkeit |
Die Last der Zivilisation
Das Interessante an Poppers Darstellung ist, dass er die Anziehungskraft der geschlossenen Gesellschaft ernst nimmt. Der Übergang zur Offenheit ist für ihn die größte Revolution der Menschheitsgeschichte, aber auch eine Zumutung. Wer keine fest gefügte Ordnung mehr hat, die ihm sagt, wer er ist und was er tun soll, muss selbst entscheiden. Er wird verantwortlich, und er wird verunsichert. Popper nennt das die Last der Zivilisation.
Aus dieser Last erklärt er die Sehnsucht nach Rückkehr: nach einer Gemeinschaft, in der jeder seinen Platz hat, in der die Wahrheit feststeht und in der eine starke Hand Ordnung schafft. Alle totalitären Bewegungen, so Popper, versprechen im Kern diese Rückkehr zum Stamm. Und deshalb sind die Feinde der offenen Gesellschaft nicht nur Tyrannen, sondern auch große Denker, die diese Sehnsucht mit glänzenden Argumenten bedient haben.
Diese Diagnose ist heute vielleicht aktueller als 1945. Wer die Anziehungskraft autoritärer Bewegungen verstehen will, findet bei Popper eine Erklärung, die nicht mit Verachtung für deren Anhänger beginnt, sondern mit Verständnis für ein sehr menschliches Bedürfnis nach Halt.
Die Feinde: Platon, Hegel, Marx
Das Provozierende an Poppers Buch ist die Wahl der Gegner. Er greift nicht die offensichtlichen Bösewichte an, sondern drei der größten Denker des Abendlandes.
Der Zauber Platons
Platon galt Generationen von Gebildeten als Inbegriff der Weisheit. Popper liest seinen Staatsentwurf anders: als Blaupause einer geschlossenen Gesellschaft. Platons idealer Staat wird von Philosophenkönigen regiert, die Bevölkerung ist in Stände geteilt, die ihren Platz nicht verlassen dürfen, Dichtung und Musik werden zensiert, Kinder werden nach Zuchtgesichtspunkten gezeugt und vom Staat erzogen, und die Herrschenden dürfen das Volk mit einer „edlen Lüge“ täuschen, um die Ordnung zu stabilisieren. Gerechtigkeit bedeutet bei Platon, dass jeder an seinem Platz bleibt.
Popper erklärt Platons Denken aus seiner Lebenszeit: Athen hatte einen langen Krieg verloren, die Demokratie hatte Sokrates hingerichtet, alles schien im Verfall. Platon wollte den Wandel aufhalten und eine Ordnung schaffen, die nie wieder zerfällt. Popper sieht darin einen Verrat an Sokrates, dem offenen, fragenden Denker, den Platon in seinen späteren Dialogen zum Sprachrohr einer autoritären Lehre gemacht habe.
Hegel
Über Hegel urteilt Popper ungleich härter, ja verächtlich. Er hält ihn für einen Wortverdreher, der mit dunkler Sprache den preußischen Staat verherrlicht und den Staat zu etwas Göttlichem erhoben habe. Über die Linie von Hegel zu den Nationalismen des 19. und 20. Jahrhunderts zieht Popper eine direkte Verbindung. Dieses Kapitel ist das polemischste und das umstrittenste des Buches.
Marx
Bei Marx ist Popper respektvoller. Er würdigt sein Mitgefühl mit den Ausgebeuteten, seine Beobachtungen über die Arbeitsbedingungen des 19. Jahrhunderts und seinen Beitrag zur Gesellschaftswissenschaft. Aber er wirft ihm vor, ein falscher Prophet zu sein: Marx habe behauptet, die Geschichte folge Gesetzen, die mit Notwendigkeit zur Revolution und zur klassenlosen Gesellschaft führten. Diese Vorhersagen seien nicht eingetroffen, und wer sie dennoch für unumstößlich halte, verwandle eine wissenschaftliche Theorie in einen Glauben.
Der gemeinsame Fehler: Historizismus
Was die drei verbindet, nennt Popper Historizismus: den Glauben, dass die Geschichte einem Gesetz oder Plan folgt, den man erkennen und aus dem man die Zukunft vorhersagen kann. Bei Platon ist es ein Gesetz des Verfalls, bei Hegel die Entfaltung des Weltgeistes, bei Marx der Klassenkampf. Popper hält diesen Glauben für falsch und für gefährlich.
Falsch, weil die Zukunft von menschlichem Wissen abhängt und man künftiges Wissen nicht vorhersagen kann, sonst hätte man es ja schon. Gefährlich, weil wer glaubt, die Richtung der Geschichte zu kennen, sich berechtigt fühlt, Menschen für diese Richtung zu opfern. Wer die Zukunft zu kennen glaubt, hält Widerspruch für Unwissen oder Verrat. Hier berührt sich Popper mit Taleb und Kahneman: Die Überschätzung der eigenen Vorhersagefähigkeit ist nicht nur ein Denkfehler, sondern kann zur politischen Katastrophe werden.
Die neue Frage
Der vielleicht folgenreichste Gedanke des Buches ist eine einfache Verschiebung. Seit Platon, so Popper, hat die politische Philosophie gefragt: Wer soll herrschen? Die Besten, die Weisesten, das Volk, der Stärkste, die Arbeiterklasse? Popper hält diese Frage für falsch gestellt, weil jede Antwort darauf hinausläuft, dass irgendjemand die Macht bekommt und man dann hoffen muss, dass er sie gut nutzt.
Er ersetzt sie durch eine andere Frage, sinngemäß: Wie können wir unsere politischen Einrichtungen so gestalten, dass schlechte oder unfähige Herrscher möglichst wenig Schaden anrichten können? Statt auf gute Herrscher zu hoffen, soll man sich gegen schlechte absichern.
Demokratie als Abwahlmöglichkeit
Daraus folgt eine ungewöhnlich nüchterne Definition der Demokratie. Sie ist für Popper nicht in erster Linie die Herrschaft des Volkes. Was eine Demokratie von einer Tyrannei unterscheidet, ist allein dies: dass man die Regierung ohne Blutvergießen loswerden kann, durch Wahlen, durch Institutionen, durch das Recht. Wo das möglich ist, herrscht Demokratie, auch wenn die Regierung schlecht ist. Wo es unmöglich ist, herrscht Tyrannei, auch wenn der Herrscher wohlwollend ist.
Diese Definition hat praktische Folgen. Sie lenkt den Blick weg von der Frage, wer gerade regiert, hin zu der Frage, ob die Einrichtungen intakt sind, die es erlauben, ihn wieder loszuwerden: freie Wahlen, unabhängige Gerichte, freie Presse, Gewaltenteilung, die Möglichkeit zur Opposition. Eine Regierung, die diese Einrichtungen schwächt, greift nach Popper die Demokratie selbst an, egal wie populär sie ist und wie gut ihre Absichten sein mögen.
Popper selbst hat diesen Gedanken später zur Verteidigung von Mehrheitswahlsystemen gegen Verhältniswahlrecht genutzt, weil bei ersterem die Wähler eine Regierung klarer abwählen könnten. Das ist umstritten, gerade aus deutscher Sicht, wo Koalitionsregierungen die Regel sind. Aber die Grundfrage, ob Regierungen abwählbar bleiben, ist ein Maßstab, den man an jedes politische System anlegen kann.
Das Paradox der Toleranz
Der berühmteste Gedanke des Buches steht nicht im Haupttext, sondern in einer Anmerkung zum siebten Kapitel. Er ist heute einer der meistzitierten Sätze der politischen Philosophie, und einer der am häufigsten verkürzten.
Was Popper schreibt
Popper beschreibt drei Paradoxien. Das Paradox der Freiheit: Uneingeschränkte Freiheit führt dazu, dass der Starke den Schwachen unterdrückt. Das Paradox der Demokratie: Eine Mehrheit kann beschließen, dass ein Tyrann herrschen soll. Und das Paradox der Toleranz: Wer unbegrenzte Toleranz auch gegenüber den Intoleranten übt, wird am Ende erleben, dass die Toleranz und mit ihr die Tolerierenden vernichtet werden.
Daraus folgert Popper, dass eine tolerante Gesellschaft das Recht beanspruchen muss, die Intoleranten nicht zu tolerieren. Aber, und das ist der Teil, der meist weggelassen wird, er knüpft das an enge Bedingungen. Solange man intoleranten Lehren mit vernünftigen Argumenten begegnen und sie durch die öffentliche Meinung in Schach halten kann, wäre es unklug, sie zu unterdrücken. Das Recht auf Unterdrückung, notfalls mit Gewalt, beginnt erst dort, wo die Intoleranten sich weigern, überhaupt zu argumentieren, ihren Anhängern verbieten, Gegenargumente anzuhören, und Argumente mit Fäusten oder Waffen beantworten.
Wie es heute verwendet wird
In heutigen Debatten wird das Paradox oft als Rechtfertigung zitiert, Meinungen auszugrenzen, die man für intolerant hält, von welcher Seite auch immer. Wer Popper genau liest, sieht, dass seine Schwelle viel höher liegt. Er spricht nicht von unangenehmen oder verletzenden Meinungen, sondern von Bewegungen, die den Diskurs selbst abschaffen wollen und Gewalt an die Stelle von Argumenten setzen. Für alles darunter ist sein Rezept: widersprechen, argumentieren, öffentlich kritisieren. Andere Leser betonen dagegen, dass Popper das Prinzip klar formuliert hat und dass die Frage, wann eine Bewegung die Schwelle überschreitet, nicht erst beantwortet werden darf, wenn es zu spät ist. Beide Lesarten berufen sich zu Recht auf ihn, und die Spannung zwischen ihnen ist genau die, die Popper beschreiben wollte.
Stückwerk statt Utopie
Wenn man die Zukunft nicht vorhersagen kann und niemandem die ganze Macht anvertrauen darf, wie soll man dann eine Gesellschaft verbessern? Poppers Antwort ist unspektakulär und gerade deshalb radikal.
Zwei Arten, die Welt zu verändern
Popper unterscheidet zwei Formen der Politik. Die utopische Sozialtechnik entwirft zuerst ein Bild der idealen Gesellschaft und versucht dann, die Wirklichkeit danach umzubauen, im Ganzen und auf einmal. Die Stückwerk-Sozialtechnik dagegen geht schrittweise vor: Sie sucht die dringendsten konkreten Missstände, ändert etwas, beobachtet die Folgen, korrigiert. Popper hält nur die zweite für vernünftig.
Seine Gründe sind dieselben wie in der Wissenschaft. Bei kleinen Reformen kann man aus Fehlern lernen, weil man sieht, was eine Änderung bewirkt hat, und sie zurücknehmen kann. Bei einer Totalumwälzung ist das unmöglich: Zu viele Dinge ändern sich gleichzeitig, und wer Kritik übt, stört den großen Plan. Utopien neigen deshalb zur Gewalt, weil sie Menschen, die nicht in den Plan passen, als Hindernis sehen müssen. Wer den Himmel auf Erden errichten will, schreibt Popper sinngemäß, schafft regelmäßig die Hölle.
Leid vermindern statt Glück verordnen
Dazu gehört ein ethischer Grundsatz, der in einer Anmerkung steht und viel weniger bekannt ist als das Toleranzparadox. Popper schlägt vor, Politik solle nicht danach streben, das größte Glück der größten Zahl herzustellen, sondern vermeidbares Leid zu bekämpfen. Glück ist privat, verschieden und lässt sich nicht verordnen. Leid dagegen, Hunger, Krankheit, Armut, Unterdrückung, ist konkret und lässt sich gemeinsam bekämpfen. Wer anderen sein Bild vom Glück aufzwingen will, wird zum Tyrannen. Wer Leid lindern will, kann sich mit fast allen verständigen.
Kritischer Rationalismus
All das ruht auf der Haltung, die Popper kritischen Rationalismus nennt. Ihr Kern ist ein Satz, den er sinngemäß immer wieder formuliert hat: Ich kann mich irren, und du kannst recht haben, und gemeinsam kommen wir vielleicht der Wahrheit näher. Das ist für Popper die Grundlage der offenen Gesellschaft: nicht der Besitz der Wahrheit, sondern die gemeinsame, fehlbare Suche danach.
Was es dir bringt
Popper schrieb ein politisches Buch, aber seine Grundhaltung lässt sich weit über die Politik hinaus anwenden. Sechs Dinge halte ich für dauerhaft nützlich.
Ein Maßstab jenseits von links und rechts
Poppers Demokratiebegriff gibt dir einen Maßstab, der unabhängig von der eigenen politischen Richtung funktioniert. Die Frage lautet nicht: Gefallen mir die Ziele einer Partei oder Regierung? Sondern: Stärkt oder schwächt sie die Einrichtungen, mit denen man sie wieder loswerden kann? Unabhängige Gerichte, freie Medien, faire Wahlen, eine handlungsfähige Opposition. Diesen Maßstab kann man an jede Regierung anlegen, an die, die man gewählt hat, ebenso wie an die anderen. Gerade das macht ihn wertvoll.
Propheten misstrauen
Wer behauptet, die Richtung der Geschichte zu kennen, ob in Richtung Untergang oder Erlösung, verdient Misstrauen. Das gilt für Ideologen, aber auch für Kommentatoren, Zukunftsforscher und Verkäufer, die eine zwangsläufige Entwicklung verkünden, sei es der Zusammenbruch des Westens, die unaufhaltsame Revolution durch eine Technologie oder das Ende einer Branche. Die Zukunft ist offen, weil sie von Wissen abhängt, das es noch nicht gibt. Das ist derselbe Befund wie bei Taleb und Tetlock, nur politisch gewendet.
Stückwerk im eigenen Leben
Das schönste an Poppers Methode ist, dass sie auch im Kleinen funktioniert. Große Lebensentscheidungen, die in deinem Alter anstehen, der Übergang in den Ruhestand, ein Umzug, ein Neuanfang, lassen sich oft in umkehrbare Schritte zerlegen. Erst Teilzeit, dann Ruhestand. Erst ein halbes Jahr zur Miete am neuen Ort, dann kaufen. Erst ein Probelauf, dann die Festlegung. Wer so vorgeht, kann aus Fehlern lernen, statt mit ihnen leben zu müssen. Das ist Poppers Sozialtechnik, angewandt auf die eigene Biografie, und es passt genau zu Talebs Gedanken der Optionalität.
Ich kann mich irren
Der Satz, dass ich mich irren kann und du recht haben kannst, ist eine der besten Haltungen für schwierige Gespräche, in der Familie, mit Freunden, über Politik. Er erlaubt es, hart in der Sache zu streiten, ohne den anderen als Feind zu behandeln. Und er hat eine praktische Seite: Wer seine Pläne ernst nimmt, sollte gezielt Menschen suchen, die sie kritisieren. Ein Plan, der Kritik überlebt hat, ist besser als einer, der nie geprüft wurde.
Toleranz und ihre Grenze im Alltag
Das Toleranzparadox hat auch eine persönliche Seite. Mit Menschen, die anderer Meinung sind, auch mit sehr unangenehmen Meinungen, soll man streiten, nicht sie ausschließen. Die Grenze liegt dort, wo jemand nicht mehr argumentieren will, sondern nur noch beschimpft, droht oder einschüchtert. Diese Unterscheidung hilft bei der Familienfeier ebenso wie im Verein.
Die Sehnsucht nach Ordnung verstehen
Und schließlich: Poppers Erklärung, warum Menschen sich nach der geschlossenen Gesellschaft sehnen, hilft, politische Gegner zu verstehen, ohne sie zu verachten. Sie hilft auch, sich selbst zu verstehen. Mit den Jahren wächst bei vielen die Sehnsucht nach einer Welt, die stabil und überschaubar ist, so wie sie früher schien. Wer diese Sehnsucht in sich bemerkt, kann sie ernst nehmen, ohne ihr politisch zu erliegen.
Meine Sicht
In meiner Liste stand: das Fundament liberalen Denkens, anstrengend, aber prägend. Ich bleibe dabei, mit einer Präzisierung: Prägend sind vor allem die Grundgedanken, weniger das Buch als Ganzes.
Was mich überzeugt
Die neue Frage. Den Blick von „Wer soll herrschen?“ auf „Wie werden wir schlechte Herrscher los?“ zu verschieben, halte ich für eine der klügsten Ideen der politischen Philosophie. Sie ist bescheiden, praktisch und schützt vor der Versuchung, die richtigen Leute an die Macht bringen zu wollen und dann alle Sicherungen abzubauen, weil man ihnen ja vertraut.
Die Verbindung von Wissenschaft und Politik. Dass dieselbe Haltung, die gute Wissenschaft ausmacht, nämlich Fehlbarkeit, Kritik, schrittweises Lernen, auch eine gute Gesellschaft ausmacht, ist ein Gedanke von großer Eleganz. Er verbindet dieses Buch mit fast allem auf meiner Liste, von Kahneman über Taleb bis Rosling.
Das Verständnis für die Gegenseite. Popper verachtet die Sehnsucht nach der geschlossenen Gesellschaft nicht, er erklärt sie. Das unterscheidet ihn von vielen, die heute die offene Gesellschaft verteidigen.
Die Leidminimierung. Der Gedanke, Politik solle Leid bekämpfen statt Glück herzustellen, ist bescheiden und menschlich, und er schafft eine Grundlage, auf der sich Menschen mit ganz verschiedenen Vorstellungen vom guten Leben einigen können.
Was mich stört
Ungerecht gegenüber Platon. Fachleute für antike Philosophie haben Popper früh vorgeworfen, Platon einseitig und anachronistisch zu lesen, als hätte ein Philosoph des vierten Jahrhunderts vor Christus Programme für das 20. Jahrhundert geschrieben. Platons Staat ist auch ein Gedankenexperiment über Gerechtigkeit, und vieles darin ist ironisch oder vorläufig gemeint. Poppers Lesart ist eine mögliche, aber keine faire.
Ungerecht gegenüber Hegel. Noch deutlicher: Das Hegel-Kapitel ist eine Schmähschrift, keine Auseinandersetzung. Popper hat Hegel offenbar nur oberflächlich gelesen, und Hegel-Kenner haben gezeigt, dass viele Vorwürfe auf Verkürzungen beruhen. Das schwächt das Buch, weil es zeigt, dass ausgerechnet der Prophet der kritischen Vernunft in seiner Polemik unkritisch werden konnte.
Stückwerk hat Grenzen. Kleine Schritte sind klug, wo man Zeit hat, aus Fehlern zu lernen. Es gibt aber Probleme, bei denen schrittweises Vorgehen zu langsam sein kann, weil Schäden sich unumkehrbar aufschichten, oder bei denen große, abgestimmte Veränderungen nötig sind. Poppers Methode sagt wenig darüber, wann man größere Schritte wagen muss. Dass seine Abneigung gegen Utopien auch manche Reformen bremsen kann, haben Kritiker aus verschiedenen Richtungen eingewandt.
Die Form. Das Buch ist lang, wiederholt sich, und die wichtigsten Gedanken stecken oft in Anmerkungen, die selbst ein kleines Buch füllen würden. Es ist ein Werk, das man eher studiert als liest.
Mein Urteil
Als Gedankenbuch eine 9 von 10, als Lesevergnügen eine 4. Es ist das Buch, dessen Ideen ich auf meiner Liste am höchsten einschätze und das ich am wenigsten zum Durchlesen empfehlen würde. Mein Lesetipp: Aus dem ersten Band die Einleitung, die Kapitel über die offene und geschlossene Gesellschaft und über die Frage, wer herrschen soll, samt der Anmerkung mit dem Toleranzparadox. Aus dem zweiten Band die Kapitel über die Autonomie der Soziologie und über den Sinn der Geschichte. Den Rest bei Interesse. Wer einen leichteren Einstieg will, findet in Poppers späteren Vorträgen und Interviews, etwa in dem Band Alles Leben ist Problemlösen, dieselben Gedanken in zugänglicherer Form.
Fazit und der Weg zu Kuhn
Die offene Gesellschaft und ihre Feinde lehrt, dass niemand die Richtung der Geschichte kennt, dass man niemandem unbegrenzte Macht anvertrauen darf, und dass eine gute Gesellschaft sich dadurch auszeichnet, dass sie ihre Fehler erkennen und korrigieren kann: durch Kritik, durch kleine Reformen und durch Regierungen, die man ohne Blutvergießen wieder loswird. Popper übertreibt in seinen Angriffen auf Platon und Hegel, aber seine Grundgedanken gehören zum Besten, was das 20. Jahrhundert über Politik gedacht hat.
Für dich in einem Satz: Miss Politik daran, ob sie die Möglichkeit erhält, sie zu korrigieren, misstraue jedem, der die Zukunft zu kennen glaubt, zerlege große Lebensentscheidungen in umkehrbare Schritte, und sag in schwierigen Gesprächen öfter: Ich kann mich irren.
Popper hat ein Ideal von Wissenschaft, auf das er auch seine Politik baut: Wissenschaftler stellen kühne Vermutungen auf, versuchen sie zu widerlegen, und verwerfen sie, sobald sie scheitern. So rational, so kritisch, so offen. Aber funktioniert Wissenschaft wirklich so? Ein amerikanischer Physiker und Historiker hat 1962 die Geschichte der Wissenschaft genau angeschaut und eine Antwort gegeben, die Popper tief beunruhigte: Wissenschaftler verteidigen ihre Theorien oft gegen alle Widersprüche, bis eine Revolution sie hinwegfegt. Darum geht es im nächsten Essay: Thomas Kuhns Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen.