Die Möglichkeit einer Insel – Altern ohne Ende
Ein zu langes Buch mit einem schönen Ende
„Die Möglichkeit einer Insel“ erschien 2005, nach Houellebecqs viel beachtetem Wechsel von Flammarion zum Verlag Fayard, mit einer Startauflage von 200.000 Exemplaren in Frankreich und gleichzeitig auf Deutsch bei DuMont, wieder in der Übersetzung von Uli Wittmann. Es bekam den Prix Interallié und verlor den Goncourt knapp. Kein anderes seiner Bücher wurde so sehr als Ereignis vermarktet, und keines hat mich weniger überzeugt.
Mein Urteil vorweg: Es ist das schwächste der acht Romane, zu lang, zu redundant, mit einer Zukunftswelt, die dünner ist als ihr Anspruch. Und doch enthält es zwei Dinge, die Houellebecq nirgends sonst so stark gemacht hat: den Ekel vor dem Altern und einen Hund. Das Ende, in dem ein Klon Jahrtausende nach seinem Urbild das Meer erreicht, gehört zum Schönsten, was er geschrieben hat.
Ein Komiker altert
Der Roman hat zwei Ebenen. In der Gegenwart erzählt Daniel1 sein Leben, ein gefeierter, reicher Komiker, berühmt für bewusst geschmacklose Sketche. In einer fernen Zukunft lesen und kommentieren seine Klone, Daniel24 und Daniel25, diesen Lebensbericht. Die Kapitel wechseln sich ab.
Daniel1 ist Houellebecqs bitterstes Selbstporträt. Ein Mann, der mit Zynismus Geld verdient, dessen Sohn sich das Leben nimmt, ohne dass es ihn sonderlich berührt. Er heiratet Isabelle, die Chefredakteurin einer Zeitschrift, die ausgerechnet „Lolita“ heißt, und die Ehe zerbricht, weil Isabelle altert und das Begehren nachlässt. Später verliebt er sich in Esther, eine viel jüngere Frau, die ihm eine sexuelle Erfüllung schenkt, die er nicht kannte, und die zugleich jede feste Bindung ablehnt. Sie verlässt ihn. Er schickt ihr ein letztes Gedicht, das dem Roman den Titel gibt, und nimmt sich das Leben.
Das eigentliche Thema dieser Hälfte ist nicht die Liebe, sondern das Altern, und Houellebecq beschreibt es mit einem Ekel, den man selten so offen gelesen hat. Der alternde Körper, der eigene wie der der Frau, wird zum Feind; Jugend ist das einzige Kapital, und es verfällt täglich. Das ist grausam und manchmal unerträglich. Aber es ist ehrlicher als vieles, was über das Altern geschrieben wird, und wer die fünfzig überschritten hat, wird darin Dinge wiedererkennen, die er lieber nicht ausspräche.
Die zärtlichste Figur ist ein Hund. Fox, ein Streuner, den das Paar als Welpen findet, ist das einzige Wesen in Daniels Leben, das ihn ohne Bedingung liebt. In seinen Klonen lebt der Hund weiter, und er ist das, was den Roman zusammenhält. Es sagt viel über Houellebecqs Menschenbild, dass die einzige gelingende Liebe in diesem Buch die zu einem Tier ist.
Die Sekte und das ewige Leben
Die Brücke zwischen Gegenwart und Zukunft ist eine Sekte, die Elohimiten, mit Zentrum auf Lanzarote. Sie glaubt an Außerirdische und verspricht ihren Mitgliedern ewiges Leben durch Klonen. Ihr Vorbild ist unverkennbar die Raël-Bewegung, für die Houellebecq zuvor öffentlich Sympathie gezeigt hatte. Daniel1 schließt sich ihr an. Ein Künstler namens Vincent regt an, dass die Mitglieder Lebensberichte für ihre künftigen Klone schreiben, und so entsteht der Text, den wir lesen. Als der Prophet der Sekte ermordet wird, gibt man Vincent als dessen Klon aus, und Daniel1 spielt den Betrug mit. Die Sekte wird später zur größten Religion der Welt.
Das ist Houellebecq in seiner satirischsten Form: Die Unsterblichkeit kommt nicht als Wunder, sondern als Schwindel einer Sekte, und sie setzt sich trotzdem durch, weil die Menschen so verzweifelt am Altern leiden, dass sie jedem glauben, der ihnen Jugend verspricht. Das ist bitter und klug.
Die Zukunftswelt, die daraus entsteht, ist dagegen enttäuschend. Die Neo-Menschen leben vereinzelt in geschützten Stationen, kommunizieren nur digital, haben kaum noch Gefühle; draußen streifen „Wilde“ durch eine verwüstete Welt. Als Bild für die Leere eines Lebens ohne Begehren funktioniert das, als Erzählung nicht. Die Kapitel der Klone sind dünn, ihre Kommentare zu Daniels Leben wiederholen, was man gerade gelesen hat. Hier zeigt sich, dass Houellebecq Gedanken besser beschreiben kann als Welten. „Elementarteilchen“ hatte die Abschaffung des Menschen in einem knappen Epilog erzählt und war gerade dadurch verstörend. Hier wird sie über weite Strecken ausgebreitet und verliert ihren Schrecken.
Daniel25 und das Meer
Und dann, ganz am Ende, wird der Roman doch noch groß. Marie23, mit der Daniel25 über das Netz korrespondiert, verlässt als Erste ihre Station und geht hinaus in die verwüstete Welt. Wer das tut, verliert alles, die Station, den Schutz, das Recht auf einen Nachfolger. Daniel25 folgt ihr, mit seinem Hund Fox, durch ein zerstörtes Spanien in Richtung Lanzarote. Fox stirbt unterwegs. Daniel25 erreicht das Meer, erkennt in seiner Unendlichkeit den Ursprung jener Sehnsucht nach Unsterblichkeit, die die Menschheit in diese Lage gebracht hat, und weiß, dass er sein Ziel nicht erreichen wird. Er ist weder erlöst noch unglücklich. Er war, und er ist nicht mehr.
Diese letzten Seiten sind von einer Stille, die das ganze Buch vorher vermissen ließ. Ein Wesen, das kaum noch fühlen kann, trauert um einen Hund und steht vor dem Wasser. Man denkt unwillkürlich an Hesses „Siddhartha“, der am Ende ebenfalls am Wasser sitzt. Aber wo Siddhartha im Fluss die Einheit aller Dinge findet und Frieden, findet Daniel25 im Meer nur die Erkenntnis seiner eigenen Endlichkeit, und das genügt. Es ist ein Ende ohne Trost und ohne Verzweiflung, und es ist ehrlicher als Hesses.
Das Paradoxe ist: Um zu diesem Ende zu gelangen, muss man vierhundert Seiten Zynismus, Sektenkomik und Klonkommentare durchqueren. Der Roman beweist auf seinen letzten Seiten, dass die Unsterblichkeit wertlos ist, nachdem er auf allen vorherigen bewiesen hat, wie quälend lang ein Buch sein kann.
Urteil
„Die Möglichkeit einer Insel“ ist Houellebecqs ehrgeizigster Versuch, über den Menschen hinauszudenken, und sein am wenigsten gelungener. Die Gegenwartshälfte wiederholt mit mehr Zynismus und weniger Genauigkeit, was „Elementarteilchen“ schon erzählt hatte. Die Zukunftshälfte ist eine Idee, keine Welt. Der Roman ist mindestens hundert Seiten zu lang, und man merkt ihm an, dass er als Ereignis geplant war.
Trotzdem enthält er etwas, das kein anderes seiner Bücher so hat: die Wahrheit über die Angst vor dem Altern, unverstellt und hässlich, und am Ende eine Szene am Meer, die ihn mit allem versöhnt. Dazu ein Hund, der mehr Liebe bekommt als jede Frau im Buch.
Mein Urteil: das schwächste der acht Romane. Lesenswert nur für den, der Houellebecq ganz kennen will, und dann vor allem wegen der letzten dreißig Seiten. Die Verfilmung, bei der Houellebecq 2008 selbst Regie führte, wurde in Locarno ausgelacht. Das sagt nichts über das Buch, aber es passt zu ihm.
Quellen
Der Roman ist urheberrechtlich geschützt. Die Handlung ist gegen mehrere Sekundärquellen abgeglichen; strittige Details, etwa die genaue Zeitspanne zwischen den Ebenen, bleiben allgemein.
- Die Möglichkeit einer Insel, Wikipedia: Ausgaben, Struktur, Handlung, Ende, Raël-Bezug, Film
- Perlentaucher: Die Möglichkeit einer Insel: deutsche Ausgabe, Rezensionen
- Livres Hebdo: Houellebecq bankable: Verlagswechsel, Prix Interallié
- Freitag, Karl-Heinz Götze: Erscheinen, Auflagen, Thema Altern
- Arnold de Mul: Houellebecq’s tragic humanism: Esther, Suizid, Aufbruch, Schluss
- complete review: The Possibility of an Island: Rezeption, Betrug, Fox
- Mail & Guardian: der Film in Locarno: Aufnahme der Verfilmung