Der Steppenwolf – Lachen lernen
Das Buch, das sich nicht schont
„Der Steppenwolf“ ist Hesses bestes Buch. Nicht sein größtes, das ist das „Glasperlenspiel“, nicht sein schönstes, das ist „Siddhartha“, aber sein lebendigstes, sein klügstes und das einzige, in dem er sich selbst nicht schont. 1927 bei S. Fischer erschienen, im Jahr, in dem Hesse fünfzig wurde, erzählt es von Harry Haller, einem fast fünfzigjährigen Intellektuellen, der seine Selbstmordgedanken pflegt wie andere ihre Gesundheit. Die Initialen H. H. sind kein Zufall.
Was dieses Buch über die anderen hebt, ist einfach zu benennen: Es nimmt seinem Helden jede Ausrede weg, die die anderen Bücher ihren Helden lassen. Die Klage über die Erziehung, die Formel von den zwei Seelen, die Sehnsucht nach dem Tod als Erlösung, den Trost am Ende. All das, was ich an „Unterm Rad“, „Siddhartha“ und „Narziß und Goldmund“ kritisiert habe, kritisiert der „Steppenwolf“ selbst, und zwar schärfer, als ich es könnte. Und er tut es mit etwas, das man bei Hesse sonst vergeblich sucht: Humor.
Drei Blicke auf einen Mann
Der Roman ist raffinierter gebaut als alles, was Hesse vorher geschrieben hat. Er beginnt mit einem Vorwort des Herausgebers, eines biederen jungen Mannes, Neffe der Vermieterin, bei der Haller neun oder zehn Monate zur Untermiete wohnt. Dieser Neffe sieht Haller von außen: einen höflichen, scheuen, etwas verwahrlosten Herrn mit vielen Büchern und Weinflaschen, der eines Tages auf der Treppe sitzt und die Araukarie im sauberen Treppenhaus bewundert, weil sie ihn an die Bürgerlichkeit seiner Mutter erinnert. Dann folgen Hallers eigene Aufzeichnungen, verzweifelt, ironisch, wütend. Und mitten darin steckt ein drittes Dokument, das „Tractat vom Steppenwolf“, das Haller zugesteckt bekommt und in dem eine fremde, überlegene Stimme ihn analysiert.
Diese Dreiteilung ist mehr als Technik. Zum ersten Mal sieht man bei Hesse einen Helden gleichzeitig von außen, von innen und von oben, und keine der drei Perspektiven hat das letzte Wort. Der Bürger findet Haller rührend und unheimlich, Haller findet sich selbst tragisch, das Traktat findet ihn ein wenig lächerlich. Der Leser muss zwischen diesen Blicken selbst entscheiden. Das ist das Gegenteil des predigenden Erzählers von „Unterm Rad“, der dem Leser jedes Urteil abnimmt.
Die Formel, die sich selbst widerlegt
Das Traktat ist das Herzstück des Romans und für mich das Klügste, was Hesse je geschrieben hat. Haller sieht sich als zerrissenes Wesen: halb Mensch, halb Wolf, halb Bürger, halb Außenseiter, gebildeter Geist und wildes Tier in einer Brust. Das Traktat nimmt diese Selbstdeutung auseinander. Es zitiert Fausts berühmten Seufzer von den zwei Seelen und hält ihn für eine grobe Vereinfachung. Nicht zwei Seelen wohnen in einem Menschen, sondern unzählige; der Mensch sei eine Zwiebel aus hundert Schalen, ein Gewebe aus vielen Fäden. Wer sich als Mensch und Wolf begreift, zähle wie ein Wilder, der nicht über zwei hinauskommt.
Man muss das zweimal lesen, um zu sehen, was hier passiert. Drei Jahre bevor Hesse „Narziß und Goldmund“ veröffentlicht, ein ganzes Buch, das auf genau dieser Zweiteilung beruht, Geist gegen Sinne, Denker gegen Künstler, hat er die Zweiteilung selbst schon als primitiv entlarvt. Der „Steppenwolf“ enthält die Kritik an Hesses späterem Buch im Voraus. Was ich „Narziß und Goldmund“ vorwerfe, hat Hesse sich selbst schon vorgeworfen, und es ist bezeichnend, dass er danach trotzdem zur schönen Formel zurückgekehrt ist. Die Formel ist bequemer. Das Traktat ist wahrer.
Und das Traktat geht noch weiter. Es behandelt Hallers Selbstmordgedanken nicht als tragisches Schicksal, sondern beinahe als Gewohnheit. Haller hat sich, so heißt es, mit siebenundvierzig Jahren einen humorvollen Ausweg ausgedacht: Er hat seinen fünfzigsten Geburtstag als den Tag festgesetzt, an dem er sich den Selbstmord erlauben darf. Seitdem erträgt er alles leichter, weil alles befristet ist. Das ist bitter und komisch zugleich, und es zeigt, dass Hesse hier über die Verzweiflung schreibt, ohne in ihr zu versinken.
Tanzen lernen
In seiner tiefsten Nacht gerät Haller in ein Tanzlokal, den Schwarzen Adler, und trifft dort Hermine. Sie ist jung, klug, spöttisch, und sie nimmt ihn sofort in die Hand. Sie erklärt ihm, dass sie ihn nicht liebe, aber brauche, und dass er sie brauche, um tanzen, lachen und leben zu lernen. Und sie kündigt ihm an, dass sie ihm eines Tages einen letzten Befehl geben werde: Er werde sie töten.
Die Szene, in der Hesse am schärfsten mit sich selbst abrechnet, ist kurz und leicht zu überlesen. Haller entschuldigt sich, er habe nie tanzen gelernt, das sei bei ihm zu Hause nicht üblich gewesen, seine Eltern hätten selbst nie getanzt. Hermine sieht ihn verächtlich an und spottet: Also seien die Eltern schuld. Ob er sie denn auch gefragt habe, ob er heute in den Schwarzen Adler dürfe? Die Eltern seien doch längst tot. Das ist die Antwort auf „Unterm Rad“, zwanzig Jahre später, und sie ist vernichtend. Ein Fünfzigjähriger, der seine Lebensunfähigkeit noch immer seiner Erziehung anlastet, macht sich lächerlich. Die bequeme Anklage, die ich dem frühen Roman vorgeworfen habe, wird hier von einer jungen Frau in einem Tanzlokal in drei Sätzen erledigt.
Um Hermine herum gruppiert sich eine kleine Schule des Lebens. Pablo, der schöne Saxophonist, der, wie Hermine sagt, alle Instrumente spielen und alle Sprachen sprechen kann. Maria, die Haller die körperliche Liebe beibringt, ohne Pathos und ohne Besitzanspruch. Das ist wieder das Muster, das man von Hesse kennt, Frauen als Lehrerinnen eines Mannes. Aber Hermine ist anders als alle Frauen in den anderen Büchern. Sie hat, wie Haller bemerkt, manchmal ein Knabengesicht, und sie erinnert ihn an einen Jugendfreund namens Hermann. Hermine ist nicht nur eine Frau, die Haller etwas beibringt, sie ist ein Teil von ihm, sein weibliches, lebendiges, spielendes Gegenstück, und mit ihrem Namen auch ein Stück vom Autor selbst.
Das Magische Theater
Am Ende führt Pablo Haller in das Magische Theater, das ihm schon zu Beginn auf einem Plakat begegnet ist: nicht für jedermann, nur für Verrückte. Es ist ein Korridor voller Türen, hinter jeder ein anderes Leben, eine andere Möglichkeit des eigenen Ichs. Haller spielt Krieg gegen Automobile, begegnet allen Frauen seines Lebens, lernt, die Figuren seiner Persönlichkeit wie Schachfiguren neu aufzustellen. Dann greift er in die Tasche nach seinen Schachfiguren und zieht stattdessen ein Messer heraus. Als er Hermine nackt in Pablos Armen findet, sticht er zu. Den letzten Befehl hat er erfüllt, aber aus Eifersucht, nicht aus Einsicht. Und kurz danach dämmert ihm, dass der Gedanke an diesen Mord vielleicht nie Hermines eigener war, sondern seiner, und dass er ihn deshalb damals im Restaurant im Voraus erraten hatte.
Was folgt, ist die genialste Wendung des Buchs. Haller erwartet, dass man ihn hinrichtet, und er will hingerichtet werden. Stattdessen tritt ein Gericht zusammen und verurteilt ihn, weil er ein gespiegeltes Mädchen mit einem gespiegelten Messer getötet und das Theater humorlos als Selbstmordmaschine benutzen wollte, zur Strafe des ewigen Lebens und dazu, einmal ausgelacht zu werden. Dann lachen alle, ein unerträgliches Gelächter. Mozart, der vorher schon als Gast der Unsterblichen erschienen ist, nennt Haller einen Feigling, der sterben, aber nicht leben will. Er solle leben und lachen lernen, sogar über die scheppernde Radiomusik des Lebens.
Hier ist Hesse dem Schluss von „Siddhartha“ am fernsten. Es gibt keine Erleuchtung, keine Einheit, keine Wunde, die blüht. Haller versteht, aber er ist nicht geheilt. Das Buch endet mit dem Vorsatz, das Spiel noch einmal zu beginnen, seine Qualen noch einmal zu kosten, und der Hoffnung, irgendwann das Lachen zu lernen. Irgendwann, nicht jetzt. Pablo wartet, Mozart wartet. Das ist kein Trost, es ist eine Aufgabe, und es ist das ehrlichste Ende, das Hesse geschrieben hat.
Schwächen und Missverständnisse
Auch der „Steppenwolf“ hat Längen. Hallers Klagen über die Bürgerwelt, über Radio und Jazz und die Dummheit der Zeitgenossen wiederholen sich, und man merkt ihnen an, dass sie nicht nur Figurenrede sind, sondern auch Hesses eigene Gereiztheit. Das Magische Theater ist stellenweise mehr Einfallsfeuerwerk als Erzählung; einige Türen öffnen sich auf Episoden, die man vergessen hat, kaum dass sie vorbei sind. Und Maria bleibt, bei aller Wärme, die vertraute Hesse-Frau, die einem Mann etwas beibringt und dann aus der Geschichte verschwindet.
Das größere Problem ist aber nicht das Buch, sondern seine Lektüre. Hesse selbst hat später in einem Vorwort beklagt, dass gerade dieses Buch häufiger und heftiger missverstanden worden sei als seine anderen: Die Leser hätten nur Hallers Leiden und Verzweiflung gesehen und übersehen, dass der Roman auf Heilung und Überwindung zielt. In den Sechzigerjahren wurde der „Steppenwolf“ dann zum Kultbuch einer Gegenkultur, die vor allem die Drogen, die freie Liebe und den Bruch mit dem Bürgertum darin las; eine Rockband benannte sich nach ihm. Ich verstehe beide Lektüren, aber beide verfehlen den Kern. Der „Steppenwolf“ verherrlicht weder die Verzweiflung noch den Rausch. Er macht sich über beide lustig. Seine wichtigste Figur ist nicht der einsame Wolf, sondern der lachende Mozart, und seine wichtigste Botschaft ist unbequem: Hör auf, dich wichtig zu nehmen.
Urteil
Wer Hesse ernst nehmen will, muss den „Steppenwolf“ lesen, und zwar als Gegengift zu allen anderen Büchern. „Unterm Rad“ klagt die Erziehung an; der „Steppenwolf“ lacht über einen Mann, der mit fünfzig noch seine Eltern beschuldigt. „Siddhartha“ löst das Leiden in einer schönen Einheit auf; der „Steppenwolf“ verweigert die Erlösung und verlangt stattdessen Humor. „Narziß und Goldmund“ baut auf zwei Seelen; der „Steppenwolf“ erklärt diese Zahl für primitiv, bevor das andere Buch überhaupt geschrieben ist. Es ist das Buch, in dem Hesse am wenigsten auf seine eigenen Lieblingsgedanken hereinfällt.
Darum halte ich es für sein bestes. Das „Glasperlenspiel“ ist größer und ehrgeiziger, aber feierlicher; der „Steppenwolf“ ist lebendig, böse, komisch und am Ende überraschend demütig. Ein Mann lernt, dass er nicht tragisch ist, sondern nur ein ungewöhnlich schwach begabter Schüler des Lebens, wie Mozart ihm spöttisch bescheinigt, und dass er das Spiel noch einmal spielen muss. Mehr Ehrlichkeit über sich selbst hat Hesse nie aufgebracht. Wer nur ein einziges Buch von ihm lesen will, sollte dieses lesen.
Quellen
- Hermann Hesse: Der Steppenwolf, Text der Ausgabe S. Fischer 1927 (Project Gutenberg): Grundlage für alle Aussagen zur Handlung
- Steppenwolf (novel), Wikipedia: Erscheinen 1927, Hesses späteres Vorwort über die Missverständnisse, Rezeption in den Sechzigerjahren, Namensgebung der Band