Texte zu Büchern

Der König aller Krankheiten – Siddhartha Mukherjee

Lesestand

Ein Onkologe schreibt die Biografie seines Gegners

Siddhartha Mukherjee, 1970 in Neu-Delhi geboren, ist Krebsarzt und Forscher an der Columbia University in New York. Als junger Arzt in der Facharztausbildung in Boston begann er, Notizen über seine Patienten zu machen, und eine Patientin stellte ihm eine Frage, auf die er keine Antwort hatte: Was ist das eigentlich, wogegen wir hier kämpfen? Woher kommt es, wie lange kennen die Menschen es schon, und wohin führt dieser Kampf?

Daraus wurde ein Buch, das 2010 unter dem Titel The Emperor of All Maladies erschien und 2011 den Pulitzerpreis erhielt. Auf Deutsch heißt es Der König aller Krankheiten. Krebs, eine Biografie. Der Untertitel ist Programm: Mukherjee erzählt die Geschichte einer Krankheit wie das Leben eines Menschen, von ihren ersten Erwähnungen in ägyptischen Papyri bis zu den neuesten Medikamenten, mit ihren Gegenspielern, ihren Wendepunkten und ihren Rätseln. Das Buch wurde später als große Dokumentarreihe im amerikanischen Fernsehen verfilmt. Mukherjee hat danach Bücher über das Gen und über die Zelle geschrieben.

Die Erzählung wird von einer Patientin eingerahmt, die Mukherjee in seiner Ausbildung behandelte, einer Kindergärtnerin mit einer akuten Form von Leukämie. Ihre Behandlung, ihre Angst, ihre Hoffnung und schließlich ihr Überleben ziehen sich durch das Buch und halten die vier Jahrtausende Geschichte am einzelnen Menschen fest.

Nach den großen historischen und gesellschaftlichen Büchern der letzten Essays ist dies ein naturwissenschaftliches Buch, aber eines, das zugleich Medizingeschichte, Wissenschaftsgeschichte und eine Geschichte menschlicher Hoffnung und Hybris ist. Und es betrifft dich direkt: Fast jeder zweite Mensch in Deutschland erkrankt im Laufe seines Lebens an Krebs.

Vier Jahrtausende

Die erste Erwähnung

Die älteste bekannte Beschreibung von Krebs stammt aus dem alten Ägypten, aus einem medizinischen Papyrus, der auf Lehren zurückgeht, die dem Arzt und Baumeister Imhotep zugeschrieben werden. Er beschreibt eine harte, kühle Schwellung in der Brust und verzeichnet dazu, nüchtern wie ein moderner Arzt: Es gibt keine Behandlung. Fast 5.000 Jahre lang blieb das im Wesentlichen wahr.

Atossa

Durch das ganze Buch zieht sich eine zweite Figur: Atossa, eine persische Königin, von der der griechische Historiker Herodot berichtet, sie habe einen Knoten in der Brust gehabt und sich von einem griechischen Sklaven die Brust entfernen lassen. Mukherjee nutzt sie als Gedankenexperiment. Immer wieder fragt er, wie Atossa in der jeweiligen Epoche behandelt worden wäre: mit Salben und Gebeten, mit dem Messer, mit verstümmelnden Operationen, mit Strahlen, mit Chemotherapie, schließlich mit gezielten Medikamenten. So wird an einer einzigen Patientin sichtbar, wie sich die Medizin über die Jahrtausende verändert hat.

Die schwarze Galle

Die Griechen gaben der Krankheit ihren Namen. Ein Tumor mit seinen ausgreifenden, geschwollenen Adern erinnerte sie an einen Krebs, auf Griechisch karkinos. Der römische Arzt Galen erklärte die Krankheit mit einem Übermaß an schwarzer Galle, einem der vier Körpersäfte, und diese Lehre bestimmte über 1.500 Jahre das ärztliche Denken. Wenn Krebs ein Leiden des ganzen Körpers war, hatte es wenig Sinn, ihn herauszuschneiden. Erst als Anatomen der Renaissance und der frühen Neuzeit den Körper genau untersuchten und keine schwarze Galle fanden, verlor diese Lehre ihre Macht.

Die radikale Operation

Im 19. Jahrhundert machten Narkose und keimfreie Chirurgie große Operationen möglich. Der amerikanische Chirurg William Halsted entwickelte daraus in den 1890er-Jahren die radikale Mastektomie: Er entfernte bei Brustkrebs nicht nur die Brust, sondern auch die darunterliegenden Brustmuskeln und Lymphknoten, später bei manchen Chirurgen sogar Teile der Rippen und des Schlüsselbeins. Die Idee war, dass Krebs sich von einem Zentrum aus wie in Ringen ausbreite, und je mehr man wegschneide, desto sicherer sei man ihn los. Das Wort radikal kommt von der Wurzel: Man wollte den Krebs mit der Wurzel ausreißen.

Die Folgen für die Frauen waren schrecklich, und jahrzehntelang wagte kaum jemand, die Methode in Frage zu stellen. Erst in den 1970er- und 1980er-Jahren zeigten große Studien, dass die verstümmelnde Operation nicht länger leben ließ als deutlich schonendere Eingriffe. Mukherjee erzählt diese Geschichte als Lehrstück darüber, wie eine ganze Fachwelt aus Überzeugung, Stolz und Gewohnheit an einer Methode festhielt, die nie sauber überprüft worden war. Wer den Kuhn-Essay gelesen hat, erkennt das Muster wieder.

Der Krieg gegen den Krebs

Sidney Farber und die ersten Erfolge

Die moderne Krebsbehandlung beginnt bei Mukherjee in einem Kellerlabor in Boston. 1947 behandelte der Kinderpathologe Sidney Farber Kinder mit akuter Leukämie, einer Krankheit, die damals innerhalb weniger Wochen tödlich verlief, mit einem Medikament, das den Stoffwechsel von Folsäure blockierte. Bei einigen Kindern bildete sich die Krankheit vorübergehend zurück. Es war das erste Mal, dass ein Medikament einen Krebs, wenn auch nur für kurze Zeit, zurückdrängte. Farber gilt seitdem als einer der Väter der Chemotherapie.

Ein zweiter Ursprung der Chemotherapie ist düsterer. Im Zweiten Weltkrieg explodierte im italienischen Hafen Bari ein Schiff, das heimlich Senfgas geladen hatte. Ärzte bemerkten, dass die Überlebenden kaum noch weiße Blutkörperchen hatten. Daraus entstand die Idee, verwandte Stoffe gegen Krebsarten des Blutes einzusetzen. Aus einer Kriegswaffe wurde ein Medikament.

Mary Lasker und die Politik

Farber fand eine mächtige Verbündete in Mary Lasker, einer reichen und politisch einflussreichen Frau aus New York, die überzeugt war, dass Krebs mit genug Geld und Entschlossenheit zu besiegen sei, wie man einen Krieg gewinnt oder einen Menschen auf den Mond bringt. Mit Farber, mit Kampagnen, Spendensammlungen und gezieltem Einfluss auf Abgeordnete trieb sie über Jahrzehnte die Forschungsausgaben in die Höhe. 1971 unterzeichnete Präsident Nixon ein Gesetz, das als Beginn des „Kriegs gegen den Krebs“ gilt. Mukherjee beschreibt das mit Bewunderung für den Einsatz und mit Skepsis gegenüber der Kriegsmetapher: Wer einen Krieg ausruft, verspricht einen Sieg, und dieser Sieg blieb aus.

Kombinationen und Heilungen

In den 1960er-Jahren wagten Ärzte etwas, das viele für unverantwortlich hielten: Sie kombinierten mehrere giftige Medikamente gleichzeitig, in hohen Dosen, bei Kindern mit Leukämie. Die Behandlung war brutal, aber sie wirkte. Zum ersten Mal überlebten Kinder mit akuter Leukämie dauerhaft. Ähnliche Kombinationen heilten bald auch die Hodgkin-Krankheit, eine Krebsart des Lymphsystems. Heute überlebt in reichen Ländern die große Mehrheit der Kinder mit der häufigsten Form der Leukämie.

Die Hybris

Diese Erfolge führten zu einer Überzeugung, die Mukherjee als Hybris beschreibt: Wenn mehr Gift bei Leukämie half, würde noch mehr Gift auch bei anderen Krebsarten helfen. In den 1980er- und 1990er-Jahren erhielten Tausende Frauen mit Brustkrebs extrem hohe Dosen Chemotherapie, die ihr Knochenmark zerstörten und eine anschließende Transplantation notwendig machten. Die Behandlung war qualvoll und teuer, und sie wurde unter Druck von Patientinnen, Ärzten und Gerichten breit angewandt, bevor sauber geprüft war, ob sie wirkte. Als die Studien schließlich vorlagen, zeigten sie keinen Vorteil, und ein Forscher, dessen Ergebnisse die Methode gestützt hatten, wurde der Fälschung überführt. Mukherjee erzählt dieses Kapitel als Warnung, die über die Medizin hinausreicht: Hoffnung und Verzweiflung können Menschen dazu bringen, auf Beweise zu verzichten.

Vorbeugen und Früherkennen

Während die einen Krebs heilen wollten, versuchten andere, ihn zu verhindern oder früh zu finden. Mukherjee erzählt diesen Strang als den vielleicht erfolgreichsten und den am meisten unterschätzten.

Der Tabak

Das wichtigste Kapitel dieses Teils handelt vom Rauchen. Lungenkrebs war um 1900 eine seltene Krankheit. Mit dem massenhaften Zigarettenkonsum im 20. Jahrhundert wurde er zur häufigsten Krebstodesursache. Um 1950 wiesen britische und amerikanische Forscher in großen Studien nach, dass Rauchen Lungenkrebs verursacht. Die Belege waren überwältigend, und doch dauerte es Jahrzehnte, bis die Politik handelte. Mukherjee beschreibt, wie die Tabakindustrie mit Werbung, gekauften Gutachten und gezielt gestreuten Zweifeln die Erkenntnis verzögerte, ein Lehrstück, das später zum Vorbild für andere Kampagnen gegen wissenschaftliche Befunde wurde. Erst Gerichtsprozesse, Warnhinweise und Steuern ließen den Tabakkonsum sinken, und mit ihm, Jahrzehnte später, der Lungenkrebs. Der Rückgang des Rauchens ist bis heute einer der Hauptgründe dafür, dass die Krebssterblichkeit in vielen Ländern sinkt.

Der Abstrich

Ein zweites Beispiel ist der Gebärmutterhalskrebs. Der griechisch-amerikanische Arzt George Papanicolaou entwickelte einen einfachen Abstrich, mit dem sich Vorstufen dieses Krebses erkennen ließen, lange bevor er gefährlich wurde. Wo der Test breit eingeführt wurde, sank die Zahl der Todesfälle drastisch. Später stellte sich heraus, dass die meisten dieser Krebsarten durch ein Virus ausgelöst werden, gegen das es inzwischen eine Impfung gibt.

Viren und Bakterien

Überhaupt erzählt Mukherjee die überraschende Geschichte, dass manche Krebsarten durch Infektionen entstehen. Der australische Arzt Barry Marshall wollte beweisen, dass ein Bakterium Magengeschwüre verursacht, die ein Vorläufer von Magenkrebs sein können, und trank, als ihm niemand glaubte, eine Kultur des Bakteriums selbst, um es zu zeigen. Er erhielt dafür später den Nobelpreis.

Die schwierige Früherkennung

Nicht alle Früherkennung ist so eindeutig nützlich. Mukherjee beschreibt die jahrzehntelangen, oft erbitterten Debatten über die Mammografie. Sie findet Tumoren früh, aber sie findet auch Veränderungen, die nie gefährlich geworden wären, und führt zu Behandlungen, die nicht nötig gewesen wären. Wie groß der Nutzen im Verhältnis zum Schaden ist, hängt von Alter, Risiko und der Art der Untersuchung ab, und die Studien dazu sind schwer zu deuten. Hier trifft sich Mukherjee mit Kahneman und Gigerenzer: Ein positiver Befund bedeutet nicht unbedingt eine Krankheit, und wer Nutzen und Schaden einer Untersuchung beurteilen will, braucht absolute Zahlen, nicht nur Prozentangaben.

Das Wesen der Krankheit

Der letzte große Teil des Buches erzählt, wie Forscher in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts endlich verstanden, was Krebs eigentlich ist.

Unser eigenes Gewebe

Lange vermutete man äußere Ursachen, Gifte, Viren, Strahlen. Die Entdeckung der Onkogene in den 1970er-Jahren, für die zwei amerikanische Forscher später den Nobelpreis erhielten, veränderte das Bild grundlegend. Krebs entsteht aus unseren eigenen Genen, aus Genen, die normalerweise das Wachstum von Zellen steuern. Wenn sie durch Mutationen verändert werden, geraten sie außer Kontrolle: Manche wirken dann wie ein festgeklemmtes Gaspedal, andere, die sogenannten Tumorsuppressorgene, wie ausgefallene Bremsen. Krebs ist, in Mukherjees Worten sinngemäß, eine verzerrte Version unseres normalen Selbst. Er nutzt dieselben Mechanismen, die uns wachsen, heilen und uns erneuern lassen. Das macht ihn so schwer zu bekämpfen: Was ihn tötet, schadet oft auch dem gesunden Körper.

Das Philadelphia-Chromosom

Die schönste Erfolgsgeschichte des Buches betrifft eine Form der Leukämie, die chronische myeloische Leukämie. 1960 entdeckten zwei Forscher in Philadelphia in den Zellen dieser Patienten ein auffällig verkürztes Chromosom. Jahre später zeigte die Genetikerin Janet Rowley, dass hier zwei Chromosomen Stücke ausgetauscht hatten, und dass dabei ein neues, krankhaftes Gen entstand, das die Zellen zum ständigen Wachstum antrieb. Ein Medikament, das gezielt dieses eine fehlerhafte Eiweiß blockierte, Imatinib, kam um das Jahr 2000 auf den Markt, und es verwandelte eine tödliche Krankheit in eine, mit der viele Patienten mit einer täglichen Tablette über Jahrzehnte leben können.

Ähnlich verlief die Geschichte eines Antikörpers gegen eine bestimmte Form von Brustkrebs, bei der ein Wachstumssignal übermäßig aktiv ist. Diese gezielten Therapien greifen nicht mehr wahllos alle sich teilenden Zellen an, sondern die spezifische Schwäche eines bestimmten Tumors.

Die Rote Königin

Mukherjee schließt mit einem Bild aus Alice hinter den Spiegeln: Die Rote Königin muss rennen, so schnell sie kann, nur um auf derselben Stelle zu bleiben. So sieht er den Kampf gegen den Krebs. Krebszellen verändern sich ständig, sie entwickeln Resistenzen gegen Medikamente, wie Bakterien gegen Antibiotika, und jeder Fortschritt löst eine Gegenreaktion des Tumors aus. Ein endgültiger Sieg über den Krebs als Ganzes ist deshalb unwahrscheinlich, weil Krebs keine einzelne Krankheit ist, sondern Hunderte, und weil er aus den Grundmechanismen des Lebens selbst entsteht.

Mukherjees Fazit ist nicht resigniert, sondern realistisch: Das Ziel kann nicht die Vernichtung des Krebses sein, sondern dass Menschen länger und besser mit ihm leben, und dass möglichst viele Krebsarten früh entdeckt, verhindert oder in chronische Krankheiten verwandelt werden. Seine Patientin, deren Geschichte das Buch einrahmt, ist am Ende in Remission und lebt.

Was seit 2010 geschah

Das Buch endet mit den gezielten Therapien der 2000er-Jahre. Seitdem ist in der Krebsmedizin viel geschehen, und die Zahlen lassen sich an Mukherjees verhaltenem Optimismus messen.

Die Immuntherapie

Die wichtigste Entwicklung seit Erscheinen des Buches ist die Immuntherapie, die Mukherjee nur am Rand erwähnen konnte. Krebszellen tarnen sich vor dem Immunsystem, unter anderem, indem sie körpereigene Bremsen der Abwehrzellen aktivieren. Medikamente, die diese Bremsen lösen, sogenannte Checkpoint-Hemmer, kamen ab 2011 auf den Markt und haben bei manchen Krebsarten, etwa beim schwarzen Hautkrebs und bei bestimmten Formen von Lungenkrebs, Überlebenszeiten ermöglicht, die vorher undenkbar waren. Die beiden Forscher, die diesen Mechanismus entdeckten, erhielten 2018 den Medizinnobelpreis. Dazu kamen Therapien, bei denen Abwehrzellen eines Patienten im Labor so verändert werden, dass sie seinen Krebs erkennen, und die bei einigen Blutkrebsarten erstaunliche Erfolge zeigen. Personalisierte Krebsimpfstoffe auf Basis der Technik, die durch die Corona-Impfstoffe bekannt wurde, werden in Studien erprobt.

Aber auch hier gilt das Bild der Roten Königin: Die Immuntherapie wirkt längst nicht bei allen Patienten und nicht bei allen Krebsarten, sie hat eigene, teils schwere Nebenwirkungen, und Tumoren entwickeln auch gegen sie Resistenzen.

Die Zahlen

In den USA ist die Krebssterblichkeit nach dem aktuellen Jahresbericht der American Cancer Society seit ihrem Höhepunkt 1991 um 34 Prozent gesunken, was nach dieser Berechnung 4,8 Millionen Todesfälle verhindert hat, vor allem durch weniger Rauchen, frühere Entdeckung und bessere Behandlung (PubMed). Erstmals überleben sieben von zehn Menschen mit einer Krebsdiagnose mindestens fünf Jahre (Click2Houston). Zugleich steigen die Neuerkrankungen bei mehreren häufigen Krebsarten, darunter Brust-, Prostata- und Bauchspeicheldrüsenkrebs, und die Gesellschaft warnte, dass Kürzungen bei der Forschungsförderung künftige Fortschritte gefährden könnten (OncoDaily).

In Deutschland erkrankten nach dem Bericht „Krebs in Deutschland“ im Jahr 2023 rund 517.800 Menschen neu an Krebs, 228.960 Todesfälle wurden auf Krebs zurückgeführt. Die altersstandardisierten Sterberaten sind seit 1998 bei Frauen um 21 und bei Männern um 31 Prozent gesunken (Berliner Zeitung). Nach Daten des Robert Koch-Instituts erhalten 49 Prozent der Männer und 43 Prozent der Frauen im Laufe ihres Lebens eine Krebsdiagnose (Pharmazeutische Zeitung).

Das Bild passt zu Mukherjee, und zu Rosling: Krebs ist nicht besiegt, aber er ist für viele Menschen von einem fast sicheren Todesurteil zu einer Krankheit geworden, die man überleben oder mit der man lange leben kann. Dass die absoluten Zahlen trotzdem steigen, liegt vor allem daran, dass die Menschen älter werden, und Krebs ist überwiegend eine Krankheit des Alters.

Was es dir bringt

Mukherjees Buch ist ein Geschichtswerk, aber es ist auch eines der nützlichsten Bücher, die man mit Mitte 50 lesen kann, weil Krebs in diesem Alter von einer fernen Möglichkeit zu einer realen Wahrscheinlichkeit wird, für einen selbst, für den Partner, für Freunde.

Vorbeugen, wo es geht

Die Geschichte des Tabaks ist die eindrucksvollste Lehre des Buches: Die wirksamste Maßnahme gegen Krebs war keine Erfindung im Labor, sondern weniger Rauchen. Für dich heißt das, falls du rauchst, ist Aufhören die mit Abstand wirksamste Einzelmaßnahme, in jedem Alter. Dazu kommen die bekannten, gut belegten Faktoren: wenig Alkohol, Bewegung, ein gesundes Gewicht, Schutz vor starker Sonne. Und für Kinder und Enkel die Impfung gegen das Virus, das Gebärmutterhalskrebs und andere Krebsarten verursachen kann.

Früherkennung klug nutzen

In Deutschland gibt es gesetzliche Früherkennungsprogramme, deren Angebote sich nach Alter und Geschlecht richten. Ab 50 gehört die Darmkrebs-Früherkennung dazu, und die Darmspiegelung hat einen besonderen Vorteil: Sie findet nicht nur Krebs, sondern entfernt auch Vorstufen, bevor sie gefährlich werden. Es lohnt sich, mit der Hausärztin durchzugehen, welche Untersuchungen für dich vorgesehen sind und welche du noch nicht gemacht hast.

Zugleich lehrt Mukherjees Kapitel über die Mammografie, dass nicht jede Untersuchung so eindeutig nützlich ist. Bei manchen Tests, etwa dem Bluttest auf Prostatakrebs, ist das Verhältnis von Nutzen und Schaden umstritten. Hier hilft, was wir bei Kahneman, Gigerenzer und Rosling gelernt haben: nach absoluten Zahlen fragen. Wie viele von 1.000 Männern, die den Test machen, sterben weniger an Prostatakrebs, und wie vielen schadet der Test durch unnötige Behandlungen? Das Harding-Zentrum für Risikokompetenz, das Gigerenzer aufgebaut hat, stellt solche Zahlen für viele Untersuchungen verständlich zusammen.

Wenn die Diagnose kommt

Falls du oder ein Angehöriger eine Krebsdiagnose erhält, enthält das Buch, zusammen mit Gawande, einige wichtige Lehren:

  • Nach Belegen fragen. Die Geschichte der radikalen Mastektomie und der Hochdosis-Chemotherapie zeigt, dass auch etablierte Behandlungen falsch sein können. Die Frage „Gibt es Studien, die zeigen, dass diese Behandlung länger oder besser leben lässt?“ ist keine Unhöflichkeit, sondern das Recht jedes Patienten.
  • Eine zweite Meinung einholen. Bei schweren Diagnosen ist das üblich und wird von Krankenkassen unterstützt. Zertifizierte Krebszentren bündeln Erfahrung über viele Fälle.
  • Nach Studien fragen. Viele Fortschritte der letzten Jahre wurden in klinischen Studien erprobt, und für manche Patienten ist die Teilnahme an einer Studie eine Chance.
  • Früh an Lebensqualität denken. Wie im Gawande-Essay beschrieben, verbessert eine frühe palliativmedizinische Begleitung die Lebensqualität und schließt eine aktive Behandlung nicht aus.
  • Wunderheilern misstrauen. Wer verzweifelt ist, ist empfänglich für Versprechen. Cialdinis Prinzipien gelten auch hier: Autorität, Knappheit, Geschichten anderer Geheilter. Der Krebsinformationsdienst des Deutschen Krebsforschungszentrums beantwortet Fragen kostenlos und unabhängig.

Krebs verstehen nimmt ihm etwas Schrecken

Und schließlich ein weniger praktischer, aber vielleicht wichtigerer Gewinn: Wer verstanden hat, was Krebs ist, eine Verzerrung der eigenen Zellen, keine Strafe, keine Schuld, kein Rätsel ohne Erklärung, kann der Krankheit anders begegnen. Das Buch nimmt dem Krebs nicht seine Gefährlichkeit, aber es nimmt ihm etwas von seinem Mythos.

Meine Sicht

Der König aller Krankheiten ist eines der besten Wissenschaftsbücher, die ich kenne, und das beste Buch über Medizin auf deiner bisherigen Liste neben Gawande.

Was mich überzeugt

Die Form. Die Idee, eine Krankheit als Biografie zu erzählen, mit Geburt, Gegenspielern, Wendepunkten und offenem Ende, ist genial. Sie macht vier Jahrtausende Medizingeschichte, Biochemie und Genetik zu einer Erzählung, die man nicht weglegen will. Die Rahmenhandlung mit der Patientin und das Gedankenexperiment mit Atossa halten das Ganze menschlich.

Die Ehrlichkeit über Irrwege. Mukherjee erzählt nicht nur Erfolgsgeschichten. Die radikale Mastektomie, die Hochdosis-Chemotherapie, die Kriegsmetapher, die zu große Versprechen machte: Er zeigt, wie oft Ärzte und Forscher sich geirrt haben, aus Überzeugung, aus Stolz, aus Verzweiflung. Das macht das Buch zu einer Lehre über wissenschaftliches Denken, die weit über die Medizin hinausgeht.

Die Verständlichkeit. Mukherjee erklärt Onkogene, Chromosomen und Signalwege so, dass auch Leser ohne naturwissenschaftliche Vorbildung folgen können, ohne dass die Erklärungen falsch werden.

Die Menschlichkeit. Hinter jeder Entdeckung stehen Patienten, oft Kinder, die an Versuchen teilnahmen, deren Ausgang niemand kannte, und Ärzte, die mit dem Leid und der Hoffnung dieser Menschen umgehen mussten. Mukherjee vergisst sie nie.

Was mich stört

Ein amerikanisches Buch. Die Geschichte wird stark aus amerikanischer Sicht erzählt, mit amerikanischen Kliniken, Forschern und politischen Kämpfen. Die Beiträge europäischer, insbesondere deutscher Forschung kommen weniger vor, als sie verdienten.

Die Heldenerzählung. Trotz aller Kritik an der Kriegsmetapher erzählt Mukherjee die Geschichte oft als Abfolge großer Männer und Frauen, die gegen den Feind kämpften. Die Rolle von Gesundheitssystemen, sozialer Ungleichheit, Armut und Umweltfaktoren kommt im Verhältnis dazu kurz.

Die Länge und manche Fachkapitel. Rund 600 Seiten sind viel, und die molekularbiologischen Kapitel gegen Ende verlangen Konzentration.

Der Stand von 2010. Die Immuntherapie, die seitdem die Krebsmedizin verändert hat, kommt fast nicht vor. Das ist nicht Mukherjees Schuld, aber man muss das Buch heute mit dem Wissen ergänzen, das ich oben skizziert habe.

Mein Urteil

Als Gedankenbuch eine 8 von 10, als Lesevergnügen eine 9. Mein Lesetipp: Lies es ganz, es ist trotz seiner Länge spannend. Wenn die Fachkapitel am Ende zu dicht werden, lies sie zügig, die Grundidee ist wichtiger als jedes Detail. Lies es zusammen mit Gawandes Sterblich sein: Mukherjee zeigt, was die Medizin gegen den Krebs vermag, Gawande, wann sie aufhören sollte, es zu versuchen.

Fazit

Der König aller Krankheiten erzählt die Geschichte des Krebses als Biografie, von einem ägyptischen Papyrus, der keine Behandlung kannte, über verstümmelnde Operationen, giftige Chemotherapien und politische Kreuzzüge bis zu Medikamenten, die gezielt die Schwachstellen einzelner Tumoren treffen. Die wichtigste Einsicht des Buches lautet: Krebs ist kein äußerer Feind, sondern eine Verzerrung unserer eigenen Zellen, und deshalb wird es keinen endgültigen Sieg geben, sondern einen langen Wettlauf, in dem jeder Fortschritt zählt. Die Zahlen seit 2010 geben Mukherjees verhaltenem Optimismus recht: Die Sterblichkeit sinkt, das Überleben steigt, aber die Krankheit bleibt eine der großen Herausforderungen unserer Zeit.

Für dich in einem Satz: Rauche nicht, nutze die Früherkennung, die für dein Alter vorgesehen ist, und frag dabei nach absoluten Zahlen, und wenn die Diagnose kommt, frag nach Belegen, hole eine zweite Meinung ein und denke früh an Lebensqualität.

In der Reihe schlägt dieses Buch eine Brücke zwischen mehreren anderen: zu Kuhn, weil es zeigt, wie zäh sich falsche Paradigmen halten, zu Kahneman und Gigerenzer, weil es zeigt, wie schwer Menschen Wahrscheinlichkeiten deuten, zu Rosling, weil es Fortschritt ohne Schönfärberei beschreibt, und zu Gawande, weil es fragt, was Medizin für den einzelnen Menschen bedeuten soll.