Das Glasperlenspiel – Der Meister, der geht
Hesses größtes Buch
„Das Glasperlenspiel“ ist Hesses größtes Buch. Es ist nicht sein bestes, das ist für mich der „Steppenwolf“, lebendiger und schonungsloser, und es ist streckenweise feierlich bis zur Erstarrung. Aber es ist das einzige, in dem Hesse eine Utopie baut, an die er selbst glauben möchte, und sie dann von ihrem besten Kopf verlassen lässt. Wo „Siddhartha“ am Ende in den Trost flieht, geht das „Glasperlenspiel“ den umgekehrten Weg: aus der vollkommenen Ordnung hinaus ins Ungewisse, und ins Wasser.
Wer „Unterm Rad“ und „Siddhartha“ gelesen hat, erkennt hier die Summe. Wieder geht es um Schule, Lehrer und Schüler, wieder um Loslassen, wieder endet es im Wasser. Nur ist diesmal alles umgekehrt. Das macht den Roman für mich zum Schlüssel des ganzen Werks.
Eine Schule ohne Rad
Der Roman spielt in Kastalien, einer „pädagogischen Provinz“ irgendwo in Mitteleuropa, Jahrhunderte nach unserer Zeit; der fiktive Biograf, der Knechts Leben aufschreibt, lebt nach Hesses eigenen Andeutungen um das Jahr 2400. Kastalien ist ein Orden von Gelehrten, der sich vom Treiben der Welt fernhält und nur dem Geist dient. Sein höchster Ausdruck ist das Glasperlenspiel, eine Art Synthese aller Künste und Wissenschaften: Ein Spieler setzt ein Thema, eine musikalische Phrase oder einen philosophischen Gedanken, und baut daraus immer tiefere Verbindungen durch Musik, Mathematik und Geistesgeschichte.
Man muss sich klarmachen, was Hesse hier tut. Er, der in „Unterm Rad“ die Schule als Maschine zur Zerstörung von Kindern beschrieben hat, entwirft eine ideale Schule. Begabte Jungen werden behutsam ausgewählt, von weisen Lehrern geführt, niemand wird gebrochen. Der Musikmeister, der den jungen Knecht entdeckt, ist das Gegenbild zum Rektor aus „Unterm Rad“: ein Lehrer, der sieht, statt zu treiben.
Und das Spiel selbst? Hesse beschreibt es nie. Wir erfahren, wie lange man dafür studieren muss, wie feierlich die großen Jahresspiele sind, aber nicht ein einziges Spiel wird so gezeigt, dass man es nachvollziehen könnte. Viele Leser empfinden das als Leere im Zentrum. Ich halte es für die klügste Entscheidung des Buchs. Ein vorgeführtes Spiel wäre lächerlich geworden, Hesse hätte gezeigt, wie Genie aussieht, und es hätte nach Bastelei ausgesehen. So bleibt das Spiel, was es sein soll: ein Versprechen. Und genau dieses Versprechen wird der Held am Ende als zu wenig empfinden.
Geschrieben gegen die Zeit
Hesse begann den Roman 1931 in Montagnola im Tessin, wo er seit 1919 lebte, und schrieb mehr als ein Jahrzehnt daran. In Deutschland wurde die Veröffentlichung wegen seiner Haltung gegen das NS-Regime abgelehnt; das Buch erschien 1943 in zwei Bänden bei Fretz & Wasmuth in Zürich. Drei Jahre später bekam Hesse den Nobelpreis, und die Schwedische Akademie hob den Roman dabei eigens hervor.
Diese Daten sind wichtig, weil sie das Buch doppelt lesbar machen. Auf den ersten Blick ist Kastalien eine Fluchtburg: Während draußen die Barbarei herrscht, entwirft Hesse eine Welt, in der nur Geist, Musik und Ordnung zählen. Das ist verständlich, und man könnte es dem Buch als Eskapismus vorwerfen. Aber der Roman stellt sich diese Frage selbst. Sein Held kommt zu dem Schluss, dass ein Geist, der sich aus der Geschichte heraushält, zum Elfenbeinturm wird und eines Tages von genau der Welt hinweggefegt wird, die er ignoriert hat. Hesse, der Einsiedler im Tessin, schreibt mitten im Krieg ein Buch über die Verantwortungslosigkeit der reinen Geistigkeit. Das ist Selbstkritik in einem Maß, das ich bei ihm sonst nur im „Steppenwolf“ finde.
Der Knecht, der geht
Josef Knecht, der Name heißt nicht zufällig Diener, durchläuft Kastalien wie ein Musterschüler und steigt bis zum höchsten Amt auf, dem Magister Ludi, Meister des Spiels. Auf dem Weg begegnen ihm drei Figuren, die ihn mehr prägen als das Spiel. Der Musikmeister, sein Lehrer, verkörpert eine heitere, fast heilige Vollendung. Pater Jakobus, ein Benediktiner und Historiker, hinter dem man Jacob Burckhardt erkennt, lehrt ihn, dass Geist ohne Geschichte hohl ist. Und Plinio Designori, ein Freund von draußen, aus der Welt der Familien, Parteien und Geschäfte, nennt Kastalien ins Gesicht einen Elfenbeinturm. Daneben steht Fritz Tegularius, brillant, nervös, unfähig zum Leben, ein Porträt nach Nietzsche und eine Warnung, was aus Kastaliern wird, die nie hinausgehen.
Auf dem Höhepunkt seiner Laufbahn tut Knecht das Undenkbare. Er schreibt an die Ordensleitung, Kastalien sei in Gefahr, an seinem Hochmut zu ersticken oder von der Welt überrollt zu werden, die es nicht mehr versteht, und bittet um seine Entlassung. Die Leitung lehnt ab. Knecht geht trotzdem. Er will Hauslehrer von Plinios Sohn Tito werden, eines kraftvollen, eigenwilligen Jungen.
Man sieht sofort, was das bedeutet. Der höchste Meister der vollkommensten Schule verlässt sie, um einen einzigen schwierigen Schüler zu unterrichten. Das ist die Antwort auf „Unterm Rad“, gegeben fast vierzig Jahre später: Nicht das System rettet einen Menschen, sondern ein Mensch, der sich einem anderen ganz zuwendet. Und es ist die Antwort auf „Siddhartha“: Diesmal geht der Weise nicht ans einsame Ufer, sondern in die Welt, zu einem eigenwilligen Jungen, dessen Vertrauen er erst gewinnen muss.
Der Tod im Bergsee
Und dann bricht die Lebensbeschreibung ab, fast brutal. Wenige Tage nachdem Knecht Kastalien verlassen hat, reist er Tito in das Berghaus der Familie nach. Am nächsten Morgen schwimmt der Junge in den eiskalten Bergsee hinaus, und Knecht, erschöpft von der Reise und nicht gesund, folgt ihm ins Wasser und ertrinkt. Tito, der sich schuldig fühlt, ahnt in diesem Moment, dass dieser Tod ihn verändern und Forderungen an sein Leben stellen wird, die er bisher nicht kannte.
Viele Leser empfinden dieses Ende als Willkür, als hätte Hesse nicht gewusst, wie er seinen Helden in die Welt schicken soll, und ihn deshalb ertränkt. Ich lese es anders, und hier ist für mich der Schlüssel zum ganzen Werk. In „Unterm Rad“ ertrinkt der Schüler, und die Lehrer stehen im Gehrock am Grab. Im „Glasperlenspiel“ ertrinkt der Lehrer, und der Schüler wird durch seinen Tod wach. Hesse hat die Konstellation seines frühen Romans exakt umgedreht. Der Meister gibt nicht Wissen weiter, sondern sich selbst, und das erste und einzige, was er dem Jungen in der Welt draußen beibringt, ist, dass sein Leben jemandem etwas schuldet.
Das ist bitter, und es ist nicht tröstlich. Knecht erreicht nichts von dem, was er sich vorgenommen hat. Er stirbt nicht als Vollendeter am Fluss wie Siddhartha, sondern als Anfänger in einem kalten See, nach ein paar Tagen in der Welt. Genau diese Unvollendetheit macht das Ende glaubwürdig. Hier hat Hesse den Mut, den er in „Siddhartha“ nicht hatte: Er lässt die Wunde offen.
Wo es erstarrt
So sehr ich dieses Buch bewundere, es ist über weite Strecken schwer zu lesen, und das liegt nicht am Leser. Der Erzähler ist ein kastalischer Biograf, gewissenhaft, umständlich, voller Ehrfurcht vor Ämtern und Rangfolgen. Das ist teilweise Parodie; Thomas Mann, dem Hesse als Magister Thomas von der Trave ein freundliches Denkmal setzt, hat genau diesen Humor gelobt, die Parodie auf die Biografie und den gelehrten Ernst. Aber die Parodie ist so leise, dass sie über Hunderte von Seiten in echten Ernst umschlägt. Es gibt Kapitel, in denen nichts geschieht außer Gesprächen über Ämter, Bildung und Ordnung, und man wartet vergeblich darauf, dass jemand lacht, streitet oder liebt.
Damit hängt die zweite Schwäche zusammen: Das „Glasperlenspiel“ ist eine Welt ohne Frauen. Unter den wichtigen Figuren ist keine einzige; die Frau von Plinio Designori bleibt namenlos am Rand. Man kann das als Absicht lesen, Kastalien ist ein Männerorden, und genau diese Einseitigkeit gehört zu dem, was Knecht verlässt. Aber der Roman selbst verlässt sie nicht. Selbst die Welt draußen, in die Knecht aufbricht, besteht aus einem Vater, einem Sohn und einem Lehrer. Hesse kritisiert die Abgeschlossenheit des Geistes und bleibt in der Abgeschlossenheit einer männlichen Gelehrtenwelt.
Und schließlich: Das Buch ist lang, und es weiß das. Die Gedichte und die drei erfundenen Lebensläufe im Anhang, der Regenmacher, der Beichtvater, der indische Lebenslauf, sind zum Teil das Lebendigste am ganzen Werk, gerade weil sie aus Kastalien herausführen. Dass man sich nach Hunderten Seiten Kastalien am meisten über die Ausflüge freut, sagt etwas über Kastalien.
Urteil
„Das Glasperlenspiel“ ist Hesses Hauptwerk, und es verdient den Titel, nicht wegen des Spiels, sondern wegen des Abschieds davon. Hesse baut die schönste Ordnung, die er sich vorstellen kann, eine Schule ohne Rad, einen Orden ohne Gewalt, ein Leben nur für den Geist, und dann lässt er seinen besten Mann sagen: Das reicht nicht. Diese Selbstkorrektur, geschrieben im Schweizer Tessin, während in Deutschland die Barbarei herrschte, von einem Mann, der selbst jahrzehntelang zurückgezogen gelebt hatte, ist größer als jede seiner Visionen.
Zugleich ist es kein Buch, das man liebt, wie man den „Steppenwolf“ liebt oder in jungen Jahren „Siddhartha“ geliebt hat. Es ist zu feierlich, zu lang, zu männlich, zu oft in seine eigenen Ämter verliebt. Man bewundert es mehr, als man es genießt.
Aber wer die drei Bücher nacheinander liest, sieht einen Weg, den kaum ein anderer Autor so konsequent gegangen ist. In „Unterm Rad“ zerbricht ein Schüler an seinen Lehrern. In „Siddhartha“ erkennt ein Weiser, dass er seinen Sohn nicht halten kann, und flüchtet sich in die Einheit. Im „Glasperlenspiel“ verlässt ein Meister seine vollkommene Schule für einen einzigen Schüler und stirbt dabei, ohne Trost, ohne Vollendung, im kalten Wasser. Hier schont Hesse nicht einmal mehr seine eigene Utopie. Deshalb halte ich es für sein größtes Buch, auch wenn der „Steppenwolf“ das bessere ist und „Siddhartha“ das schönere.
Quellen
Der Roman ist noch urheberrechtlich geschützt und nicht frei online zugänglich. Die Angaben zur Handlung sind deshalb gegen mehrere Sekundärquellen abgeglichen, nicht gegen den Originaltext.
- The Glass Bead Game, Wikipedia: Entstehung ab 1931, Ablehnung in Deutschland, Erscheinen 1943 in der Schweiz, Figuren und ihre Vorbilder, Knechts Tod, Thomas Manns Urteil, Nobelpreis
- EBSCO Research Starters: The Glass Bead Game: Knechts Rundschreiben und Austritt, Tod im Bergsee und Titos Reaktion, Figurenliste
- wissen.de: Hermann Hesse: Erstausgabe in zwei Bänden bei Fretz & Wasmuth, Zürich; Nobelpreis 1946
- Hermann Hesse, Zeittafel (Suhrkamp): Übersiedlung nach Montagnola 1919