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Das egoistische Gen – Richard Dawkins

Lesestand

Ein Buch, das den Blickwinkel dreht

Richard Dawkins, 1941 in Nairobi geboren, war 35 Jahre alt und ein wenig bekannter Verhaltensforscher in Oxford, ein Schüler des Nobelpreisträgers Niko Tinbergen, als er 1976 The Selfish Gene veröffentlichte. Das Buch enthielt nach seiner eigenen Aussage kaum neue Forschung. Es fasste Arbeiten zusammen, die Biologen wie William Hamilton, Robert Trivers und John Maynard Smith in den 1960er- und frühen 1970er-Jahren in Fachzeitschriften veröffentlicht hatten. Neu war, wie Dawkins sie erzählte: als eine einzige, zusammenhängende Sichtweise auf das Leben, die er so zuspitzte, dass sie niemand mehr überlesen konnte.

Das Buch wurde ein Welterfolg, erschien 1978 auf Deutsch als Das egoistische Gen und wurde in einer Umfrage der Royal Society 2017 zum einflussreichsten Wissenschaftsbuch aller Zeiten gewählt, vor Darwins Entstehung der Arten. Die zweite Auflage von 1989 fügte zwei wichtige Kapitel hinzu, über Kooperation und über den „erweiterten Phänotyp“, und viele Fußnoten, in denen Dawkins auf Kritik antwortet und eigene Irrtümer einräumt.

Später wurde Dawkins vor allem als streitbarer Atheist bekannt, mit Der Gotteswahn von 2006 und unzähligen öffentlichen Auseinandersetzungen. Dieser Ruf überlagert heute oft, wofür er eigentlich wichtig ist: als einer der besten Wissenschaftserklärer des 20. Jahrhunderts. Das egoistische Gen ist kein religionskritisches Buch. Es ist ein Biologiebuch, und Religion kommt darin nur am Rand vor.

Nach Kahneman, Frankl und Rosling, die alle beim Menschen ansetzen, geht dieses Buch einen Schritt tiefer. Es fragt nicht, wie wir denken, sondern warum es Wesen wie uns überhaupt gibt, und es gibt eine Antwort, die viele Leser als Kränkung empfinden.

Der Blick des Gens

Für wen arbeitet die Evolution?

Bis in die 1960er-Jahre war es unter Biologen und erst recht in Tierfilmen verbreitet, Verhalten mit dem Wohl der Art zu erklären: Lemminge stürzen sich angeblich ins Meer, um die Population zu regulieren, Tiere kämpfen nur ritualisiert, damit die Art nicht geschwächt wird. Dawkins hält das für einen Denkfehler. Ein Tier, das sich für die Art opfert, hinterlässt weniger Nachkommen als eines, das das nicht tut. Die Neigung zum Opfer würde also bald aussterben, egal wie gut sie der Art bekäme.

Aber auch das einzelne Lebewesen ist für Dawkins nicht die eigentliche Einheit der Evolution. Lebewesen sterben, sie werden nicht kopiert. Ein Kind ist keine Kopie seiner Eltern, sondern eine neue Mischung. Was über Generationen weitergegeben wird, in nahezu unveränderter Form, sind die Gene. Also ist es sinnvoll, die Evolution aus ihrer Perspektive zu betrachten.

Replikatoren und Überlebensmaschinen

Dawkins erzählt dazu eine Ursprungsgeschichte. Irgendwann in der Ursuppe der frühen Erde entstand zufällig ein Molekül, das sich selbst kopieren konnte, ein Replikator. Kopien, die etwas stabiler, schneller oder genauer waren, setzten sich gegen andere durch. Manche Replikatoren bauten sich mit der Zeit Schutzhüllen, aus denen Zellen wurden, später Pflanzen, Tiere und Menschen. Dawkins nennt diese Lebewesen Überlebensmaschinen: Gefährte, die Gene gebaut haben, um sich darin zu erhalten und zu vermehren.

Das ist die Kränkung, die viele Leser nicht verzeihen: Wir sind, aus dieser Sicht, die vorübergehenden Behälter für Moleküle, die schon seit Milliarden Jahren existieren und uns überdauern werden. Der Körper ist sterblich, das Gen ist, als Kette von Kopien, potenziell unsterblich. Dawkins schrieb später selbst, Das unsterbliche Gen wäre vielleicht der bessere Titel gewesen.

Was „egoistisch“ bedeutet und was nicht

Das Wort hat mehr Missverständnisse erzeugt als jedes andere im Buch. Gene haben keine Absichten, keine Wünsche, kein Bewusstsein. „Egoistisch“ ist eine Metapher für eine schlichte Tatsache: Ein Gen, das dazu beiträgt, dass mehr Kopien von ihm entstehen, wird häufiger. Eines, das das Gegenteil bewirkt, verschwindet. Mehr steckt nicht dahinter.

Vor allem folgt daraus nicht, dass Lebewesen egoistisch sein müssen. Ein egoistisches Gen kann durchaus ein freundliches, hilfsbereites, aufopferungsvolles Tier hervorbringen, wenn dieses Verhalten dem Gen nützt. Genau das ist das eigentliche Thema des Buches: Wie entsteht aus Genen, die nur auf ihre eigene Vermehrung „aus“ sind, Selbstlosigkeit?

Wie egoistische Gene Selbstlosigkeit erzeugen

Darwin selbst hatte mit der Selbstlosigkeit ein Problem. Warum arbeiten Arbeiterbienen ihr Leben lang für die Königin, ohne je eigene Nachkommen zu haben? Warum stoßen Erdhörnchen Warnrufe aus, die Raubtiere auf sie selbst aufmerksam machen? Dawkins stellt zwei Antworten vor, die beide in den 1960er- und 1970er-Jahren gefunden wurden.

Verwandtschaft: Gene in anderen Körpern

Die erste stammt von dem britischen Biologen William Hamilton. Ein Gen sitzt nicht nur in mir, sondern mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit auch in meinen Verwandten. Wenn ich meiner Schwester helfe, helfe ich mit einer Wahrscheinlichkeit von etwa 50 Prozent auch einer Kopie meines eigenen Gens. Aus Sicht des Gens kann es sich lohnen, ein Opfer zu bringen, wenn genügend Kopien davon profitieren.

Wie groß die Wahrscheinlichkeit ist, hängt vom Verwandtschaftsgrad ab:

VerwandteAnteil gemeinsamer Gene durch Abstammung
eineiige Zwillinge100 %
Eltern und Kinder, Geschwister50 %
Großeltern und Enkel, Onkel und Neffen, Halbgeschwister25 %
Cousins und Cousinen ersten Grades12,5 %

Der Biologe J. B. S. Haldane soll das schon vor Hamilton in einem Kneipenwitz vorweggenommen haben: Er würde sein Leben für zwei Brüder oder acht Cousins geben. Hamilton machte daraus eine Formel, die heute als Hamilton-Regel bekannt ist: Ein selbstloses Verhalten setzt sich durch, wenn der Nutzen für den Empfänger, gewichtet mit dem Verwandtschaftsgrad, größer ist als die Kosten für den Helfer.

Das erklärt eine Menge: warum Eltern sich für ihre Kinder aufopfern, warum Familienbande so stark sind, und warum Arbeiterbienen keine eigenen Nachkommen brauchen, weil sie mit ihren Schwestern wegen einer Besonderheit der Bienengenetik besonders eng verwandt sind.

Gegenseitigkeit: Kratz mir den Rücken

Die zweite Antwort, vom amerikanischen Biologen Robert Trivers, erklärt Hilfe zwischen Nichtverwandten. Wenn ich dir heute helfe und du mir morgen, gewinnen wir beide. Dawkins illustriert das mit Vögeln, die sich gegenseitig Zecken vom Kopf picken, wo man selbst nicht hinkommt. Das funktioniert aber nur, wenn man Betrüger erkennen kann: Wer sich helfen lässt und nie zurückhilft, profitiert auf Kosten der anderen. Deshalb haben Tiere, die auf Gegenseitigkeit setzen, ein gutes Gedächtnis für Gesichter und Taten, und der Mensch ein besonders ausgeprägtes Gespür für Fairness und Betrug.

Hier schließt sich ein Kreis zu Harari: Klatsch, also das Reden darüber, wer zuverlässig ist und wer nicht, ist genau das Werkzeug, das Gegenseitigkeit in größeren Gruppen möglich macht.

Kooperation: Die Netten gewinnen

Falken und Tauben

Dawkins übernimmt vom Biologen John Maynard Smith ein Werkzeug aus der Spieltheorie: die evolutionär stabile Strategie. Man stelle sich eine Population vor, in der es zwei Verhaltensweisen gibt. Falken kämpfen immer bis zum Äußersten. Tauben drohen nur und weichen zurück, wenn es ernst wird. In einer Welt voller Tauben lohnt es sich, Falke zu sein, man gewinnt jeden Streit. Aber je mehr Falken es gibt, desto öfter treffen sie aufeinander und verletzen sich schwer, und dann lohnt es sich wieder, Taube zu sein. Am Ende pendelt sich ein Gleichgewicht ein, das keine einzelne abweichende Strategie mehr stören kann. Das erklärt, warum in der Natur so viele Kämpfe ritualisiert ablaufen, nicht aus Rücksicht auf die Art, sondern weil sich die Eskalation für den Einzelnen nicht lohnt.

Axelrods Turnier

Das Kapitel, das Dawkins 1989 hinzufügte und mit „Nette gewinnen“ überschrieb, gehört zu den schönsten des Buches. Es geht um ein berühmtes Experiment des amerikanischen Politikwissenschaftlers Robert Axelrod. Er lud um 1980 Fachleute ein, Computerprogramme für ein Spiel zu schreiben, das als Gefangenendilemma bekannt ist: Zwei Spieler können kooperieren oder betrügen. Kooperieren beide, gewinnen beide etwas. Betrügt einer, während der andere kooperiert, gewinnt der Betrüger viel und der andere geht leer aus. Betrügen beide, gewinnen beide wenig. Für den Einzelnen ist Betrügen kurzfristig immer verlockend, aber wenn alle betrügen, stehen alle schlechter da.

Die Programme spielten viele Runden gegeneinander. Gewonnen hat nicht das raffinierteste, sondern das einfachste: Wie du mir, so ich dir. Es kooperiert im ersten Zug und tut danach immer das, was der Gegner im vorigen Zug getan hat. Axelrod wiederholte das Turnier mit noch mehr Teilnehmern, die das Ergebnis kannten, und wieder gewann dieselbe Strategie.

Axelrod fasste die Eigenschaften erfolgreicher Strategien in vier Regeln zusammen:

  • Freundlich sein: nie als Erster betrügen.
  • Sich wehren: Betrug nicht ungestraft lassen.
  • Verzeihen: nach einer Vergeltung wieder kooperieren, statt ewig nachzutragen.
  • Durchschaubar sein: so einfach handeln, dass der andere das Muster erkennt und sich darauf einstellen kann.

Auffällig ist, dass neidische Strategien schlecht abschneiden. Wie du mir, so ich dir gewinnt nie ein einzelnes Spiel gegen einen Gegner, es holt höchstens ein Unentschieden. Es gewinnt das Turnier, weil es mit den meisten anderen zu gegenseitig vorteilhafter Zusammenarbeit kommt.

Der lange Schatten der Zukunft

Eine Bedingung muss erfüllt sein: Die Spieler müssen damit rechnen, sich wiederzusehen. Wer weiß, dass es die letzte Runde ist, hat keinen Grund mehr zu kooperieren. Axelrod nannte das den Schatten der Zukunft. Sein eindrucksvollstes Beispiel stammt aus dem Ersten Weltkrieg: An manchen Frontabschnitten entwickelten britische und deutsche Soldaten, die sich monatelang in denselben Gräben gegenüberlagen, ohne Absprache ein System des „Leben und leben lassen“. Man schoss zu vorhersehbaren Zeiten, absichtlich daneben, und erwiderte nur echte Angriffe. Die Generäle bekämpften diese Kooperation, indem sie Einheiten häufig austauschten und Überfälle befahlen, also den Schatten der Zukunft verkürzten.

Familie als Verhandlung

Die vielleicht überraschendsten Kapitel betreffen die Familie. Wer annimmt, dass Eltern und Kinder oder Partner aus genetischer Sicht dieselben Interessen haben, irrt. Sie überschneiden sich stark, aber nicht vollständig, und an den Rändern entstehen Konflikte, die jede Familie kennt.

Eltern gegen Kinder

Robert Trivers hat gezeigt, dass Eltern und Kinder einen eingebauten Interessenkonflikt haben. Eine Mutter ist mit jedem ihrer Kinder zu 50 Prozent verwandt, sie hat also genetisch gleiches Interesse an allen, auch an künftigen. Ein Kind dagegen ist mit sich selbst zu 100 Prozent verwandt und mit seinen Geschwistern nur zu 50 Prozent. Es wird deshalb immer etwas mehr Zuwendung fordern, als die Mutter zu geben bereit ist, wenn sie ihre Kräfte auf alle Kinder verteilen will. Das zeigt sich bei Tieren beim Abstillen, das oft mit Protest und Gezeter abläuft, und es zeigt sich bei Geschwistern, die um Aufmerksamkeit konkurrieren. Dawkins betont, dass das kein Beweis für Lieblosigkeit ist, sondern eine Spannung, die in jeder Familie mitläuft.

Männchen und Weibchen

Die Kapitel über die Geschlechter beginnen mit einer simplen Asymmetrie: Eizellen sind groß und wenige, Spermien klein und zahllos. Wer mehr in den Nachwuchs investiert, meist das Weibchen, hat mehr zu verlieren und ist wählerischer. Daraus leitet Dawkins verschiedene Strategien ab, mit denen Weibchen sich Partner aussuchen: solche, die gute Gene versprechen, oder solche, die verlässlich beim Aufziehen helfen. Und Männchen konkurrieren entsprechend, mit Prunk und Kampf oder mit Treue und Fürsorge.

Dawkins ist hier vorsichtiger, als seine Kritiker oft behaupten. Er schreibt ausdrücklich, dass beim Menschen Kultur eine so große Rolle spielt, dass man aus Tiermodellen keine direkten Schlüsse ziehen sollte. Trotzdem sind dies die Kapitel, die am schlechtesten gealtert sind, weil die Beispiele aus heutiger Sicht schematisch wirken und weil die Forschung inzwischen zeigt, wie vielfältig das Verhalten von Weibchen in der Natur ist, viel aktiver und strategischer, als die klassischen Modelle annahmen.

Meme und der lange Arm der Gene

Ein neuer Replikator

Im vorletzten Kapitel der Originalausgabe wagt Dawkins einen Gedanken, der ihn berühmter gemacht hat als alles andere: Gibt es außer Genen noch andere Replikatoren? Seine Antwort: Ja, und zwar in unseren Köpfen. Melodien, Ideen, Redewendungen, Moden, Techniken, wie man Töpfe formt oder Bögen baut, werden von Gehirn zu Gehirn weitergegeben, durch Nachahmung. Dabei werden sie kopiert, leicht verändert, und manche setzen sich durch, andere verschwinden. Für diese Einheiten kultureller Weitergabe erfand Dawkins ein Wort, angelehnt an das griechische Wort für Nachahmung und an „Gen“: das Mem.

Der entscheidende Punkt ist derselbe wie bei Genen: Ein Mem verbreitet sich nicht, weil es wahr, nützlich oder gut für seine Träger ist, sondern weil es gut darin ist, sich zu verbreiten. Ein eingängiger Ohrwurm, ein Gerücht, eine Verschwörungstheorie, ein Glaubenssatz mit eingebauter Drohung für Zweifler: Sie können erfolgreich sein, ganz unabhängig davon, ob sie den Menschen nützen, die sie tragen. Dawkins hat das zuerst am Beispiel der Gottesvorstellung durchgespielt, und hier deutet sich seine spätere Religionskritik an.

Das Wort hat eine eigenartige Karriere gemacht. Als wissenschaftliche Disziplin hat sich die „Memetik“ nicht durchgesetzt, eine eigene Fachzeitschrift wurde nach wenigen Jahren eingestellt. Aber als Begriff für Bilder und Sprüche, die sich im Internet viral verbreiten, ist das Mem heute in aller Munde, ein Mem über Meme gewissermaßen.

Was von uns bleibt

In diesem Kapitel steht ein Gedanke, der mich jedes Mal berührt. Dawkins rechnet vor, dass von unseren Genen nach wenigen Generationen fast nichts übrig bleibt. Jedes Kind trägt die Hälfte, jedes Enkelkind ein Viertel, nach einigen Generationen ist der eigene Anteil verschwindend klein. Ein Mensch kann seine Gene nicht wirklich weitergeben, nur verdünnen. Aber wer eine Idee, eine Melodie, eine Erfindung, ein Gedicht in die Welt setzt, kann Spuren hinterlassen, die Jahrhunderte überdauern. Sinngemäß schreibt Dawkins, von Sokrates‘ Genen mag kaum noch etwas existieren, aber seine Gedanken leben weiter.

Und Dawkins schließt die Originalausgabe mit einem Satz, der der vermeintlichen Kälte des Buches eine ganz andere Wendung gibt: Wir sind von unseren Genen gebaut, aber wir allein auf der Erde können uns gegen die Tyrannei der egoistischen Replikatoren auflehnen. Wir können vorausdenken, planen, und wir können echte, uneigennützige Selbstlosigkeit pflegen, etwas, das es in der Natur sonst nicht gibt.

Der erweiterte Phänotyp

Im letzten, 1989 hinzugefügten Kapitel fasst Dawkins ein späteres Buch zusammen. Die Wirkung eines Gens endet nicht an der Haut. Der Damm eines Bibers ist ebenso ein Produkt seiner Gene wie seine Zähne. Und manche Parasiten verändern das Verhalten ihrer Wirte so, dass es den Genen des Parasiten dient, etwa Würmer, die Schnecken dazu bringen, sich an hellen Stellen zu zeigen, wo Vögel sie fressen, den nächsten Wirt des Wurms. Gene greifen also hinaus in die Welt, manchmal in fremde Körper.

Was es dir bringt

Ein Biologiebuch über Gene klingt zunächst weit weg vom eigenen Leben. Tatsächlich enthält es einige der praktischsten Einsichten auf meiner Liste, gerade für jemanden, der auf Jahrzehnte voller Beziehungen zurückblickt und vor Jahrzehnten weiterer steht.

Vier Regeln für Zusammenarbeit

Axelrods Regeln sind eine der besten Faustregeln für den Umgang mit Menschen, die ich kenne: freundlich anfangen, sich wehren, verzeihen, durchschaubar sein. Sie funktionieren mit Nachbarn, Kollegen, Geschäftspartnern und in Familien. Zwei Punkte sind dabei leicht zu übersehen:

  • Verzeihen ist keine Schwäche, sondern Strategie. Strategien, die nach einem Betrug für immer auf Abwehr schalten, verlieren auf lange Sicht, weil sie sich selbst von allen künftigen Gewinnen der Zusammenarbeit abschneiden. Wer jahrzehntelang einen alten Streit pflegt, mit einem Bruder, einem früheren Freund, einem Nachbarn, zahlt dafür einen Preis.
  • Neid ist eine schlechte Strategie. Wer bei jeder Zusammenarbeit darauf achtet, nicht weniger zu bekommen als der andere, verdirbt sich Gelegenheiten, bei denen beide gewinnen. Die erfolgreiche Strategie gewinnt kein einzelnes Duell und das ganze Turnier.

Den Schatten der Zukunft kennen

Kooperation hängt daran, dass man sich wiedersieht. Daraus folgen zwei Warnungen für die kommenden Jahre. Erstens: Wenn sich der Schatten der Zukunft verkürzt, kurz vor dem Ruhestand, bei einem Umzug, wenn jemand die Firma verlässt, lässt die Bereitschaft zur Kooperation nach, bei anderen und bei einem selbst. Wer das weiß, wundert sich weniger und verhält sich bewusster. Zweitens: Beziehungen, von denen man weiß, dass sie lange halten werden, Nachbarschaft, Familie, alte Freundschaften, sind das Kapital, in das sich Investition am meisten lohnt.

Familienkonflikte entdramatisieren

Mit Mitte 50 stehen viele vor Situationen, in denen sich die genetischen Spannungen innerhalb von Familien plötzlich zeigen: die Pflege der alten Eltern, wer wie viel übernimmt, das Erbe, die Konkurrenz zwischen Geschwistern, die man seit der Kindheit nicht ganz losgeworden ist. Trivers und Dawkins helfen, solche Konflikte zu entmoralisieren. Dass Geschwister darum ringen, ob sie fair behandelt werden, und dass Eltern versuchen, ausgleichend zu verteilen, ist kein Zeichen von Gier oder Lieblosigkeit, sondern eine uralte Spannung. Wer das versteht, kann gelassener verhandeln, und kann gezielt Regeln suchen, die alle als fair empfinden, etwa bei einer Pflegeaufteilung oder einem Testament.

Gegen die eigenen Gene rebellieren

Viele unserer stärksten Wünsche sind Programme, die Gene für eine Welt geschrieben haben, die es nicht mehr gibt: die Gier nach Zucker und Fett, als Kalorien knapp waren, die Sorge um Status, die Eifersucht, die Angst vor Fremden. Dawkins‘ Schlusssatz ist eine Erlaubnis: Diese Programme sind nicht unser Schicksal. Dass etwas natürlich ist, heißt nicht, dass es gut ist. Die Biologie erklärt, woher ein Wunsch kommt, sie sagt nicht, ob man ihm folgen sollte. Das ist bei Ernährung, Gesundheit und im Umgang mit Kränkungen eine sehr praktische Unterscheidung.

Was du weitergibst

Und schließlich der Gedanke über das, was bleibt. Die eigenen Gene verdünnen sich in wenigen Generationen. Was du an Ideen, Fertigkeiten, Haltungen, Geschichten weitergibst, an Kinder, Enkel, Kollegen, Schüler, kann viel länger überleben. Das ist eine nüchterne, biologische Begründung für das, was Frankl mit dem schöpferischen Sinn meinte und was Marc Aurel mit seinem Dankbuch vorgemacht hat: Was andere uns beigebracht haben, ist das eigentliche Erbe, und was wir anderen beibringen, ist unseres.

Meine Sicht

Ich habe in meiner Liste geschrieben, dieses Buch habe die Biologie für Laien neu sortiert. Das stimmt, und es stimmt auch für viele Fachleute. Fast 50 Jahre nach Erscheinen ist es erstaunlich gut gealtert, mit einigen deutlichen Ausnahmen.

Was mich überzeugt

Die Klarheit. Dawkins gehört zu den besten Wissenschaftserklärern, die es gibt. Er nimmt schwierige mathematische Ideen aus der Populationsgenetik und der Spieltheorie und macht sie ohne eine einzige Formel verständlich. Wer das Buch gelesen hat, versteht Evolution besser als nach jedem Schulunterricht.

Die Beständigkeit des Kerns. Verwandtenselektion, Gegenseitigkeit, evolutionär stabile Strategien, der Eltern-Kind-Konflikt: Diese Ideen sind heute Grundlage der Verhaltensbiologie. Das Buch hat sie nicht erfunden, aber es hat sie zu einem Weltbild verbunden, das sich als außerordentlich fruchtbar erwiesen hat.

Das Kapitel über Kooperation. Für mich das Herz des Buches. Dass Freundlichkeit, Vergeltung und Vergebung in genau dieser Mischung die erfolgreichste Strategie sind, ist eine der hoffnungsvollsten Einsichten, die die Wissenschaft je über das Zusammenleben gefunden hat. Und es ist eine, die man im eigenen Leben sofort prüfen kann.

Die Fußnoten. In späteren Ausgaben antwortet Dawkins in langen Anmerkungen auf Kritiker und räumt eigene Fehler ein. Das macht das Buch zu einem Dokument wissenschaftlicher Redlichkeit.

Was mich stört

Die Metapher hat sich gerächt. Dawkins betont, dass „egoistisch“ nur ein Bild ist. Aber er wählt seine Bilder so zugespitzt, mit Überlebensmaschinen, blind programmierten Robotern und der Tyrannei der Replikatoren, dass viele Leser das Buch als Rechtfertigung für Egoismus oder als biologischen Determinismus gelesen haben. Die Philosophin Mary Midgley warf ihm früh vor, Moleküle mit menschlichen Motiven auszustatten. Dawkins hat sich gegen diese Lesart gewehrt, aber ein Autor, der so mit Sprache umgehen kann, trägt Mitverantwortung dafür, wie seine Bilder wirken.

Das Gen als einzige Einheit. Andere Biologen, allen voran Stephen Jay Gould, haben argumentiert, dass Selektion auf mehreren Ebenen wirkt: auf Gene, auf Organismen, unter Umständen auch auf Gruppen. Dieser Streit flammte 2010 noch einmal heftig auf, als der berühmte Ameisenforscher E. O. Wilson mit Kollegen die Verwandtenselektion grundsätzlich in Frage stellte und daraufhin weit über hundert Biologen widersprachen. Die Mehrheit der Fachleute steht heute im Kern auf Dawkins‘ Seite, aber vieles am Streit ist eine Frage der Perspektive: Man kann dieselben Vorgänge oft aus Sicht des Gens oder aus Sicht der Gruppe beschreiben.

Gene sind komplizierter. Die Genomforschung seit den 1990er-Jahren hat gezeigt, dass Gene keine sauber abgegrenzten Perlen auf einer Kette sind. Sie werden reguliert, an- und abgeschaltet, wirken in Netzwerken, und ihre Wirkung hängt stark von Umwelt und Entwicklung ab. Dawkins definiert „Gen“ geschickt so, dass seine Argumente davon kaum berührt werden. Aber die populäre Vorstellung, die das Buch hinterlassen hat, das „Gen für“ Untreue oder Altruismus, ist überholt.

Die Memetik hat nicht getragen. Als Wort ein Triumph, als Wissenschaft ein Fehlschlag. Ideen haben keine klaren Einheiten, verändern sich bei jeder Weitergabe stark und verbreiten sich nicht nur durch Kopieren, sondern durch Verstehen, Umdeuten, Verhandeln. Die Analogie zum Gen ist anregend, aber schief.

Die Kapitel über die Geschlechter. Sie sind die schwächsten des Buches, schematisch und aus heutiger Sicht veraltet.

Mein Urteil

Als Gedankenbuch eine 9 von 10, als Lesevergnügen eine 8. Es ist eines der Bücher, die das Fundament legen, auf dem viele andere auf meiner Liste aufbauen: Sapolsky, Pinker, Bregman. Mein Lesetipp: eine neuere Ausgabe mit den Anmerkungen, die ersten sechs Kapitel gründlich, das Kapitel über Kooperation unbedingt, das über Meme mit Vergnügen und Skepsis, die über die Geschlechter zügig.

Fazit und der Weg zu Sapolsky

Das egoistische Gen lehrt, das Leben aus der Sicht der Gene zu betrachten, und zeigt, dass gerade diese scheinbar kalte Sicht erklärt, warum es Fürsorge, Familie, Freundschaft und Kooperation gibt. Egoistische Gene bauen keine egoistischen Wesen, sondern Wesen, die unter bestimmten Bedingungen großzügig, treu und fair sind. Und der Mensch kann, als einziges Lebewesen, über die Interessen seiner Gene hinaus handeln.

Für dich in einem Satz: Fang freundlich an, wehr dich, verzeih schnell, sei berechenbar, pflege die Beziehungen mit langem Schatten, und kümmere dich mehr um das, was du an Ideen weitergibst, als um das, was du an Genen hinterlässt.

Dawkins erklärt, warum die Evolution Verhalten hervorbringt, über Jahrmillionen und im Durchschnitt. Er sagt aber wenig darüber, was in einem konkreten Menschen in einem konkreten Moment geschieht, wenn er zuschlägt oder tröstet. Dafür muss man die Ebenen dazwischen kennen: Gene, ja, aber auch Hormone, Gehirnregionen, Kindheit, Kultur, und das, was eine Sekunde vorher passiert ist. Der Neurobiologe Robert Sapolsky hat genau das versucht, in einem Buch, das Ebene für Ebene von der Sekunde vor einer Tat bis zur Evolution zurückgeht: Gewalt und Mitgefühl. Darum geht es im nächsten Essay.