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Bloodlands – Timothy Snyder

Lesestand

Eine neue Landkarte des Massenmords

Timothy Snyder, 1969 in Ohio geboren, ist Historiker, lange an der Yale University tätig, und einer der besten Kenner Osteuropas, insbesondere Polens, der Ukraine und Belarus. Er liest mehr als ein Dutzend Sprachen, darunter Polnisch, Ukrainisch, Russisch, Belarussisch, Tschechisch und Deutsch, was für dieses Buch entscheidend war. 2010 erschien Bloodlands. Europe Between Hitler and Stalin, 2011 auf Deutsch als Bloodlands. Europa zwischen Hitler und Stalin.

Die Ausgangsidee ist einfach und hat dennoch die Geschichtsschreibung verändert. Snyder zieht eine Linie um ein Gebiet: das heutige Polen, die Ukraine, Belarus, die baltischen Staaten und den Westen Russlands. Und er zeigt, dass in diesem Gebiet zwischen 1933 und 1945 die nationalsozialistische und die sowjetische Herrschaft zusammen etwa 14 Millionen Menschen ermordet haben, die keine Soldaten im Kampf waren: Zivilisten und Kriegsgefangene. Sie starben nicht als Nebenfolge eines Krieges, sondern durch bewusst geplante Politik: durch Aushungern, Erschießen und Vergasen.

Das war in dieser Form neu. Die Geschichte des Holocaust, die Geschichte des Stalinismus und die Geschichte des Krieges im Osten wurden bis dahin meist getrennt erzählt, in getrennten Fächern, aus getrennten nationalen Perspektiven. Snyder legte sie übereinander und zeigte, dass sie sich zu einem großen Teil am selben Ort abspielten, an denselben Menschen, oft im Abstand weniger Jahre.

Snyder wurde später auch als politischer Autor weithin bekannt, mit dem kleinen Buch Über Tyrannei von 2017 und als engagierte Stimme für die Ukraine seit dem russischen Angriff 2014 und erst recht seit 2022. Dieser Essay befasst sich mit Bloodlands als Geschichtsbuch, aber man muss wissen, dass sein Autor heute auch eine öffentliche, politische Rolle hat, die manche Leser beim Lesen des älteren Buches mitdenken.

Ein Hinweis vorab: Dies ist neben Arendt das schwerste Buch, das wir in dieser Reihe besprochen haben, nicht in der Sprache, sondern im Gegenstand. Snyder schreibt klar und ruhig, aber das, was er beschreibt, ist kaum zu ertragen.

Die Zahlen und die Methode

Snyder fasst am Ende seines Buches zusammen, wie sich die rund 14 Millionen Toten auf die einzelnen Verbrechen verteilen. Es sind seine Schätzungen, gerundet, und in einigen Punkten unter Historikern umstritten, aber sie geben die Größenordnungen wieder.

VerbrechenTäterZeitraumOpfer, nach Snyder
Hungersnot in der SowjetukraineSowjetunion1932–1933etwa 3,3 Millionen
Großer Terror, Anteil in diesem GebietSowjetunion1937–1938etwa 300.000
Erschießung polnischer Eliten und anderer Zivilisten, darunter Katynbeide Regime1939–1941etwa 200.000
Aushungern sowjetischer Kriegsgefangener und des belagerten LeningradDeutschland1941–1944etwa 4,2 Millionen
Ermordung der JudenDeutschland1941–1945etwa 5,4 Millionen
Sogenannte Vergeltungsaktionen gegen Zivilisten, vor allem in Belarus und WarschauDeutschland1941–1944etwa 700.000

Die Tabelle zeigt, was Snyder zeigen will. Etwa zwei Drittel der Toten gehen auf das Konto des nationalsozialistischen Deutschlands, etwa ein Drittel auf das der Sowjetunion. Und alle diese Menschen starben in einem zusammenhängenden Gebiet, in einem Zeitraum von zwölf Jahren, oft in denselben Dörfern.

Geografie statt Nation

Snyders methodischer Kern ist, dass er nicht nach Nationen oder Opfergruppen gliedert, sondern nach einem Ort. Er schreibt nicht eine Geschichte der Juden, der Ukrainer oder der Polen, sondern eine Geschichte dessen, was in diesem Raum geschah, mit allen, die dort lebten. Dadurch werden Zusammenhänge sichtbar, die in nationalen Geschichten verschwinden: dass ein Dorf in der Ukraine zuerst die sowjetische Hungersnot, dann die deutsche Besatzung erlebte, dass dieselben Wälder in Belarus Schauplatz sowjetischer Erschießungen und deutscher Massaker waren.

Gezielte Politik, keine Kriegsfolge

Snyder zählt bewusst nur Menschen, die durch gezielte Politik getötet wurden, nicht Soldaten im Kampf und nicht die vielen Millionen, die durch Krankheit, Flucht oder allgemeinen Mangel im Krieg starben. Das macht seine Zahl niedriger als manche andere Schätzung, aber schärfer: Es geht um Menschen, deren Tod ein Staat geplant und beabsichtigt hat.

Zahlen sind Menschen

Und schließlich besteht Snyder darauf, dass hinter jeder Zahl ein Mensch steht. Immer wieder zitiert er aus Briefen, Tagebüchern, Notizen, Kritzeleien an Wänden, aus den letzten Worten einzelner Opfer. Sein Schlusskapitel betont, dass die Toten nicht 14 Millionen waren, sondern 14 Millionen Mal einer. Eine Zahl wie diese, so sein Gedanke, ist eine Abstraktion, die die Täter selbst benutzten, um das Morden zu ermöglichen. Die Aufgabe des Historikers sei, sie wieder in Menschen zu verwandeln.

Der Gang durch die Jahre

Snyder erzählt chronologisch, und die Reihenfolge ist Teil seiner Aussage: Das Morden begann nicht 1941 mit dem deutschen Angriff, sondern acht Jahre früher, und zwar auf sowjetischer Seite.

Hunger, 1932–1933

Das erste Kapitel beschreibt die Hungersnot in der Sowjetukraine. Stalins Zwangskollektivierung der Landwirtschaft hatte die Erträge zusammenbrechen lassen. Als die Ernte nicht reichte, um die festgesetzten Abgaben zu erfüllen, ließ die Führung in Moskau dennoch Getreide beschlagnahmen, Dörfer, die ihr Soll nicht erfüllten, auf schwarze Listen setzen und die Grenzen der Ukraine schließen, damit die Hungernden nicht fliehen konnten. Millionen starben. Snyder beschreibt Szenen, die man nicht vergisst, und er legt dar, wie sehr die Entscheidungen in Moskau die Katastrophe verschärften. In der Ukraine heißt diese Hungersnot Holodomor. Ob sie als Völkermord einzustufen ist, ist unter Historikern umstritten, die Ukraine und eine Reihe anderer Staaten, darunter seit 2022 auch der Deutsche Bundestag, haben sie als solchen anerkannt.

Terror, 1937–1938

Im Großen Terror ließ Stalin Hunderttausende erschießen. Snyder lenkt den Blick auf einen Teil, der weniger bekannt ist als die Schauprozesse gegen Parteiführer: die sogenannten nationalen Operationen. Die größte davon richtete sich gegen Menschen polnischer Herkunft in der Sowjetunion, von denen über 100.000 erschossen wurden, oft nur, weil sie einen polnischen Namen trugen. Es war, so Snyder, die blutigste ethnische Mordaktion in Europa vor dem Holocaust.

Der Pakt, 1939–1941

Im August 1939 schlossen Hitler und Stalin einen Nichtangriffspakt mit einem geheimen Zusatzprotokoll, das Osteuropa in Einflusszonen aufteilte. Im September überfielen beide Polen und teilten es. In den folgenden zwei Jahren gingen beide Besatzer auf ähnliche Weise gegen die polnische Gesellschaft vor: Sie ermordeten deren Eliten, Offiziere, Lehrer, Priester, Beamte, und deportierten Hunderttausende. Das bekannteste Verbrechen dieser Phase ist das Massaker von Katyn 1940, bei dem der sowjetische Geheimdienst über 20.000 polnische Offiziere und Angehörige der Elite erschoss.

Der Hungerplan, 1941

Mit dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion im Juni 1941 begann das größte Morden. Die deutsche Führung hatte vorab geplant, die eroberten Gebiete auszuplündern, um Deutschland und die Wehrmacht zu ernähren, und dafür den Hungertod vieler Millionen Menschen in Kauf zu nehmen. Der Plan ließ sich so nicht vollständig umsetzen, aber seine Logik wurde Wirklichkeit für zwei Gruppen: Rund drei Millionen sowjetische Kriegsgefangene starben in deutschen Lagern, die meisten durch gezieltes Verhungernlassen, und in Leningrad, das die Wehrmacht belagerte, verhungerten etwa eine Million Menschen.

Die Vernichtung der Juden, 1941–1945

Der Holocaust begann in diesem Gebiet nicht mit Gaskammern, sondern mit Erschießungen. Nach dem Einmarsch in die Sowjetunion ermordeten Einsatzgruppen, Polizeieinheiten, Wehrmacht und einheimische Helfer Juden zu Hunderttausenden an Gruben am Rand ihrer Städte, in Babyn Jar bei Kiew an zwei Tagen über 33.000 Menschen. Später kamen die Vernichtungslager im besetzten Polen hinzu: Treblinka, Sobibor, Belzec, Chelmno, deren einziger Zweck das Töten war, und Auschwitz. Snyder betont, dass die Mehrheit der ermordeten Juden aus Polen und der Sowjetunion stammte und dort, in den Bloodlands, ermordet wurde.

Widerstand und Vergeltung

Zwei Aufstände in Warschau stehen im Mittelpunkt eines weiteren Kapitels: der Aufstand im Ghetto 1943 und der Warschauer Aufstand der polnischen Heimatarmee 1944, bei dem die Rote Armee am anderen Ufer der Weichsel stehen blieb, während deutsche Truppen die Stadt zerstörten und Zehntausende Zivilisten ermordeten. Dazu kommt Belarus, wo deutsche Einheiten unter dem Vorwand der Partisanenbekämpfung Hunderte Dörfer samt ihren Bewohnern auslöschten.

Nach dem Krieg

Das Buch endet nicht 1945. Snyder beschreibt die Vertreibungen und Umsiedlungen der Nachkriegszeit, darunter die Vertreibung der Deutschen, und Stalins antisemitische Kampagnen bis zu seinem Tod 1953. Diese Kapitel sind kürzer, aber sie zeigen, dass das Leiden in diesem Gebiet nicht mit dem Krieg endete.

Die zentralen Einsichten

Auschwitz ist nicht das ganze Bild

In der Erinnerung Westeuropas, auch Deutschlands, steht Auschwitz für den Holocaust. Snyder will das nicht schmälern, aber er zeigt, dass es das Bild verzerrt. Auschwitz war teils Arbeitslager, und es gab dort, so furchtbar das klingt, Überlebende, die später Zeugnis ablegen konnten. Die Mehrheit der ermordeten Juden aber starb an Erschießungsgruben in der Ukraine, in Belarus, im Baltikum, oder in den reinen Vernichtungslagern im besetzten Polen, aus denen fast niemand zurückkam. Weil es dort kaum Überlebende gab, gab es auch kaum Erinnerung. Snyder will die vergessenen Orte des Holocaust zurück auf die Landkarte holen.

Zwei Regime, die einander verstärkten

Snyder vergleicht die beiden Regime nicht nur, er zeigt, wie sie aufeinander einwirkten. Die sowjetischen Verbrechen in Ostpolen und im Baltikum zwischen 1939 und 1941 schufen eine Lage, die die deutschen Besatzer nach 1941 ausnutzten: Sie stellten die Juden fälschlich als Schuldige an den sowjetischen Gräueln dar und fanden so leichter einheimische Helfer. Der deutsche Angriff wiederum führte dazu, dass der sowjetische Geheimdienst beim Rückzug Gefängnisse voller Häftlinge erschoss. Partisanenkrieg und deutsche Vergeltung schaukelten sich in Belarus gegenseitig hoch. In diesem Raum verstärkte das Morden des einen das Morden des anderen.

Wo Staaten zerstört werden, wird gemordet

Ein Gedanke, den Snyder später in seinem Buch Black Earth weiter ausgearbeitet hat, ist schon in Bloodlands angelegt: Die meisten Morde geschahen dort, wo Staaten zerstört worden waren. Wo Polen und die baltischen Staaten als Staaten ausgelöscht wurden, gab es keine Behörden, keine Staatsbürgerschaft, kein Recht mehr, das Menschen schützte. Wer in einem Staat lebte, der als Staat weiterbestand, selbst unter deutscher Besatzung wie in Dänemark oder als Verbündeter wie Bulgarien, hatte oft bessere Chancen. Das verbindet Snyder mit Arendt, die schon 1951 geschrieben hatte, dass Menschen, die keinem Staat mehr angehören, faktisch rechtlos werden, und mit Popper und Acemoglu und Robinson, für die funktionierende Institutionen der wichtigste Schutz vor Willkür sind.

Vergleichen ist nicht Gleichsetzen

Snyder vergleicht nationalsozialistische und sowjetische Verbrechen, und er betont immer wieder, dass Vergleichen nicht Gleichsetzen bedeutet. Der Holocaust bleibt bei ihm einzigartig in seinem Ziel, ein ganzes Volk vollständig zu vernichten, überall, wo man seiner habhaft werden konnte. Aber ohne den Vergleich, so Snyder, versteht man weder das eine noch das andere Regime, und man versteht nicht, was in diesem Raum geschah.

Jeder Tote hatte einen Namen

Und schließlich die moralische Mitte des Buches: Snyder kehrt immer wieder zu einzelnen Menschen zurück, zu einem Kind, das in einem Tagebuch über den Hunger schreibt, zu einer Mutter, die ihr Kind in einer Grube zu beruhigen versucht, zu einem polnischen Offizier, der in sein Notizbuch schreibt, bis er erschossen wird. Diese Einzelnen sind für Snyder nicht Illustration, sondern der eigentliche Gegenstand.

Der Streit

Bloodlands wurde von vielen Historikern gefeiert und von einigen scharf kritisiert. Die Einwände betreffen weniger die Fakten, die Snyder präsentiert, als den Rahmen, in den er sie stellt.

Ist der Rahmen willkürlich?

Der britische Historiker Richard Evans, einer der besten Kenner des Dritten Reiches, fragte in einer ausführlichen Besprechung, warum ausgerechnet dieses Gebiet und dieser Zeitraum. Der Holocaust begann mit der Entrechtung der Juden in Deutschland, und auch Juden aus Frankreich, den Niederlanden, Griechenland und Ungarn wurden ermordet, deportiert in die Bloodlands, aber nicht von dort. Die Ermordung der Sinti und Roma, der Kranken und Behinderten in Deutschland, der Gulag in Sibirien fallen aus Snyders Rahmen heraus. Ein geografischer Rahmen, so Evans, kann Zusammenhänge sichtbar machen, aber er kann auch die eigentlichen Ursachen verdecken, die in Berlin und Moskau lagen, in Ideologien und Entscheidungen, nicht in einer Landschaft.

Die Gefahr der Gleichsetzung

Der schwerste Vorwurf betrifft die politische Wirkung des Vergleichs. In einigen osteuropäischen Ländern, vor allem im Baltikum, wird seit den 2000er-Jahren von manchen Politikern und Publizisten eine Erzählung vom doppelten Genozid vertreten: Sowjetische und nationalsozialistische Verbrechen seien gleichwertig, und das eigene Volk sei Opfer beider gewesen. Diese Erzählung hat eine Schattenseite. Sie kann dazu dienen, die Beteiligung von Einheimischen am Holocaust zu verschleiern, und mancherorts Kollaborateure als antisowjetische Freiheitskämpfer zu ehren. Kritiker wie der Jiddist Dovid Katz und der Leiter des Simon Wiesenthal Center in Jerusalem, Efraim Zuroff, warnten, Snyders Buch liefere dieser Erzählung, ungewollt, akademische Rückendeckung.

Snyder hat darauf erwidert, er habe ausdrücklich zwischen Vergleich und Gleichsetzung unterschieden, er habe den besonderen Charakter des Holocaust betont, und er habe die Beteiligung von Einheimischen an den Morden nicht verschwiegen. Das ist richtig. Aber ein Buch hat Wirkungen, die über das hinausgehen, was sein Autor schreibt.

Zu wenig über Täter und Helfer?

Andere Kritiker fanden, Snyder schreibe sehr ausführlich über Opfer und Politik in den Hauptstädten, aber zu wenig über die vielen Täter vor Ort, deutsche Polizisten, Soldaten und Beamte ebenso wie einheimische Helfer in der Ukraine, in Litauen, Lettland und anderswo. Gerade wer die Frage stellt, wie solche Verbrechen möglich wurden, müsse diese Menschen genauer ansehen, wie es Browning in Ganz normale Männer getan hat.

Zahlen und Begriffe

Schließlich sind einzelne Zahlen und Einordnungen umstritten, etwa die Frage, ob die ukrainische Hungersnot als gezielter Völkermord an den Ukrainern zu verstehen ist oder als verbrecherische Politik gegen die Bauernschaft der gesamten Sowjetunion, die die Ukraine besonders hart traf. Diese Debatte wird heute, seit dem russischen Krieg gegen die Ukraine, mit neuer politischer Schärfe geführt.

Was es dir bringt

Bloodlands ist kein Buch, aus dem man Lebensregeln ableitet. Aber es verändert, wie man auf Europa schaut, auf die eigene Geschichte und auf die Gegenwart.

Osteuropa verstehen

Wer Bloodlands gelesen hat, versteht besser, warum Menschen in Polen, im Baltikum und in der Ukraine anders auf ihre Geschichte und auf ihre Nachbarn blicken als die meisten Westdeutschen. Für Westdeutsche war das 20. Jahrhundert vor allem die Geschichte einer deutschen Diktatur, ihrer Verbrechen und eines gelungenen demokratischen Neuanfangs. Für viele Menschen in diesem Gebiet war es die Geschichte zweier Besatzungen, zweier Diktaturen, die ihre Länder nacheinander verwüsteten, und einer Befreiung, die für sie in eine neue Unfreiheit mündete. Wer diese Erfahrung kennt, versteht manche Debatten über Sicherheit, Erinnerung und Nachbarschaft in Europa besser, unabhängig davon, zu welchen Schlüssen er selbst kommt.

Die eigene Familiengeschichte

Für jemanden in deinem Alter gilt: Die Großväter vieler Familien waren als Soldaten im Osten, in genau diesem Gebiet. Andere Familien stammen aus den Ostgebieten und wurden nach 1945 vertrieben, ein Schicksal, das Snyder in seinen Kapiteln über die Nachkriegszeit ebenfalls behandelt. In vielen Familien gibt es Fotos, Feldpostbriefe, Erzählungen, die man nie genau befragt hat. Snyders Buch liefert den Rahmen, in dem man sie verstehen kann, und es zeigt, dass die Wehrmacht im Osten nicht neben den Verbrechen stand, sondern an vielen von ihnen beteiligt war, etwa beim Verhungernlassen der Kriegsgefangenen. Das ist schmerzhaft, aber ehrlicher als das Schweigen. Wie im Arendt-Essay gesagt: nüchtern hinsehen, ohne Anklage und ohne Verklärung.

Eine Erinnerungslücke schließen

Die deutsche Erinnerungskultur ist weltweit anerkannt, aber sie hat Lücken. Die rund drei Millionen verhungerten sowjetischen Kriegsgefangenen, die ausgelöschten Dörfer in Belarus, die Opfer der deutschen Besatzung in Polen außerhalb des Holocaust sind in Deutschland weit weniger präsent als Auschwitz. Snyder hilft, diese Lücke zu sehen. Wer nach Polen, in die Ukraine oder ins Baltikum reist, kann mit diesem Wissen Orte besuchen, die kaum ein westlicher Tourist kennt.

Zahlen und Namen

Rosling hat gezeigt, warum man in Zahlen denken muss, um die Welt zu verstehen. Snyder zeigt die andere Seite: dass Zahlen auch eine Gefahr sein können, weil sie Menschen unsichtbar machen. Beides zusammen ist die richtige Haltung: in Zahlen denken, um Größenordnungen zu erfassen, und nie vergessen, dass hinter jeder Zahl ein Mensch steht.

Institutionen als Schutz

Und schließlich ein Gedanke, der über die Geschichte hinausreicht: Snyders Befund, dass Massenmord dort am leichtesten war, wo Staaten zerstört und Rechte abgeschafft waren, ist eine eindringliche Bestätigung dessen, was Popper und Acemoglu und Robinson aus anderen Gründen sagen. Rechtsstaat, Bürgerrechte und funktionierende Institutionen sind nicht nur Voraussetzungen für Wohlstand, sondern der wichtigste Schutz vor dem Schlimmsten. Wer sie für selbstverständlich hält, unterschätzt, wie schnell sie verschwinden können.

Meine Sicht

Bloodlands ist für mich eines der wichtigsten Geschichtsbücher der letzten Jahrzehnte, und eines, dessen Rahmen man kritisch sehen sollte, gerade weil er so überzeugend ist.

Was mich überzeugt

Der Perspektivwechsel. Snyder hat etwas sichtbar gemacht, was vorher in getrennten Geschichten verschwand: dass die schlimmsten Verbrechen beider Diktaturen sich am selben Ort, an denselben Menschen abspielten. Wer das Buch gelesen hat, sieht die Karte Europas anders. Das ist eine seltene Leistung für ein Geschichtsbuch.

Die Sprachkenntnis. Dass Snyder Quellen in fast allen Sprachen der Region liest, gibt dem Buch eine Tiefe, die Darstellungen aus rein deutscher oder russischer Perspektive fehlt. Die Stimmen polnischer, ukrainischer, belarussischer und jiddischer Zeugen kommen hier zu Wort, die sonst oft übergangen werden.

Die Würde der Opfer. Das Beharren darauf, dass hinter jeder Zahl ein Mensch steht, ist nicht nur eine Geste. Es durchzieht das ganze Buch und macht es trotz seines Gegenstands lesbar, ja menschlich.

Die Sachlichkeit. Snyder schreibt ruhig, klar, ohne Pathos und ohne Effekthascherei. Bei diesem Thema ist das eine moralische Entscheidung.

Was mich stört

Der Rahmen erklärt weniger, als er zeigt. Evans‘ Einwand halte ich für berechtigt. Das Gebiet zwischen Berlin und Moskau war der Ort der Verbrechen, nicht ihre Ursache. Die Ursachen lagen in den Ideologien, in den Entscheidungen der beiden Führungen, in der Geschichte des Antisemitismus und des Kommunismus. Wer zu sehr auf den Raum schaut, kann die unterschiedlichen Motive der beiden Regime aus dem Blick verlieren.

Die Gefahr des Vergleichs. Snyder selbst unterscheidet sorgfältig zwischen Vergleich und Gleichsetzung. Aber die Anordnung seines Buches, zwei Regime, ein Gebiet, eine Gesamtzahl, lädt Leser dazu ein, die Unterschiede zu verwischen, und manche politische Akteure haben diese Einladung angenommen. Das ist nicht Snyders Schuld, aber es ist eine Wirkung, die man beim Lesen kennen sollte.

Die Täter vor Ort. Die Perspektive von oben, auf Politik und Pläne, und von unten, auf Opfer, ist stark. Die Perspektive aus der Mitte, auf die vielen, die das Morden ausführten, ist schwächer. Wer verstehen will, wie Menschen zu Tätern wurden, muss Arendt und Browning daneben legen.

Der politische Autor. Seit 2014 und erst recht seit 2022 ist Snyder auch eine engagierte Stimme in der Debatte über Russland und die Ukraine. Das spricht nicht gegen Bloodlands, das 2010 erschien, aber manche Leser lesen das ältere Buch heute durch die Brille seiner späteren Positionen, in die eine wie in die andere Richtung. Man sollte das Geschichtsbuch als Geschichtsbuch lesen und seine Argumente an den Quellen messen.

Mein Urteil

Als Gedankenbuch eine 9 von 10, als Lesevergnügen, wenn das Wort hier überhaupt passt, eine 6. Mein Lesetipp: Lies das Buch langsam, in Abschnitten, nicht am Stück. Die Einleitung und das Schlusskapitel über die Menschlichkeit gründlich, die Kapitel über den Hunger, den Hungerplan und die Erschießungen mit Pausen. Lies daneben Richard Evans‘ Kritik, um den Rahmen zu prüfen, und Browning, um die Täter zu verstehen. Und wenn dich die Frage nach den Staaten und ihrer Zerstörung interessiert, ist Snyders späteres Buch Black Earth die Fortsetzung.

Fazit

Bloodlands zeigt, dass zwischen 1933 und 1945 in einem zusammenhängenden Gebiet zwischen Berlin und Moskau zwei Diktaturen etwa 14 Millionen Menschen gezielt ermordeten, durch Hunger, Kugeln und Gas, und dass sich ihre Verbrechen dort überlagerten, ergänzten und gegenseitig verstärkten. Snyder hat die vergessenen Orte des Holocaust und die vergessenen Opfer des Stalinismus und der deutschen Besatzung auf die Landkarte zurückgeholt und dabei darauf bestanden, dass jeder Tote ein Mensch mit einem Namen war. Sein geografischer Rahmen erklärt weniger, als er sichtbar macht, und sein Vergleich kann gegen seine Absicht zur Gleichsetzung missbraucht werden, aber das Buch hat den Blick auf das 20. Jahrhundert dauerhaft verändert.

Für dich in einem Satz: Lies die Geschichte Europas auch aus der Sicht derer, die zwischen den beiden Diktaturen lebten, frag in der eigenen Familie nach, was die Großeltern im Osten erlebt und getan haben, und halte Rechtsstaat und Bürgerrechte nie für selbstverständlich, weil gerade ihr Verschwinden das Schlimmste möglich machte.

In der Reihe gehört dieses Buch zu Arendt und zu Clark. Clark zeigt, wie Europa 1914 in einen Krieg glitt. Snyder zeigt, wohin die Gewalt führte, die mit diesem Krieg begann und sich im Zweiten Weltkrieg entlud. Und Arendt fragt, wie Menschen zu ihren Werkzeugen werden konnten. Zusammen ergeben die drei Bücher ein Bild des europäischen 20. Jahrhunderts, das man kennen sollte, um das 21. zu verstehen.