Ausweitung der Kampfzone – Der kalte Anfang
Alles schon da
„Ausweitung der Kampfzone“, 1994 im kleinen Pariser Verlag Maurice Nadeau erschienen, 1999 auf Deutsch bei Wagenbach in der Übersetzung von Leopold Federmair, ist Houellebecqs erster Roman und der Schlüssel zu allen anderen. Was später kommt, die großen Thesenromane, die Skandale, die Zukunftsvisionen, steckt hier schon drin, auf kaum 160 Seiten, ohne Ballast. Mein Urteil vorweg: Es ist nicht sein bestes Buch, aber sein reinstes. Wer nur dieses eine liest, versteht, worum es Houellebecq geht. Wer danach alle anderen liest, merkt, wie viel von ihnen Variation ist.
Das Buch ist kalt, und das ist seine Stärke. Es ist auch thesenhaft, und das ist seine Grenze. Dazwischen liegt eine Szene in einer Diskothek an Heiligabend, die zum Unheimlichsten gehört, was die französische Literatur der Neunzigerjahre hervorgebracht hat.
Ein Mann ohne Namen
Der Erzähler hat keinen Namen. Er ist etwa dreißig, arbeitet als Analytiker-Programmierer in einer Pariser Softwarefirma, verdient gut, lebt allein, raucht zu viel und hat seit der Trennung von seiner Freundin Véronique vor zwei Jahren keine Frau mehr gehabt. Nebenbei schreibt er kleine Tiergeschichten, Fabeln, die im Roman abgedruckt sind. Seine Firma hat dem Landwirtschaftsministerium eine Software verkauft, und er soll in der Provinz die Beamten darin schulen.
Schon diese Ausgangslage ist Programm. Kein tragischer Held, kein Außenseiter mit großer Geste, sondern ein Angestellter, ein Rädchen, ein Mann, der funktioniert und dabei innerlich abstirbt. Hesses Harry Haller hatte wenigstens seine Bücher, seinen Mozart, sein Leiden an der Zeit. Houellebecqs Erzähler hat eine Software-Schulung in Rouen.
Die Form passt dazu. Der Ton ist protokollarisch, flach, ohne Steigerung, wie ein Bericht über das eigene Leben, der von einem Fremden geschrieben sein könnte. Zweimal unterbricht der Roman die Handlung für kleine Essays, in denen der Erzähler seine Gesellschaftstheorie entwickelt. Man hat den Ton mit Camus‘ „Der Fremde“ verglichen, und der Vergleich trifft: dieselbe Gleichgültigkeit, dieselbe Unfähigkeit, Gefühle zu benennen. Nur ist Meursault ein Rätsel, während Houellebecqs Erzähler sich selbst ständig erklärt. Das ist der erste Hinweis auf die Schwäche dieses Schriftstellers: Er traut seinen Bildern so wenig wie Hesse in „Unterm Rad“.
Sex als zweiter Markt
Die These, die dem Buch den Titel gibt, ist einfach und, man muss es zugeben, brillant. Der Wirtschaftsliberalismus hat den Kampf aller gegen alle auf die Arbeitswelt ausgedehnt. Die sexuelle Befreiung hat dasselbe mit der Liebe getan. Es gibt seitdem zwei Systeme der Ungleichheit, Geld und Sex, die unabhängig voneinander funktionieren und gleich gnadenlos sortieren. In einem völlig freien Sexualmarkt haben einige ein reiches Liebesleben, andere bleiben für immer allein. Man kann auf dem einen Markt gewinnen und auf dem anderen verlieren, oder auf beiden.
Dreißig Jahre später klingt das fast banal, weil die Gegenwart es bestätigt zu haben scheint: Dating-Apps, Partnermärkte, Debatten über unfreiwillig einsame Männer. Ein Kritiker der Irish Times hat das Buch 2019 deshalb eine Vorwegnahme der Incel-Debatte genannt. Man muss sich aber klarmachen, wie neu das 1994 war. Die Linke feierte die sexuelle Befreiung als Emanzipation, die Rechte beklagte sie als Sittenverfall. Houellebecq tat etwas Drittes: Er beschrieb sie als Markt, mit Gewinnern und Verlierern, und er tat es aus der Perspektive der Verlierer.
Das ist die eigentliche Leistung des Buchs, und zugleich seine Grenze. Die These ist so stark, dass sie die Figuren verschluckt. Frauen kommen fast nur als Marktteilnehmerinnen vor, als begehrte oder verweigerte Körper. Catherine Lechardoy, die Kontaktfrau im Ministerium, ist eine Gelegenheit, die der Erzähler verstreichen lässt; das Mädchen in der Diskothek ist ein Preis, den ein anderer gewinnt. Eine Frau mit eigenem Inneren gibt es nicht. Man kann einwenden, das sei der Blick des Erzählers und nicht der des Autors. Aber der Roman bietet keinen anderen.
Tisserand und das Messer
Das Herz des Romans ist nicht der Erzähler, sondern sein Kollege Raphaël Tisserand, mit dem er durch die Provinz reist. Tisserand ist achtundzwanzig, verdient gut und ist so hässlich, dass er noch nie mit einer Frau geschlafen hat. Er versucht es unablässig, und er scheitert unablässig. Er ist der perfekte Beweis der These: Gewinner auf dem einen Markt, Verlierer auf dem anderen. Ein amerikanischer Kritiker hat ihn später einen „Proto-Incel“ genannt, und das trifft es.
An Heiligabend schlägt der Erzähler vor, in eine Diskothek in Les Sables-d’Olonne zu gehen. Vorher kauft er ein Messer. In der Diskothek wirbt Tisserand um ein junges Mädchen, das an Véronique erinnert, und sieht zu, wie sie mit einem anderen Mann geht, in mehreren Darstellungen einem jungen Schwarzen, was der Szene eine zusätzliche, rassistische Schärfe gibt. Draußen gibt der Erzähler Tisserand das Messer und drängt ihn, zu töten. Tisserand folgt dem Paar an den Strand, steht mit dem Messer in der Hand da und kehrt um, ohne zuzustechen. In derselben Nacht stirbt er auf der Rückfahrt nach Paris bei einem Autounfall.
Diese Szene ist das Unheimlichste im Buch, und zwar wegen des Erzählers. Er ist nicht der Verlierer, der zur Gewalt getrieben wird, sondern derjenige, der den anderen dazu treibt, kühl, beinahe experimentell, als wolle er sehen, was passiert. Hier liegt die einzige Stelle, an der der Roman seinem Erzähler wirklich gefährlich wird, und an der er ihn nicht erklärt. Man denkt an Hesses „Steppenwolf“, wo Harry Haller im Magischen Theater ein Messer in der Tasche findet und zusticht. Bei Hesse folgt darauf das Gelächter der Unsterblichen, eine Strafe, die eine Lehre ist. Bei Houellebecq folgt nichts. Tisserand sticht nicht, und er stirbt trotzdem, sinnlos, auf einer Landstraße. Die Welt bestraft nicht, sie hat einfach keine Verwendung für ihn.
Tisserand ist auch die einzige Figur, mit der man mitfühlt. Er ist lächerlich, verzweifelt, und er bleibt am Strand stehen. Das ist mehr Menschlichkeit, als der Erzähler im ganzen Buch aufbringt.
Zusammenbruch und Wald
Nach Tisserands Tod bricht der Erzähler zusammen. Er will Silvester bei seinen Eltern verbringen, kommt aber nur bis Lyon, übernachtet im Bahnhof zwischen Obdachlosen und fährt zurück. Er wird krankgeschrieben, die Diagnose lautet Depression, er kommt in ein Erholungsheim. Dort macht er die einzige Beobachtung im Buch, die nicht nach Theorie klingt: Den anderen Patienten fehle nicht der Verstand, sondern Liebe, körperliche Nähe, jemand, der sie berührt.
Das Ende ist das Schönste am Roman. Nach einigen Monaten fährt der Erzähler mit dem Fahrrad, unter großer Anstrengung, in einen Wald in den Bergen der Ardèche, in der Nähe des Dorfes seiner Eltern. Für einen Moment scheint so etwas wie Freude möglich, dann ist der Moment vorbei, und der Roman endet offen. Man hat Parallelen zu Büchners „Lenz“ gesehen, und sie sind berechtigt: ein Mensch allein in der Landschaft, am Rand des Wahnsinns, und die Natur, die ihm nichts antwortet. Hier verzichtet Houellebecq auf jede Erklärung, und plötzlich ist er ein großer Schriftsteller.
Der Schluss sagt mehr als alle Thesen davor. Was dem Erzähler fehlt, kann kein Markt liefern und keine Theorie erklären. Er hat es selbst im Erholungsheim benannt, und der Wald gibt es ihm nicht.
Urteil
„Ausweitung der Kampfzone“ ist ein Debüt, das eine ganze Literatur begründet hat, und man merkt ihm an, dass es mehr Idee als Roman ist. Die eingeschobenen Essays, die Erklärungen, die Thesen lassen den Figuren wenig Luft. Frauen sind Ware, die anderen Menschen Statisten. Das ist gewollt, aber es macht das Buch auch eng.
Und doch hat es zwei Stellen, die über jede These hinausgehen: Tisserand am Strand mit dem Messer in der Hand, und der Erzähler im Wald, der für einen Augenblick Freude ahnt. In beiden Momenten schweigt die Theorie, und es bleibt nur ein Mensch, der nicht weiß, was er tun soll. Das ist das Beste an Houellebecq, und es wird in seinen späteren Büchern seltener.
Mein Urteil: das reinste und notwendigste Buch Houellebecqs, aber noch nicht sein bestes. Für jeden, der ihn verstehen will, der Pflichtanfang. Wer Hesses „Steppenwolf“ kennt, liest hier dieselbe Krankheit ohne Arzt.
Quellen
Der Roman ist urheberrechtlich geschützt und nicht frei zugänglich. Die Angaben zur Handlung sind gegen mehrere Sekundärquellen abgeglichen; wo diese sich widersprechen, etwa bei der Frage, wen genau Tisserand töten soll, bleibt der Essay bewusst allgemein.
- Whatever (novel), Wikipedia: Erscheinen 1994 bei Nadeau, Handlung, Ende, Kirsch-Zitat
- Ausweitung der Kampfzone, Wikipedia: deutsche Ausgabe, Handlung, Büchner-Bezug, Rezeption
- Dieter Wunderlich: Ausweitung der Kampfzone: Übersetzer, Figuren, Handlung
- literaturkritik.de, Roland Kroemer (1999): Camus-Vergleich, deutsche Ausgabe
- Irish Times, Rob Doyle (2019): Incel-Vorwegnahme, Diskothekenszene
- Freitag, Mechtild Gilzmer: These zum Sexualmarkt, Kritik