Anmerkungen zu Hitler – Sebastian Haffner
Ein Außenseiter schreibt das klügste kurze Hitler-Buch
Sebastian Haffner hieß eigentlich Raimund Pretzel. 1907 in Berlin geboren, ausgebildeter Jurist, erlebte er den Aufstieg der Nationalsozialisten als junger Mann aus nächster Nähe. 1938 emigrierte er nach England, wo er als Journalist für den Observer arbeitete und das Pseudonym annahm, um seine Familie in Deutschland zu schützen. 1954 kehrte er nach Deutschland zurück, schrieb für die Welt und später als Kolumnist für den Stern, und wurde einer der bekanntesten politischen Publizisten der Bundesrepublik. Er starb 1999 mit 91 Jahren.
Haffner war kein Fachhistoriker. Er hatte keine Archivforschung betrieben, keine Lehrstühle besetzt, keine Fußnoten gesammelt. Und doch schrieb er 1978 mit Anmerkungen zu Hitler ein Buch, das monatelang die Bestsellerlisten anführte, von fast allen großen Rezensenten besprochen wurde und bis heute als eine der klügsten Annäherungen an Hitler gilt. Es hat knapp 200 Seiten. Die großen Hitler-Biographien von Joachim Fest, Ian Kershaw oder Volker Ullrich haben ein Vielfaches davon.
Das Buch ist keine Biographie und keine Geschichte des Nationalsozialismus. Haffner betrachtet Hitler in sieben Kapiteln aus sieben Blickwinkeln, und schon die Überschriften verraten die Methode: Leben, Leistungen, Erfolge, Irrtümer, Fehler, Verbrechen, Verrat. Er geht vor wie ein Gutachter, der eine Person nüchtern bewertet, und gerade diese Nüchternheit macht das Buch so verstörend und so erhellend. Er fragt nicht, wie man Hitler verdammen kann, das hält er für selbstverständlich. Er fragt, wie man ihn verstehen kann, damit man ihm nicht noch einmal erliegt.
Für unsere Reihe ist dieses Buch eine Ergänzung zu Arendts Eichmann, Snyders Bloodlands und Clarks Schlafwandlern. Arendt fragte nach dem Täter am Schreibtisch, Snyder nach den Opfern, Clark nach der Katastrophe davor. Haffner fragt nach dem Mann an der Spitze.
Leben, Leistungen, Erfolge
Leben
Haffner beginnt mit einer Beobachtung, die das ganze Buch trägt: Hitlers Leben war auffallend leer. Bis zu seinem 30. Lebensjahr hatte er nichts erreicht, keinen Beruf, keinen Abschluss, keine Familie. Er war ein gescheiterter Kunstmaler in Wien, dann ein einfacher Soldat im Ersten Weltkrieg. Erst 1919, mit 30, trat er in die Politik ein, und von da an bestand sein Leben fast nur noch aus Politik. Er hatte, so Haffner, keine Freunde, keine wirkliche Liebe, keinen Beruf, keine Bildung im eigentlichen Sinne. Es fehlte alles, was ein Leben jenseits der öffentlichen Rolle ausmacht.
Daraus folgt für Haffner etwas Wichtiges: Weil Hitler kein Privatleben hatte, das ihn erdete, flossen alle seine Kränkungen, Ängste und Ambitionen direkt in die Politik. Und weil er sein Werk an die eigene Lebenszeit band, wurde er immer ungeduldiger. Er wollte alles selbst vollenden, und er tat bewusst nichts dafür, dass sein Staat ohne ihn funktionieren könnte. Es gab keine Verfassung, keine geregelte Nachfolge, sondern ein Nebeneinander konkurrierender Ämter, die nur durch ihn zusammengehalten wurden. Das Dritte Reich war, so verstanden, auf die Lebensdauer eines einzelnen Mannes angelegt.
Leistungen
Das zweite Kapitel ist das unbequemste. Haffner nennt Hitlers Leistungen beim Namen, ohne sie zu beschönigen und ohne sie zu verschweigen. In den ersten Jahren nach 1933 verschwand die Massenarbeitslosigkeit, die zuvor rund sechs Millionen Menschen betroffen hatte. Die Wehrmacht wurde in wenigen Jahren zur stärksten Armee Europas aufgerüstet. Und Hitler gelang etwas, das Haffner eine Sozialisierung der Menschen nennt: Er band die Bevölkerung in Organisationen ein, von der Hitlerjugend über die Arbeitsfront bis zu den Urlaubsreisen der Organisation Kraft durch Freude, und gab vielen das Gefühl, Teil einer Gemeinschaft zu sein.
Haffners Pointe: Wer verstehen will, warum Millionen Deutsche Hitler folgten, auch solche, die ihn 1933 nicht gewählt hatten, muss diese Leistungen ernst nehmen. Es war nicht nur Terror und Propaganda. Es war auch der Eindruck, dass dieser Mann Dinge schaffte, an denen die Weimarer Regierungen gescheitert waren. Und er weist darauf hin, dass diese scheinbaren Erfolge zugleich die Grundlage der späteren Katastrophe waren, denn die Aufrüstung diente einem Krieg.
Erfolge
Hitlers Erfolge, innen- wie außenpolitisch, erklärt Haffner vor allem mit der Schwäche seiner Gegner. Die Weimarer Republik war 1933 bereits ausgehöhlt, ihre Verteidiger waren müde und zerstritten. Die Westmächte wollten nach dem Ersten Weltkrieg um fast jeden Preis einen neuen Krieg vermeiden. Hitlers eigentliche Begabung war, so Haffner, ein feines Gespür für Schwäche und die Bereitschaft, sie sofort auszunutzen: bei der Besetzung des Rheinlands 1936, beim Anschluss Österreichs und beim Münchner Abkommen 1938. Er war kein großer Stratege, sondern ein Meister darin, durch offene Türen zu gehen. Als die Gegner ab 1939 stärker wurden, endete die Serie der leichten Erfolge.
Irrtümer und Fehler
Haffner unterscheidet sorgfältig zwischen Irrtümern und Fehlern. Irrtümer sind falsche Vorstellungen von der Welt. Fehler sind falsche Entscheidungen im Handeln. Ein Mensch kann sich irren und trotzdem geschickt handeln, oder richtig denken und falsch handeln. Bei Hitler kam beides zusammen.
Die Irrtümer
Hitlers Weltbild bestand im Kern aus zwei Säulen. Die erste war die Vorstellung, die Geschichte sei ein ewiger Kampf der Rassen um Lebensraum, und der Stärkere habe das Recht, den Schwächeren zu verdrängen oder zu vernichten. Daraus folgte das Ziel, im Osten Europas Raum für die Deutschen zu erobern. Die zweite Säule war ein fanatischer Antisemitismus, der die Juden zum Weltfeind erklärte, hinter allem Übel stehend, ob Kapitalismus oder Kommunismus.
Haffner nennt beides Irrtümer und begründet das nüchtern. Die Geschichte ist nicht in erster Linie ein Kampf von Rassen, sondern von Staaten, und Staaten führen nicht nur Kriege, sondern schließen auch Frieden, handeln, verbünden sich, leben nebeneinander. Hitlers Weltbild hatte für diese gewöhnliche Wirklichkeit keinen Platz. Und der Antisemitismus war ein Wahn, der mit der Wirklichkeit nichts zu tun hatte. Das Erschreckende ist, dass Hitler an diesen Irrtümern starr festhielt und sie mit der ganzen Macht eines modernen Staates in die Tat umsetzte.
Die Fehler
Noch genauer analysiert Haffner Hitlers Fehler als Kriegsherr. Der Angriff auf die Sowjetunion im Juni 1941, solange Großbritannien noch unbesiegt war, führte Deutschland in den Zweifrontenkrieg, den schon der Erste Weltkrieg als tödlich erwiesen hatte. Der rätselhafteste Fehler aber war die Kriegserklärung an die Vereinigten Staaten am 11. Dezember 1941. Niemand zwang Hitler dazu, und sie brachte die stärkste Industriemacht der Welt gegen Deutschland in den Krieg.
Haffner bietet dafür eine berühmte und bis heute diskutierte Erklärung. Anfang Dezember 1941 begann vor Moskau die sowjetische Gegenoffensive, und der deutsche Vormarsch scheiterte. Haffner vermutet, dass Hitler in diesen Tagen begriff, dass er den Krieg nicht mehr gewinnen konnte. Statt Frieden zu suchen, habe er sein Ziel verschoben: Wenn der Sieg nicht mehr möglich war, sollte wenigstens das andere Ziel erreicht werden, die Vernichtung der europäischen Juden. Die Kriegserklärung an die USA sei Ausdruck dieser Wende gewesen, ein Verzicht auf jede Rückzugsmöglichkeit. Wenige Wochen später fand die Wannsee-Konferenz statt, auf der der Mord organisiert wurde. Diese Deutung ist umstritten, aber sie ist von großer Eindringlichkeit.
Verbrechen und Verrat
Die Verbrechen
Im Kapitel über die Verbrechen trifft Haffner eine Unterscheidung, die bis heute wichtig ist. Hitlers Massenmorde waren keine Kriegsverbrechen, keine Exzesse im Kampf, keine Taten, die aus der Logik des Krieges folgten. Sie dienten keinem militärischen Zweck, sie schadeten der Kriegführung sogar, weil sie Menschen, Transportmittel und Kräfte banden. Es waren Morde, die der Krieg nur verdeckte und ermöglichte.
Haffner zählt sie nüchtern auf: die Ermordung von Kranken und Behinderten, die Tötung der polnischen Führungsschicht, das Sterbenlassen von Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen, die Verfolgung und Ermordung der Sinti und Roma, und vor allem die Ermordung von rund sechs Millionen europäischen Juden. Hitler war, so Haffners Urteil, im wörtlichen, juristischen Sinne ein Verbrecher, ein Massenmörder, und keine Deutung seiner Leistungen oder Erfolge kann daran etwas ändern. Wer das Kapitel über die Leistungen als Bewunderung missverstanden hat, wird hier eines Besseren belehrt.
Der Verrat
Das letzte Kapitel ist das überraschendste. Haffner zeigt, dass Hitler am Ende auch Deutschland verraten hat, das Land, für das er angeblich alles tat. Im März 1945, als der Krieg verloren war, befahl er, alles zu zerstören, was dem vorrückenden Feind nützen könnte: Brücken, Fabriken, Versorgungsanlagen, Verkehrswege. Dieser sogenannte Nero-Befehl hätte, wäre er vollständig ausgeführt worden, den Überlebenden die Grundlagen ihres Lebens genommen. Dass er nicht vollständig umgesetzt wurde, lag am Chaos der letzten Kriegswochen und daran, dass manche Verantwortliche ihn unterliefen.
Haffner deutet das so: Hitler war nie ein Patriot im gewöhnlichen Sinne. Deutschland war für ihn ein Werkzeug für seinen Rassenkampf. Als das Werkzeug versagte, hatte es in seinen Augen sein Recht auf Leben verwirkt. Ein Volk, das sich als schwächer erwies, sollte untergehen. Damit wird Hitler am Ende auch zum Feind derer, die ihm gefolgt waren.
Für Haffner folgt daraus eine Lehre über die Nachwirkung: Hitler hat nichts Dauerhaftes hinterlassen außer Zerstörung, Teilung und Schuld. Und er sah ihn nicht als logische Vollendung der deutschen Geschichte, nicht als Nachfolger Bismarcks oder Friedrichs des Großen, sondern eher als Fremdkörper, der in einem geschwächten Land die Macht ergriff. Diese Sicht war schon 1978 umstritten, und sie ist es bis heute.
Die sieben Kapitel im Licht der Forschung
Haffner schrieb 1978 ohne Archivarbeit. Seitdem sind Jahrzehnte intensiver Forschung vergangen, große Biographien erschienen und neue Quellen erschlossen worden. Wie gut halten seine Thesen?
| Kapitel | Haffners These | Was die Forschung heute sagt |
|---|---|---|
| Leben | Ein leeres Leben ohne private Bindungen, ganz in der Politik aufgegangen; ein Staat ohne Ordnung, auf Hitlers Lebenszeit zugeschnitten | Im Kern bestätigt. Volker Ullrich zeigt in seiner Biographie mehr vom privaten Menschen, als Haffner annahm, ohne das Grundbild umzustoßen |
| Leistungen | Abbau der Arbeitslosigkeit, Aufrüstung, Einbindung der Menschen in Gemeinschaften | Deutlich relativiert. Adam Tooze zeigt, dass der Aufschwung auch der Weltkonjunktur und Programmen vor 1933 zu verdanken war, auf nicht tragfähigen Rüstungsschulden beruhte und der Konsum knapp gehalten wurde |
| Erfolge | Siege durch die Schwäche der Gegner und ein Gespür für offene Türen | Weitgehend geteilt; die Appeasement-Politik wird heute differenzierter gesehen, auch als Zeitgewinn für die britische Aufrüstung |
| Irrtümer | Rassenkampf und Antisemitismus als starrer Kern seines Handelns | Breit bestätigt, dass die Ideologie ernst zu nehmen ist; ergänzt um die Rolle von Strukturen, Konkurrenz und Dynamik im Regime |
| Fehler | Wende im Dezember 1941: nach dem Scheitern vor Moskau Kriegserklärung an die USA und Vorrang des Judenmords | Umstritten, aber nicht widerlegt. Christian Gerlach sah 1997 im Dezember 1941 einen Wendepunkt der Entscheidung zum Mord an allen Juden Europas; andere sehen einen schrittweisen Prozess seit Sommer und Herbst 1941 |
| Verbrechen | Massenmorde ohne militärischen Zweck, keine Kriegsverbrechen | Geteilt. Die Forschung hat seither stark herausgearbeitet, wie viele gewöhnliche Deutsche beteiligt waren, Polizisten, Soldaten, Beamte, mehr, als Haffners Konzentration auf Hitler sichtbar macht |
| Verrat | Der Nero-Befehl als Wille zum Untergang des eigenen Volkes | Der Befehl und Hitlers Äußerungen dazu sind belegt; die Erzählung vom heldenhaften Sabotieren, vor allem durch Albert Speer, gilt heute als stark geschönt |
Der wichtigste allgemeine Einwand betrifft die Perspektive. In den Jahren um 1978 stritten Historiker darüber, ob der Nationalsozialismus vor allem aus Hitlers Absichten zu erklären sei oder aus den Strukturen eines chaotischen Regimes, in dem konkurrierende Ämter sich gegenseitig zu immer radikaleren Maßnahmen trieben. Haffner steht klar auf der Seite, die Hitler ins Zentrum stellt. Die heutige Forschung, besonders Ian Kershaw, verbindet beides: Hitler gab die Richtung vor, und unzählige Menschen arbeiteten ihm in vorauseilender Bereitschaft entgegen. Haffners Buch beschreibt den Mann an der Spitze brillant, aber es zeigt weniger, wie viele mitmachten.
Was es dir bringt
Du bist um 1970 geboren. Deine Großeltern haben diese Zeit erwachsen erlebt, deine Eltern vielleicht als Kinder. Für deine Generation ist der Nationalsozialismus Geschichte, aber eine, die in Familien, Schulen und öffentlichen Debatten immer gegenwärtig war. Haffners Buch hilft, dieses Wissen zu ordnen und zu schärfen. Fünf Dinge kann man daraus mitnehmen.
Erklären ist nicht entschuldigen
Haffner hat den Mut, Hitlers Leistungen und Erfolge zu benennen, und gerade dadurch wird sein Urteil über die Verbrechen umso stärker. Daraus lässt sich eine allgemeine Haltung lernen: Wer etwas Schreckliches verstehen will, muss auch die Seiten anschauen, die unbequem sind, etwa warum es für viele Menschen attraktiv war. Moralische Empörung allein erklärt nichts. Erst wer versteht, warum Menschen gefolgt sind, kann erkennen, was ihn selbst verführen könnte.
Schwäche als Einladung
Haffners Analyse der Erfolge zeigt, dass Hitler nicht übermächtig war, sondern seine Gegner schwach, zerstritten und unentschlossen. Das ist eine Lehre über die Verletzlichkeit politischer Ordnungen: Sie fallen selten durch einen einzigen Stoß, sondern weil zu wenige sie im entscheidenden Moment verteidigen. Das verbindet sich mit Poppers offener Gesellschaft und mit Acemoglu und Robinson: Institutionen halten nur, solange Menschen bereit sind, sie zu tragen.
Irrtum und Fehler unterscheiden
Die Unterscheidung zwischen einem falschen Bild der Welt und einer falschen Entscheidung ist auch im eigenen Leben nützlich. Wenn etwas schiefgeht, lohnt die Frage: Habe ich die Lage falsch eingeschätzt, oder habe ich bei richtiger Einschätzung falsch gehandelt? Das ist dieselbe Denkbewegung, die Annie Duke mit der Trennung von Entscheidung und Ergebnis empfahl.
Ein Leben mit Boden
Haffners Beobachtung, dass Hitlers Leben außer Politik nichts enthielt, ist mehr als ein biographisches Detail. Ein Mensch, der vollständig in einer einzigen Sache aufgeht, ohne Freundschaften, ohne Liebe, ohne etwas, das ihn erdet, verliert das Maß. Das gilt im Kleinen auch für ganz gewöhnliche Menschen, die sich in einer Idee, einem Beruf oder einer Kränkung verlieren. Freundschaften, Familie, Interessen außerhalb des eigenen Lebensthemas sind auch ein Schutz vor Verbohrtheit.
Vorsicht mit Vergleichen
Hitler-Vergleiche gehören zum festen Repertoire politischer Debatten, gegen ganz unterschiedliche Personen und aus ganz unterschiedlichen Lagern. Haffners Buch macht genau, was Hitler ausmachte: eine bestimmte Ideologie, eine bestimmte historische Lage, bestimmte Verbrechen. Wer das genau kennt, kann Vergleiche besser prüfen, sowohl solche, die vorschnell gezogen werden, als auch Warnungen, die man nicht zu früh abtun sollte. Genaue Kenntnis schützt vor beidem, vor Alarmismus und vor Sorglosigkeit.
Ein Lesetipp dazu
Wenn dir Haffners Stil gefällt, lies sein Buch Geschichte eines Deutschen. Er schrieb es 1939 im englischen Exil über seine Jugend von 1914 bis 1933, es wurde aber erst nach seinem Tod im Jahr 2000 veröffentlicht. Es zeigt von innen, wie ein junger Mann aus bürgerlichem Haus erlebte, dass eine Demokratie zerfiel, während das gewöhnliche Leben, Studium, Freundschaften, Liebe, scheinbar weiterging. Es ist das persönlichere, vielleicht sogar das bessere Buch.
Meine Sicht
Anmerkungen zu Hitler ist ein kleines Meisterwerk der Verdichtung. Auf knapp 200 Seiten leistet Haffner, was manche tausendseitige Biographie nicht schafft: Er macht verständlich, ohne zu verharmlosen, und urteilt, ohne zu predigen.
Was mich überzeugt
Die Methode. Sieben Blickwinkel, sieben klar getrennte Fragen, das zwingt zur Präzision. Leistung ist nicht Erfolg, Irrtum ist nicht Fehler, Verbrechen ist nicht Kriegsverbrechen. Diese Unterscheidungen sind Werkzeuge, die weit über Hitler hinaus nützlich sind.
Die Nüchternheit. Haffner schreibt ohne Pathos und ohne Empörungsrhetorik, und gerade das macht das Buch eindringlich. Er vertraut darauf, dass die Tatsachen für sich sprechen.
Die Sprache. Haffner war einer der besten deutschen Prosaautoren seiner Zeit. Seine Sätze sind klar, pointiert, oft zugespitzt bis zum Aphorismus. Das Buch liest sich in zwei Abenden, und viele Gedanken bleiben jahrelang hängen.
Die These über den Dezember 1941. Ob sie stimmt oder nicht, sie ist ein Lehrstück dafür, wie man aus wenigen bekannten Tatsachen eine kühne, prüfbare Deutung baut. Dass spätere Forschung sie teilweise gestützt hat, spricht für Haffners Gespür.
Was mich stört
Der Blick auf den einen Mann. Haffners Konzentration auf Hitler ist zugleich Stärke und Schwäche. Sie lässt die vielen im Hintergrund, die Beamten, Soldaten, Nachbarn und Mitläufer, ohne die nichts geschehen wäre. Wer nur dieses Buch liest, könnte meinen, es sei vor allem um einen Menschen gegangen. Arendt, Browning und Snyder sind hier das notwendige Gegengewicht.
Die Leistungen. Das Kapitel ist mutig, aber es übernimmt zu viel vom Bild des wirtschaftlichen Wunders, das die Forschung seither stark relativiert hat. Haffner unterschätzt, wie sehr der Aufschwung auf Pump und auf Kriegsvorbereitung beruhte.
Die Entlastung der Geschichte. Haffners Sicht, Hitler sei eher ein Fremdkörper als eine Folge der deutschen Geschichte gewesen, ist verständlich bei einem Mann, der sein Land liebte und es zugleich verlassen musste. Aber sie unterschätzt, wie tief Antisemitismus, Demokratieverachtung und Kriegsbegeisterung in Teilen der deutschen Gesellschaft schon vor 1933 verwurzelt waren.
Keine Belege. Das Buch hat keine Fußnoten. Man muss Haffner vertrauen. Meistens kann man das, aber nicht immer.
Mein Urteil
Als Gedankenbuch eine 8 von 10, als Lesevergnügen eine 9. Es ist das zugänglichste und vielleicht klügste kurze Buch über Hitler, das es gibt, aber es sollte nicht das einzige bleiben. Mein Lesetipp: Lies es in zwei Abenden, dann Geschichte eines Deutschen von demselben Autor, und wenn du tiefer willst, Volker Ullrichs Biographie oder Ian Kershaws Kurzfassung seiner großen Biographie.
Fazit
Sebastian Haffner betrachtet Hitler in sieben Kapiteln wie ein Gutachter: sein leeres Leben, seine anfänglichen Leistungen, seine Erfolge durch die Schwäche seiner Gegner, seine Irrtümer über Rasse und Geschichte, seine strategischen Fehler, seine Massenmorde und schließlich seinen Verrat am eigenen Land. Das Buch erklärt, warum so viele ihm folgten, ohne ihn zu entschuldigen, und es ist bis heute eine der besten Einführungen, auch wenn die Forschung manche Thesen relativiert und den Blick auf die vielen Mittäter erweitert hat.
Für dich in einem Satz: Lerne zu unterscheiden, zwischen Leistung und Erfolg, zwischen Irrtum und Fehler, zwischen Erklären und Entschuldigen, und vergiss nicht, dass Diktatoren nicht durch eigene Stärke an die Macht kommen, sondern durch die Schwäche derer, die sie hätten aufhalten können.
In der Reihe ergänzt dieses Buch Arendt und Snyder um den Blick auf die Spitze des Regimes, und Judt um die Vorgeschichte des Europas, das nach 1945 aus den Trümmern entstand.