Anfänge – David Graeber und David Wengrow
Ein Buch gegen die Standardgeschichte
David Graeber, 1961 in New York geboren, war Anthropologe an der London School of Economics und einer der bekanntesten linken Intellektuellen seiner Generation, berühmt durch Schulden. Die ersten 5000 Jahre und Bullshit Jobs, und als eine der prägenden Stimmen der Occupy-Bewegung. David Wengrow, 1972 geboren, ist Archäologe am University College London und Spezialist für die Frühgeschichte des Nahen Ostens und Afrikas. Die beiden arbeiteten über zehn Jahre an diesem Buch, ursprünglich als Nebenprojekt aus Gesprächen über ihre Fächer. Graeber starb im September 2020, drei Wochen nachdem sie das Manuskript abgeschlossen hatten. Das Buch erschien 2021, auf Deutsch 2022.
In den Essays zu Diamond und Harari habe ich Anfänge mehrfach als Gegenstimme erwähnt. Das ist genau die Absicht der Autoren. Sie greifen eine Erzählung an, die so selbstverständlich geworden ist, dass man sie kaum noch als Erzählung bemerkt: Am Anfang lebten Menschen in kleinen, gleichberechtigten Gruppen von Jägern und Sammlern. Dann kam die Landwirtschaft, mit ihr Eigentum, Überschuss, Ungleichheit, Städte, Könige und Staaten. Das sei bedauerlich oder ein Fortschritt, je nach Standpunkt, aber jedenfalls unvermeidlich gewesen: der Preis der Zivilisation.
Graeber und Wengrow halten diese Geschichte für falsch, und zwar nicht im Detail, sondern im Grundsatz. Die archäologischen Funde der letzten Jahrzehnte zeigten ein viel bunteres, wechselhafteres und überraschenderes Bild. Menschen hätten über Zehntausende Jahre mit den unterschiedlichsten Formen des Zusammenlebens experimentiert, Hierarchien aufgebaut und wieder abgeschafft, Städte ohne Herrscher gegründet und Landwirtschaft betrieben, ohne sich davon festlegen zu lassen. Die Frage sei nicht, warum Ungleichheit entstanden ist, sondern wie wir in einer einzigen Form steckengeblieben sind.
Das Buch hat in der deutschen Ausgabe rund 670 Seiten, ist dicht, polemisch, voller Funde und Abschweifungen. Es ist das jüngste Buch auf meiner Liste und das umstrittenste.
Die falsche Frage
Hobbes und Rousseau
Die Standardgeschichte gibt es nach Graeber und Wengrow in zwei Versionen, die sich zu widersprechen scheinen und doch dasselbe voraussetzen. In der Version von Thomas Hobbes war das Leben der Menschen im Naturzustand gewalttätig und kurz, und erst Staat und Ordnung brachten Sicherheit. In der Version von Jean-Jacques Rousseau lebten die Menschen ursprünglich frei und gleich, und erst Eigentum und Landwirtschaft brachten Ungleichheit und Unterdrückung. Beide Versionen erzählen eine Abfolge von Stufen, an deren Ende der Staat steht. Sie streiten nur darüber, ob das gut oder schlecht war. Auch Diamond und Harari, so die Autoren, stehen in dieser Tradition.
Graeber und Wengrow halten schon die Frage nach dem Ursprung der Ungleichheit für schief. Sie setzt voraus, dass es einen ursprünglichen Zustand der Gleichheit gab, von dem wir abgefallen sind. Die Funde zeigen aber, dass es weder ein Paradies noch eine Hölle am Anfang gab, sondern von Anfang an Vielfalt.
Kandiaronk
Um zu zeigen, woher die Idee der ursprünglichen Gleichheit stammt, erzählen die Autoren eine überraschende Geschichte. Im 17. Jahrhundert trafen französische Missionare, Händler und Offiziere in Nordamerika auf indigene Völker, die sie in Gesprächen mit einer Kritik an der europäischen Gesellschaft konfrontierten: Wie könnt ihr akzeptieren, dass einige Menschen Befehle geben und andere gehorchen müssen? Dass manche im Überfluss leben, während andere hungern? Dass ihr euch für Geld zu allem erniedrigt?
Eine Schlüsselfigur ist Kandiaronk, ein Staatsmann der Wendat, der als brillanter Redner galt. Ein französischer Offizier, der Baron de Lahontan, veröffentlichte Anfang des 18. Jahrhunderts Dialoge mit einem indigenen Gesprächspartner, der Kandiaronk nachempfunden war. Diese Schriften wurden in Europa viel gelesen. Graeber und Wengrow behaupten, dass die indigene Kritik einen erheblichen Einfluss darauf hatte, dass europäische Denker der Aufklärung überhaupt anfingen, über Gleichheit und Freiheit als politische Ziele nachzudenken. Rousseaus Bild vom edlen, gleichen Wilden sei teils eine Reaktion darauf gewesen, die die indigenen Denker zu naiven Naturkindern verkleinerte, obwohl sie in Wahrheit scharfsinnige politische Kritiker waren.
Diese These gehört zu den umstrittensten des Buches, dazu später mehr. Aber sie zeigt den Grundgestus: Graeber und Wengrow wollen die Menschen der Vergangenheit nicht als Stufen auf einer Leiter sehen, sondern als bewusste politische Akteure, die über ihre Lebensform nachgedacht und sie gewählt haben.
Die Belege
Das Herz des Buches ist ein Rundgang durch Jahrzehnte archäologischer und ethnologischer Forschung. Drei Gruppen von Funden tragen die Argumentation.
Gesellschaften mit Jahreszeiten
Viele Gesellschaften, so die Autoren, hatten nicht eine feste Ordnung, sondern zwei oder mehr, je nach Jahreszeit. Bei einigen Völkern der nordamerikanischen Prärie gab es während der großen Büffeljagd im Sommer eine Art Polizei mit weitreichender Befehlsgewalt, die Regelverstöße streng bestrafte. Nach der Jagd löste sie sich auf, und für den Rest des Jahres lebte man in kleinen, gleichberechtigten Gruppen. Bei den Inuit gab es im Sommer patriarchale Familienverbände unter der Autorität eines Ältesten und im Winter große Gemeinschaftshäuser, in denen Besitz geteilt und Regeln gelockert wurden. Schon in der Eiszeit, deuten die Autoren an, könnten Menschen sich saisonal zu großen Festen mit beeindruckenden Bauten versammelt und danach wieder zerstreut haben. Die Steinanlagen von Göbekli Tepe in der heutigen Türkei, rund 11.000 Jahre alt, wurden errichtet, bevor es dort Landwirtschaft gab.
Die Pointe: Diese Menschen kannten Hierarchie und Gleichheit, und sie wechselten bewusst zwischen beiden. Sie wussten, dass Herrschaft eine Einrichtung ist, die man aufbauen und wieder abbauen kann.
Ackerbau als Spiel
Die Landwirtschaft war nach den Autoren keine Revolution, die die Menschen überrollte. Im Fruchtbaren Halbmond vergingen nach heutigem Wissen rund 3.000 Jahre zwischen den ersten Versuchen mit Getreide und einer voll entwickelten Bauernkultur. In dieser Zeit betrieben Menschen eine Art Spiel-Landwirtschaft: Sie bauten auf Flussauen an, wo der Boden jährlich von selbst gedüngt wurde, sammelten weiter, jagten weiter, und vermieden offenbar bewusst, sich ganz auf eine Lebensweise festzulegen. Anderswo wurde Landwirtschaft angenommen und wieder aufgegeben. Der Weizen hat den Menschen also nicht einfach domestiziert, wie Harari sagt. Die Menschen haben lange gezögert.
Städte ohne Könige
Der vielleicht stärkste Teil des Buches betrifft frühe Städte. Die Standardgeschichte sagt: Sobald viele Menschen zusammenleben, braucht es Herrscher, Verwaltung und Hierarchie. Die Autoren präsentieren Gegenbeispiele. In der heutigen Ukraine gab es um 4000 vor Christus riesige Siedlungen mit vielleicht über zehntausend Bewohnern, angelegt in Ringen, ohne erkennbaren Palast, ohne Tempelbezirk, ohne Hinweise auf eine Oberschicht. Die frühen Städte im Industal zeigen erstaunlich wenig Spuren von Königen. Im mexikanischen Teotihuacan, einer der größten Städte der Welt um 300 nach Christus, scheint man nach einer Phase mit Pyramiden und Menschenopfern umgesteuert und großzügige Wohnanlagen für breite Teile der Bevölkerung gebaut zu haben. Und die Stadt Tlaxcala, die den Spaniern bei der Eroberung der Azteken half, wurde von einem Rat regiert, dessen Beratungen spanische Beobachter an europäische Republiken erinnerten.
Für die Autoren folgt daraus: Größe erzwingt keine Herrschaft. Menschen haben auch in großen Gemeinschaften Wege gefunden, sich selbst zu organisieren.
Freiheiten, Herrschaft und das Steckenbleiben
Aus den Funden entwickeln Graeber und Wengrow ein eigenes Begriffsgerüst. Es ist das, was man aus dem Buch auch dann mitnehmen kann, wenn man den Einzelbelegen nicht traut.
Drei elementare Freiheiten
Was wir verloren haben, beschreiben die Autoren nicht als Gleichheit, sondern als Freiheit, und zwar in drei sehr konkreten Formen:
- Die Freiheit, wegzugehen. In vielen frühen Gesellschaften konnte man eine Gruppe verlassen und anderswo aufgenommen werden, oft mit der Gewissheit, bei Verwandten oder Clanmitgliedern gastfreundlich empfangen zu werden.
- Die Freiheit, Befehle zu verweigern. Ein Häuptling, dem niemand gehorchen musste, hatte Ansehen, aber keine Macht.
- Die Freiheit, die eigene Gesellschaft neu zu ordnen. Wie bei den Jahreszeiten-Gesellschaften: Regeln umbauen, Ämter abschaffen, eine andere Ordnung ausprobieren.
Solange diese drei Freiheiten bestanden, so die Autoren, konnte sich keine Herrschaft dauerhaft festsetzen. Wer zu viel Macht anhäufte, wurde verlassen oder ignoriert.
Drei Quellen der Herrschaft
Umgekehrt identifizieren sie drei Grundformen, aus denen Herrschaft entsteht:
| Quelle | Worauf sie beruht | Frühe Beispiele |
|---|---|---|
| Kontrolle über Gewalt | wer bestrafen und töten darf, Souveränität | Könige, Kriegerverbände |
| Kontrolle über Wissen | wer Informationen sammelt, verwaltet, aufschreibt | Schreiber, Verwaltung, Bürokratie |
| Charismatischer Wettbewerb | wer durch Auftreten, Großzügigkeit, Heldentaten Gefolgschaft gewinnt | Häuptlinge, Heroen, Politiker |
Der moderne Staat vereint alle drei. Aber, und das ist die Pointe, das war historisch keineswegs die Regel. Viele Gesellschaften hatten nur eine oder zwei dieser Formen, oft getrennt voneinander. Es gab bürokratische Verwaltungen ohne Könige, Könige ohne Verwaltung, charismatische Anführer ohne Gewaltmonopol. Dass alle drei zu einem einzigen Apparat verschmolzen, war eine besondere historische Entwicklung, keine Notwendigkeit.
Abgrenzung von den Nachbarn
Ein weiterer Begriff ist sperrig, aber nützlich: Schismogenese, die Spaltung durch Abgrenzung. Gesellschaften definieren sich oft im bewussten Gegensatz zu ihren Nachbarn. Die Autoren zeigen das an der Westküste Nordamerikas: Im Nordwesten lebten Fischervölker mit Adel, Sklaven und prunkvollen Festen. Im benachbarten Kalifornien lebten Sammlervölker, die Fleiß, Bescheidenheit und Gleichheit betonten und Sklaverei ablehnten, und zwar offenbar ganz bewusst als Gegenentwurf. Kulturen entstehen nicht nur durch Umwelt, sondern auch durch Entscheidungen, wer man nicht sein will.
Wie wir steckengeblieben sind
Die eigentliche Frage des Buches lautet deshalb nicht, woher die Ungleichheit kommt, sondern warum wir die Fähigkeit verloren haben, zwischen verschiedenen Ordnungen zu wechseln. Warum leben wir seit Jahrtausenden in Formen, die uns unveränderlich erscheinen? Die Autoren geben darauf keine abschließende Antwort. Sie vermuten, dass die Verbindung von Gewalt und Fürsorge eine Rolle spielt, etwa als Sklaven und Abhängige in Haushalte eingegliedert wurden. Das Buch sollte der Auftakt zu weiteren Bänden sein, die durch Graebers Tod nicht mehr geschrieben wurden.
Was es dir bringt
Ein Buch über Steinzeitsiedlungen und frühe Städte scheint wenig mit dem eigenen Leben zu tun zu haben. Tatsächlich ist sein Grundgedanke einer der befreiendsten auf meiner Liste: Was unvermeidlich aussieht, war oft eine Wahl. Das gilt für Gesellschaften, und es gilt für Lebensläufe.
Die drei Freiheiten als persönlicher Test
Die drei elementaren Freiheiten lassen sich direkt auf das eigene Leben übertragen, und mit 56 ist ein guter Zeitpunkt, sie zu prüfen:
- Könnte ich weggehen? Aus der Firma, aus der Stadt, aus einer Rolle, die mir nicht mehr passt? Wenn nicht, warum nicht, und lässt sich das ändern?
- Könnte ich Nein sagen? Zu Erwartungen, Verpflichtungen, Gewohnheiten, die über Jahrzehnte selbstverständlich geworden sind?
- Könnte ich mein Leben neu ordnen? Nicht nur einzelne Teile verbessern, sondern die Art, wie die Teile zusammenhängen?
Wer alle drei Fragen mit Nein beantworten muss, steckt fest, im Sinne der Autoren. Das ist kein Urteil, sondern eine Diagnose. Und sie trifft sich mit Talebs Gedanken der Optionalität: Freiheit besteht nicht darin, ständig etwas zu ändern, sondern darin, es zu können.
Ein Leben mit Jahreszeiten
Die Idee, dass Gesellschaften zwischen verschiedenen Ordnungen wechselten, je nach Jahreszeit, ist auch ein Modell für die Jahre nach dem Berufsleben. Der Ruhestand muss nicht ein Zustand sein, sondern kann mehrere Formen haben: eine Phase intensiver Arbeit an einem Projekt, eine Phase des Reisens, eine Phase der Familie, eine Phase der Ruhe, und dann wieder von vorn. Wer nicht glaubt, dass das Leben eine feste Form haben muss, hat mehr Spielraum, als die übliche Erzählung von Arbeit und Rente nahelegt.
Gegen den Fatalismus
In politischen Debatten begegnet man oft dem Satz: So ist es nun einmal, daran lässt sich nichts ändern. Das Buch ist ein großes Argument gegen diesen Satz. Es sagt nicht, dass alles beliebig änderbar ist. Aber es zeigt, dass Menschen über Jahrtausende sehr viel bewusster über ihre Ordnungen entschieden haben, als wir glauben, und dass auch unsere heutigen Einrichtungen keine Naturgesetze sind. Das passt zu Popper, der vor Propheten der Notwendigkeit warnt, und zu Gawande, der zeigt, dass ein Pflegeheim nicht so aussehen muss, wie es aussieht.
Wie Abgrenzung uns formt
Der Begriff der Schismogenese ist ein gutes Werkzeug, um Polarisierung zu verstehen, in der Politik, aber auch in Familien und Freundeskreisen. Gruppen werden oft nicht durch das, was sie verbindet, sondern durch das, wogegen sie sich abgrenzen, immer extremer. Das zeigt sich in politischen Lagern, die sich gegenseitig hochschaukeln, und manchmal auch zwischen Geschwistern, die sich ein Leben lang darüber definieren, nicht so zu sein wie der andere. Wer das Muster sieht, kann sich fragen, wie viel von der eigenen Haltung echte Überzeugung ist und wie viel Abgrenzung.
Kritisch lesen üben
Und schließlich: Nach Diamond und Harari ist dies das dritte große Buch über die Menschheitsgeschichte auf deiner Liste, und die drei widersprechen einander in wichtigen Punkten. Das ist eine hervorragende Übung. Wer alle drei liest, merkt, wie viel in der Frühgeschichte Deutung ist, wie wenig gesichert, und wie sehr die Weltanschauung der Autoren die Geschichte prägt, die sie erzählen.
Meine Sicht
In meiner Liste stand: räumt mit der Erzählung „Jäger, dann Bauern, dann Staat“ auf, provokant. Das stimmt. Nach dem genaueren Blick würde ich hinzufügen: Es räumt gründlicher auf, als es selbst aufbaut.
Was mich überzeugt
Der Reichtum der Funde. Das Buch ist eine Schatzkammer. Wer es gelesen hat, weiß von Göbekli Tepe, den ukrainischen Großsiedlungen, den Wandlungen von Teotihuacan, den Ratsversammlungen von Tlaxcala, den Jahreszeiten-Gesellschaften der Prärie. Vieles davon war bisher nur Fachleuten bekannt. Allein das macht das Buch wertvoll.
Die Menschen der Vergangenheit als Handelnde. Graeber und Wengrow weigern sich, frühe Gesellschaften als Vorstufen zu behandeln, als primitive Etappen auf dem Weg zu uns. Sie nehmen die Menschen ernst als Wesen, die über ihr Zusammenleben nachgedacht, gestritten und entschieden haben. Das ist eine Haltung des Respekts, die ich für richtig halte und die bei Diamond und Harari oft fehlt.
Die Begriffe. Die drei Freiheiten und die drei Quellen der Herrschaft sind Werkzeuge, die auch dann tragen, wenn einzelne Belege wackeln. Sie helfen, über Macht und Freiheit nachzudenken, ohne in die übliche Alternative von „Staat gut“ oder „Staat schlecht“ zu verfallen.
Die Erweiterung der Vorstellungskraft. Das Buch macht etwas mit dem Leser: Es lockert die Gewissheit, dass alles so kommen musste, wie es gekommen ist. Das ist intellektuell und politisch heilsam.
Was mich stört
Die Kandiaronk-These ist überdehnt. Dass indigene Kritik europäische Denker beeinflusste, ist plausibel und gut belegt. Dass sie ein Hauptauslöser der aufklärerischen Gleichheitsidee war, ist eine starke Behauptung auf schmaler Grundlage. Lahontans Dialoge sind teilweise literarische Erfindung, und die europäische Debatte über Freiheit und Gleichheit hatte viele eigene Wurzeln. Fachleute haben das deutlich kritisiert.
Abwesenheit ist kein Beweis. Dass man in einer frühen Stadt keinen Palast gefunden hat, beweist nicht, dass es keine Herrschaft gab. Macht kann sich in Formen ausdrücken, die archäologisch schwer zu sehen sind. Viele der Lieblingsbeispiele der Autoren sind in der Fachwelt umstritten, und die Autoren wählen fast immer die Deutung, die ihre These stützt. Der Philosoph Kwame Anthony Appiah hat das in einer viel beachteten Besprechung als eines der Hauptprobleme des Buches benannt.
Ein Strohmann. Die Standardgeschichte, gegen die die Autoren anschreiben, vertritt in der Fachwelt in dieser groben Form kaum noch jemand. Archäologen und Anthropologen wissen seit Jahrzehnten, dass die Entwicklung nicht linear war. Das Buch richtet sich deshalb eher gegen Populärdarstellungen wie Diamond und Harari als gegen die Forschung, und es tut gelegentlich so, als sei es revolutionärer, als es ist.
Zu wenig Materielles. Fragen nach Bevölkerungsdruck, Klima, Krieg und Konkurrenz zwischen Gesellschaften kommen zu kurz. Ein naheliegender Grund, warum Staaten sich durchsetzten, wäre, dass sie im Krieg und im Wettbewerb um Land und Ressourcen überlegen waren, auch wenn ihre Bewohner nicht glücklicher waren. Diesen Gedanken nehmen die Autoren nicht ernst genug.
Die Politik hinter der Geschichte. Graeber verstand sich als Anarchist, und das merkt man. Das Buch will zeigen, dass eine Welt ohne Herrschaft möglich ist, und liest die Funde in diesem Licht. Das ist legitim, aber es ist dieselbe Art von Voreingenommenheit, die die Autoren ihren Gegnern vorwerfen, nur mit umgekehrtem Vorzeichen.
Das unvollendete Ende. Die zentrale Frage, wie wir steckengeblieben sind, bleibt offen. Das ist durch Graebers Tod erklärbar, aber für den Leser unbefriedigend.
Mein Urteil
Als Gedankenbuch eine 7 von 10, als Lesevergnügen eine 6. Es ist kein Buch, dem man glauben sollte, sondern eines, mit dem man streiten sollte. Mein Lesetipp: Lies es nach Diamond und Harari, nicht davor, damit du weißt, wogegen es anschreibt. Die Kapitel über die Jahreszeiten-Gesellschaften, über die frühe Landwirtschaft und über die Städte ohne Könige sind das Beste. Das Kapitel über Kandiaronk mit Skepsis. Und das Schlusskapitel mit den drei Freiheiten und den drei Quellen der Herrschaft unbedingt.
Fazit und der Weg zu Oliver Sacks
Anfänge lehrt, dass die Menschheitsgeschichte vielfältiger und offener war, als die übliche Stufenerzählung von Jägern über Bauern zu Staaten behauptet. Menschen haben über Zehntausende Jahre mit Ordnungen experimentiert, Herrschaft auf- und wieder abgebaut und bewusst gewählt, wie sie leben. Die Autoren überdehnen ihre Belege und lesen sie durch eine politische Brille, aber ihre Grundfrage, wie wir in einer einzigen Form steckengeblieben sind, ist eine der interessantesten, die man an die Geschichte stellen kann.
Für dich in einem Satz: Prüf, ob du in deinem Leben noch weggehen, Nein sagen und neu ordnen kannst, denk die Jahre nach dem Beruf als Leben mit Jahreszeiten, und misstraue jedem, der behauptet, etwas sei nun einmal so und nicht anders.
Nach einer Reihe von Büchern über die großen Linien, über Zehntausende Jahre, ganze Kontinente und Gesellschaften, wechselt das nächste Buch radikal den Maßstab. Es geht um einzelne Menschen, deren Gehirn auf ungewöhnliche Weise anders funktioniert, und darum, was ihre Geschichten über uns alle verraten. Der britische Neurologe Oliver Sacks hat diese Geschichten mit so viel Wärme und Neugier erzählt, dass aus Krankenakten Literatur wurde. Darum geht es im nächsten Essay: Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte.