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21 Lektionen für das 21. Jahrhundert – Yuval Noah Harari

Lesestand

Das Buch über die Gegenwart

Nach der Vergangenheit in Sapiens und der möglichen Zukunft in Homo Deus wollte Harari mit diesem Buch über die Gegenwart schreiben. 21 Lessons for the 21st Century erschien 2018, im selben Jahr auf Deutsch als 21 Lektionen für das 21. Jahrhundert. Es ist das kleinste der vier großen Harari-Bücher, und es ist anders gebaut: keine durchgehende Erzählung, sondern 21 eigenständige Kapitel, jedes zu einer großen Frage der Gegenwart. Viele davon gingen aus Vorträgen, Artikeln und Antworten auf Leserfragen hervor.

Harari stellt das Buch unter eine Grundfrage: Was geschieht gerade, was sind die größten Herausforderungen, und worauf sollten wir unsere Aufmerksamkeit richten? Es geht um Arbeit und Algorithmen, um Nationalismus und Migration, um Terror und Krieg, um Religion und Wahrheit, um Bildung und Sinn. Die Kapitel sind in fünf Teile geordnet: die technische Herausforderung, die politische, Verzweiflung und Hoffnung, Wahrheit und schließlich Widerstandskraft.

Geschrieben wurde das Buch in einem bestimmten Moment: Zwei Jahre nach dem Brexit-Referendum und der Wahl Donald Trumps, als in vielen Ländern die liberale Ordnung, die nach 1990 als Sieger der Geschichte galt, plötzlich unsicher wirkte. Dieser Moment prägt das Buch stark, und manches davon liest sich heute wie ein Zeitdokument, anderes wie eine Vorahnung.

Wer Sapiens und Homo Deus kennt, wird vieles wiedererkennen. Wer nur eines der drei Bücher lesen will und vor allem an praktischen Fragen der Gegenwart interessiert ist, könnte mit diesem beginnen.

Die 21 Lektionen im Überblick

Die Kapitelüberschriften im Buch sind teils Themen, teils zugespitzte Sätze. Ich fasse sie hier in eigenen Worten zusammen.

Nr.ThemaKernaussage
1ErnüchterungDie liberale Erzählung, die nach 1990 gesiegt zu haben schien, hat ihre Überzeugungskraft verloren, und es gibt noch keine neue.
2ArbeitViele heutige Berufe könnten durch Automatisierung verschwinden, und Umlernen wird zur Daueraufgabe.
3FreiheitWenn Algorithmen uns besser kennen als wir uns selbst, gerät die Idee der freien Entscheidung ins Wanken.
4GleichheitWer die Daten besitzt, besitzt die Zukunft, und das könnte die Ungleichheit massiv verschärfen.
5GemeinschaftOnline-Netzwerke können echte, körperliche Gemeinschaft nicht ersetzen.
6ZivilisationEs gibt im Grunde nur noch eine einzige globale Zivilisation, mit gemeinsamen Problemen und Begriffen.
7NationalismusAtomkrieg, Klimawandel und technischer Umbruch lassen sich nicht national lösen.
8ReligionReligionen haben auf die großen Fragen der Gegenwart wenig Antworten, dienen aber oft dem Nationalismus.
9EinwanderungDie Debatte ist kompliziert, und Harari unterscheidet Rassismus von einer Kritik an Kulturen.
10TerrorismusTerror ist ein Theater, das Angst erzeugen will, und die größte Gefahr ist die Überreaktion.
11KriegKriege lohnen sich kaum noch, aber unterschätze nie die menschliche Dummheit.
12DemutKeine Kultur und keine Religion steht im Zentrum der Weltgeschichte.
13GottWer im Namen Gottes Politik macht, missbraucht ihn.
14SäkularismusAuch säkulare Weltanschauungen müssen ihre eigenen Schattenseiten anerkennen.
15UnwissenheitWir wissen viel weniger, als wir glauben, und denken vor allem in Gruppen.
16GerechtigkeitUnser Gerechtigkeitsgefühl stammt aus kleinen Gruppen und versagt in einer globalen Welt.
17PostfaktischFalschnachrichten sind nicht neu, manche überdauern Jahrtausende.
18Science-FictionDie gängigen Zukunftsfilme lenken von den eigentlichen Gefahren ab.
19BildungWeniger Faktenwissen, mehr Fähigkeit zur Veränderung.
20SinnDas Leben ist keine Geschichte, und die Geschichten, die uns Sinn geben, sind erfunden.
21MeditationEinfach beobachten, was im eigenen Geist geschieht.

Die Spannweite ist enorm, von Arbeitsmarkt und Datenpolitik bis zu Gott und Meditation. Das ist die Stärke und die Schwäche des Buches: Es berührt fast alles, und es kann nichts davon erschöpfend behandeln.

Die stärksten Kapitel

Nicht alle 21 Lektionen sind gleich gut. Fünf halte ich für besonders gelungen.

Ernüchterung

Das erste Kapitel beschreibt das 20. Jahrhundert als Wettstreit dreier großer Erzählungen: Faschismus, Kommunismus und Liberalismus. Die erste scheiterte 1945, die zweite 1989, und die dritte, die liberale Erzählung von Freiheit, offenen Märkten und Demokratie, schien gesiegt zu haben. Harari zeigt, wie diese Erzählung ab 2008, mit der Finanzkrise, und spätestens 2016 an Glaubwürdigkeit verlor, ohne dass eine neue an ihre Stelle trat. Menschen, so seine Beobachtung, denken in Geschichten, und eine Gesellschaft ohne überzeugende gemeinsame Geschichte ist verunsichert und anfällig für Rückgriffe auf alte Erzählungen, Nation, Religion, Stamm. Das ist Poppers Sehnsucht nach der geschlossenen Gesellschaft in neuem Gewand.

Arbeit

Harari greift hier die nutzlose Klasse aus Homo Deus auf, diesmal nüchterner. Er sagt nicht, dass Arbeit verschwinden wird, sondern dass sie sich so schnell verändern wird, dass viele Menschen mehrmals im Leben umlernen müssen, und dass das psychisch und gesellschaftlich enorm schwierig ist. Er warnt vor einer Welt, in der Menschen nicht mehr ausgebeutet werden, sondern schlimmer noch, für die Wirtschaft schlicht bedeutungslos werden. Seine Antwort ist offen: Grundeinkommen, neue Formen der Wertschätzung, neue Definitionen dessen, was als Arbeit zählt.

Unwissenheit

Das vielleicht klügste Kapitel. Harari stützt sich auf die Kognitionsforscher Steven Sloman und Philip Fernbach und ihre Arbeit zur Wissensillusion: Menschen glauben, sie wüssten, wie ein Reißverschluss, eine Toilette oder ein Kühlschrank funktioniert, bis man sie bittet, es Schritt für Schritt zu erklären. Wir verwechseln das Wissen, das in unserer Gemeinschaft vorhanden ist, mit unserem eigenen. Das macht uns abhängig von unserer Gruppe und anfällig für Gruppendenken, gerade bei politischen Fragen, bei denen kaum jemand die Fakten wirklich kennt. Hier trifft Harari sich mit Kahneman.

Terrorismus

Harari vergleicht Terroristen mit einer Fliege, die einen Porzellanladen zerstören will. Allein ist sie zu schwach, um auch nur eine Tasse zu bewegen. Also fliegt sie einem Stier ins Ohr, bis dieser in Panik gerät und den Laden verwüstet. Terror ist für Harari ein Theater: Er tötet vergleichsweise wenige Menschen, aber er erzeugt Angst, und die Überreaktion der Staaten richtet den eigentlichen Schaden an. Das ist Roslings Unterscheidung zwischen Furcht und Gefahr, angewandt auf die Politik.

Postfaktisch

Harari erinnert daran, dass Falschnachrichten nicht mit dem Internet erfunden wurden. Menschen haben immer in Geschichten gelebt, die nur teilweise stimmten, und manche haben Jahrtausende überdauert. Er geht dabei so weit, auch Religionen und nationale Mythen dazu zu zählen, was viele Leser verärgert hat. Sein praktischer Rat ist bodenständiger: Wer verlässliche Information will, muss dafür bezahlen, Zeit oder Geld, und sollte sich angewöhnen, zu einem Thema, das ihn interessiert, auch wissenschaftliche Literatur zu lesen, nicht nur Nachrichten.

Widerstandskraft: Bildung, Sinn, Meditation

Der letzte Teil des Buches ist der persönlichste. Nach 18 Kapiteln über Politik, Technik und Gesellschaft fragt Harari: Was kann der Einzelne tun, um in dieser verwirrenden Welt nicht unterzugehen?

Bildung

Harari fragt, was ein Kind heute lernen sollte, das im Jahr 2050 erwachsen sein wird, in einer Welt, die niemand vorhersehen kann. Seine Antwort: Faktenwissen ist im Überfluss vorhanden und jederzeit abrufbar. Wichtiger sind die Fähigkeiten, Informationen zu deuten, Wichtiges von Unwichtigem zu trennen und Teile zu einem Bild zusammenzufügen. Er beruft sich auf Pädagogen, die vier Fähigkeiten in den Mittelpunkt stellen: kritisches Denken, Kommunikation, Zusammenarbeit und Kreativität. Und vor allem: die Fähigkeit, sich immer wieder zu verändern, mit Unsicherheit zu leben und das eigene seelische Gleichgewicht zu bewahren, wenn die Welt sich schneller wandelt, als man mithalten kann.

Sein Rat an junge Menschen ist zugleich der radikalste Satz des Buches: Verlasst euch nicht zu sehr auf die Erwachsenen. Ihre Ratschläge stammen aus einer Welt, die es bald nicht mehr gibt.

Sinn

Im Kapitel über den Sinn kehrt Harari zu seinem großen Thema zurück, den Geschichten. Menschen suchen Sinn in Geschichten, in denen sie eine Rolle spielen: als Teil einer Nation, einer Religion, einer Familie, einer Bewegung. Harari zerlegt diese Geschichten mit großer Konsequenz: Sie sind alle erfunden, sie widersprechen einander, und keine von ihnen hält einer genauen Prüfung stand. Rituale, Opfer und Konsum dienen dazu, sie glaubhaft zu machen.

Was bleibt dann? Harari antwortet mit einer Einsicht, die er aus dem Buddhismus übernimmt: Das Leben ist keine Geschichte. Es gibt kein Drehbuch, keinen vorbestimmten Sinn. Real ist das Leiden, und die Frage, die man an jede Geschichte stellen sollte, lautet: Kann diese Figur leiden? Eine Nation kann nicht leiden, ein Gott vielleicht nicht, ein Mensch, ein Tier schon. Wer das Leiden wirklich versteht, kommt der Wirklichkeit näher als jede Erzählung.

Das ist eine bemerkenswerte Gegenposition zu Frankl, der gerade darauf bestand, dass der Mensch Sinn finden kann und muss. Ich komme darauf in meiner Sicht zurück.

Meditation

Das letzte Kapitel ist das ungewöhnlichste: Harari erzählt, wie er als Student in Oxford, unzufrieden und verwirrt, einen zehntägigen Meditationskurs besuchte, in der Tradition des Vipassana. Die erste Anweisung lautete, einfach den Atem zu beobachten, wie er ein- und ausströmt. Harari merkte, dass er dazu kaum zehn Sekunden fähig war, bevor seine Gedanken abschweiften. Das war für ihn die wichtigste Erkenntnis: dass er seinen eigenen Geist kaum kannte und kaum steuern konnte. Seitdem meditiert er täglich zwei Stunden und jedes Jahr ein bis zwei Monate am Stück. Er empfiehlt Meditation nicht als Weg für alle, aber er sagt: Wer die Algorithmen und Manipulationen des 21. Jahrhunderts überstehen will, muss den eigenen Geist kennen, auf welchem Weg auch immer.

Was seit 2018 geschah

Ein Buch über die Gegenwart veraltet schneller als eines über die Vergangenheit oder die ferne Zukunft. Acht Jahre nach Erscheinen ist das Bild gemischt, aber insgesamt schmeichelhafter als bei Homo Deus.

Die Ernüchterung ging weiter. Hararis Diagnose, die liberale Erzählung habe ihre Überzeugungskraft verloren und keine neue sei in Sicht, hat sich eher verstärkt als abgeschwächt. Die Polarisierung in vielen Demokratien, der Aufstieg nationalistischer Bewegungen und das Ende der Gewissheit, dass Handel und Verflechtung Frieden sichern, gehören heute zum Alltag der politischen Debatte.

Krieg wurde wieder denkbar. Hararis Lektion, Kriege lohnten sich kaum noch, man solle aber die menschliche Dummheit nicht unterschätzen, ist durch den russischen Angriff auf die Ukraine und die gestiegene Zahl von Konflikten zwischen Staaten, über die ich im Pinker-Essay geschrieben habe, auf bittere Weise bestätigt worden, in ihrem zweiten Teil.

Die Arbeitsfrage wurde dringlich. Was 2018 noch eher theoretisch klang, die Veränderung vieler Berufe durch Algorithmen, ist mit den Sprachmodellen seit 2022 konkret geworden, und zwar zuerst in Bereichen, die als sicher galten.

Die globale Herausforderung zeigte sich, die globale Antwort blieb aus. Hararis These, Atomkrieg, Klimawandel und technischer Umbruch verlangten globale Zusammenarbeit, wurde durch die Pandemie auf die Probe gestellt. Sie zeigte, wie eng die Welt verflochten ist, und zugleich, wie schwer es Staaten fällt, gemeinsam zu handeln. Seitdem hat die Zusammenarbeit zwischen den Großmächten eher abgenommen.

Bildung. Hararis Forderung, weniger Faktenwissen und mehr Urteilskraft und Wandlungsfähigkeit zu vermitteln, ist durch KI noch aktueller geworden. Wenn ein Sprachmodell in Sekunden jede Faktenfrage beantwortet, wird die Fähigkeit, Antworten zu prüfen, zu gewichten und einzuordnen, zur wichtigsten Kompetenz überhaupt.

Was es dir bringt

Das Buch ist eine Art Rundgang durch die großen Fragen der Gegenwart, und man kann es auch so nutzen: als Anlass, die eigene Haltung zu einzelnen Fragen zu prüfen. Fünf Anwendungen halte ich für besonders nützlich.

Die Wissensillusion an sich selbst testen

Das Kapitel über Unwissenheit lädt zu einem einfachen Selbstversuch ein. Nimm eine politische Frage, zu der du eine feste Meinung hast, etwa zur Rente, zur Energiepolitik oder zur Migration, und versuche, Schritt für Schritt zu erklären, wie die Sache funktioniert und warum deine Lösung wirken würde. Die meisten Menschen merken dabei, dass ihr Wissen dünner ist als ihre Überzeugung. Die Forschung zeigt, dass solche Erklärversuche Meinungen oft gemäßigter machen. Das ist keine Aufforderung, keine Meinung zu haben, sondern eine, die eigene mit mehr Bescheidenheit zu vertreten.

Terror und Angst gelassener sehen

Die Fliege im Porzellanladen ist ein gutes Bild für den Umgang mit Schreckensmeldungen. Wenn nach einem Anschlag die Angst steigt, lohnt es sich zu fragen, ob die Reaktion, die eigene oder die politische, der tatsächlichen Gefahr entspricht, oder ob man gerade dem Stier hilft, den Laden zu zerlegen. Das ist Roslings Unterscheidung zwischen Furcht und Gefahr, angewandt auf ein Thema, bei dem sie am schwersten fällt.

Für verlässliche Information bezahlen

Hararis Rat, für gute Information mit Zeit oder Geld zu bezahlen, ist praktisch. Wer seine Nachrichten nur aus kostenlosen Quellen bezieht, ist das Produkt, nicht der Kunde, und bekommt, was Aufmerksamkeit bindet. Ein bezahltes Abonnement einer sorgfältigen Zeitung, ein gutes Buch zu einem Thema statt hundert Kurzmeldungen, gelegentlich eine wissenschaftliche Übersicht: Das ist die Informationsdiät, die Harari empfiehlt, und sie deckt sich mit Rosling, Newport und Bregman.

Was du Enkeln mitgibst

Hararis Bildungskapitel enthält eine Botschaft, die für Großeltern besonders bedeutsam ist: Die Welt, in der deine Enkel erwachsen werden, wird so anders sein, dass Ratschläge über Berufe und Wege oft nicht passen werden. Was dagegen trägt, sind Haltungen: Neugier, die Fähigkeit, Fehler einzugestehen, Gelassenheit bei Veränderungen, Freude am Lernen. Das kann man vorleben, gerade mit 56, indem man selbst noch Neues lernt.

Den eigenen Geist kennen

Und schließlich die Meditation. Harari behauptet nicht, dass jeder meditieren muss. Aber sein Grundgedanke, dass man in einer Welt voller Manipulation den eigenen Geist kennen sollte, ist der Kern vieler Bücher auf deiner Liste: Marc Aurels Übungen, Kahnemans Denkfehler, Sapolskys Biologie, Newports Aufmerksamkeit. Ein einfacher Einstieg, den Harari selbst beschreibt: zehn Minuten am Tag nur den Atem beobachten. Wer merkt, wie schnell die Gedanken abschweifen, hat schon das Wichtigste gelernt.

Meine Sicht

21 Lektionen ist das zugänglichste und zugleich das uneinheitlichste der Harari-Bücher. Es enthält einige seiner besten Kapitel und einige seiner schwächsten.

Was mich überzeugt

Die Wissensillusion. Das Kapitel über Unwissenheit gehört zum Klügsten, was Harari geschrieben hat, und es ist das bescheidenste. Es verbindet Kognitionsforschung mit einer nüchternen Diagnose politischer Debatten und macht deutlich, warum so viele Menschen so überzeugt von Dingen sind, die sie kaum verstehen.

Terror als Theater. Das Bild von der Fliege und dem Stier ist eines der treffendsten Gleichnisse für das Verhältnis von Terror und Überreaktion, die ich kenne. Es ist mit den Jahren nicht schlechter geworden.

Die Ehrlichkeit des Schlusses. Dass ein Weltdeuter sein Buch mit dem Eingeständnis beendet, er habe seinen eigenen Geist kaum gekannt, und mit einer persönlichen Praxis statt einer großen Theorie, ist ungewöhnlich und sympathisch.

Die Bildungsfrage. Hararis Plädoyer für Urteilskraft statt Faktenwissen ist durch die Entwicklung der KI noch wichtiger geworden, als er 2018 ahnen konnte.

Was mich stört

Ein Sammelband, kein Buch. Die 21 Kapitel stehen oft nebeneinander, ohne einander zu tragen. Manche wiederholen Sapiens und Homo Deus, manche sind dünn, und der Zusammenhang ist eher thematisch als argumentativ. Man merkt, dass das Buch aus Artikeln und Vorträgen entstanden ist.

Alles ist Fiktion, wieder. Die Neigung, Religionen, Nationen und große Erzählungen pauschal als Fiktionen oder gar Falschnachrichten zu bezeichnen, hat mich schon bei Sapiens gestört, und hier ist sie noch ausgeprägter. Es ist ein Unterschied, ob eine Geschichte eine falsche Tatsachenbehauptung ist oder eine Form, in der Menschen Werte, Erinnerung und Zugehörigkeit ausdrücken. Harari wirft das in einen Topf.

Der Sinn und Frankl. Hararis Sinnkapitel ist interessant als Gegenposition zu Frankl, aber ich halte es für die schwächere Position. Frankl sagt nicht, das Leben habe einen vorgegebenen Sinn, sondern dass der Mensch in jeder Lage Sinn finden kann, durch Handeln, Lieben und Haltung. Harari reduziert Sinn auf Geschichten und entlarvt dann die Geschichten. Das ist intellektuell elegant, aber es lässt den Leser mit wenig mehr zurück als der Beobachtung des eigenen Atems. Für Menschen in einer Lebenskrise, oder einfach in der zweiten Lebenshälfte, ist Frankl der hilfreichere Begleiter.

Wenig Konkretes. Viele Kapitel enden mit Fragen oder allgemeinen Appellen: globale Zusammenarbeit, mehr Demut, bessere Bildung. Das ist richtig, aber selten neu.

Die Zeitgebundenheit. Einige Kapitel, etwa zu Einwanderung oder zur Lage nach 2016, lesen sich heute stärker als Momentaufnahmen, als es der zeitlose Anspruch des Titels nahelegt.

Mein Urteil

Als Gedankenbuch eine 6 von 10, als Lesevergnügen eine 7. Es ist das schwächste der vier großen Harari-Bücher, aber eines mit einigen der besten Einzelkapitel. Mein Lesetipp: Nicht von vorn bis hinten lesen, sondern auswählen. Unbedingt die Kapitel über Ernüchterung, Unwissenheit, Terrorismus, Bildung und Meditation. Das Sinnkapitel zusammen mit dem Frankl-Essay. Den Rest nach Interesse.

Fazit und die vier Harari-Bücher im Vergleich

21 Lektionen ist ein Rundgang durch die großen Fragen der Gegenwart, von Arbeit und Daten über Nationalismus und Terror bis zu Wahrheit, Bildung und Sinn. Es ist uneinheitlich, oft zu allgemein und wiederholt manches aus den früheren Büchern, aber es enthält einige der klügsten Kapitel, die Harari geschrieben hat, und einen bemerkenswert persönlichen Schluss.

Für dich in einem Satz: Prüfe deine festen Meinungen, indem du versuchst, sie Schritt für Schritt zu erklären, lass dich von Schreckensmeldungen nicht zum Stier machen, bezahle für gute Information, gib deinen Enkeln Haltungen statt Ratschläge mit, und lerne deinen eigenen Geist kennen.

Mit diesem Essay hast du alle vier großen Bücher Hararis zusammen. Im Überblick:

BuchErschienenBlickrichtungStärkster GedankeGedankenLesen
Eine kurze Geschichte der Menschheit2011VergangenheitGemeinsame Fiktionen ermöglichen Zusammenarbeit unter Fremden79
Homo Deus2015ZukunftIntelligenz und Bewusstsein entkoppeln sich78
21 Lektionen für das 21. Jahrhundert2018GegenwartWir wissen weniger, als wir glauben67
Nexus2024Informationsnetzwerke und KIInformation ist nicht Wahrheit; entscheidend ist Selbstkorrektur77

Wenn du nur eines lesen willst: Eine kurze Geschichte der Menschheit, weil es die Grundgedanken aller anderen enthält und am besten erzählt ist. Wenn zwei: dazu Nexus, weil es die Fragen stellt, die heute am dringlichsten sind. Homo Deus lohnt sich vor allem für seinen Schlussteil, 21 Lektionen für eine Handvoll ausgewählter Kapitel. Über alle vier hinweg gilt, was ich im Homo-Deus-Essay gesagt habe: Harari stellt die richtigen Fragen besser, als er sie beantwortet, und gute Fragen halten länger als die meisten Antworten.